Protocol of the Session on January 28, 2005

Meine Damen und Herren, notwendig ist eine gemeinsame konzertierte Aktion nicht nur in Niedersachsen, sondern bundesweit mit der Deutschen AIDS-Hilfe und der Niedersächsischen AIDS-Hilfe. - Danke.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD)

Meine Damen und Herren, weitere Wortmeldungen liegen nicht vor.

Wir kommen zur Ausschussüberweisung. Federführend soll sich der Ausschuss für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit und mitberatend sollen sich der Unterausschuss „Justizvollzug und Straffälligenhilfe“, der Ausschuss für Rechts- und Verfassungsfragen sowie der Ausschuss für Haushalt und Finanzen mit diesem Antrag befassen. Wer dem zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. - Gibt es Gegenstimmen? - Gibt es Stimmenthaltungen? - Das ist nicht der Fall. Dann ist das so beschlossen.

Wir kommen jetzt zum

Tagesordnungspunkt 35: Erste Beratung: Praxisnahe und schulformbezogene Lehramtsausbildung - Antrag der Fraktionen der CDU und der FDP - Drs. 15/1621

Eingebracht wird dieser Antrag von der Abgeordneten Bertholdes-Sandrock. Ich erteile ihr das Wort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der vorliegende Antrag „Praxisnahe und schulformbezogene Lehramtsausbildung“ von CDU und FDP markiert einen

weiteren Meilenstein niedersächsischer Bildungspolitik, und zwar in zweifacher Hinsicht:

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

zum einen hinsichtlich der Entwicklung des Hochschulwesens innerhalb des Bologna-Prozesses und zum anderen auch als Meilenstein auf dem Weg zur Qualitätsschule in Niedersachsen.

Zunächst zur Bedeutung für das Hochschulwesen. Es ist natürlich völlig klar, dass dem Wegfall politischer und wirtschaftlicher Grenzen ein freier Zugang auf den Arbeitsmärkten in Europa folgen muss. Damit Hochschulabschlüsse international anerkannt werden können, müssen sie natürlich vergleichbar sein. Entsprechend den Vereinbarungen von Bologna - davon war in diesem Hause mehrfach die Rede - wird das Hochschulsystem auf Bachelor- und Master-Abschlüsse umgestellt.

Dazu gehört der Aufbau der Studiengänge in so genannten Modulen - das sind inhaltlich abgeschlossene Einheiten -, der Erwerb von Kreditpunkten und studienbegleitende Prüfungen, die im Endeffekt das Examen entlasten. Das, was bei den Modulen neu ist und mir wesentlich erscheint, ist die Tatsache, dass diese Module aus der Lehrerausbildung gleichzeitig für die Lehrerfortbildung genutzt werden sollen. Man kann damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen; das ist klar: Die Erkenntnisse der Wissenschaft gelangen schneller in die Schulen, und die Erfahrungen aus der Berufspraxis kommen so auch in die Hochschulen. Deswegen sieht der Antrag vor, dass die Zusammenarbeit von Schule und Hochschule festgeschrieben wird.

Von besonderer Bedeutung ist die Reform der Lehramtsausbildung natürlich für die Schule selbst. Kernstück von Schule ist das Unterrichten. Der Lehrer nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein und hat eine große Verantwortung für die Qualität der Bildungsprozesse. Insofern ist völlig klar, dass die Lehramtsausbildung jetzt in den Blickwinkel der Schulreform gerät. Die Frage, die sich dann natürlich stellt, ist: War die bisherige Lehramtsausbildung schlecht? - Das war sie nicht. Die Lehrer in Deutschland hatten eine gute Ausbildung und leisten gute Arbeit. Aber die gesellschaftlichen und internationalen Bedingungen - ich sprach vorhin vom Öffnungsprozess in Europa - haben sich dramatisch verändert. Da ist es mehr als recht und billig, wenn bei der Lehramtsausbildung darauf reagiert wird.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Auch sind die Erwartungen an Schule mächtig gestiegen. Auch damit hat sich die Lehramtsausbildung auseinander zu setzen, allerdings - das sage ich ganz deutlich - ohne die Schule in die Rolle des Reparaturbetriebs für die gesamte Gesellschaft zu drücken.

