Protocol of the Session on November 28, 2013

Damit eröffne ich die Aussprache und erteile Frau Kollegin Hack für die SPD-Fraktion das Wort.

Frau Präsidentin! Liebe verbliebene Kolleginnen und Kollegen! Wir diskutieren hier zum wiederholten Male über das Thema „Sprachförderung im Elementarbereich“. Mit unserem in Rede stehenden Antrag setzen wir eine Aufgabenstellung unserer Koalitionsvereinbarung und – daran will ich sehr gerne erinnern; ich glaube, das überrascht jetzt niemanden – eine Handlungsempfehlung der Enquetekommission „Chancen für Kinder“ um, auch wenn deren Veröffentlichung nun schon fünf Jahre zurückliegt.

Zuletzt im Mai 2009 im Plenum und bei einer Anhörung im Januar 2010 setzten wir uns mit den Anforderungen an gelingende Sprachförderung auseinander und nahmen die Ausführungen zahlreicher Sachverständiger zu den von Beginn des Verfahrens an kritisierten Defiziten und Fehlanreizen von Delfin 4 – ich will es in Gänze mit dieser Überschrift bezeichnen – zur Kenntnis.

Sie, verehrte Kolleginnen und Kollegen der CDUFraktion, stützten unsere gemeinsamen Erkenntnisse mit Ihrer Großen Anfrage im Sommer dieses Jahres. Ein Ergebnis unter anderen war – und daran müssen wir aus unserer Sicht arbeiten –: Es besteht Handlungs-, es besteht Veränderungsbedarf. Sechs Jahre nach seiner Einführung erntet das Verfahren nach wie vor Kritik hinsichtlich seiner Bestandteile und seiner Folgen für die Kinder, für die beteiligten Fachkräfte und auch im Hinblick auf die Wirksamkeit des Mitteleinsatzes.

Umso unverständlicher ist uns deshalb, wenn Sie, Herr Kollege Tenhumberg, unseren Plan, diesem Handlungsbedarf endlich nachzukommen – nach wohlgemerkt mehreren Jahren Diskussion und Anhörungen – nun als – ich zitiere – „übereilten Schnellschuss“ bezeichnen.

Es erstaunt auch, wenn Sie uns mit Blick auf die Bund-Länder-Initiative BiSS – Bildung durch Sprache und Schrift –, die 2018 ihre Ergebnisse vorlegen wird, vorwerfen, es sei kontraproduktiv und falsch, wenn wir jetzt mit eigenen Maßnahmen in NRW voreilig vorgreifen – wie Sie das nennen –, während Ihre Kollegin Frau Scharrenbach am 1. September 2013 in der „Welt am Sonntag“ sagt, es sei fatal, dass die Landesregierung meine, sie könne nun bis zu diesen Ergebnissen im Jahre 2018 warten. Dazu habe ich die herzliche Bitte, dass Sie sich erst einmal in Ihrer Fraktion einigen, wie Sie zu solchen Entwicklungen stehen, bevor Sie sich dazu äußern.

(Beifall von der SPD)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Antrag greift zentrale Forderungen nach Veränderungen in der Sprachbildung auf, die Praktikerinnen und Praktiker und auch die Wissenschaft immer wieder an uns gerichtet haben:

1. die Orientierung der Sprachförderung, der

Sprachbildung am Alltag der Kinder, an ihrer Lebenswirklichkeit,

2. die Durchführung von Diagnostik und – das ist

wichtig – darauf aufbauender Förderung aus einer Hand durch den Kindern vertraute Bezugspersonen,

(Vereinzelt Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

3. dadurch auch zu erreichen, dass Kinder mit

nichtdeutscher Herkunftssprache über

haupt angemessen in den Blick genommen und in ihrer Sprachbildung unterstützt werden,

4. Fachkräfte in den Einrichtungen und auch in der

Tagespflege mit entsprechenden Aus- und Weiterbildungsangeboten zielgerichtet für diese Aufgabe der Sprachbildung auszurüsten und nicht zuletzt

5. den heute notwendigen, aber offensichtlich nicht

ausreichend wirksamen Personal- und Mitteleinsatz vollständig in die Einrichtung umzulenken, um hier eine wesentliche Qualitätsverbesserung der Sprachbildung umzusetzen.

