Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lieber Martin Habersaat, wir machen keine Wortklauberei, sondern wir kümmern uns um Inhalte. Das ist das Wichtige in diesem Themenfeld.
Alle Schülerinnen und Schüler sind unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status so zu fördern, dass für alle Kinder und für alle Jugendliche ein bestmöglicher Lern- und Bildungserfolg gesichert ist. Das ist Leitlinie einer auf Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit zielenden Bildungspolitik.
Mit diesen Worten beginnt die Vereinbarung einer gemeinsamen Initiative von Bund und Ländern zur Förderung leistungsstarker und potenziell besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler vom November 2016. Die Kultusministerkonferenz sagt auch, dass der Schlüssel für den Bildungserfolg in einem möglichst frühen Erkennen der Potenziale und in einer individuellen Förderung aller Schülerinnen und Schüler liegt. Dies trifft auf alle Schülerinnen und Schüler zu, natürlich auch auf die leistungsstarken und potenziell sehr leistungsfähigen Schülerinnen und Schüler. Inhaltlich steht es genau so auch in unserem Jamaika-Koalitionsvertrag. Wir sind hier also bildungspolitisch voll auf der Höhe der Zeit.
Wen betrifft diese Initiative? Was läuft bei uns im Land schon? Was kann noch besser werden? Immerhin gut 2 % der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs gelten als hochbegabt, und weitere 20 % werden als leistungsstark oder potenziell besonders leistungsfähig betrachtet.
Holstein oft ziemlich gute Ergebnisse erzielt. Es hat sich gezeigt, dass es uns immer besser gelingt, die schwächeren Schülerinnen und Schüler zu fördern. Das ist eine gute und wichtige Entwicklung. Auch auf diesem Gebiet werden wir unsere Anstrengungen weiter verstärken.
In der Leistungsspitze haben wir auch gute Leistungen erreicht, aber wir müssen feststellen, dass die Gruppe im internationalen Vergleich nicht größer und nicht besser wird. Da wollen wir nachlegen. Das Thema der besonders begabten und leistungsstarken Schülerinnen und Schüler hat uns auch in der Küstenkoalition beschäftigt. Wir haben zu Beginn dieses Jahres einen ausführlichen Bericht der damaligen Bildungsministerin Britta Ernst dazu diskutiert. In dem Bericht wurde klar, dass SchleswigHolstein bereits eine große Zahl von schulischen und außerschulischen Projekten, Programmen und Initiativen unterstützt, damit sich Talente und Begabungen entfalten können.
Zuerst einmal: Basis einer guten Förderung ist guter Unterricht mit einer ausreichenden Zahl von gut ausgebildeten Lehrkräften. Dazu haben wir mit dem aktuellen Lehrerbildungsgesetz gute Voraussetzungen geschaffen.
Zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Begabungen gibt es in Schleswig-Holstein 17 Kompetenzzentren zur Begabtenförderung an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen. Es gibt 48 SHiB-Schulen, die sich besonders der Begabtenförderung widmen. Hier sind alle allgemeinbildenden Schularten vertreten. Um besondere Begabungen möglichst frühzeitig zu erkennen und den Übergang von der Kita in die Schule optimal zu gestalten, gibt es außerdem Kompetenzzentren, in denen Kitas und Grundschulen gemeinsam arbeiten, um den Übergang in die Schule optimal zu gestalten.
Außerdem haben wir zehn Enrichment-Verbünde. Dort haben sich Schulen regional zusammengeschlossen, um als Stützpunktschulen ein Kursangebot an Nachmittagen oder am Wochenende anzubieten. Ich war vor einiger Zeit beim Präsentationstag eines Verbundes in Elmshorn. Dort können
Schülerinnen und Schüler in vielen Bereichen ihre Begabungen zeigen; im naturwissenschaftlichen, sprachlichen wie auch im künstlerisch-kreativen Bereich. Es ist wirklich großartig, mit welchem Engagement die Schülerinnen und Schüler dort ihre tollen Projekte und Forschungsergebnisse vorstellen. Man spürt förmlich, wie sie mit diesen Angeboten auch in ihrer Persönlichkeit wachsen.
Es gibt viele weitere inner- und außerschulische Modelle zur Förderung der besonders begabten und leistungsstarken Kinder und Jugendlichen. Wir sind in Schleswig-Holstein also schon gut davor, und viele unserer Maßnahmen sind auch in der KMKInitiative enthalten. Aber wir wollen noch besser werden.
Deshalb bitten wir die Landesregierung, zu prüfen, was gut läuft und was verändert werden muss, und ein weiterentwickeltes Konzept dafür vorzulegen. Wir sind auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft, auch an der Schule. Es gibt viele Möglichkeiten der Förderung von besonders begabten und leistungsstarken Schülerinnen und Schülern innerhalb der bestehenden Schulen. Wir lehnen deshalb den AfD-Antrag ab.
