(Unruhe - Glocke des Präsidenten - Herr Gallert, DIE LINKE: Wer macht in der CDU- Fraktion eigentlich die Arbeit? - Lachen und Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN)
Wir haben nämlich gefragt: Wie hoch ist bei Ihnen die Jugendarbeitslosigkeit? - Na klar, da kann man lachen.
Dazu ist gesagt worden: Na ja, zwischen 20 und 25 %. Daraufhin - Sie werden sich erinnern; den Namen will ich jetzt aus Datenschutzgründen nicht nennen - hat uns jemand gesagt, der von der Sache auch Ahnung hat: Das sind die offiziellen Zahlen. Eigentlich sind wir bei über 30 %.
Nun meine Frage: Ist ein Weg ohne Leistungsabforderung der Weg, den wir in Deutschland gehen wollen?
Danke, Herr Weigelt. Ich danke Ihnen für diese Frage. - Wir führen heute keine Debatte über das duale System. Wir müssten jetzt anfangen, über das duale System zu debattieren, weil das unser guter deutscher Weg ist, der uns in der Tat vor Jugendarbeitslosigkeitsraten schützt, wie wir sie in Irland und in Spanien haben. Daran sollten wir auch nicht rütteln. Im dualen System können wir optimieren. Dazu hätten wir auch Vorschläge. Dazu können wir gern auch einmal eine Debatte führen.
Aber, Herr Weigelt, eines will ich auch noch sagen: Ich glaube nicht, dass Bildung zur Faulheit erzieht.
Ganz eifrig und ganz fleißig kommt jetzt die Kollegin Reinecke nach vorn und hält bitte ihren Debattenbeitrag.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich bin in der Tat gespannt, wie sich die Diskussion dann im Ausschuss weiter gestalten wird, nachdem hier schon so viele Nebenschauplätze aufgemacht werden.
Festzustellen ist doch an dieser Stelle, dass sich die Bildungsforscher Deutschlands sehr schnell auf eine Formel geeinigt haben. Nachdem wir nämlich die Ergebnisse der Leistungsvergleiche wie der Pisa-Studie erfahren haben, wissen wir: Sie stellten fest - ich denke, das ist auch auf einer wissenschaftlichen Grundlage geschehen -, dass Sitzenbleiben einfach zu viel koste, zu wenig bringe und ökonomisch auch kaum vertretbar sei.
Das haben wir an der Stelle auch zur Kenntnis zu nehmen, ob es uns schmeckt oder nicht. An dieser Stelle kommen wir um diese Feststellung nicht umhin. Daher bin ich für diesen Antrag recht dankbar.
Wir haben auch gehört, dass Bildungsökonomen Berechnungen darüber angestellt haben, wie viel es dem Bildungssystem kostet. Dies sind Kosten, die man auch umsteuern kann und umsteuern muss, um diese Problematik gut lösen zu können.
Denn eine Verbesserung der Leistungen ergibt sich durch das Sitzenbleiben in den meisten Fällen eben nicht. Deshalb wird das Sitzenbleiben in vielen Bundesländern aus den Handlungsoptionen der Pädagogik zunehmend verbannt. Es ist legitim, dass auch Sachsen-Anhalt darüber nachdenkt.
Obwohl eine Mehrheit der Bürger und auch viele Lehrer nach wie vor immer noch glauben, dass das Sitzenbleiben nützlich und sinnvoll ist, können sich die meisten das Szenario einer Schule ohne Sitzenbleiben in der Tat vorstellen, auch in Sachsen-Anhalt. Auf ein Beispiel würde ich nachher noch eingehen wollen.
Dennoch sollten wir auch Folgendes in Betracht ziehen: Pädagogen melden Zweifel an, ob man Kindern einen Gefallen damit tut, sie trotz schlechter Noten, also Vieren oder Fünfen auf dem Zeugnis, in die nächste Klasse zu retten. Was passiert danach mit den einzelnen Schülern und mit dem Rest der Klasse? Der Wegfall des Sitzenbleibens verunsichert in der Tat nicht nur die Lehrer, denen man ihr vermeintlich letztes starkes Druckmittel aus der Hand reißt; es verunsichert vor allem auch die Schüler und deren Eltern.
Schlechte Leistungen haben oft auch mit einem problematischen Sozialverhalten zu tun. Wir kennen die Schilderungen von Einzelfällen. In solchen Fällen ist das Sitzenbleiben nicht immer das geeignete Erziehungsmittel. Dies wurde an dieser Stelle bereits mehrfach genannt und eingeräumt.
Das Sitzenbleiben führt zum Beispiel dazu, dass in Sachsen-Anhalt mehr Jungen als Mädchen sitzenblieben. Im Schuljahr 2010/2011 betrug die Anzahl der sitzengebliebenen Jungen 2 085. Demgegenüber blieben jedoch nur 1 415 Mädchen sitzen. Es blieben als fast 1,5-mal mehr Jungen als Mädchen sitzen. Es ist eine pädagogische Alltagserfahrung, dass wir in der Phase der Pubertät vor allem die Jungen verlieren.
