9 Reformprozesse in Schule und Hochschule aufeinander abstimmen – Übergang Schule–Hochschule optimieren
Ich eröffne die Beratung und gebe für die antragstellende Fraktion der Kollegin Dr. Seidl das Wort. Bitte schön.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Gestaltung des Hochschulzugangs ist in den vergangenen Jahren bundesweit immer wieder thematisiert worden. Die Diskussion war allerdings vielfach beschränkt auf das enge Zeitfenster zwischen der Bewerbung um einen Studienplatz und der Zulassung zum Studium. Diese Diskussion ist letztlich in eine Neuregelung der Hochschulzulassung in allen Bundesländern geflossen.
Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen von CDU und FDP, haben bislang immer nur schlagwortartig die Abschaffung der ZVS im Auge gehabt und bis heute nicht realisiert, dass eine solche populistische Forderung weder eine Minimierung von Bürokratie an den Hochschulen noch eine sinnvolle Maßnahme für die bundesweite Verteilung von Studienplätzen bedeutet. Beim Hochschulzugang geht es aber um weit mehr als um die Neuregelung der bisherigen Aufgaben der ZVS, geschweige denn nur um deren Abschaffung. Es geht vielmehr um die Reform einer Schlüsselstelle des Bildungssystems, die von den letzten Jahren der schulischen Ausbildung bis in die ersten Semester des Hochschulstudiums reicht.
Der Wissenschaftsrat hat bereits im Januar 2004 in seinen Empfehlungen zur Reform des Hochschulzugangs die Defizite beim Übergang von der Schule zur Hochschule festgestellt. Er sagt:
Erstens. Weit über die Hälfte der Studienanfänger ist zu Studienbeginn nicht hinreichend über Studienfach und Hochschule informiert.
Drittens. Viele Studienanfänger haben Vorbildungsdefizite mit Bezug auf das gewählte Hochschulstudium.
Viertens. Die Informationen, die die Hochschulen über die von ihnen angebotenen Studiengänge zur Verfügung stellen, und die Orientierung, die sie Studienanfängern in den ersten Semestern geben, sind vielfach stark verbesserungsbedürftig.
Diese Defizite tragen dazu bei, dass sich Anpassungsprozesse in den ersten Semestern unnötig verschärfen. Fast ein Viertel aller Studierenden bricht das Studium ab, ein größerer Teil davon noch in höheren Semestern.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt zwar in Nordrhein-Westfalen schon eine Reihe von vielversprechenden Ansätzen, um die Informationsmöglichkeiten an unseren Schulen zu verbessern. Es fehlt aber bisher ein übergreifendes Gesamtkonzept. Schule und Hochschule müssen besser miteinander kooperieren.
So muss die derzeit stattfindende Reform der Studiengänge bei der Umstellung auf das konsekutive System aus unserer Sicht unmittelbar mit den Reformprozessen in der Schule, insbesondere der Sekundarstufe II, abgestimmt und rückgekoppelt werden.
Wir brauchen darüber hinaus ein professionalisiertes Beratungssystem an unseren Schulen, in das neben Schulen und Hochschulen die Agentur für Arbeit und andere Akteure wie Kammern oder alle Univereinigungen eingebunden sind. Dass dies mit Erfolg möglich ist, zeigen Erfahrungen etwa in den Niederlanden.
Schließlich wird in Zukunft die Wahlentscheidung für einen Studiengang oder einen Studienort vor dem Hintergrund der stärkeren Profilierung der Hochschulen im Wettbewerb untereinander an Bedeutung gewinnen. Aufgabe der einzelnen Hochschule ist es deshalb, die Anforderungsprofile der unterschiedlichen Studienfächer transparenter zu machen und Studierenden in den ersten beiden Semestern eine angemessene Orientierung zu geben.
Vor diesem Hintergrund fordern wir die Landesregierung auf, ein Konzept für die zukünftige Gestaltung des Übergangs von der Schule zur Hochschule sowie auch der Studieneingangsphase zu entwickeln. Dieses soll ressortübergreifend erarbeitet werden und im Kern drei wichtige Ziele verfolgen.
Erstens: die Verknüpfung der Studienreform bei der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge mit den Reformprozessen in der Schule. Dazu gehören der Erwerb von Schlüsselqualifikationen in der Schule und eine Entrümpelung der Curricula in der Sekundarstufe II.