Außerdem - ich denke, das ist jedem in diesem Haus bekannt - kommt der Ruf nach Veränderung der Lehramtsausbildung auch aus den Schulen selbst. Viele Lehrer, Berufseinsteiger insbesondere, fühlen sich dem Arbeitsalltag im Schulleben oft nicht gewachsen. Gerade die Berufseinsteiger empfinden die Praxis als einen Schock. Wir wissen, dass diesem Sprung ins kalte Wasser nicht bei jedem das Freischwimmen folgt, sondern dass viele im Grunde auf Dauer Schwierigkeiten haben. Deshalb ist es wichtig, dass mehr Anteile an Praxis Eingang in die Lehramtsausbildung finden.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Dabei geht es aber nicht bloß um ein zusätzliches Mehr an Praxis, sondern es geht - das scheint uns auch aufgrund von Gesprächen mit Praktikern wesentlich - um einen anderen Umgang mit dieser Praxis. Einerseits muss die Praxis stärker reflektiert werden. Was hat man da überhaupt erlebt? Umgekehrt muss die dann daraus gebildete Theorie - das klingt jetzt theoretisch, ist aber sehr nötig mehr in die Praxis eingehen. Uns geht es also insgesamt darum, dass wir ein professionelleres Instrumentarium entwickeln, das Lehrerinnen und Lehrer befähigt, dem Schulalltag auch auf Dauer gewachsen zu sein.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Für den, der schon relativ früh das Gefühl hatte, dass er dem vielleicht doch nicht so gewachsen ist - er will nicht, er kann nicht; wie auch immer -, war es bisher außerordentlich schwierig, die Lehramtsausbildung zu verlassen und in einen anderen Studiengang zu wechseln. Durch eine breiter angelegte Ausbildung, die wir ausdrücklich anstreben, soll dieser Wechsel eher ermöglicht werden. Möglicherweise verringert sich dadurch die Zahl der Studienabbrecher.

Das Wichtigste für die Veränderung der Lehramtsausbildung ist in diesem Zusammenhang aber ein gewandeltes Verständnis von Schule. Wenn wir von der eigenverantwortlichen Schule sprechen, die ihre eigenen Programme und eigene

Profile entwickelt, die selbst die Verantwortung für die Qualität der Lernprozesse in der Schule übernimmt, so ist eigentlich auch klar, dass bei den Lehrerinnen und Lehrern, die in einer solchen Schule arbeiten, ein verändertes Verständnis von Kooperationsbereitschaft, eine veränderte Fähigkeit zur Kooperation vorhanden sein muss; denn man ist ja dann für alles verantwortlich und nicht nur, wie in der Vergangenheit, für den eigenen Unterricht. Das erscheint mir als sehr wesentlich.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Ferner - da bekomme ich vielleicht auch ein bisschen Zustimmung von der anderen Seite des Hauses - wollen wir in der Schule eine stärkere individuelle Förderung von Schülern, und zwar von stärkeren und schwächeren. Man denke an die individuellen Förderpläne, die diese Landesregierung jetzt auf den Weg bringt.

(Wolfgang Wulf [SPD]: Das war unse- re Idee!)

- Warum sollen Sie nicht auch eine gute Idee haben?

