Antrag der Fraktion der SPD, der Fraktion der CDU, der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der Fraktion der FDP und der Fraktion der PIRATEN Drucksache 16/7144
Ich eröffne die Aussprache und erteile für die antragstellenden Fraktionen als Erstes Herrn Kollegen Bischoff das Wort.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Nach den teilweise strittigen Diskussionen des heutigen Tages stehe ich nicht ohne Freude hier, vielleicht sogar mit einem gewissen Stolz, als erster Redner den gemeinsamen Antrag aller fünf Fraktionen zur Inklusion im Sport einzubringen. Der gemeinsame Antrag ist von dem Gedanken aller Fraktionen genährt, dass Inklusion im Sport eine Entwicklung ist, die wichtig ist und begleitet werden muss, und dass die im Sport anstehenden Verände
Mit einem aktuellen Beispiel aus dem Spitzensport kann man das gut darstellen. Wir haben einen Weitspringer, Markus Rehm, der mit einer Prothese und 8,24 m Deutscher Meister geworden ist. Er ist als Deutscher Meister geehrt worden. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat ihn aber nicht zur Europameisterschaft gesandt – mit dem Hinweis, wir wissen gar nicht, ob diese Prothese ein Vor- oder ein Nachteil ist. Er durfte bei der Europameisterschaft nicht starten.
Vor zwei Tagen ist seitens des DLV nach mehreren Prüfungen erklärt worden, der Deutsche-MeisterTitel wird bestätigt. Da fragt man sich: Warum ist er dann nicht zur Europameisterschaft geschickt worden, wenn man den Deutschen Meister bestätigt? Aber das ist jetzt gemacht worden. Darüber hinaus hat der DLV entschieden, zukünftig sollen Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam starten; aber es wird eine getrennte Wertung vorgenommen.
Da kann man nur sagen: Das ist wahrlich keine Lösung des Problems, das ist nur ein Zeitaufschub. Ich bin ganz sicher und nehme jede Wette hier im Saal an, der nächste, der als erster Sprinter mit Behinderung als erster durch das Ziel gegangen ist und dem man sagt: „Du wirst aber nicht gewertet, sondern der zweite ist Deutscher Meister“, obwohl man nicht nachweisen kann, dass die Behinderung ein Nachteil oder ein Vorteil war, wird sofort klagen und auch Recht bekommen. Mein Rechtsempfinden ist ziemlich ausgeprägt und so orientiert, dass ich sage: Das ist ganz klar. Das gibt nur einen Zeitgewinn, aber keine Lösung. Das zeigt das Dilemma und die Notwendigkeit, dass im Sportbereich das Thema „Inklusion“ verstärkt diskutiert werden muss.
Im Breitensport haben wir die Fragen der Trainings- und Wettkampfstätten einschließlich der Zuschauerplätze. Wir haben die Zusammensetzung von Teams, die Traineraus- und -weiterbildung, selbst die Entwicklung zu völlig neuen Sportarten. Rollstuhlbasketball ist ausgesprochen beliebt geworden – auch für Menschen ohne Behinderung. Bei Tischtennis ist es ganz ähnlich. Es gibt sogar die Entwicklung neuer Sportarten, die diesem inklusiven Gedanken Rechnung tragen.
Schwierigkeiten gibt es unter anderem auch deshalb, weil die Strukturen der Sportverbände, gefördert durch die Leiden des Zweiten Weltkriegs, sehr differenziert sind. Es gibt den Landessportbund in erster Linie für Menschen ohne Behinderung, und es gibt den Landesverband der Sportler mit Behinderung. Das ist in den 50er-Jahren entstanden. Da hießen die Vereine meistens noch Versehrtensportgemeinschaften oder hatten ähnliche Titel. Das hat sich aber fortgesetzt.
