Protocol of the Session on February 21, 2008

Frau Präsidentin! Meine Damen, meine Herren! Sprache lebt. Auch die

Wissenschaftssprache lebt. Sie ist in einer fortwährenden Entwicklung. In der Vergangenheit war nicht Englisch die Wissenschaftssprache, sondern Lateinisch. Der Kollege Solf hat beredtes Beispiel davon gegeben, indem er mit „horribile dictu“ einen lateinischen Ausdruck in seine Rede aufgenommen hat. Heute neigen insbesondere Betriebswirte und Technikwissenschaftler dazu, sich eher auf Englisch zu verlegen. Das zeigt, Wissenschaftssprache gerade im internationalen Kontext hat immer auch Bezüge zur Fremdsprachlichkeit.

Aber da, wo sie nicht erforderlich ist, da, wo wir fremdsprachliche Bezüge eher als unpassend empfinden, wo sie um ihrer selbst willen verwendet werden und nicht als Referenz oder um Klarheit im Ausdruck durch die Anlehnung zum Beispiel an ein Originalzitat zu finden, wollen wir als Freie Demokraten gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen von der CDU ein Signal senden, in der Beschränkung auf die deutsche Sprache auch neue Klarheit zu finden.

Es geht also nicht darum, Wissenschaft einzuschränken, es geht nicht darum, borniert nur das Deutsche zu fördern und alle anderen fremdsprachlichen Ausdrücke auszublenden. Das habe ich deutlich gemacht. Das wäre auch nicht mit der Wissenschafts- und Forschungsfreiheit vereinbar. Es geht um eine Ermutigung, in Wissenschaft, in Politik und im öffentlichen Leben die Klarheit und Stringenz der deutschen Sprache wieder neu zu entdecken, sie zu pflegen.

Wir hier, lieber Kollege Solf, können ja auch ein Beispiel dafür geben. Wir können uns selbst mit in die Verantwortung, in die Pflicht nehmen, uns mit der deutschen Sprache zu beschäftigen und uns in ihr und mit ihr auseinanderzusetzen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von FDP und CDU)

Herzlichen Dank, Herr Lindner. – Für die SPD spricht Frau Apel-Haefs.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kollegen und Kolleginnen! Es stimmt: Es gibt nationale Forscherkonferenzen mit ausschließlich deutschen Teilnehmern, in denen ausschließlich englisch gesprochen wird. Auch bei internationalen Konferenzen mag man es den ausländischen Teilnehmern nicht zumuten, sich der Möglichkeiten der Simultanübersetzung zu bedienen, sondern man stellt seine Weltläufigkeit und wissenschaftliche Seriosi

tät unter Beweis, indem man englisch spricht, zum Teil auch das, was man darunter versteht.

Ich habe neulich an der Eröffnung einer internationalen Schule mit nahezu ausschließlich deutschem bzw. deutsch sprechendem Publikum teilgenommen. Aber alle Festredner ließen es sich nicht nehmen, ihre Reden in bestem Schulenglisch zu halten. Ich muss sagen, das war ein noch deutlich geringeres Vergnügen, als solche Festreden es in der Regel sowieso schon sind.

Dennoch muss man ganz klar sagen: Englisch ist die Weltsprache. Die Sprache der internationalen Verständigung ist die Lingua franca. Deshalb wird sich auch kein Forscher von dieser internationalen Verständigungsebene ganz zurückziehen können. Ein Forscher, der nicht in Englisch agiert und publiziert, wird außerhalb des eigenen Sprachraums kaum noch wahrgenommen. Deshalb sind auch Forderungen, man müsse die frühere Bedeutung von Deutsch als Wissenschaftssprache zumindest in Deutschland zurückgewinnen, ebenso populistisch wie illusionär. Es soll hier auch nicht der Provinzialität das Wort geredet werden. Deutsch als dominierende Wissenschaftssprache – das ist spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg vorbei.

Gleichwohl sind Überlegungen, wie man Deutsch in der Wissenschaft erhalten kann, wie man das Profil der eigenen Sprache wieder schärfen kann, lohnenswert und meines Erachtens auch notwendig. Wenn nämlich die Entwicklung, von der auch zunehmend die Geisteswissenschaften betroffen sind, so weitergeht – und vieles spricht dafür –, wird Deutsch innerhalb von Forschung und Lehre irgendwann aussterben. Eine Sprache, die nicht mehr gesprochen und nicht mehr gedacht wird, ist tot.

