Die beste Vorbeugung gegen Diabetes und viele andere Krankheiten ist, die Menschen stark und selbstbewusst zu machen und sie selbst entscheiden zu lassen, was sie essen, was sie konsumieren und wie sie es konsumieren, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Mein letzter Punkt. Beim Umgang mit Diabetes gibt es ganz unterschiedliche Schulen. Eben ist klar gesagt worden, dass man nicht so viel Zucker und Ähnliches konsumieren darf.
Das Schwierigste – das haben auch Frau Lück und in Teilen Frau Schneider angedeutet – ist aber die immense psychische Belastung der Menschen, die Diabetes haben. Viele Menschen wissen, warum sie Diabetes haben. Das gilt zumindest für Typ 2; bei Typ 1 ist es eine ganz andere Situation.
Die Leute kommen ja nicht deswegen nicht da raus, weil sie blöd sind. Gott sei Dank bin ich nicht betroffen, aber ich bin ein gutes Beispiel. Ich wusste auch schon vor einem Jahr, wie gute Ernährung aussieht. Bis man es aber umsetzt und wirklich macht, muss man sich disziplinieren und manche Dinge einfach tun.
Die allermeisten Menschen haben nicht so einen Weg vor sich, sondern müssen in ihrem Tagesablauf nur an kleinen Stellschrauben drehen. Das muss ihnen aber auch ermöglicht werden.
Deswegen würde ich mir auch vom Gesundheitsminister ein klares Wort wünschen. Wir müssen die Lebensbedingungen in den Städten ändern, denn arme Menschen in benachteiligten Stadtteilen und Schulen sind stärker davon betroffen.
Die öffentliche Hand ist Vorreiter und Vorbild und muss dafür sorgen, dass Diabetes nicht nur in Zusammenhang mit einer Großen Anfrage und dem Ausschuss im Bewusstsein ist.
Wir möchten, dass die Menschen in unserem wunderschönen Land Nordrhein-Westfalen gesünder, länger und erfreuter leben – da ist die Umweltministerin sicherlich auf unserer Seite. – Herzlichen Dank.
Vielen Dank, Herr Kollege Mostofizadeh. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der AfD Herr Abgeordneter Dr. Vincentz das Wort. Bitte sehr, Herr Kollege.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Diabetes mellitus heißt übersetzt in etwa so viel wie honigsüßer Durchfluss. Das ist ein relativ interessanter Euphemismus für eine der häufigsten Stoffwechselerkrankungen der Moderne, der aber zumindest medizinhistorisch daran erinnert, wie Diabetes einstmals diagnostiziert wurde. Sie können sich vorstellen, wie das wohl funktioniert haben mag.
Heute ist man zum Glück sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie viele Schritte weiter. Vorbei sind die Zeiten, in denen man ohne künstliches Insulin den Patienten, die damals noch öfter von Diabetes Typ 1 betroffen waren, nur zusehen konnte, wie sie langsam komatös wurden und schließlich verstarben.
Nicht umsonst erhielten Banting und Macleod 1923 den Medizinnobelpreis für die Entdeckung des Insulins. Banting ist im Übrigen mit damals 32 Jahren der immer noch jüngste Medizinnobelpreisträger und der erste Kanadier in dieser Kategorie.
Der zum damaligen Zeitpunkt fünfjährige Theodore Ryder, der ab Juli des Jahres 1922 von Banting behandelt wurde, verstarb 1993 im Alter von 76 Jahren und war mit 70 Jahren Diabetesdauer der wahrscheinlich längste dokumentierte Fall von andauernder Insulinbehandlung in der Medizingeschichte. So etwas kann Medizin tatsächlich ab und zu bewirken.
Heute allerdings ist der lange gefürchtete Typ-1-Diabetes eher in den Hintergrund gerückt. Rund 90 % der Diabetiker fallen unter die Kategorie Typ 2. Der früher sogenannte Alterszucker betrifft heute auch zunehmend die Jüngeren. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung, wenn Sie mich fragen.
Unsere Körper sind dem Überfluss in unserer Gesellschaft einfach nicht gewachsen. In der langen Geschichte der Menschheit gab es viel Mangel; daran ist unser Organismus interessanterweise sehr gut angepasst. Das Überangebot der Gegenwart macht ihm indes schwer zu schaffen.
Bei über 7 Millionen Erkrankten, einem Anteil von 16 % an allen Todesfällen in Deutschland, Kosten von jährlich über 35 Milliarden Euro – was im Übrigen 20 % der Gesamtaufwendungen der gesetzlichen Krankenkassen entspricht – wird die Dimension der Erkrankung deutlich.
