Das heißt alles nicht, dass wir nicht um die Weiterentwicklung des Schulsystems ringen und streiten müssen. Aber es muss eine zukunftsfähige Weiterentwicklung sein und kein Karussell, das sich rückwärts dreht – eine Weiterentwicklung, die übrigens inklusive Bildung voranbringt, umfassende Teilhabe ermöglicht und Segregation überwindet. Sie ziehen neue Zäune in dieser Gesellschaft hoch.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Der vorliegende Antrag von CDU und FDP leitet Maßnahmen ein, welche damit beginnen, die schlimmsten Verwerfungen der Vorgängerregierung im Schulbereich zu beseitigen. Viele Kommunen haben aufgrund eines subtilen Drucks der alten Landesregierung und ihres verlängerten Armes der jeweiligen Bezirksregierung und ihrer Dezernenten ihre Hauptschulen, sogar ihre Realschulen geschlossen und Gesamtschulen sowie Sekundarschulen gegründet.
Nun haben wir die Misere: Schülerinnen und Schüler, denen ein Schulwechsel empfohlen werden muss, die am Gymnasium oder an der Realschule überfordert sind, finden in einigen Orten keine Hauptschule mehr, in der sie gemäß ihren intellektuellen Begabungen unterrichtet werden und einen Abschluss erwerben können, der ihnen den Einstieg in die Berufswelt ermöglicht.
Die jeweiligen Realschulen – wenn es sie denn gibt – laufen über. Die Sekundarschulen können die Schüler auch nicht mehr nehmen.
Ich habe das in Gronau erlebt, wo es keine Hauptschule mehr gibt. Es war eine Katastrophe, und zwar für die Eltern.
Dieses unsinnige Diskriminierungsgeschwafel vor allen Dingen von rot-grünen Bildungsideologen im Zusammenhang mit der Zuweisung von Schülern und Schülerinnen zu unterschiedlichen Schulformen – Frau Beer hat es gerade wieder vorgemacht – und die Favorisierung von Gesamtschulen haben der Hauptschule stark zugesetzt, sodass viele Hauptschulen aufgrund fehlender Schüleranmeldungen schließen mussten.
In Realschulen und Gymnasien werden zum Teil Schülerinnen und Schüler unterrichtet, die mit dem Niveau dieser Schulform entweder überfordert sind oder kein Interesse haben, zu lernen bzw. viel Energie ins Lernen zu stecken. Das gibt es auch. Diese Idee von der Binnendifferenzierung und der individuellen Förderung ist einfach eine Mogelpackung.
Das haben aber diejenigen nicht berücksichtigt, die ihrer Ideologie gemäß jegliche äußere Differenzierung durch verschiedene Schulformen als Akte der Selektion und der Diskriminierung verunglimpft haben. So haben diese Gleichheitsideologen von RotGrün sogar im Schulgesetz und in der APO-SI die Möglichkeiten äußerer Differenzierung stark eingeschränkt.
Ich frage mich, welche Obsession diese Ideologen antreibt, um die Kinder in diese Form der Nivellierung zu zwingen. Das Diskriminierungsgerede linksideologischer Bildungspolitiker ignoriert aus einer falsch verstandenen Vorstellung von Chancengleichheit die Vielfalt menschlicher Lebensformen mit eigenen Werten, Normen, Einstellungen, Überzeugungen, Interessen und Begabungen.
Auch der Bildungsweg ist immer einer der Differenzierung mit Verzweigungen, Ab- und Umwegen, mit Rückkehrmöglichkeiten, Auf- und Abstiegen.
Das Entscheidende in unserem Land ist, dass das Schulsystem durchlässig ist. So kann sich jeder Schüler und jede Schülerin je nach Lebenssituation und augenblicklicher Begabung den Schulweg aussuchen, den er oder sie braucht.
Dazu braucht es ein differenziertes Bildungsangebot mit unterschiedlichen Schulformen so, wie wir es zum Teil im Bereich der Hochschulen vorfinden, wo verschiedene Angebote vorhanden sind.
Differenzierung ist nur dann problematisch, wenn sie auf Selektion verkürzt wird und wenn Chancen durch unüberwindliche Hürden verbaut werden. Das geschieht zum Beispiel in den Staaten, in denen die Qualität der Schulbildung vom Geldbeutel der Eltern abhängt – nicht in unserem Land!
Bildung soll nicht selektieren, sondern befähigen, ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben, Autor oder Autorin des eigenen Lebens zu sein. Der falsche Weg ist es jedoch, jegliche äußere Differenzierung aus Angst vor Selektionswirkungen abzuschaffen. Die Vorstellung, dass der Selektionsmechanismus von Bildung abgeschafft sei, wenn nur alle das Gleiche lernen, ist ein Irrweg, weil das an der Widerständigkeit des Einzelnen scheitert, der seine jeweils eigenen Begabungen ausleben will. Da hilft auch keine Binnendifferenzierung.
Das ist eine einzige Mogelpackung, mit der die Eltern beruhigt werden sollen. Der Unterricht hyperheterogener Klassen überfordert die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte und führt zu einer unseligen Verflachung der Lernergebnisse.
Nordrhein-Westfalen steht nicht umsonst am Ende des Leistungsrankings bei nationalen und internationalen Lerntests. Das hängt ganz eng mit der Zerstörung des mehrgliedrigen Schulsystems zusammen.
