Protocol of the Session on December 8, 2011

Ob es nun die ambulanten Dienste oder die stationären Ein richtungen sind, alle haben eines gemeinsam, nämlich dass sie zuverlässiges und gut ausgebildetes Personal brauchen. Genau hier besteht künftig ein immer größerer Handlungsbe darf. Schon jetzt ist es schwierig, genügend Pflegepersonal zu finden. Dabei wird die Zahl der Pflegebedürftigen immer

größer. Damit klafft eine Lücke zwischen Bedarf und Ange bot an Pflegekräften.

Ein Element in diesem Zukunftskonzept sind die beiden Stu diengänge, eben der Bachelorstudiengang Pflegewissenschaft an der Universität Freiburg und der Bachelorstudiengang Pfle ge an der Katholischen Hochschule Freiburg. Zwei ganz we sentliche Aspekte sind hiermit verbunden:

Zum einen: Diese Studiengänge werten den Pflegebereich auf. Es wird deutlich, wie anspruchsvoll und wie vielschichtig die Pflege ist. Es geht um eine hohe Verantwortung, und es geht um interdisziplinäres Arbeiten. In ganz, ganz verschiedenen Bereichen muss hier kooperativ zusammengearbeitet werden, und zwar verantwortungsvoll und sehr sensibel.

Das heißt für uns: Es darf kein Bildungsniveau außen vor blei ben. Der Bereich der Pflege darf für Akademiker nicht tabu bleiben und tabu sein. Hier kann ein deutliches Signal in die Öffentlichkeit gesandt werden, das dem Image der Pflege, der Pflege im Allgemeinen dient. Hier kann deutlich werden, wie anspruchsvoll der Pflegeberuf ist, welche Sensibilität, welcher Weitblick und auch welch komplexes Wissen in der Pflege notwendig sind. Das tut allen gut, die in der Pflege beschäf tigt sind.

Ein Zweites: Diese Studiengänge eröffnen Perspektiven für all diejenigen, die mit einer praktischen Ausbildung anfangen wollen und dann ein Studium draufsetzen wollen. Mit dieser Möglichkeit der akademischen Weiterentwicklung wird der Einstieg in den Pflegeberuf chancenreicher und attraktiver. Das ist notwendig. Wer in diesem Zusammenhang an den Ärz temangel denkt, sieht Möglichkeiten, dass entsprechend qua lifiziertes Pflegepersonal dann eben auch Arbeitsfelder aus dem ärztlichen Bereich übernehmen kann.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wir können hier nicht über akademische Studiengänge sprechen, ohne dass wir die berufliche Anwendung in den Blick nehmen. Die Einrichtun gen sind hier natürlich als Erste gefragt, wenn es darum geht, Arbeitsplätze zu schaffen, Arbeitsgebiete zu eröffnen. Aber auch wir, die politisch Verantwortlichen, müssen uns da in der Pflicht sehen. Denn wir wissen, dass die Menschen in unse rem Land im Durchschnitt immer älter werden. Die Pflege nimmt an Bedeutung zu. Unsere Gesellschaft ist hier mit ih rem Sozialsystem gefordert und in besonderem Maß heraus gefordert.

Wir müssen unsere bisherigen Hilfsangebote genau untersu chen und weiterentwickeln – eben auch mit akademischem Know-how. Wir stehen vor neuen Herausforderungen, was die neuen technischen Hilfsmittel betrifft, die den Alltag der Pfle gebedürftigen erleichtern und auch für das Pflegepersonal manche Erleichterung bringen. Älteren und pflegebedürftigen Personen müssen wir erweiterte Angebote eröffnen. Da kann eben eine akademische Ausbildung, ein Studiengang, helfen, bedarfsgerechte und quartiersbezogene Angebote zu entwi ckeln.

Ich will damit abschließend sagen: Der Ausbau von Pflege studiengängen stellt sich für die SPD als durchaus sinnvoll dar. Wir wollen die Entwicklung voranbringen. Wir wollen die Entwicklung auch weiter aufmerksam verfolgen, wollen

im Blick haben, was sich auf dem Arbeitsmarkt und auch bei der gesellschaftlichen Entwicklung tut.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD und den Grünen)

Für die Fraktion der FDP/ DVP erteile ich Herrn Abg. Dr. Kern das Wort.

