Protocol of the Session on November 10, 2010

Es geht auch um den Punkt - das haben Sie gesagt; ich zitiere Sie -: Erfahrungen retten Kinderleben. - Das haben Sie kurz vor Schluss Ihrer Rede gesagt. Genau das ist eben die Frage: Muss man da wirklich solch einen Schnitt machen? - Wir diskutieren ja nicht darüber, dass wir 450 g, 600 g oder 700 g schwere Frühchen nicht in Zentren schicken wollen. Da ist kein Dissens zwischen uns. Da sind wir der Meinung, die Zentren müssen dafür bestmöglich ausgestattet sein. Aber bei allen anderen lässt sich darüber diskutieren: Warum ist es nicht auch in Aurich oder in Leer möglich, Frühgeburten zu betreuen?

(Norbert Böhlke [CDU]: Weil da zu wenig Frühchen sind! - Glocke des Präsidenten)

Ich komme zum Schluss; letzter Satz. - Dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen, sowohl bei der Ärzteschaft als auch bei den Eltern. Das nehmen Sie bitte einfach zur Kenntnis.

Für die CDU-Fraktion antwortet Frau Kollegin Mundlos. Bitte!

Herr Humke-Focks, höre ich da irgendwie Ansätze von Einsicht?

(Patrick-Marc Humke-Focks [LINKE]: Nee, nee, nee!)

Es gab zahlreiche Untersuchungen, die genau das, was jetzt passieren soll und hoffentlich auch passieren wird, als richtig und konsequent belegen. Wenn wir Kinder retten können, weil sie kompetent behandelt werden können, ist das allemal ein gutes Zeichen.

(Beifall bei der CDU)

Gestatten Sie mit zu guter Letzt einen Vergleich, der es möglicherweise nicht ganz trifft, der aber doch ein bisschen nachdenklich machen kann. Würden Sie ein Auto in eine Werkstatt geben, in der der Mechaniker nur ein- bis zweimal im Jahr ein Auto repariert?

(Gudrun Pieper [CDU]: Das ist ein Vergleich, der wunderbar passt, finde ich!)

Ich erteile jetzt der Frau Kollegin Helmhold von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen das Wort.

Vielen Dank, Herr Präsident.

„Das Schwierigste bei Frühgeborenen ist, vorauszusagen, was aus ihnen wird. Ganz sicher kann man das eigentlich nur, wenn sie in meinem Alter sind.“

Dieses Zitat stammt vom damals 98-jährigen finnischen Neonatalogen Arvo Yippö, der selbst als Frühchen zur Welt kam. Es hängt in vielen Frühgeborenen-Stationen.

Wie die Chancen der Frühstarter stehen, entscheidet sich in der Regel in den ersten Tagen nach ihrer Geburt. Darüber, ob diese Chancen davon abhängig sind, in welcher Klinik das Frühchen zur Welt kommt, läuft seit Jahren eine erbitterte Debatte. Die umstrittene These sieht einen evidenten Zusammenhang zwischen dem Behandlungserfolg bzw. minimierten Komplikationen und der Zahl der Behandlungsfälle. Entsprechend werden unter Berufung auf die Ergebnisqualität Mindestmengen gefordert oder verworfen.

Wie so oft sind die Studien nicht ganz eindeutig. Das hat etwas damit zu tun, dass das Untersuchungsvolumen und die Zeiträume mitunter nicht groß genug sind. Aber: Das IQWiG, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kommt zu dem Gesamtergebnis, dass die Untersuchungsdaten in der Gesamtschau der Mehrzahl der Publikationen bezüglich der Zielgröße Mortalität auf eine Risikoreduktion bei steigender Leistungsmenge hinweisen.

Für die Befürworter der Einführung von Mindestmengen ist die Sache klar: Erfahrung und Routine des gesamten Behandlungsteams - ausdrücklich nicht nur der Ärzte, sondern aller, die dazu gehören, auch z. B. der Pflegekräfte - lassen sich gerade bei der Behandlung von sehr unreifen Frühgeborenen nicht ersetzen.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Für diese Experten steht außer Zweifel, dass besonders kleine Frühchen am besten in großen

Stationen für Frühgeborene aufgehoben sind. Dort steht die beste technische Ausstattung zur Verfügung. Vor allem aber haben alle täglich mit den Winzlingen zu tun und wissen, worauf sie zu achten haben. Das ist ein Unterschied. Ich bin selbst Krankenschwester. Kleinste Veränderungen kriegt man nur mit, wenn man tagtäglich mit einer bestimmten Sache zu tun hat.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Professor Michael Obladen, der ehemalige Leiter der Neonatologie der Universitätsmedizin der Berliner Charité, fasst die Ergebnisse in seiner umfangreichen Untersuchung der wichtigsten Studien wie folgt zusammen - ich zitiere -:

„Die Literatur belegt nicht, dass die Ergebnisse umso besser werden, je größer ein Zentrum ist. … Die Literatur belegt aber ganz klar, dass es eine Untergrenze an Erfahrung gibt, unterhalb derer gute Ergebnisse bei sehr unreifen Frühgeborenen unwahrscheinlich werden. Dies gilt bei den Geburtskliniken für die jährliche Mindestzahl der Geburten und bei den Neonatologien für die jährliche Mindestzahl von sehr untergewichtigen Frühgeborenen.“

Das heißt, es ist nicht unbedingt wichtig, ob man 800 oder 1 000 Fälle behandelt. Es ist aber ein Unterschied, ob man 10, 30, 40 oder 50 behandelt. Zu diesem Ergebnis kam auch das Wissenschaftliche Institut der AOK.