Zweitens: die Verbesserung und Systematisierung der Informationen über die Studienangebote an den Hochschulen. Dazu gehört die Etablierung eines verbindlichen Beratungsangebotes an den Schulen zum Beispiel nach niederländischem Vorbild.
Drittens: die Fortführung der Beratung und Begleitung in der Studieneingangsphase einschließlich der Qualifikation der beteiligten Lehrkräfte.
Ich bin mir durchaus bewusst, meine Damen und Herren, dass eine solch umfassende Reform aufwendige Abstimmungsprozesse und auch den Aufbau neuer Strukturen sowohl an den Schulen als auch an den Hochschulen erfordert. Dies ist sicher nicht kostenneutral zu haben. Auf der anderen Seite ist es volkswirtschaftlich nicht vertretbar, dass fast ein Viertel aller Studierenden ihr Studium in den ersten Semestern abbricht und dass der Informationsstand der Studienanfänger trotz intensiver Nutzung der bestehenden Beratungsinstrumente insgesamt außerordentlich unbefriedigend bleibt. – Herzlichen Dank.
Vielen Dank, Frau Kollegin Dr. Seidl. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der CDU der Kollege Dr. Hachen das Wort.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen klingt zunächst sehr gut. Jeder, der die Bildungschancen junger Menschen verbessern will, wird den Übergang zwischen Schule und Hochschule möglichst erfolgversprechend für viele gestalten wollen. Schon im Verlaufe der letzten Legislaturperiode hat die CDU-Fraktion deshalb mehrfach auf dieses Problemfeld hingewiesen. Die Zielrichtung Ihres Antrags enthält deshalb nichts spektakulär Neues.
Sie verfolgen damit drei Ziele, die ich noch einmal nennen möchte: erstens möglichst viele befähigte Schulabgänger zum Studium zu bringen, zweitens zu lange Studienzeiten zu verkürzen und drittens die zu hohe Studienabbrecherquote zu verringern. Dies sind auch unsere Ziele. Aber bei der Analyse dessen, was zur Erreichung dieser Ziele unter
In Ihrem Antrag befassen Sie sich anders, als Sie eben vorgetragen haben, Frau Seidl, vorrangig und fast ausschließlich mit der schulischen Seite dieses Problems. Die Hochschule streifen Sie nur noch am Rande. Richtig benennen Sie die von Ihnen und von vielen anderen beklagte unzureichende fachliche Qualifikation der Schulabgänger als ein Problem. Sie gehen dann aber erstaunlich schnell und ohne Konsequenzen daraus zu ziehen darüber hinweg. Stattdessen beziehen Sie sich ausschließlich auf die Fähigkeit zur selbstständigen Studiengestaltung oder auf Kompetenzen wie Abstraktions-, Synthese- und Transferfähigkeit. Konsequent in Ihrem Sinne sehen Sie in der notwendigen Umstrukturierung der Curricula eine gute Gelegenheit zur Implementierung dieser sehr komplexen und abstrakten Schlüsselqualifikationen als festen Bestandteil der Lehrpläne. Dabei begehen Sie wieder die typischen rotgrünen Fehler in der Bildungspolitik, die im Übrigen auch zu Ihrem Scheitern beigetragen haben.
Erstens. Sie schreiben gerne vieles als gleich wichtig nebeneinander vor, ohne den Umfang zu bedenken, mit dem Sie Schüler und Lehrer erdrücken. Davon zeugen viele Erlasse, Verordnungen und Aufgaben für Schulen der letzten Jahre. Konkret findet sich das in Ihrem Antrag, in dem Sie wieder zusätzliche Implementierungen dieser komplexen Abstraktions- und Transferziele in die Curricula fordern und gleichzeitig auch noch von Entrümpelung sprechen. Wie etwas Zusätzliches zur Entrümpelung beitragen soll, bleibt dabei Ihr Geheimnis.