Das heißt, es wird schwierig sein, den Inklusionsprozess in den Verbänden durchzuführen. Innerhalb der Verbände stellen sich Organisationsfragen – auch innerhalb der Vereine vor Ort. Die sind über all die Jahrzehnte auch gewohnt, getrennt zu marschieren, und müssen sich jetzt zusammenfinden. Dann kommt man sehr schnell zu der Erkenntnis, dass wir im Sport einen hohen Anteil ehrenamtlich Tätiger haben. Die können wir nicht anweisen, einen Gedanken mit sich zu tragen oder missionarisch mit einem Gedanken unterwegs zu sein, sondern wir können sie nur überzeugen. Wir müssen also etwas tun, um sie zu überzeugen.
Daher dieser gemeinsame Antrag. Ich denke, ich habe allgemein skizziert, welche Begründungen dahinterstehen. Wir haben diesen gemeinsamen Antrag lange zwischen den Fraktionen verhandelt. Das kann man wirklich sagen, Lukas Lamla. Deswegen will ich Danke sagen: einmal an die Abgeordneten, die verhandelt haben, aber noch mehr an die Referentinnen und Referenten der Fraktionen, die die Arbeit der Berge geleistet haben, und danach haben die Abgeordneten die der Ebene gemacht. Da war dann schon eine Menge weggeschafft. Aber der Gedanke hat uns wirklich geeint, gemeinsam deutlich machen zu wollen, welche gesellschaftlichen, welche politischen Anforderungen wir im Rahmen der Inklusion haben und welche Erwartungen wir an die Sportlerfamilie haben und wo wir Unterstützung leisten wollen, damit der schwierige Prozess gelingt.
Dieses Zwischenziel haben wir heute erreicht. In der Sportlersprache könnte man sagen: Wenn nachher alle gemeinsam mit Ja stimmen – darauf freue ich mich –, haben wir ein Etappenziel erreicht. Es könnten natürlich mehr im Saale sein. Nichtsdestotrotz hätten wir ein Etappenziel erreicht, aber das Rennen geht noch weiter.
Die Umsetzung des inklusiven Prozesses ist mit diesem Antrag hoffentlich ein bisschen befeuert, aber natürlich nicht abgeschlossen. In diesem Sinne freue ich mich auf die weiteren Redebeiträge und auf die Abstimmung nachher. – Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Auch ich stehe hier voller Freude, dass wir es nach einem Jahr geschafft haben, zu einem gemeinsamen Antrag zu kommen.
Idee kann sich niemand hier verschließen, und wir hoffen mit unserem Antrag, dass sich dem auch draußen niemand verschließen kann.
Die CDU-Fraktion hat sich schon in der gesamten Legislaturperiode dafür eingesetzt, durchgehend durch alle Themenbereiche die Inklusion voranzubringen. Deswegen haben wir gerne mitgemacht und sagen: Vielleicht war das auch mal eine gute Idee für andere Bereiche. Inklusion sollte kein Gegensatz sein.
Wir haben schon vor einem Jahr mit der FDP zusammen unseren Antrag diskutiert, in dem es darum ging, flächendeckend die Übungsleiter künftig auch auf Inklusion vorzubereiten, auch die Sportstudierenden schon in ihrer Ausbildung auf das Thema vorzubereiten. So richten wir heute unsere Forderungen an die Landesregierung – so schließt sich der Kreis immer wieder –, aus dem Wissen heraus, dass gerade Sport aus Menschen Freunde macht, die Gemeinschaft fördert, Freude bereitet und persönliche Erfolge ermöglicht. Bisher gibt es zu wenige Menschen mit Behinderungen in Sportvereinen, und das ist sehr schade. Bis gemeinsamer Sport überall verbreitet ist, bedarf es besonderer Anstrengungen, um inklusive Angebote entstehen zu lassen.
Sie finden dazu, liebe Kolleginnen und Kollegen, in unserem Antrag viele Ideen, die wohl auch niemanden überfordern, aber jeden ermutigen können, der sich mit dem Thema befassen möchte.
