Protocol of the Session on March 8, 2006

Hier gibt es natürlich Eingriffsmöglichkeiten auch auf politischer Seite.

Trotzdem – wenn man sich andere Zahlen anschaut – wirkt dies fast noch harmlos. Wenn wir in den Bereich der Grund- und Hauptschulen gehen, da gibt es 73,8 % Lehrerinnen, demgegenüber 26,2 % Lehrer. In den Schulleitungen sind es allerdings nur 31 % Frauen und 68,9 % Männer. Bei den Realschulen ist das Verhältnis zwischen Lehrerinnen und Lehrern nahezu ausgewogen. In Leitungspositionen sind allerdings nur 11,4 % Frauen zu fi nden.

Besonders krass wird es, wenn man sich die Ärztinnen in den bayerischen Krankenhäusern anschaut: 34,8 % Ärztinnen, in Leitungspositionen gerade noch 5,6 %.

Nun zu dem Bereich, auf den wir selbst Einfl uss haben, das ist der Bayerische Landtag. Liebe Kolleginnen und Kollegen der CSU, da versaut ihr den GRÜNEN und der SPD ordentlich den Schnitt: 124 MdL und nur 24 Frauen. Das ist eine richtig erbärmliche Zahl.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Mit anführen möchte ich hier die Lage bei den Oberbürgermeistern: 25 Oberbürgermeistern stehen nur drei Frauen gegenüber, 71 Landräten ebenfalls drei Frauen. Es ist Aufgabe der Politik, diese Verhältnisse zu ändern.

(Zurufe von der CSU – Gegenrufe von der SPD – Allgemeine Unruhe)

Folglich: Wir brauchen das noch. Wir wollen Arbeitsverhältnisse mit existenzsichernden Einkommen.

Ach, Herr Weidenbusch, gut sein lassen, ja?

(Zurufe von der CSU)

Wir wollen einen Mindestlohn, der deutlich über der Armutsgrenze liegt.

Erst einmal zuhören, wir können nachher darüber reden!

Wir wollen gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Wir wollen die fl ächendeckende Schaffung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder aller Altersstufen. Wir wollen nicht nur die Hälfte des Himmels, sondern auch die Hälfte Bayerns. Und seien Sie versichert, meine Herren, wir arbeiten daran!

(Beifall bei der SPD – Zurufe von der CSU: Och!)

Nächste Wortmeldung: Frau Kollegin Dodell, bitte. Sie hat ebenfalls zehn Minuten Redezeit.

(Zurufe von der CSU)

Verehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist schon sehr interessant, dass sich die SPD-Frauen jetzt um das Leitbild im CSUGrundsatzprogramm Sorgen machen.

(Beifall bei Abgeordneten der CSU)

Aber ich kann Ihnen versichern, liebe Kolleginnen und Kollegen: Wir werden das Leitbild zu „Ehe und Familie“ in unserem Grundsatzprogramm nicht verändern, aber wir werden auch die Realitäten beschreiben und anerkennen und beides miteinander verknüpfen.

(Beifall bei der CSU – Zurufe von der SPD)

Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.

Wie es nicht anders zu erwarten war, haben Sie alles aufgelistet, was Frauen zunächst einmal noch nicht erreicht haben. Sie sehen das Glas halbleer, und ich sage Ihnen: Wir sehen das Glas mindestens halbvoll. Frauen haben in den letzten 100 Jahren sehr viel erreicht

(Johanna Werner-Muggendorfer (SPD): Jetzt müssen Sie schon in 100 Jahren denken!)

und sich eine gute, durchaus gleichberechtigte Stellung in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft erkämpft.

(Zurufe von der SPD)

Ging es vor 100 Jahren noch überwiegend darum, dass Frauen das Wahlrecht bekommen, und ging es in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts um die Gleichberechtigung, geht es doch heute, im 21. Jahrhundert, darum, in einer wirklichen Gleichberechtigung die Rollenbilder von Männern und Frauen neu zu defi nieren und eine neue Balance der Partnerschaft auf allen Feldern der Gesellschaft zu fi nden.

Die Lebenswelten und das Selbstbild der Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr stark gewandelt. Hauptursache dafür ist vor allem auch die gute Bildung und Ausbildung von Frauen, womit sich die Ansicht von Nelson Mandela bestätigt, der gesagt hat: „Bildung ist die stärkste Waffe, mit der wir die Welt verändern können.“ Das gilt natürlich auch für die Frauen.

Noch nie gab es so viele gut ausgebildete junge Frauen wie heute. Wir hatten 1910 einen Abiturientinnenanteil von 10 % und haben heute bei der Hochschulzugangsberechtigung einen Frauenanteil von fast 55 %, noch dazu mit besseren Abschlüssen. Die Frauen sind besser. Sie haben sie selber genannt, Frau Rupp; die Zahlen der Promotionen und Habilitationen brauche ich nicht zu wiederholen. Wir haben bei den Studentinnen weniger Studienabbrüche. Männerdomänen wie Jura werden zum Beispiel von den Mädchen erobert. Das gilt übrigens nicht nur bei uns, sondern auf der ganzen Welt. Auch im Iran beispielsweise liegt die Studentinnenquote bei 60 %.

Aber es ist richtig, was Sie sagen, und darin stimmen wir sicher überein: Die Zahl der Professorinnen ist deutlich verbesserungswürdig. Das ist viel zu wenig. Deswegen freue ich mich auch, dass wir jetzt mit dem neuen Hochschulgesetz die Frauenförderung in die Zielvereinbarungen mit den Universitäten mit einbringen.