Deshalb fordern gute Pädagogen Folgendes: Entscheidend ist, dass es auf die Motivation ankommt, also darauf, dass die Schüler von sich aus lernen wollen. Die einzelnen Fächer müssen leuchten und glänzen, damit man die Schüler bekommt, also sie für den Unterrichtsstoff begeistert. Schule muss aber auch mehr sein als Unterricht, nämlich eine Gemeinschaft, ein großes Ganzes. Hierauf sind wir in der gestrigen Diskussion bereits eingegangen.
Wer dazu gehören will, der tut auch etwas dafür. Gute Lehrkräfte setzen auf eine zugewandte Pädagogik und nicht unbedingt auf Druck. Eine gute Beziehung zu den Schülern, gerade zu den leistungsschwächeren Schülern, schafft ganz andere Verbindlichkeiten. Es muss den Schülern peinlich sein, die Hausaufgaben nicht zu machen oder den Test wieder zu vermasseln. Das wirkt viel besser und unmittelbarer als das erst einmal in die Ferne gestellte Schreckgespenst des Nichtversetzens, der Höchststrafe oder des Schusses vor den Bug - wie es vorhin bezeichnet wurde.
Das Sitzenbleiben hat auch eine psychosoziale Seite, nämlich in Form von Versagungserfahrungen und auch von Beschämung. Jeder Pädagoge in diesem Raum weiß, dass man Schüler nicht beschämen darf.
Das ist an dieser Stelle auch wichtig. Wer beschämt wird, fühlt sich in seinem Selbstwert nicht wahrgenommen.
- Ja, so ist das Leben. Das Leben wird man sicherlich auch kennenlernen. Aber auch im Erwachsenenalter geht es darum, die Menschen nicht zu beschämen und bloßzustellen. Denn damit kommen wir nicht weiter. Dadurch entstehen Konflikte.
In den Lehrerzimmern darf keine Hilflosigkeit entstehen. Im Falle einer Abschaffung des Sitzenbleibens muss es also auch darum gehen, Lehrer auf diesen Prozess gut vorzubereiten. Es wird notwendig sein, Fortbildungen im Umgang mit diesem Thema noch weiter auszubauen und anzubieten.
wurde vorhin angefragt, wie viele Schulen das Nicht-Sitzenbleiben bereits praktizieren. Ich möchte dazu die „Volksstimme“ zitieren. Darin wurde ein Gespräch mit Herrn Helmut Thiel veröffentlicht. Viele kennen Herrn Thiel; er ist der Schulleiter der Schule, die mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, nämlich die Gutenberg-Sekundarschule in Wolmirstedt.
Nach Meinung von Herrn Thiel steht an erster Stelle die individuelle Förderung der Schüler mit Leistungsschwächen. Allerdings sei auch das Wiederholen von Klassen kein Tabu, allerdings nur dann, wenn auch der Schüler davon überzeugt sei, dass das Wiederholen einer Klasse für ihn etwas bringe.
Also, es sind interessante Ansätze. Der Schüler wird ernst genommen als Mitgestalter seiner eigenen Bildungsbiografie, auch in schwierigen Situationen. Von uns, den Bildungspolitikern, sind dazu entsprechende flexible Rahmenbedingungen zu schaffen.
Um dies allumfassend zu beraten, lassen Sie uns den Antrag der Fraktion DIE LINKE in den Ausschuss für Bildung und Kultur überweisen. Namens meiner Fraktion möchte ich der Überweisung zustimmen. - Vielen Dank.
Vielen Dank, Frau Reinecke. - Für Fraktion DIE LINKE könnte Frau Koch-Kupfer noch einmal sprechen. - Das wird sie tun.
Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Ich verstehe außerordentlich gut, dass die Vorstellung von einem Unterricht ohne Sitzenbleiben und in großer Heterogenität das Vorstellungsvermögen vieler im Raum arg strapaziert.
Meine liebe Kolleginnen Frau Professor Dalbert und Frau Reinecke haben noch einmal darauf hingewiesen, dass es großer Veränderungsprozesse bedarf. Diese müssen wir endlich anschieben. Wer sehen möchte, wie Schule von morgen funktioniert, der sollte wirklich einmal nach Wolmirstedt fahren und sich angucken, wie dort die Schüler miteinander umgehen.
(Frau Brakebusch, CDU: Bei der Orientie- rungsstufe hatten wir so etwas schon ein- mal; die Erfahrung haben wir gemacht!)
- Ich glaube, zwischen der Art des Unterrichtens, die in Wolmirstedt praktiziert wird, und dem, was damals in der Orientierungsstufe gängige Praxis war, liegen Welten. Dabei spreche ich aus Erfahrung.
Natürlich ist das ein sehr großer Prozess. Wir sind einfach zu eingeengt in unserem Verständnis von Fördern. Fördern heißt nicht, dass wir uns allein auf die Förderbedürftigen konzentrieren. Vielmehr würden alle Schüler von einer solchen neuen Lernkultur profitieren. Auch das sollte es uns wert sein, die Sache zu unterstützen.