So müssen als Beispiel Sportstätten Zug um Zug barrierefrei werden. Es müssen noch mehr Partner wie der DOSB und der Landessportbund für Projekte gefunden werden. Gute Beispiele müssen wir in die Öffentlichkeit bringen. Vor allen Dingen aber müssen wir inklusive Angebote mit den international bekannten Signets für die verschiedenen Behinderungsarten kennzeichnen, um Menschen bei der Suche nach einem Sportangebot zu helfen.
Diese Beispiele sind nur ein Auszug aus unserem Antrag und sollen die Vielfalt der Ideen zeigen. So hoffe ich, dass sich viele Vereine auf die Reise zur Inklusion begeben. Glückliche Menschen werden der Lohn dafür sein. – Danke.
Vielen Dank, Frau Kollegin Milz. – Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht Frau Kollegin Paul.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Was lange währt, wird endlich ein gemeinsamer Antrag. Dementsprechend möchte ich mich natürlich auch erst einmal dafür bedanken, dass uns das nach so langen Verhandlungen gelungen ist. Sie waren wirklich nicht immer einfach. Das war nicht deshalb so, weil wir uns in
der Sache nicht einig gewesen wären, sondern weil das einfach ein komplexes Thema ist. Das alles unter einen Hut zu bringen, war durchaus kein einfacher Weg. Das ist Inklusion im Sport, glaube ich, im Allgemeinen nicht.
Wir haben jetzt diese Langstrecke oder – sagen wir es lieber so – Mittelstrecke geschafft, aber wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns. Mit diesem Antrag sind wir aus meiner Sicht erst einmal zu einem guten Ende gekommen. Ich finde, das ist ein gutes Zeichen für die Inklusion im Sport. Wir als Landtag von Nordrhein-Westfalen stehen hier zusammen und wollen zusammen ein Zeichen setzen. Deshalb sage ich ein herzliches Dankeschön für die sehr konstruktive Zusammenarbeit.
Sport und Bewegung sind nicht nur im Bereich Inklusion, sondern allgemein Kitt der Gesellschaft. Ich glaube, auch das ist hier Allgemeingut. Ganz besonders gilt das natürlich für den Bereich „Inklusion im Sport“. Hier können insbesondere der Sport bzw. die Bewegung einen Beitrag auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft leisten. Dabei können auf spielerische, sportliche und bewegte Art und Weise Vorurteile und auch Barrieren abgebaut werden. Dann befinden wir uns auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft.
Es gibt auch schon erste gute Beispiele, wo sich Vereine, aber auch Verbände auf den Weg gemacht haben, um zu demonstrieren, dass es geht, dass man gemeinsam Sport treiben, gemeinsam wirklich daran Spaß haben und gemeinsam Gesellschaft und Gemeinschaft gestalten kann.
Ich möchte nur ein Beispiel nennen. Der Fußballverband Niederrhein hat sich auf den Weg gemacht und am letzten Wochenende den Startschuss zu einer Handicap-Liga gegeben. Diese Handicap-Liga gibt jetzt U16-Mannschaften in Turnierform die Möglichkeit, miteinander zu spielen. Behinderte und nicht behinderte Kinder sind dort gemeinsam unterwegs. Es gibt auch eine Seniorenliga. Das heißt, der Fußballverband Niederrhein hat für sich entdeckt: Das ist etwas, wo wir uns engagieren wollen. Wir alle wissen: Es ist nicht mehr so, dass alle Leute automatisch zum Sportverein kommen. Auch die Vereine und Verbände müssen sich öffnen.
Vielleicht wollen Sie sich das einmal live ansehen. Ich habe den Verein schon besucht. Das ist ein tolles Projekt. Der SV Oppum ist einer der Vereine, die mit dabei sind. Der nächste Spieltag wird am 22. November in Datteln stattfinden. Ich kann nur sehr dazu ermutigen, da einmal hinzugehen und sich anzugucken, wie viel Spaß diese Kinder haben, gemeinsam Fußball zu spielen. Da geht es am Ende
auch darum, dass alle gewinnen wollen. An erster Stelle aber stehen der Spaß und das Gemeinsame. Das ist sehr empfehlenswert. Ich möchte Sie auffordern, sich das einmal anzugucken.
