Protocol of the Session on October 10, 2014

Herr Vogel, möchten Sie zulassen, dass Herr Kubicki aus seiner Schulzeit berichtet?

(Heiterkeit)

Wir haben ja alle unterschiedlich lange Schulzeiten hinter uns. Ich blicke auf eine sehr umfangreiche und lange Zeit aus unterschiedlichen Perspektiven zurück. Aber ich bin gespannt, ob ich wirklich dem ersten Schüler begegnen sollte.

Lieber Herr Kollege, ich bin gern bereit, das Zeugnis zu offenbaren. Das muss ich ja auch meinen Kindern gegenüber tun. Ich bin in den Halbjahreszeugnissen durch eine Fünf regelmäßig

dazu motiviert worden, im zweiten Halbjahr mehr zu tun, um die Fünf zu egalisieren.

(Beifall FDP und CDU)

Meine Halbjahreszeugnisse waren extrem schlecht, und die Jahresendzeugnisse extrem gut. Sie wollten ein Beispiel sehen? Ich bin es.

- Ich danke Ihnen für den Nachweis, den Sie erbracht haben. Aber in den vielen Zeugnisgesprächen, die ich geführt habe, hat man zwar am Ende, wenn man auf die Fünf blickt, gesagt, man wolle sich intensiv darum bemühen, ganz fleißig zu sein. Aber bedauerlicherweise verfallen viele nach zwei Wochen in genau die gleichen Verhaltensmuster, und die Noten sind ebenso schlecht wie im Jahr zuvor.

(Anita Klahn [FDP]: Das ist etwas ganz an- deres! - Christopher Vogt [FDP]: Das liegt vielleicht auch an den Lehrern!)

- Herr Vogt, Sie sprechen sicherlich vor dem Hintergrund besonderer Erfahrung, auf die Sie zurückblicken können.

(Christopher Vogt [FDP]: Ich bin Lehrerin- Sohn!)

Worauf sich CDU und FDP dabei stützen, ist klar. Es gab wieder eine Umfrage, wonach sich die Leute nichts anderes als Notenzeugnisse vorstellen konnten. Darauf hatte ich am Anfang bereits verwiesen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir alle sind mit Noten aufgewachsen. Die Eltern wollen eben wissen, wie gut ihr Kind ist. Das ist auch nachvollziehbar. Aber auch hier wird sehr bald ein Bewusstseinswandel einsetzen. Die Eltern wollen wissen, wo ihr Kind beim Lernfortschritt hinterherhinkt und wo es welche Fortschritte macht, und zwar in einer detaillierten Darstellung.

Der vom Ausschuss beschlossene Antrag definiert klar den Unterschied zwischen Entwicklungsberichten und Kompetenzrastern, wobei letztere den aktuellen Leistungsstand darstellen sollen, während die Entwicklungsdynamik in den Entwicklungsberichten zu dokumentieren ist.

Wir bitten deshalb die Landesregierung, sobald wie möglich Muster für Entwicklungsberichte für alle vier Klassenstufen vorzulegen, die kein starres Korsett sein sollten, sondern an den Bedarf der Schule angepasst werden können, wenn es pädagogisch sinnvoll und begründbar ist. Darüber werden wir uns dann im Bildungsausschuss ausgiebig austauschen können.

(Kai Vogel)

Eine Sache wundert mich jetzt in der Debatte; denn da haben wir uns wirklich deutlich weiterentwickelt. Normalerweise stehen in der Schule in der letzten Stunde - wir haben ja nicht mehr allzu viele Tagesordnungspunkte - alle mehr oder weniger mit gepackten Koffern da. Ich merke, dass wir uns da deutlich weiterentwickelt haben; denn Sie alle sind sehr diskussionsbereit. Ich danke Ihnen dafür und wünsche Ihnen eine schöne Herbstzeit.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, PIRATEN und SSW)

Das Wort für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hat die Abgeordnete Anke Erdmann.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Frau Franzen sprach von einer kompletten Abschaffung der Noten. Ebenso wie ich mir in der Schule differenzierte Rückmeldungen wünsche, wünsche ich mir auch differenzierte Reden und Zeitungsartikel.

(Anita Klahn [FDP]: Das wünschen wir uns auch!)

Am letzten Schultag vor den Sommerferien stand in den „Kieler Nachrichten“: „Das letzte Notenzeugnis“ in der Grundschule. Das ist pointiert, aber falsch. Worum geht es nämlich eigentlich? Das muss man sich einmal klarmachen, um das etwas zu differenzieren. Dann kommen vielleicht auch die Gefühle nicht so in Wallung. Eigentlich hätte auf Seite eins im Januar 2015 eine Schülerin abgebildet werden müssen, die den ersten Entwicklungsbericht in Klasse vier in der Hand hält. Denn das ist die Neuerung, die durch diese Verordnung ermöglicht wird.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, PIRATEN und SSW)

Das ist aber dann kein solcher Aufreger für konservative Kräfte. Es geht hier nicht um Kulturkampf; das ist wirklich Kokolores.