Humanisierung des Bildungswesens lässt sich nicht durch Entdifferenzierung und Nivellierung erreichen, sondern durch eine Kultur gleicher Anerkennung unterschiedlicher Leistungen, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Der Akademiker ist eben nicht mehr wert als der Nichtakademiker, Herr Ott.
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen von der FDP und der CDU, sehen Sie es mir aber nach: Ich bin froh, dass Sie diesen Antrag gestellt haben – aber Sie haben ihn halbherzig gestellt. Sie haben immer noch zu viel Angst vor den linksideologischen Nackenschlägen, die Sie bekommen.
Sie haben doch gerade Herrn Ott gehört, wie er hier in gespielter Empörung den „Kreuz-Krieg“ wieder ausgerufen hat. Sie sind jetzt eh bei denen verrufen. Ich würde daher vorschlagen: Machen Sie keine halben Sachen, nehmen Sie sich auch der Sekundarschule an. Richten Sie Sekundarschulen ein, in denen es kooperative Formen des Lernens gibt: Hauptschulzweige, Realschulzweige. Dann werden die Kinder dort vernünftig betreut. Sie nähern sich im Schneckentempo der Bildungspolitik der AfD an. Vielleicht kann es etwas schneller gehen. – Vielen Dank.
Das war Herr Seifen für die AfD-Fraktion. – Und nun spricht für die Landesregierung Ministerin Frau Gebauer.
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Lieber Herr Ott, lassen Sie mich bitte zu Beginn doch eines richtigstellen; ich hoffe, das tue ich auch in Ihrem Sinne: Alle Lehrerinnen und Lehrer an allen Schulformen hier in Nordrhein-Westfalen leisten jeden Tag hervorragende Arbeit, auch in den Bereichen, die Sie genannt haben: Inklusion und Integration.
Der vorliegende Antrag greift drei Aspekte auf: die Sicherung von Schullaufbahnen, vielfältige Angebote
Die Schulform „Hauptschule“ wird ungeachtet der sehr engagierten pädagogischen Arbeit ihrer Lehrkräfte mangels Nachfrage der Eltern in vielen Regionen nicht mehr in erreichbarer Nähe angeboten. Die Zahl von 152 auslaufenden Hauptschulen – insgesamt gibt es noch 318 – zeigt mehr als deutlich, dass hier Handlungsbedarf besteht. Dieser Handlungsdruck wird dem Ministerium verstärkt auch aus den Kommunen zurückgespiegelt.
Ein zukünftiges Handeln muss die unterschiedlichen Schulformen im Blick haben. Zum einen ist sicherzustellen, dass nachgefragte Hauptschulen nicht beschädigt werden. Integrierte Schulen zum Beispiel wären in ihrer pädagogischen Konzeption stark tangiert, wenn ausschließlich diese Schulform durch ihren integrierten Hauptschulbildungsgang vorrangig alle Kinder mit Hauptschulempfehlung aufzunehmen hätte. Auch bei den Realschulen geht es um die Frage, wie die von Eltern anerkannte Qualität weiter gesichert werden kann.
Das heißt, wir müssen gleichzeitig qualitätssichernd und pragmatisch handeln, ohne Unruhe ins Schulsystem zu bringen.
Bereits im Jahr 2015 wurde noch unter der Vorgängerregierung der § 132c Schulgesetz eingeführt, der ab Klasse 7 den Verbleib in einem Hauptschulbildungsgang ermöglicht. Diese Regelung stößt jedoch dort an ihre Grenzen, wo sich Eltern für ihr Kind den Besuch eines differenzierten Hauptschulbildungsganges bereits ab Klasse 5 wünschen, ein entsprechend erreichbares Angebot aber nicht vorhanden ist.
Gleichzeitig wurden beim bestehenden § 132c die pädagogischen Möglichkeiten der Realschule untergesetzlich dahin gehend stark beschnitten, zwischen Formen der inneren und der äußeren Differenzierung entscheiden zu können. Dabei wurden den Realschulen unter der Vorgängerregierung unzulängliche Ressourcen bereitgestellt, was dazu führte, dass sie de facto einer nahezu ausschließlich inneren Differenzierung folgen mussten.
Von Realschulseite aus wurde wiederholt die Kritik geäußert, dass dieses enge pädagogische Korsett und eine unzureichende personelle Unterstützung die bestmögliche individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen einschränke. Die Landesregierung begrüßt daher, dass der vorliegende Antrag die pädagogische Freiheit der Schulen stärken will, indem er die Entscheidung über die innere und äußere Differenzierung verstärkt in die Hände der Schulen legen möchte.
Gleichzeitig fordert der Antrag die Möglichkeit der Einrichtung eines Hauptschulbildungsgangs an der Schulform Realschule ab der Klasse 5. Verbunden
ist dies mit der Forderung, solche Erweiterungen in einem abgewogenen Rahmen umzusetzen. Dieses Handeln erfordert eine sorgfältige Vorbereitung. Dabei geht es um eine auf Fakten gestützte Analyse des Bedarfs. Es geht um die schulfachlichen Rahmenbedingungen, und es geht um die personelle Absicherung einer bestmöglichen Förderung aller Kinder – ich betone explizit: aller Kinder – in allen Schulformen. – Herzlichen Dank.