Dabei muss man Diabetes nicht nur isoliert betrachten, sondern vor allem in Wechselwirkung, beispielsweise im Metabolischen Syndrom, dem sogenannten tödlichen Quartett aus Diabetes, Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen. Für unsere Krankenkassen sind das die modernen vier Reiter der Apokalypse in einer sitzenden, gestressten, bewegungsarmen und fehlernährten Gesellschaft.
Hier liegt auch der Schlüssel. Natürlich ist jeder Mensch seines eigenen Glückes Schmied. Natürlich ist jeder selbst schuld daran, wenn er sich nicht genug bewegt, zu üppig isst oder nicht zur Vorsorge geht – das ist ganz klar.
Aber wenn man eine Erkrankung dieses Ausmaßes betrachtet, kann man auch getrost von einem gesellschaftlichen Zusammenhang sprechen, zumal wir unter den sogenannten Industriegesellschaften in guter Gesellschaft sind.
Wenn wir jetzt hier gegenseitig aufeinander herumhacken und sagen, nur NRW habe ein Problem, ist das schlicht gelogen. Alle anderen Bundesländer und alle anderen Industrieländer um uns herum haben ähnliche Probleme.
Es muss also auch Aufgabe der Politik sein, den Menschen ein Umfeld zu schaffen, das ihren biologischen Bedürfnissen entspricht, und sie nicht wahlweise auf ihre Produktivität oder ihre CO2-Bilanz zu reduzieren.
Das deutsche Gesundheitssystem adressiert immer noch zu sehr die Behandlung von Krankheiten – ist also quasi ein Reparaturbetrieb –, statt Präventionsmaßnahmen sinnvoll zu stärken. Noch einen Schritt weiter und vielleicht schärfer: Die deutsche Gesellschaft betrachtet die Gesundheit ihrer Bürger noch immer als Teil der individuellen Freizeitgestaltung und nicht als fundamentale Voraussetzung für Produktivität, Belastbarkeit der Sozialsysteme und individuelles Lebensglück.
Daher ist es ausgesprochen schade, dass auch hier im Hohen Haus das politische Klein-Klein oft mehr zählt, als den Menschen draußen wirklich zu helfen. Anders kann ich persönlich mir nicht erklären, dass Sie alle meine Anträge in dieser Legislaturperiode, die in diese Richtung zielten, abgelehnt haben.
Es ist Ihre traurige Ignoranz, wenn wir über die mögliche Gesundheitsbelastung durch Fipronilverunreinigungen in Eiern – ich kann mir noch sehr genau daran erinnern; das war Anfang dieser Legislaturperiode der Fall – oder die knapp überschrittenen Feinstaubgrenzwerte an manchen Verkehrsknotenpunkten sprechen, während jedes Jahr Tausende Menschen an Diabetes erkranken und an den Folgen sterben.
Ich kann Sie nur dazu aufrufen, endlich und entschieden zu handeln. Was Sie daraus machen – ob Sie weiter sitzen bleiben oder sich endlich in Bewegung setzen –, bleibt Ihnen überlassen. Vielleicht sind Sie den Menschen draußen aber zumindest in dieser Sache einmal ein Vorbild. – Vielen Dank.
Vielen Dank, Herr Abgeordneter Dr. Vincentz. – Als nächster Redner hat für die Landesregierung Herr Minister Laumann das Wort. Bitte sehr.
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Erst einmal muss man sagen, dass auch für die Landesregierung die Beantwortung dieser vielen fachlichen Fragen gut war, weil es dazu führt, dass sich die unterschiedlichen Häuser erneut mit diesem Thema beschäftigen.
Der Kampf gegen Diabetes ist in der Präventionspolitik nichts Neues, sondern seit Jahrzehnten eine Daueraufgabe.
Diabetes nimmt traurigerweise weltweit, in Deutschland und auch in Nordrhein-Westfalen zu. Dies hat verschiedene Ursachen. Es hat auch ein wenig mit unserer Demografie zu tun – zum Beispiel damit, dass der Anteil der über 60-Jährigen in der Bevölkerung größer wird. Wer früher mit 75 Jahren gestorben ist, konnte nicht mit 85 Jahren Altersdiabetes bekommen. Das ist auch die Wahrheit. Es hat also ein bisschen mit einer natürlichen Entwicklung in unserer Gesellschaft zu tun.
Wir haben daneben aber auch ein offensichtliches Problem, bestimmte Bevölkerungsgruppen mit unseren Präventionsstrategien zu erreichen. Das muss man ganz offen und ehrlich zugeben. Wir erreichen so, wie wir derzeit vorgehen, sowohl auf Bundes- und Landesebene als auch seitens der Krankenkassen, den Teil der Bevölkerung, der für Gesundheitsfragen sensibel ist. Den Teil der Bevölkerung, der für dieses Thema nicht sensibel ist – und das hat auch mit sozialen Verhältnissen zu tun –, erreichen wir über die Stränge, die wir bislang für Informationskampagnen nutzen, schlicht und ergreifend nicht.