(Christopher Vogt [FDP]: Konservative Kräfte! Ich denke, Sie sind die neue konser- vative Kraft! Das sagt jedenfalls Frau Hei- nold immer!)

- Sie müssen auch nicht immer alles glauben, was Frau Heinold sagt, an der Stelle jedenfalls nicht.

(Heiterkeit BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Entwicklungsberichte sind jedenfalls unter Schwarz-Rot eingeführt worden. Davon könnte Herr Vogt sich noch eine Scheibe abschneiden. Es war ganz normales Regierungshandeln. Sie sind in den Klassen drei, fünf, sechs und sieben unter der Regierung Carstensen eingeführt worden. Die Regierung Carstensen hat das durchgeführt.

Was ist jetzt neu? - In Klasse vier müssen keine Noten mehr gegeben werden. Das ist neu. Früher musste man sich bewusst gegen Ziffernoten entscheiden. Heute kann man sich bewusst für Ziffernoten entscheiden. Das ist wirklich keine Kulturrevolution.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, PIRATEN und SSW)

Wir haben gerade von Frau Franzen gehört, was möglicherweise für Ziffernoten spricht. Sie sprach von Vergleichbarkeit und von Objektivität.

(Heike Franzen [CDU]: Das Wort habe ich nicht benutzt!)

- Sie haben die Begriffe objektive Leistungskriterien und Motivation angeführt.

Wir Grünen sind da skeptisch. Wir sind damit nicht allein. Objektivität ist nur scheinbar gegeben. Ich verweise dazu auf eine alte, aber sehr interessante Studie. An der Kieler Universität ist eine Studie erarbeitet worden, in der über 600 Aufsätze von jeweils 18 Lehrkräften bewertet wurden. Kein einziger dieser Aufsätze hat nur allein eine Note bekommen. 10 % dieser Aufsätze haben ein Notenspektrum von mindestens fünf Noten erhalten. Es gab aber auch Fälle, die mit den Noten von Eins bis Sechs bewertet wurden. So viel zum Thema Objektivität.

(Zuruf Anita Klahn [FDP])

- Ich rede von Aufsätzen, die in der Kieler Untersuchung von 18 verschiedenen Lehrkräften benotet worden sind.

(Anita Klahn [FDP]: Haben sie jetzt Noten bekommen oder nicht?)

- Wenn Sie mir eine Frage stellen wollen, Frau Klahn, dann fragen Sie doch richtig. Dann geht das nicht von meiner Redezeit ab. Was haben Sie nicht verstanden?

Ihr Trommelfeuer hat etwas vermengt, denke ich. Wenn ich es richtig verstanden habe, haben Sie berichtet, dass Aufsätze ohne Noten bewertet wurden. In der Folge sprechen Sie aber davon, dass es Noten

(Kai Vogel)

gab. Nutzen Sie die Gelegenheit, jetzt noch einmal Luft zu holen und das Ganze in Ruhe und langsam zu formulieren.

- Ich kann noch schneller, Frau Klahn. Schnell zu denken, ist manchmal auch ganz hilfreich, ebenso wie schnell zu sprechen. 600 Aufsätze wurden von 18 verschiedenen Lehrkräften benotet. Die These war, dass die Notenbewertung nicht objektiven Kriterien entspricht. Über diesen Punkt hatten wir gerade gesprochen. In der Studie wird dann festgestellt, dass 10 % dieser Aufsätze von Eins bis Fünf beziehungsweise von Eins bis Sechs bewertet worden sind. Die Ausgangsthese war, dass Noten objektiv sind und Leistungen vernünftig abbilden. Frau Franzen sagt, man weiß, wo man steht. Darauf antworte ich: Offensichtlich - das ist nur eine von vielen Studien - weiß man durch eine Note nicht, wo man steht.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD und SSW)

Frau Kollegin, gestatten Sie eine weitere Bemerkung der Abgeordneten?

Eine kurze Anmerkung, Frau Kollegin Erdmann: Das ist nichts Neues!

Ja, genau. Das ist nichts Neues. Aber diese Erkenntnis hat sich noch nicht durchgesetzt.

Jetzt noch eine Bemerkung zum Thema Motivation. Ich wurde in der neunten Klasse auf dem Gymnasium durch eine Fünf durchaus motiviert.

(Anita Klahn [FDP]: Aha!)

Aber zeigen Sie mir einmal den Drittklässler, der durch permanente Vieren oder Fünfen leistungsmotiviert ist. Das Gegenteil ist oft der Fall.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Frau Franzen, wenn es Ihnen passt, dann zitieren Sie gern aus der Hirnforschung. Insbesondere Herr Spitzer weist darauf hin, dass gerade so etwas zu Blockaden führen kann, wenn auch nicht automatisch führen muss. Aber es ist eben nicht automatisch so, dass sich die Kinder einfach nur nicht angestrengt haben. Schlechte Noten können durchaus