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Wenn man diese stärkere individuelle Förderung denn will und auch wirklich beherrschen können will, dann braucht man dazu eine bessere Diagnosefähigkeit. Das heißt, die Lehrerinnen und Lehrer, die diese Förderung betreiben, müssen Fragen stellen und natürlich auch die entsprechenden Antworten geben können: Was kann ein Schüler, der vor einem sitzt, wirklich? Wo soll er hin? Was sind die Mittel für diesen Schüler? Vielleicht geht es aber auch um die Frage: Was ist für ihn dann nicht mehr zumutbar? - Solche Fähigkeiten muss man natürlich in der Lehramtsausbildung entwickeln.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Gerade in diesem Zusammenhang ist bei Lehrerinnen und Lehrern insgesamt mehr Beratungskompetenz gefragt. Das ist nicht nur im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern wichtig, sondern auch mit den Eltern. Ich erinnere daran, dass wir nicht ohne Grund die Beratungspflicht der Schule gegenüber der Eltern in das Schulgesetz aufgenommen haben. Ich denke, dieser Anspruch kann auch Eingang in eine veränderte Lehrerausbildung finden.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Ich möchte in diesem Zusammenhang ausdrücklich betonen, dass die Lehramtsausbildung schulformbezogen sein muss.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Zumindest muss sie für uns schulformbezogen sein, die wir sagen, dass die Gliederung des Schulwesens in verschiedene Schulformen die angemessene Förderung für alle ist. Insofern schlägt sich das hier nieder.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Selbstverständlich haben auch vor dem Hintergrund von PISA ganz bestimmte Ansprüche und Erwartungen Eingang in die Überlegungen zur Lehramtsausbildung gefunden. Wenn wir Bildungsstandards entwickeln, die man erreichen muss, dann muss sowohl das als auch die Fähigkeit, dorthin zu gelangen, Eingang in die Lehramtsausbildung finden.

Wir wollen - das scheint mir ein wichtiger neuer Anspruch des Kultusministers zu sein - bei der Leistungsbewertung - Sie gestatten diesen Ausdruck - zu einer eher output-orientierten Beurteilung kommen, d. h. zu einer Beurteilung der Leistung vom Ende her, also von dem her, was der Schüler kann, und weg von der eher inputorientierten Betrachtung, nämlich vom Lehrer her nach dem Motto: Was hat der Lehrer gemacht? Wenn man eine solche veränderte Sichtweise von Leistung hat, dann ist es selbstverständlich, dass die Fähigkeit dazu natürlich auch in der Lehramtsausbildung erworben werden muss.

In diesem Zusammenhang ist etwas ganz wichtig, was ich nennen möchte: der vermehrte Anspruch an Modernität im Unterricht. Nun ist „modern“ ein vager Begriff. Ich will nur zwei Gesichtspunkte nennen, die ich für wirklich zukunftsweisend halte.

(Unruhe - Glocke des Präsidenten)

Ist die Sprechstunde beendet?

Das eine ist die Notwendigkeit für Schülerinnen und Schüler, für ein lebenslanges Lernen gerüstet zu sein. Wer das während seines ganzen Lebens beherrschen will, muss bereits in der Schule dahin gekommen sein, dass er seine Lernprozesse ei

genverantwortlich und selbstständig organisiert und nicht nur konsumiert.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Damit Schülerinnen und Schüler aber genau dies beherrschen, muss es ihnen beigebracht werden. Wer es beibringen soll, muss es natürlich auch selbst gelernt haben. Hier ist ein sehr starker Anspruch an Veränderung im System der Lehrerausbildung.

Außerdem denke ich mir - das als Zweites zum Begriff der Modernität -, dass wir insgesamt noch wesentlich anschaulichere Formen von Unterricht haben müssen. Das wissen doch Sie alle, ob Sie nun Eltern sind oder aus der Lehramtspraxis kommen: Schülerinnen und Schüler hören nicht einfach deshalb dem Lehrer zu oder machen im Unterricht mit, weil gerade Unterricht ist, sondern sie müssen schon irgendwie gepackt und mitgezogen werden. Und genau diese Fähigkeit zu motivierendem Lernen und zu motiviertem Lernen müssen Lehrerinnen und Lehrer verstärkt haben. Wir brauchen also insgesamt deutlich mehr Professionalität.

(Zustimmung von Ursula Körtner [CDU])

Konsequenterweise müssen wir, wenn wir „mehr Professionalität“ sagen, dies nicht nur für die Lehramtspraxis, sondern auch - breiter angelegt gerade im Grundstudium - für andere Berufe nutzbar machen. Konsequenterweise müssen wir ferner sagen, dass die Praktika auch außerhalb des Praktikumsortes Schule stattfinden müssen, und zwar zum Teil in ganz anderen Berufen.

(Zustimmung bei der CDU)

Eines ist wichtig: Der Zirkel „Schule - Hochschule Schule“ muss zugunsten anderer, auch sehr interessanter und notwendiger Schnittstellen durchbrochen werden, z. B. der Wirtschaft.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)