Im Grunde fehlt es an nichts. Die Präventionskonzepte der Krankenkassen gehen sogar so weit, dass jeder Einzelne dazu beraten wird, was er tun kann, um sich so zu verhalten, dass Diabetes ausgeschlossen wird, oder es – wenn man sieht, dass es darauf hinausläuft – erst gar nicht zu dieser Problematik kommt. Jede Krankenkasse kümmert sich um jeden ihrer Versicherten, wenn diese das Angebot nur nutzen.
Deswegen entspricht es auch der Wahrheit, dass diese Volkskrankheit – Diabetes ist wie Bluthochdruck und anderes eine Volkskrankheit – natürlich in allererster Linie nur zu bekämpfen ist, wenn Menschen ganz persönlich ihre Lebensumstände so verändern, dass sie gesünder leben. Das hat mit Willensstärke zu tun, aber auch damit, dass man sie für diese Prävention überhaupt erreichen kann.
Dazu kann ich nur sagen, dass wir meiner Meinung nach in den letzten Jahren in Bezug auf einen Aspekt auf jeden Fall erheblich besser geworden sind, und zwar bei der gesunden Ernährung in den Kitas und Schulen. Dieses Thema hat dort heute einen völlig anderen und viel größeren Stellenwert, als es noch vor Jahren der Fall war. Dazu hat natürlich auch beigetragen, dass wir in vielen Bereichen heute ein
Übermittagssystem haben, durch das die Schülerinnen und Schüler sowie die Kinder selbstverständlich gesund ernährt werden.
All die Programme der Landesregierung in den unterschiedlichen Häusern, beispielsweise für mehr Bewegung in den Grundschulen und Kitas, laufen gut und werden in der Breite angenommen.
Es ist aber auch wahr – und da müssen wir uns um den Fortgang kümmern –, dass die Umsetzung des Nationalen Diabetesplanes irgendwie auf der Stelle tritt. Da Sie genau wie meine Partei Teil der Bundesregierung sind, wäre es sicherlich sinnvoll, dass wir uns gemeinsam darum kümmern, dass dieser Diabetesplan des Bundes jetzt endlich Realität wird. Ich hätte ganz gerne, dass dies der Fall ist, bevor wir dann hier in Nordrhein-Westfalen eine eigene Ergänzung auf Grundlage dieses Planes vornehmen.
Sie wissen, dass es Bestandteil des Koalitionsvertrages ist, dies zu machen. Ich nehme die heutige Debatte zum Anlass dafür, dass wir uns gegenüber dem Bund noch einmal explizit darum kümmern, in dieser Sache voranzuschreiten.
Herr Minister, entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Es gibt den Wunsch nach einer Zwischenfrage von der Abgeordneten Lück.
Herr Minister, vielen Dank dafür, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Insbesondere bezogen auf den Antrag, den die Große Koalition in Berlin gerne stellen will, frage ich Sie: Ist Ihnen bekannt, dass dieser Antrag zwei Passagen enthält – darin geht es um Lebensmittel für Kinder, die so bezeichnet und vermarktet werden und die dem von der WHO erstellten europäischen Nährwertprofil entsprechen müssen, sowie um die Reduzierung von Zucker in Getränken –, die derzeit vom Landwirtschaftsministerium in Berlin blockiert werden, sodass dieser Antrag bis jetzt nicht zustande gekommen ist? Es gibt schon einen Entwurf. Eigentlich werden lediglich diese beiden Teile blockiert, die aber wichtig sind, wenn wir diesbezüglich auf nationaler Ebene etwas erreichen wollen.
nicht ausschließen. Ich kenne diesen Zusammenhang nicht. Aber unsere Landwirtschaftsministerin kümmert sich jetzt darum.
Es ist doch völlig klar: Eine Strategie gegen Diabetes hat auch mit Zucker und mit gesundem Essen zu tun. Völlig klar ist auch: Wir müssen darauf achten, dass die Menschen wissen, was sie da machen.
Ich bin auf jeden Fall aus meinem ganzen Selbstverständnis heraus der Meinung, dass Transparenz – was ist wo enthalten? – eine Selbstverständlichkeit ist. Transparenz kann, egal in welchem Bereich, nie etwas Falsches sein. Und warum muss man das verstecken? Man kann ja sagen, wie es ist, und dann kann der Verbraucher sich dafür oder dagegen entscheiden.