Zweitens. Sie machen auch hier wieder wie vielfach den zweiten Schritt vor dem ersten. Sie schreiben komplexe Dinge vor, ohne sich vorher um die Schaffung der notwendigen Basis als ersten Schritt zu kümmern. Die Fähigkeit zur selbstständigen Studiengestaltung, die Sie zu Recht fordern und wünschen, existiert natürlich nicht im luftleeren Raum. Sie setzt eine solide Basis an Kenntnissen und Fähigkeiten voraus, für deren Vermittlung in der Schule ausreichend Spielraum vorhanden sein muss. Diesen Umstand übersehen Sie geflissentlich; darauf gehen Sie nicht ein, sondern bauen lieber Luftschlösser in Form komplexer Lernziele ohne Basis. Erste und wesentliche Maßnahme, um den Übergang zur Hochschule zu erleichtern, ist aus unserer Sicht deshalb alles, was zu einer soliden Basis von Kenntnissen und Fertigkeiten unserer Schüler führt. Dafür stellen wir die Weichen. Das ist von uns an anderer Stelle schon umfangreich beschrieben worden;
Drittens. Sie wollen die Curricula überarbeiten. Das wollen wir auch. Das echte Ziel, das vorrangige Ziel muss hier aber die Entrümpelung sein. Konzentration auf das Wesentliche statt Überfrachtung mit immer mehr ist hier angesagt. Eine solide Basis an Kenntnissen und Fertigkeiten ist nur in Verbindung mit Freiräumen zum Üben und Festigen zu erreichen. Dies ist in besonderer Weise auch eine Voraussetzung für einen guten Start ins Studium.
Viertens. Erst am Ende Ihres Antrags befassen Sie sich doch noch mit der Hochschulausbildung und fordern eine bessere Beratung im Verlauf des ersten Studienjahres sowie eine Ergänzung durch eine systematische Begleitung in Tutorien. In diesem Punkt sind wir schnell einig; Sie greifen damit im Wesentlichen nur eine alte Forderung der CDU auf. Anlässlich der Veröffentlichung der His-Studie über die hohe Studienabbrecherquote in Nordrhein-Westfalen hat Manfred Kuhmichel dies in der Vergangenheit an dieser Stelle mehrfach eingefordert. Im Rahmen der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen ist eine verbesserte Beratung der Studenten eines der wesentlichen Ziele, das wir alle gemeinsam anstreben.
Abschließend lassen Sie mich noch kurz zusammenfassen: Wenn wir uns auf das Machbare konzentrieren, wenn wir Informationen zu Studium und Beruf schon in der Schule und möglichst auch in Verbindung und in Zusammenarbeit mit der Hochschule verbessern, ohne dies verbindlich mit Stundenkontingenten vorzuschreiben, wenn wir die Leistungsbereitschaft und den Durchhaltewillen unserer Jugendlichen fördern und Begleitung und Beratung im Studium verbessern, dann werden wir mehr junge Menschen zum Studium motivieren und es ihnen ermöglichen, ihr Studium schneller und erfolgreicher zu absolvieren. – Ich danke Ihnen.
Vielen Dank, Herr Kollege. – Als nächster Redner hat Herr Kollege Bovermann von der Fraktion der SPD das Wort. Bitte schön.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Problemanalyse, die Bündnis 90/Die Grünen mit ihrem Antrag zum Übergang Schule/Hochschule liefern, kann ich aus eigener Anschauung nur zustimmen. Ich habe selbst über mehrere Jahre hinweg an der
Fakultät für Sozialwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum Studienberatungen durchgeführt und mehrere Kohorten von Erstsemestern in meinen Lehrveranstaltungen betreut. Dabei konnte ich immer wieder feststellen, dass die Vorstellungen der Studierenden von ihrem Studienfach und die Realität an der Universität mehr oder weniger voneinander abwichen. Es fehlte an Informationen über Studien- und Prüfungsordnungen, aber auch die Kompetenzen zur Organisation des Studiums – Stichwort: Studierfähigkeit – waren vielfach defizitär.
Die Folgen sind bekannt und gerade auch noch einmal von der Kollegin Dr. Seidl angeführt worden. Ein Teil der Studienanfänger wechselt bereits nach einem Semester das Fach, ein Viertel bricht sogar das Studium ganz ab. Die Universitäten haben mittlerweile auf diese Missstände reagiert und versuchen, diese Fehlentwicklung einzudämmen.
Ein Blick auf die Homepage der Ruhr-Universität zeigt beispielsweise die vielfältigen Angebote, um Schülerinnen und Schüler frühzeitig für ein Studium zu interessieren und sie darüber zu informieren, um zu einer rationalen Studienfachwahl beizutragen. Die Palette reicht inzwischen vom Reinschnuppern bei Vorlesungen über das Mitmachen im Schülerlabor bis zur Schüler-Uni, bei der bereits Leistungsnachweise für das eigentliche Studium erworben werden können.
Auch die frühere Landesregierung hatte die geschilderten Probleme bereits erkannt. Die Ministerinnen Hannelore Kraft und Ute Schäfer starteten 2004 eine gemeinsame Initiative zur Optimierung des Überganges Schule/Hochschule.