(Abg. Friedlinde Gurr-Hirsch CDU: Herr Kern, wirk lich wahr! Ein Leistungsträger par excellence! – Ge genruf des Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE: Leis tungsträger! Genau!)

Frau Präsidentin, verehrte Kolleginnen und Kollegen! Zwei Fragestellungen erscheinen mir in der heutigen Debatte über das Pflegepersonal wesent lich:

Erstens: Wie können wir dem zukünftig gerade im Zuge des demografischen Wandels immer größer werdenden Bedarf an pflegerischen Fachkräften entsprechen?

Zweitens: Wie können wir erreichen, dass sich Pflegekräfte angesichts des medizinischen Fortschritts und einer sich in er freulicher Weise fortentwickelnden Disziplin Pflegewissen schaft trotz steigender beruflicher Belastung weiterbilden und dass Pflegekräfte als Multiplikatoren für ihr erworbenes Wis sen fungieren?

Diese beiden Fragestellungen sind eng miteinander verknüpft und sollten auch immer im Zusammenhang betrachtet wer den. Denn wenn wir mehr junge Menschen, auch neue Ziel gruppen für eine Ausbildung in einem Pflegeberuf motivieren wollen, dann müssen wir zweierlei tun:

Einerseits müssen wir gerade auch im akademischen Bereich Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnen. Denn die Gewissheit, dass, wenn gewünscht, auf eine pflegerische Ausbildung auf gebaut werden kann – entweder unmittelbar oder zu einem späteren Zeitpunkt im Leben –, ist bei der Entscheidung jun ger Menschen für einen Berufsweg zentral.

Auf der anderen Seite darf die klassische dreijährige Ausbil dung mit den drei Ausbildungsgängen Altenpflege, Gesund heits- und Krankenpflege bzw. Gesundheits- und Kinderkran kenpflege nicht in den Schatten der akademischen Ausbildung gestellt werden.

Weil meiner Ansicht nach beides zusammengehört wie die zwei Seiten derselben Medaille, habe ich mich am vorliegen den Antrag der Grünen auch etwas gestört. Die Einseitigkeit ist für die Bearbeitung des Bereichs Pflege problematisch. Im merhin handelt es sich um den Antrag einer Regierungsfrak tion. Da mutet es schon ein bisschen seltsam an, dass das So zialministerium, das für die Pflegeausbildung zuständig ist, in die Stellungnahme zu dem Antrag offenbar nicht eingebun den war bzw. dass nur die akademische Bildung und Weiter bildung der Pflegekräfte in den Blick genommen wird.

Ich möchte hier nicht missverstanden werden. Auch ich bin der Auffassung, dass die Angebote für pflegewissenschaftli che Studiengänge – grundständig, aufbauend und berufsbe gleitend –, den Beispielen der Universität Freiburg und der

Katholischen Hochschule Freiburg folgend, auch an anderen Hochschulstandorten ausgebaut werden können und sicher lich auch ausgebaut werden sollten.

Doch hierfür ist eine empirisch abgesicherte Bedarfsermitt lung nötig. Wie viele akademisch ausgebildete Pflegekräfte werden zukünftig benötigt? Welches sind ihre speziellen Kom petenzen? Für welche Einsatzbereiche werden sie ausgebil det? Erhalten sie dort auch eine gute Chance auf eine Anstel lung?

Ich möchte noch einen weiteren wichtigen Aspekt ansprechen. Während die Dauer einer klassischen Pflegeausbildung mit drei Jahren als verhältnismäßig knapp angesehen wird und demnach zu wenig Raum für eine weitere Spezialisierung lässt, werden in der Branche neben pflegewissenschaftlich ausgebildeten Kräften auch Pflegeassistenten mit einer Aus bildung benötigt, deren Dauer unter den bisherigen drei Jah ren liegt. Differenzierung verlangt im Gegenzug jedoch auch verstärkte Bemühungen um Durchlässigkeit im gesamten Sys tem.

Die FDP/DVP-Fraktion fordert deshalb das Sozial- und das Wissenschaftsministerium auf, sich zusammenzusetzen, eine Bedarfsermittlung vorzunehmen und Vorschläge für ein dif ferenziertes und durchlässiges Pflegeausbildungswesen in Ba den-Württemberg zu unterbreiten.