(Glocke des Präsidenten)

Es hatte eine Studie veröffentlicht, in der es heißt, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen vermeidbaren Todesfällen und Mindestmengen gibt. Das heißt, es überleben umso mehr Kinder, je größer die Zahl der behandelten Frühchen in der Klinik ist.

Ähnliche Erfahrungen hat man auch im Ausland gemacht. Beispielhaft erwähnen möchte ich die großen Flächenländer Schweden und Finnland - Frau Mundlos hat es schon erwähnt - und übrigens auch Portugal. Zwischen 1990 und 2006 ist dort die Zahl der geburtsmedizinischen Kliniken von 200 auf 51 reduziert worden. Gleichzeitig sank dort die Säuglingssterblichkeit von 11 % auf 3 %. Das ist ein sehr eindeutiger Zusammenhang.

Der Antrag der Linken zielt ja besonders auf die Wohnortnähe ab. In Niedersachsen werden voraussichtlich sieben bis acht Kliniken das höchste Versorgungsniveau erreichen. Das heißt, nirgendwo werden wir Anfahrtswege von mehr als einer Stunde haben. Da diese Geburten in der Regel geplant sind, halte ich dies im Sinne der hoch spezialisierten Versorgung für zumutbar.

Zwar garantiert Quantität allein noch keine Qualität.

(Glocke des Präsidenten)

Sicher aber ist auch, meine Damen und Herren, dass Qualität ohne Quantität gar nicht möglich ist. Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, dass ein Krankenhaus z. B. künstliche Kniegelenke nur operieren darf, wenn eine Mindestzahl von 50 jährlich erreicht ist, dies für die Behandlung von Frühgeborenen aber nicht gelten soll. Ich bin davon überzeugt, dass die Eltern, die ein solches winziges und extrem unreifes Kind bekommen, alles tun würden und werden, um ihm die bestmögliche hoch spezialisierte Versorgung zu ermöglichen.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Frau Kollegin, kommen Sie bitte zum Schluss!

Ich bin davon überzeugt, dass Mindestmengen dazu beitragen.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Ich erteile der Kollegin Tiemann von der SPDFraktion das Wort.

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! „Sicherheit in der Medizin: Was können Mediziner von Piloten lernen?“ lautet die Überschrift einer Presseinformation von Herrn Dr. Simma, dem Leiter einer Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde in Österreich, zu der auch der Bereich der Neonatologie gehört. Es heißt dann in diesem Artikel:

„Sicherheit heißt nicht die Abwesenheit von Fehlern, sondern die Fähigkeit, mit Risiken und Gefahren umgehen zu können, um so Schäden zu

verhindern und trotzdem die geplanten Ziele zu erreichen. … Sicherheit, um Fehler zu vermeiden, ist auch das ständige Reproduzieren von Abläufen.“

So weit die Auszüge aus diesem Artikel.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bin keine unbedingte Anhängerin von Mindestzahlen, um das an dieser Stelle einmal zu betonen. Aber bei den immer stärker hoch spezialisierten Abläufen ist es umso wichtiger, diese Abläufe immer wieder zu reproduzieren. Das gilt auch für viele andere Bereiche der Medizin.

Im Antrag der Fraktion DIE LINKE geht es - wir haben es heute schon mehrfach gehört - um die Versorgung der Kleinsten der Kleinen, nämlich der zu früh Geborenen. Ich bin mir sicher, dass es unser aller Anliegen ist, diesen Kindern einen guten Start ins Leben zu bereiten.

(Beifall bei der SPD)

Über die Abhängigkeit von Mindestzahlen, die etwas über die Qualität aussagen, kann man sich vortrefflich streiten. Das haben wir gerade auch schon gemacht. Das tut im Übrigen die Fachwelt auch. Im Jahr 2005 hat es im Gemeinsamen Bundesausschuss eine große Debatte darüber gegeben. Man konnte sich aber nicht zu einer Entscheidung durchringen.

Zu jenem Zeitpunkt sind ein paar Studien zu diesem Thema erschienen. Ich möchte hier einmal zwei dieser Studien exemplarisch nennen: Dr. Norbert Teig hat 4 000 nordrhein-westfälische Datensätze aufgearbeitet und kam zu dem Ergebnis: In Kliniken mit hohen Fallzahlen liegt die Sterberate um 45 % niedriger als in Häusern mit weniger Fällen. - Dieses Ergebnis deckt sich auch mit der Analyse der Untersuchung des Wissenschaftlichen Institutes der AOK, die auf knapp 10 000 Patientinnen- und Patientendaten basiert. Sie kam zu genau dem gleichen Ergebnis.

Nun könnte man sich an dieser Stelle mit dem Hinweis darauf, dass das Land dafür gar nicht zuständig ist, aus der Debatte zurückziehen und verabschieden; denn die Mindestmengenregelung ist - das haben wir eben schon ausführlich gehört - eine Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses.

Meine Damen und Herren, meiner Fraktion ist es aber sehr wichtig, dass diese kleinen Menschenkinder, die zu einem sehr frühen Zeitpunkt auf die

Welt gekommen sind, eine exzellente medizinische Versorgung bekommen,

(Beifall bei der SPD)

damit erstens ihr Überleben gesichert werden kann und damit zweitens lebenslange Behinderungen möglichst vermieden werden können. Mindestmengen sind in fast allen medizinischen Bereichen umstritten. Aber sie sind zur Sicherheit von Mutter und Kind nach unserer Meinung durchaus sinnvoll.