Bündnis 90/Die Grünen greifen nun dieses Thema und einen Teil der damals schon angeführten Verbesserungsvorschläge wieder auf. Die Antragsteller erheben dabei die Forderung nach einem Gesamtkonzept. Selbst enthält der Antrag allerdings eine Sammlung von Einzelvorschlägen beziehungsweise listet bereits bestehende Projekte zum Übergang Schule/Hochschule auf. Einige Punkte dürften unstrittig sein, wie die Trias, dass die Informationen verbessert werden müssen, die Beratung systematisiert werden muss und eine stärkere Vernetzung der Akteure Schule/Hochschule erfolgen muss.
Auch der Hinweis auf die Niederlande erscheint mir sehr interessant. An Schulen fest verankerte Lehreinheiten zur besseren Orientierung und eine enge institutionalisierte Kooperation mit den Hochschulen könnten ein Vorbild auch für uns sein.
Andere Vorschläge streuen über einen weiten Bereich und bedürfen sicherlich noch der Diskussion. So wird die Weiterentwicklung von Schlüsselqualifikationen gleich mit der curricularen Entrümpelung der Sekundarstufe II verknüpft. Darauf sind auch schon meine Vorredner eingegangen. Gemeint sind wahrscheinlich die Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen im Hinblick auf die Studierfähigkeit, also vor allen Dingen die Fähigkeiten zum wissenschaftlichen Arbeiten und zum selbstständigen Lernen. Dazu wäre es aber meines Erachtens erforderlich, dass auch die Hochschulen zunächst einmal ihre Standards, Erwartungen und Anforderungen formulieren und definieren. Vielleicht sind aber auch die Rechtschreibkompetenzen gemeint. Auch dazu liefert der Antrag auf der letzten Seite in der siebtletzten Zeile ein Beispiel.
Die Verbesserung des Übergangs Schule/Hochschule muss jedoch nicht nur in den Curricula und Studieneingangsphasen verankert werden, sondern vor allem auch in den Köpfen der Lehrerinnen und Lehrer sowie des Hochschulpersonals. Dazu bedarf es meines Erachtens eines weitergehenden Ansatzes und auch der Einbeziehung der entsprechenden Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals. Lehrer müssen über die Reformprozesse und Anforderungsprofile an den Universitäten informiert werden. Umgekehrt wäre es auch für Professoren gut, ihre zukünftigen Studierenden einmal im Schulalltag zu erleben.
Meine Damen und Herren, mit der Einführung von Studiengebühren nimmt der Druck auf die Studierenden zu, ihr Studium rasch und stromlinienförmig zu absolvieren. Ein reibungsloser Übergang von der Schule zur Hochschule wird damit auch für viele Studierenden zu einer finanziellen Notwendigkeit. Ich bin daher gespannt, welche Bedeutung die schwarz-gelbe Landesregierung diesem Thema beimessen wird und sehe den Ausschussberatungen erwartungsvoll entgegen. – Vielen Dank.
Vielen Dank, Herr Kollege Bovermann. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der FDP der Kollege Lindner das Wort.
Frau Präsidentin, vielen Dank für das Wort! – Meine Damen und Herren! In den wenigsten Schulen gibt es gezielte Beratungen für die Schulabgänger, insbesondere nicht für die Abiturienten, über Studien- oder Berufswahl. Das führt gerade bei den Studienanfängern
nicht selten dazu, dass sie überrascht sind über die tatsächlichen Inhalte und die Anforderungen eines Hochschulstudiums und dass sich infolgedessen schnell Unzufriedenheit und Unsicherheit einstellen. Gleiches gilt für Berufsanfänger.
Da es zwischen den individuellen Vorstellungen und der Realität in vielen Fällen zu Diskrepanzen kommt, ist es fraglos wichtig, dass Schulabgänger im Vorfeld ausführlich über Studien- und Berufsinhalte, über -abläufe und -bedingungen informiert werden. Außerdem gibt es immer wieder Fälle, in denen an den eigentlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler vorbei studiert wird. Auch diesen Problemen könnte man durch Beratung und Analyse der Fähigkeiten vorbeugen.
Ich füge hinzu, dass auch die Studienfinanzierung in Zukunft ein wichtiges Feld der Information und Diskussion in gymnasialen Oberstufen sein wird. Ich füge das deshalb hinzu, weil wir uns gerade bei dem Tagesordnungspunkt Fragestunde darüber ausgetauscht haben.