Meine Damen und Herren, Sprache ist viel mehr als reine Wissensvermittlung. Sprache ist auch ein wesentliches Instrument auf dem Weg hin zum Wissen, zur Erkenntnis. Jede Argumentation, jede Rhetorik, jedes Sichherantasten an neue Erkenntnisse ist zunächst in dem Denken verwurzelt, das durch die Muttersprache geprägt ist. Jede Nivellierung von Sprache birgt dagegen auch die Gefahr der Nivellierung des Denkens – eine Gefahr ganz besonders für die Geisteswissenschaften. Man kann eine Fremdsprache noch so gut beherrschen: Man wird in ihr niemals die eigenen Gedanken in der Komplexität, Differenziertheit und Nuanciertheit ausdrücken können, wie man das in der eigenen Muttersprache kann. Verliert man Sprache, verliert man auch kulturelle Identität.

Der Verlust an demokratischer Teilhabe an Wissenschaft und Forschung – auch das ist ein gewichtiges Argument für die Pflege von Deutschsprachigkeit im Wissenschaftsbetrieb. Wie sollen Wissenschaft und Forschung Gehör und Verständnis in einer Gesellschaft finden, mit der sie überwiegend nicht mehr in derselben Sprache sprechen? Selbst in Ländern, in denen die Zweisprachigkeit wesentlich intensiver gefördert wird als bei uns, gibt es inzwischen Untersuchungen, die belegen, dass Leistungen messbar besser ausfallen, wenn sie in der eigenen Muttersprache erbracht werden.

Meine Damen und Herren von CDU und FDP, es gibt also ausreichend und gute Gründe, um Deutsch als eine wichtige Sprache der Wissenschaft zu erhalten. Wenn ich mir allerdings Ihren Beschlussvorschlag ansehe, habe ich erhebliche Zweifel, ob Sie Ihren eigenen Antrag überhaupt ernst nehmen oder ob das mal wieder ein Antrag ist nach dem Motto: Gut, dass wir mal drüber geredet haben! – Gut für eine Schlagzeile, aber ohne Substanz!

Vielleicht wollen Sie auch nur von der Tatsache ablenken, dass gerade Sie mit Ihrer Hochschulpolitik dazu beitragen, dass ausgerechnet die Geistes- und Kulturwissenschaften, in denen Deutsch noch eine gewisse Bedeutung hat bzw. selbst zum Forschungsgegenstand wird,

(Beifall von Ewald Groth [GRÜNE])

immer mehr unter Druck geraten.

Will man die deutsche Sprache in der Wissenschaft fördern, dann muss man gerade bei diesen Wissenschaften anfangen. Gerade für ihre wissenschaftliche Erkenntnis ist sprachliche Vielfalt eine unverzichtbare Ressource des wissenschaftlichen Komplexitätsaufbaues, ist Sprache kein beliebig austauschbares Instrument der Präsentation von Wissen, sondern in vielfältiger Hinsicht Instrument der Erkenntnisproduktion selbst.

Aber Ihre Hochschulpolitik mit Ihren Paradigmen von Effizienz und Exzellenz, die eine Förderpraxis nach Anzahl von Papern betreibt – selbstredend in englischsprachigen Journalen; Publikationen in der Muttersprache zählen da ja nicht mehr –, die Drittmittelwerbung als wesentliche Bewertungsgrundlage für staatliche Belohnung festschreibt, die Exzellenz nur noch in groß angelegten Clustern fördert, gerade diese Hochschulpolitik ist es doch, die langsam, aber sicher die Geisteswissenschaften ins Abseits treibt,

(Beifall von SPD und GRÜNEN)

jedenfalls die Geisteswissenschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten zu einer international anerkannten Stärke gerade des deutschen Universitätssystems entwickelt hat.

Ich darf an dieser Stelle Prof. Nida-Rümelin zitieren:

Letztendlich mündet diese Entwicklung in eine Art Selbstkolonialisierung der reichhaltigen und vielfältigen geisteswissenschaftlichen Landschaften.

Die spezifische Wissenschaftskultur der Geisteswissenschaft ist gefährdet.

Meine Damen und Herren von CDU und FDP, Sie wollen also einen Preis ausloben. Da wird die Wissenschaftswelt aber beeindruckt sein. Ein Preis – der taugt vielleicht für einen neuen, netten Pressetermin mit dem Ministerpräsidenten oder dem Minister.

(Michael Solf [CDU]: Ein Schelm, der Böses dabei denkt!)

Dem komplexen Problem, mit dem wir es hier zu tun haben, wird er aber nicht im Mindesten gerecht.

(Michael Solf [CDU]: Wer nur mit den Augen des Argwohns schaut, sieht Würmer selbst im Sauerkraut!)