(Adelheid Rupp (SPD): Das steht nicht im Gesetz!)

Ich kann mir schon vorstellen, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind, um das zu verbessern.

Der weibliche Einfl uss wächst in allen Bereichen, auch bei der Berufstätigkeit. Wir haben eine massive Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen, wie im Übrigen auf allen Kontinenten. Das hat sich von 1970 bis heute verdoppelt. In Bayern sind über 63 % der Frauen berufstätig.

Viele Frauen sind Unternehmerinnen. Ein Drittel der Firmenneugründungen wird von Frauen getätigt. Ein besonders gutes Beispiel habe ich heute bei mir in der Heimatzeitung erlebt, in der Unternehmerinnen eine ganze Seite mit Anzeigen gestaltet und dargestellt haben, wie erfolgreich sie sind.

Das Einkommen gleicht sich langsam an. Ich weiß, dass wir hier noch Einiges zu tun haben; da stimme ich Ihnen zu. In 20 % der Doppelverdiener-Haushalte verdient die Frau mehr als der Mann, in 50 % ebenso viel wie der Mann. Die Entwicklung in den letzten zehn Jahren zeigt: Wir haben auch mehr Frauen im Spitzenmanagement.

(Adelheid Rupp (SPD): 11 % sind es nur bei über 4500 Euro Einkommen!)

Allerdings ist es im europäischen Ausland mehr als bei uns. Auch hier haben wir einen Nachholbedarf.

Aber es ist natürlich schon auch klar, dass die Frauen, die sich für Beruf und Familie entscheiden, bei den Spitzen

positionen möglicherweise zögern, weil sie wissen, dass das schwierig ist. Frauen zögern häufi g auch, Spitzenpositionen zu übernehmen – darüber habe ich neulich einen interessanten Bericht gelesen, weil sie stärker refl ektieren, dass in Führungsetagen oft eine eisige oder einsame Arbeitsatmosphäre vorhanden ist. Da fragt man sich dann auch, ob man das letztendlich will oder nicht. Es sind viele Elemente, die hier eine Rolle spielen.

Wir haben einen wachsenden Einfl uss der Frauen in Kultur und Medien und auch in der Politik. Liebe Frau Kollegin Rupp, dass ausgerechnet die Union jetzt die erste Bundeskanzlerin dieser Republik hervorgebracht hat, erfüllt uns mit Stolz.

(Beifall bei der CSU – Zurufe von der SPD: Ach!)

Und das Ganze noch dazu ohne Quote. Ich kann mir schon vorstellen, dass Sie das wurmt. Im Übrigen fi nde ich den Tipp, den Angela Merkel heute über die „Bild“Zeitung den Frauen gibt, sehr gut: „immer der eigenen Intuition zu folgen“. Ich bin damit immer sehr gut gefahren.

Insgesamt können wir sagen: Der erfolgreiche und einfl ussreiche Trend für die Frauen setzt sich fort. Das neue Bildungsgefälle, das wir haben – mehr Abiturientinnen, mehr Studentinnen – und die demographische Entwicklung, die uns bescheren wird, dass wir einen Fachkräftemangel und Rückgang von 25 bis 30 % haben werden, führen dazu, dass die Wirtschaft die Frauen noch sehr viel stärker als bisher in den Arbeitsprozess einbeziehen wird. Es kommt ja auch hinzu, dass Männerjobs in der Industrie immer schneller wegfallen und für die neuen Jobs des Wissenszeitalters gerne Frauen bevorzugt werden, weil sie in den Bereichen Kommunikation und soziale Kompetenz sehr oft stärker sind.

Frauen haben heute alle Chancen, die sie ergreifen können. Früher war der Weg oft einseitig vorgezeichnet, auf die Rolle als Hausfrau und Mutter beschränkt. Heute stehen unterschiedlichste Lebensentwürfe und Lebensentscheidungen allen Frauen offen, ob Beruf und Karriere, ob Familie und Erwerbstätigkeit, Familie pur – und das als Single, Partnerin oder Ehefrau, ganz wie es beliebt. Ich denke, dass wir hier auf einem guten Weg sind.

Für die Zukunft gibt es viele Herausforderungen, auch für uns Frauen: Globalisierung, demographische Entwicklung; Frauen müssen sich aktiv in die Gestaltung des Wandels einbringen und einbringen können. Damit das gelingt, sind aus meiner bzw. unserer Sicht schon noch einige Dinge notwendig. Ich will einige Punkte nennen.

Das wichtigste Anliegen ist mir, dass unsere Gesellschaft, die Politik, aber auch wir Frauen selbst, lernen müssen, nicht ständig die Lebensentscheidungen anderer Frauen zu kritisieren, zu bewerten oder mit erhobenem Zeigefi nger zu betrachten.

(Beifall bei Abgeordneten der CSU)

Die CSU nimmt sehr wohl zur Kenntnis, dass sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft gewandelt hat, und sie wird dem auch Rechnung tragen.

(Zuruf von den GRÜNEN)

Ich höre doch in vielen Diskussionen immer wieder: Ach, du hast dich für Karriere und Beruf entschieden, warum hast du keine Kinder? Oder ich höre, wenn sich die Mutter entscheidet, bei den Kindern zu Hause zu bleiben: Ja, sie ist das Heimchen am Herd!

Oder ich höre, wenn sich jemand für den Beruf und die Erwerbstätigkeit entscheidet: Na, das kann nur eine Rabenmutter sein.

(Zurufe von der SPD)