Lassen Sie mich zum Schluss, liebe Kolleginnen und Kollegen, noch eines anmerken: Alle, die in der frühen Bildung, in der Elementarbildung engagiert und eingebunden sind, sei es als Eltern, als Praktikerinnen, in der Wissenschaft oder – wie wir hier – in der Politik, verstehen diesen Bereich als eigenständige Bildungseinrichtung, als Fundament aller weiteren Arbeit für die Entwicklung der Kinder. Allgemeingut aber ist diese Auffassung längst noch nicht. Viel zu häufig noch wird die frühe Bildung nur als „vorschulische“ betrachtet und auch so bezeichnet. Es wäre doch vergleichbar, wenn wir die gesamte schulische Laufbahn von Kindern und Jugendlichen immer nur als „vorberufliche“ Bildung bezeichnen würden.

In diesem Sinne wünsche ich mir die Diskussion im Ausschuss. Sie soll dazu führen, dass es wirklich eine deutliche Stärkung der Sprachbildung innerhalb der frühen Bildung geben kann und wir damit auch Sorge dafür tragen, dass die Bedeutung der ersten Lebensjahre deutlicher herausgestellt und die Leistung der dort Beschäftigten angemessener gewürdigt wird. – Ich danke Ihnen sehr für die Aufmerksamkeit.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Vielen Dank, Frau Kollegin Hack. – Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht Frau Kollegin Asch.

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir wissen, der Erwerb und die altersgerechte Beherrschung einer oder mehrerer Sprachen sind eine zentrale Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe und für den Bildungserfolg von Kindern. Von daher war es richtig, dass es als Folge der unbefriedigenden Situation nach PISA und der Ergebnisse der ersten PISAStudie bundesweit große Anstrengungen gegeben hat, um einen guten Erwerb der deutschen Sprache durch Fördermaßnahmen zu unterstützen.

Nordrhein-Westfalen hat zur Zeit der schwarzgelben Landesregierung seinen Schwerpunkt allerdings weniger auf die Sprachbildung und -förderung als auf die Entwicklung eines neuen Sprachstandserhebungsverfahrens gelegt. In der Landtagsanhörung zur Einführung des Testverfahrens Delfin 4 hat es dann auch erhebliche, niederschmetternde Kritik an diesem Sprachtest gegeben. Die wurde von den damaligen Regierungsfraktionen allerdings völlig ignoriert. Ignoriert wurde genauso die von den Sachverständigen erhobene Forderung nach einer vom Land unterstützen Qualitätsentwicklung der elementaren Sprachförderung und nach Weiterbildung für pädagogische Fachkräfte.

Zu dieser grundsätzlichen Kritik an Delfin 4 kommen nun vielfach geäußerte Zweifel am Erfolg der bisherigen Fördermaßnahmen. Es gibt ein Gutachten der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Die kommt zu dem Ergebnis, dass sich überhaupt keine Effekte aus den Fördermaßnahmen im Sprachbereich ergeben. Zudem häufen sich kritische Äußerungen aus der Wissenschaft sowohl zur Aussagekraft der bisherigen Sprachstandserhebungsverfahren als auch zum Nutzen der zusätzlichen Sprachförderung in der Kita.

Es gibt ein Interview im „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom Mai dieses Jahres mit Frau Prof. Gogolin, einer der führenden Sprachwissenschaftlerinnen. Auf die Frage, ob Sprachtest eigentlich überflüssig seien, sagt sie:

„Zumindest im gegenwärtigen Qualitätszustand könnte man sich diese Verfahren meist sparen. Man könnte genauso gut in die Wohnviertel hineingehen, in denen viele Kinder mit schwierigen familiären Bedingungen leben, und dort einfach alle fördern – dann käme ungefähr das Gleiche dabei heraus.“

Zuletzt hat die Mercator-Stiftung vor zwei Wochen dem Delfin-4-Test ein ganz schlechtes Zeugnis ausgestellt und gesagt, er genüge den qualitativen Anforderungen an ein Sprachstandserhebungsverfahren nicht.