Darf ich weitersprechen? – Danke schön.

(Ewald Groth [GRÜNE]: Der Termin findet mit Herrn Solf statt!)

Wenn man Deutsch ernsthaft als eine Sprache der Wissenschaft erhalten will, braucht man ein Konzept, das auf breiter Ebene Anreize für den deutschen Sprachgebrauch bietet, beispielsweise durch Kopplung an Fördermittel. Dann muss man auch mit der DFG und der Hochschulrektorenkonferenz ins Gespräch kommen. Dann braucht man aber auch ein Konzept für den Erhalt der Geisteswissenschaft im Wissenschaftsbetrieb in Nordrhein-Westfalen, und man muss ihnen den Freiraum schaffen, ihre Internationalisierung auch im Wege der Mehrsprachigkeit zu betreiben.

Kommen Sie jetzt nicht wieder mit dem Argument, dass das ein Eingriff in die Freiheit der Hochschulen sei! Zwischen bürokratischer Gängelung und dem Einfordern von gesellschaftlicher Verantwortung besteht ein großer Unterschied.

(Beifall von SPD und GRÜNEN)

Liebe Kollegen und Kolleginnen, wir werden dieses Thema im Ausschuss weiterberaten. Vielleicht gelingt es uns dort, zu gemeinsamen Ergebnissen zu kommen, die dem Anliegen gerecht werden. Dann könnte auch von Nordrhein-Westfalen eine Signalwirkung auf die anderen Bundesländer ausgehen. Denn die Erhaltung von Deutsch als Wissenschaftssprache ist letztendlich ein nationales Problem. – Ich danke Ihnen.

(Beifall von SPD und GRÜNEN)

Danke schön, Frau Kollegin. – Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht jetzt Herr Groth.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste auf der Tribüne! Bei dem Antrag der Grünen über Stammzellforschung, den wir gerade beraten haben, ging es wirklich um eine wichtige Frage, eine, die uns auch in der Zukunft noch bewegen wird.

(Christof Rasche [FDP]: Der Antrag war doch von den Grünen!)

Ja, genau. Deshalb sage ich das noch einmal. Das war eine Zukunftsfrage – darüber werden wir weiterhin diskutieren müssen –, die es wert ist, auf der Tagesordnung zu erscheinen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von CDU und FDP, was treibt Sie um? Welchen wissenschaftspolitischen Antrag haben Sie heute auf die Tagesordnung setzen lassen? „Förderung der deutschen Sprache in den Wissenschaften“ – deutlicher kann man kaum machen, wie weit weg Sie von den Problemen an unseren Hochschulen sind.

(Michael Solf [CDU]: Hört, hört!)

Hier wird nicht das Thema Studiengebühren auf die Tagesordnung gesetzt.

(Zuruf von Christian Lindner [FDP])

Hier wird nicht auf die Tagesordnung gesetzt, über Stipendiensysteme, über Tenure Track oder über viele andere Fragen zu diskutieren, die wirklich virulent sind und uns im Land NordrheinWestfalen quälen.

(Christian Lindner [FDP]: Haben wir doch schon!)

Fragen, die für Hochschullehrer, für wissenschaftliche Mitarbeiter, Studentinnen und Studenten quälend sind und die auch für Innovationen im Land und für die Zukunft dieses Landes wichtig

sind, finden wir heute von Ihnen nicht auf die Tagesordnung gesetzt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man die Unterschrift des wissenschaftspolitischen Sprechers der CDU-Fraktion unter diesem Antrag vergeblich sucht. Vielleicht ist es auch nur Zufall.

Die Art und Weise, wie Sie die Vergabe von einigen Tausend Euro – das ist ja wirklich ein lächerlicher Betrag – Haushaltsmitteln in einem Einzelantrag plenar beraten und mit einer ausführlichen Debatte regeln wollen, mutet für dieses Hohe Haus, gelinde gesagt, ausgesprochen putzig an. Deshalb nehme ich an, dass im Hintergrund schon klar ist, Herr Solf, wen Sie mit diesem Preis beehren wollen. Das vermute ich jedenfalls, sonst könnte man solch einen Aufschlag hier nicht machen.

Aber lassen wir uns für einen Moment darauf ein, dass es tatsächlich ein wichtiger und zukunftsweisender Beitrag für das Land wäre, wenn die deutsche Sprache einen höheren Stellenwert in der Wissenschaft bekäme. Übrigens hat sie diesen Stellenwert in den verschiedenen Bereichen. Das haben wir vorhin gehört, und das unterstütze ich ausdrücklich.