Das im Antrag erwähnte Projekt an der Hochschule Esslingen scheint in diesem Zusammenhang vielversprechend zu sein. Mit einer solchen Bedarfserhebung besäßen wir auch eine so lide Grundlage für eine fruchtbare parlamentarische Bearbei tung dieses Themenkomplexes.

Zum Abschluss möchte ich noch Folgendes anmerken: Ich möchte vor einem Übermaß an Akademisierung der Pflegeaus bildung warnen, das die klassische Pflegeausbildung mit ih rer berufspraktischen Ausrichtung entwerten könnte. Einen Automatismus oder einen Anspruch auf Anrechnung von Ele menten eines pflegewissenschaftlichen Studiums auf die Pfle geausbildung darf es nicht geben. Einer entsprechenden An frage unter Ziffer 7 des Antrags erteilte das Ministerium rich tigerweise eine Absage.

Selbstverständlich ist aber nichts gegen Anrechnungen von übereinstimmenden Inhalten in der Verantwortung der Aus bildungseinrichtung auf der Grundlage des Krankenpflegege setzes einzuwenden. Im Gegenteil: Intelligente Kombinatio nen von einem pflegewissenschaftlichen Studium mit einer Ausbildung – wie an der Katholischen Hochschule Freiburg praktiziert – scheinen mir zukunftweisend zu sein und sollten ausgebaut werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der FDP/DVP und Abgeordneten der CDU)

Für die Landesregierung erteile ich Frau Ministerin Bauer das Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kollegin nen und Kollegen! Die demografische Entwicklung, der me dizinische Fortschritt und die sich verändernden Rahmenbe

dingungen im Gesundheitsbereich haben grundlegende Aus wirkungen auf unseren Fachkräftebedarf. Es ist hier schon er wähnt worden: Es ist zu denken an die zunehmende Zahl chro nisch Kranker über alle Altersgruppen hinweg, an die steigen de Zahl hochbetagter, multimorbider Menschen. Insbesonde re der Bedarf an pflegerischem Personal wird daher wachsen.

Damit Pflegekräfte diesen Herausforderungen künftig noch besser begegnen können, müssen und wollen wir zusätzlich zu der bewährten Ausbildung an den Pflegefachschulen, an der wir selbstverständlich auch künftig festhalten wollen – es wollte, glaube ich, auch keine der Kolleginnen und keiner der Kollegen hier etwas anderes –, Studiengänge im Fach Pflege an den Hochschulen anbieten.

Die Hochschulpolitik des Landes trägt der Akademisierung der Pflege Rechnung, indem sie das Studienangebot der Hoch schulen in dieser Richtung weiterentwickelt. Es ist also keine Entweder-oder-Debatte, sondern ohne Zweifel eine notwen dige Sowohl-als-auch-Debatte, die wir hier führen.

Daher begrüße ich es, dass die Universität Freiburg im Rah men des Ausbauprogramms „Hochschule 2012“ einen Bache lorstudiengang Pflegewissenschaft eingerichtet hat. In diesem Studiengang lernen die Studierenden, wie sie chronisch Kran ke dazu anleiten können, ihren Alltag selbstständig und weit gehend ohne fremde Hilfe zu bewältigen.

Auch die Zusammenarbeit mit Fachleuten anderer Diszipli nen ist ein wichtiger Lehrinhalt dieses Studiengangs. Der Stu diengang integriert die Qualifikationsziele der beruflichen Erstausbildung im Pflegebereich und steht damit für die Ent wicklung eines neuen klinischen Rollenbilds.

Die Anbindung des Studiengangs an die Medizinische Fakul tät entspricht aber internationalen Standards der akademischen Erstausbildung in der Pflege. Viele Lehrveranstaltungen der Fakultät können so von Studierenden der Pflegewissenschaft und Studierenden der Humanmedizin gemeinsam besucht werden. Dies – lassen Sie mich das betonen – halte ich für be sonders wichtig. Denn angesichts der steigenden Komplexi tät der Aufgaben müssen die verschiedenen Berufsgruppen künftig noch viel stärker interprofessionell zusammenwirken.