Liebe SPD, die Grünen sind weiterhin mit an der Regierung. Ich habe unsere Koalitionspartner so verstanden, dass Sie keine Angst davor haben müssen, dass wir den Begriff der Hochbegabung anders definieren und dass wir in gravierender Weise andere Schlüsse ziehen. Wir wollen nur das Konzept weiterentwickeln. - Vielen Dank.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Begabte Schülerinnen und Schüler zu fördern, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, denn es ist nicht nur die Verantwortung des Einzelnen, seine Fähigkeiten und Talente auszubilden, sondern es ist auch die der Gesellschaft, die Voraussetzungen hierfür zu schaffen. Es braucht das richtige Umfeld, sodass jedem jungen Menschen die Möglichkeit gegeben wird, sich individuell zu entwickeln; einerseits, um besondere Begabungen zu erkennen, andererseits, um das Optimum aus diesen Anlagen zu machen.
Unsere Kinder müssen in einem Klima leben, das ihnen Mut macht, Unbekanntes zu entdecken und Neues auszuprobieren.
Meine Damen und Herren, individuelle Förderung bedeutet zunächst, dass man zwei Dinge akzeptieren sollte. Erstens: Ungleichheit in der Bildung ist nichts Schlimmes. Individuelle Förderung auch von begabten Schülerinnen und Schülern heißt eben, diese anders zu unterrichten als andere. Das ist nur logisch und konsequent, denn allein, wer das unterschiedliche Entwicklungs- und Lerntempo der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt, schafft ein Bildungswesen, in dem sich wirklich jeder aufgehoben fühlen kann und in dem jeder die Betreuung bekommt, die er braucht, um nicht frustriert zu sein.
Das gilt für begabte und leistungsstarke Schülerinnen und Schüler genauso wie für solche, die mehr oder andere Förderung brauchen.
Wer glaubt, dass das Akzeptieren der Ungleichheit bedeutet, jemand werde abgehängt, der verschließt die Augen vor der Realität; vor der Realität, dass wir es mit Individuen zu tun haben. Mit pädagogischen Patentrezepten oder Schablonen kommt man da oft nicht weit. Vielfalt bereichert, Einheit und Einfalt liegen dagegen oft dicht beieinander.
Zweitens. Meine Damen und Herren, das zweite Faktum, an dem man nicht vorbeikommt, wenn wir über individuelle Förderung gerade auch von begabten Schülerinnen und Schülern sprechen, ist: Leistung bedeutet keine Gefahr. Wir dürfen sie schlicht und einfach nicht unterdrücken. Leistung spornt an, mehr aus sich zu machen und vor allem auch, sich über soziale Schranken hinwegzusetzen.
Dass nach unserem Antrag gerade auch leistungsfähige und -willige Schüler unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gefördert werden sollen, stellt einen Beitrag zur Herstellung gerechter Bildungschancen dar. Es darf nicht sein, dass die Potenziale von Schülern brachliegen, nur weil sie aus sogenannten bildungsfernen Familien stammen.
Warum das Wort Leistung heute von einigen gerade im Bildungswesen so häufig verteufelt wird, ist mir ein Rätsel, denn ich glaube, dass wir unseren Kindern eine ganze Menge zutrauen können. Die Durchsetzung des Leistungsprinzips ist, auch das darf man nicht vergessen, eine wirklich historische Errungenschaft und war jahrhundertelang eine Selbstverständlichkeit.
Leistung und Begabung zu fördern, bedeutet nicht, die Schwächeren schwächer und die Stärkeren stärker zu machen. Es bedeutet, jedem die Türen zur Bildung und zum gesellschaftlichen Aufstieg ganz weit aufzustoßen und Mut zu machen, hindurchzugehen. Nur, und das ist das Wichtige: Gehen muss am Ende jeder selbst.
Meine Damen und Herren, das Land SchleswigHolstein hat in den letzten Jahren mit unterschiedlicher Intensität die Begabtenförderung unterstützt. Daher freue ich mich, dass wir in der Jamaika-Koalition nicht nur bestehende Programme überprüfen, sondern auch weiterentwickeln wollen. Wir wollen dazu neue Konzepte entwickeln, um motivierte und leistungsfähige Schülerinnen und Schüler zu stärken und zu fördern. Mitnichten haben wir vor, die Begriffe Begabte und Hochbegabte neu zu definieren. Kollege Habersaat, wir haben auch in keiner Weise vor, irgendeine Schulform auszuklammern, denn es ist mir sehr bewusst, dass an allen Schulformen mit unterschiedlichsten Formen der Begabung gearbeitet wird.
Sofort, ich sage den letzten Satz dazu: Wir wollen dies in Kooperation mit den allgemeinbildenden Schulen, den berufsbildenden Schulen, den Hochschulen und anderen beteiligten Akteuren tun. Diesen Satz wollte ich zu Ende bringen. Vielen Dank.
Vielen Dank. Wie Sie wissen, höre ich Ihnen immer ganz aufmerksam zu. Sie sagen jetzt zum Beispiel, die Leistungsgesellschaft war jahrhundertelang eine Selbstverständlichkeit.