Der Antrag formuliert einen umfassenden Katalog, den ich jetzt nicht weiter darstellen möchte. Kollege Bischoff und auch Frau Milz haben schon einige Beispiel aufgegriffen, wie die UN-Behindertenrechtskonvention im Sport nun hier umgesetzt werden soll.
Dazu gehören natürlich inklusive Sport- und Bewegungsangebote. Es gehört aber auch dazu, dass wir die Vereine, die sich auf den Weg machen wollen, mit Maßnahmen und Informationsnetzwerken unterstützen. Wir müssen aber auch den Menschen das bekanntmachen, die Lust dazu haben, Sport zu treiben, bislang aber noch keinen Andockpunkt gefunden haben. Die müssen die Möglichkeit haben, sich dort informieren zu können. Die müssen unterstützt werden. Selbstverständlich gehört auch dazu, eine barrierefreie Infrastruktur zu haben. Das wird ein nicht einfacher Weg sein. Auch der ist wahrscheinlich noch mit sehr vielen Barrieren bestückt.
Wir machen uns aber dort gemeinsam auf den Weg. Das ist genau der Punkt. Wir können es nicht alleine machen. Ein gemeinsamer Antrag hier im Landtag kann nur ein Aufschlag sein, denn wir brauchen in allererster Linie Netzwerke. Wir müssen es gemeinsam mit den Kommunen, Vereinen, Verbänden und der Selbsthilfe schaffen, hier Schritte einzuleiten, um Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsames Sporttreiben zu ermöglichen.
Kollege Bischoff hat es gesagt: Inklusion ist keine Einbahnstraße. Viele Sportarten, die eigentlich einmal für den Behindertensport „erfunden“ wurden, sind heute hochattraktiv und übrigens auch hochkomplex. Ich beispielsweise kann nicht RollstuhlRugby oder Rollstuhl-Basketball spielen. Auch hier gilt es, Angebote in die andere Richtung inklusiv zu gestalten und vielleicht noch die eine oder andere Eifersüchtelei zwischen den Verbänden bzw. Barrieren und Hemmnisse abzubauen, um auch dort einen Beitrag zu leisten.
Zusammenfassend kann gesagt werden: Dieser Antrag ist ein guter Aufschlag. Er ist aber natürlich nur ein Schritt. Ich hoffe, dass der gute Aufschlag, den wir hier gemeinsam gemacht haben, eben nur der erste Schritt ist. Weiter hoffe ich, dass wir auch die anderen Schritte in dieser großen Geschlossenheit gemeinsam gehen werden. Wir sind immer zu Recht sehr stolz darauf, dass NRW Sportland Nummer eins ist. Wenn wir diesen Weg, den wir hier beschritten haben, auch weiter zusammen gehen, glaube ich, dass wir auch Inklusionsland Nummer eins werden können. – Vielen Dank.
Vielen Dank. – Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute schieben wir den Inklusionsprozess im Sport politisch weiter an. Das ist gut. Ich finde auch gut, dass wir das fraktionsübergreifend machen. Auch ich möchte natürlich die Gelegenheit nutzen, mich bei Ihnen, meinen Kollegen, und den Referenten für diese – ich sage das einmal so – sportlich-faire Zusammenarbeit zu bedanken.
Ich habe es bereits mehrfach gesagt: Wir Liberale halten die Verankerung der Inklusion im Sport für einen Türöffner bzw. für ein bedeutsames Schlüsselelement auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft. Für uns zählt dabei aber vor allem Qualität. Qualität geht bei uns vor Quantität oder Tempo. Ebenso richtig ist aber – das klang eben schon an –, dass politische Spielchen bei diesem Thema eher kontraproduktiv sind. Genau aus diesem Grund stand ein konstruktives Mitarbeiten für uns außer Frage.