Zusammenfassend kann also festgestellt werden: Eine Neuausrichtung der sprachlichen Bildung ist dringend notwendig, und zwar im Sinne einer qualitativen Weiterentwicklung.

Wir greifen diese Erkenntnisse der Wissenschaft in unserem Antrag auf und wollen das verbindliche Sprachstandserhebungsverfahren Delfin 4 für die Kita-Kinder ablösen.

Wir wissen: Es erzeugt keine validen, keine reliablen Ergebnisse. Der Spracherwerb von Kindern ist nämlich, liebe Kolleginnen und Kollegen, ein kontinuierlicher Prozess. Es gibt kein punktuelles Verfahren, das zu tatsächlich gültigen Ergebnissen führt, zumal, wenn es von Personen durchgeführt wird, die den Kindern nicht vertraut sind.

Diese Erkenntnis hat im Übrigen dazu geführt, dass das von der CDU geführte Familienministerium in Sachsen-Anhalt genau diesen Delfin-4-Test bereits Anfang des Jahres abgeschafft hat. Das wollen wir hier in Nordrhein-Westfalen auch nachvollziehen. Wir wollen, dass es stattdessen tatsächlich zu einer alltagsintegrierten Sprachstandserhebung und einer darauf aufbauenden Sprachförderung kommt.

Wir finden uns da in guter Übereinkunft mit der Noch-Staatsministerin, Frau Professorin Böhmer, bekanntlich auch der CDU-Fraktion angehörig. Sie hat am 25.04. am Rande einer Expertentagung in Berlin erklärt:

„Wir brauchen dringend eine alltagsintegrierte Sprachförderung im Kindergarten, von der die Kinder so früh wie möglich profitieren.“

Recht hat Frau Professorin Böhmer. Genau das hier wollen wir in Nordrhein-Westfalen auch umsetzen.

Den Entschließungsantrag der FDP-Fraktion zu diesem Thema finde ich ganz interessant, weil er sich differenziert mit der Thematik auseinandersetzt. Es wird deutlich, dass sich die FDP von den Altlasten der schwarz-gelben Regierungszeit absetzt.

Allerdings haben wir unterschiedliche Denkansätze. Nach meinem Eindruck gehen Sie zu sehr von den gesonderten Fördereinheiten aus. Wir glauben, dass wir das tatsächlich in den Kita-Alltag integrieren müssen.

Wir gehen von einer grundständigen Förderung in den Einrichtungen und davon aus, dass das im Übergang zur Schule integriert werden muss.

Die Redezeit.

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen! Nicht zielführend sind die Äußerungen der CDU, die erst einmal bis zu den Ergebnissen der gemeinsamen Initiative zur Weiterentwicklung der Sprachförderung, der Sprachdiagnostik abwarten will.

Achten Sie auf die Redezeit!

Das wäre frühestens 2018 und damit völlig zu spät, weil man damit viele Kinder und viele Jahrgänge der Kinder nicht erreicht.

Frau Kollegin Asch!

Wir sind mit unserem Konzept der Sprachstandserhebung und -förderung in NRW auf Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem richtigen Weg. Wir tun dies im Sinne des Bildungserfolgs von benachteiligten Kindern. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN)

Vielen Dank, Frau Kollegin Asch. – Für die CDU-Fraktion spricht Frau Kollegin Scharrenbach.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Das ist schon harter Tobak, den Sie uns hier als SPD und Grüne anbieten, wenn Sie die Forderung erheben, Delfin 4 als Sprachstandsfeststellungsverfahren in Nordrhein-Westfalen abzuschaffen. Als Kronzeugen benennen Sie dann auch noch die Mercator-Studie. Ich empfehle Ihnen nachdrücklich, das Kleingedruckte in dieser Studie zu lesen.

Offensichtlich hat der Verfasser gedacht, dass Sie die Studie nicht bis zum Ende lesen. Deshalb hat er das Kleingedruckte besonders groß geschrieben. Er hat nämlich geschrieben:

„ … die Schlussfolgerung, dass über die Anzahl der erfüllten Merkmale die Qualität des Verfahrens eingeschätzt werden kann, ist nicht zulässig.“