Ein zweites Beispiel ist der Bachelorstudiengang Pflege an der Katholischen Hochschule Freiburg. Er qualifiziert seine Absolventen für die Betreuung von Patienten, Pflegebedürf tigen und deren Bezugspersonen. Der Studiengang verknüpft die wissenschaftliche Qualifizierung, die zum Bachelorgrad führt, mit einer parallel stattfindenden Berufsausbildung in ei nem anerkannten Pflegeberuf. Auch das ist ein sinnvolles Mo dell, duale und akademische Ausbildung zu kombinieren.

Ich denke, dass derartige Möglichkeiten zur akademischen Erstausbildung für die notwendige Weiterentwicklung der Pflegeberufe wichtig sind. Unbestritten ist aber auch, dass Ba chelorstudiengänge allein nicht ausreichen, um Pflegewissen schaft zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin zu ent wickeln. Um die wissenschaftliche Fundierung der Pflegewis senschaft in baden-württembergischen Hochschulen voranzu bringen, muss deshalb Absolventen eines pflegewissenschaft lichen Bachelorstudiengangs eine Weiterqualifizierung über einen entsprechenden Masterstudiengang möglich sein. Da her unterstütze ich im Grundsatz die Planung der Medizini

schen Fakultät Freiburg zur Einrichtung eines Masterstudien gangs Pflegewissenschaft.

(Beifall bei den Grünen)

Natürlich können wir dabei auch von den Hochschulen nicht erwarten, dass sie einen solchen Studiengang auf zukunftwei senden Feldern völlig allein und aus eigener Kraft entwickeln. Sie müssen dafür im Grundsatz auch auf eine Unterstützung durch die Zuweisung entsprechender Mittel setzen können, weil man sie das Ganze nicht allein bewältigen lassen kann. Das wird auch für die Einrichtung zusätzlicher Masterstudi enplätze gelten.

Ich möchte aber die anstehende Empfehlung des Wissen schaftsrats aufgreifen. Wir sind in der Tat der Auffassung: Be vor wir uns festlegen, an welchem Punkt Anschlussangebote entwickelt werden sollten, werden wir uns die – noch ausste henden – Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu diesem The ma anschauen, gemeinsam analysieren und Schlüsse daraus ziehen, was für Baden-Württemberg Sinn macht. Wir rechnen mit den Empfehlungen zu diesem Thema im Sommer nächs ten Jahres und werden dann die Ergebnisse in die Ausgestal tung unseres avisierten Ausbauprogramms „Master 2016“ ein speisen können.

Wir sind gerade dabei, zunächst einmal die quantitative Basis für einen Ausbau im Bereich der Masterstudienplätze festzu legen. Zuerst werden wir versuchen, zu fundieren, in welchem Bereich wir in welchen Stufen mengenmäßig voranschreiten können. Dann werden wir die fachlichen Ausrichtungen suk zessive festlegen. Dazu wird es im Laufe des Jahres 2012 ei ne Vorlage für den Ministerrat und für den Landtag mit ent sprechenden Informationen zur Debatte geben. Ich bin davon überzeugt, dass wir damit auf einem guten Weg sind, um die Hochschulen gerade in den Pflegewissenschaften auch zur Einrichtung von Masterstudiengängen zu ermutigen und sie dabei zu begleiten.

Es geht sicher nicht darum, sich durch andere Länder, auch nicht durch andere Bundesländer, die in diesem Bereich schon weiter vorangeschritten sind, verrückt machen zu lassen. Wir müssen aber auf der anderen Seite aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verpassen. Deswegen glaube ich, dass der vorgelegte Antrag und die Informationen, die wir zum bishe rigen Ausbaustand geben konnten, zeigen: Wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir müssen diesen Weg durchaus weiter beschreiten.

In diesem Sinn bedanke ich mich für die Initiative.

(Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD)

Für die Fraktion GRÜ NE erteile ich Frau Abg. Mielich das Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin, verehrte Kolleginnen und Kollegen! Die Klarstellung, die die Frau Ministerin vorgenommen hat, fand ich jetzt noch einmal wichtig. Ich möchte gern noch ganz kurz auf die Beiträge mei ner Vorrednerin und der Vorredner von den anderen Fraktio nen eingehen.