Meine Damen und Herren, zu diesen Formulierungen muss man meiner Meinung nach nichts weiter sagen. Wir müssen viel für unsere Schülerinnen und Schüler tun, aber eines sicherlich nicht: sie vor gemeinsamen Veranstaltungen mit den Jugendoffizieren schützen. – Herzlichen Dank.
Vielen Dank, Frau Ministerin Gebauer. – Liebe Kolleginnen und Kollegen, weitere Wortmeldungen liegen im Rahmen der Aussprache zur Aktuellen Stunde nicht vor. Damit schließe ich die Aussprache.
Ich eröffne die Aussprache. – Als erster Redner hat für die antragstellende Fraktion Herr Kollege Ott das Wort.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Mit Erlaubnis der Präsidentin zitiere ich aus einem Liedtext von Franz Josef Degenhardt aus dem Jahr 1965.
„Spiel’ nicht mit den Schmuddelkindern, sing’ nicht ihre Lieder. ,Geh doch in die Oberstadt, mach’s wie deine Brüder‘, so sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor. Er schlich aber immer wieder durch das Gartentor und in die Kaninchenställe …“
„Abends am Familientisch, nach dem Gebet zum Mahl, da hieß es dann: ,Schon wieder riechst du nach Kaninchenstall. Spiel’ nicht mit den Schmuddelkindern, sing’ nicht ihre Lieder. …‘ Sie trieben ihn in eine Schule in der Oberstadt, kämmten ihm die Haare und die krause Sprache glatt. Lernte Rumpf und Wörter beugen. Und statt Rattenfängerweisen musste er das Largo geigen.“
„Schlich er manchmal abends zum Kaninchenstall davon, hockten da die Schmuddelkinder, sangen voller Hohn …“
„Aus Rache ist er reich geworden. In der Oberstadt hat er sich ein Haus gebaut. Nahm jeden Tag ein Bad. Roch, wie bess’re Leuten riechen.“
„Und Kaninchenställe riss er ab. An ihre Stelle ließ er Gärten für die Kinder bauen. Liebte hochgestellte Frauen, schnelle Wagen und Musik, blond und laut und honigdick. Kam sein Sohn, der Nägelbeißer, abends spät zum Mahl, roch er an ihm,
Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Landtag von Nordrhein-Westfalen hat sich gestern mit der Frage des Wohnungsbaus beschäftigt. Wir stellen fest, dass wir an vielen Stellen dafür sorgen, dass die Gentrifizierung in unseren Städten zunimmt und tatsächlich Gärten statt Kaninchenställe – um im Bild zu bleiben – gebaut werden.
Wir haben gestern darüber gesprochen, dass wir insbesondere für die Oberstadt, für Schwellenhaushalte, Unterstützung leisten, um Eigentum zu ermöglichen, aber nicht für die, die eigentlich dringend darauf angewiesen sind. Wie es aussieht, werden wir heute das Wahlrecht ändern, damit insbesondere die Stadtteile der Oberstadt besser repräsentiert als die anderen.
Es wiederholt sich, was Franz Josef Degenhardt bereits 1965 geschrieben hat. In der Bildungspolitik geht es heute darum, dafür zu sorgen, dass Chantal und Ayse, Kevin und Mustafa nicht die Schmuddelkinder und deren Eltern nicht die Schmuddeleltern des 21. Jahrhunderts sind. Stattdessen müssen wir dafür sorgen, dass alle, sowohl auf der einen als auf der anderen Seite, in unserer Gesellschaft die Chance haben, aufzusteigen.
Der Marktforscher Grünewald hat für sein neuestes Buch herausgefunden, dass viele Menschen der Mittel- und Oberschicht eine bestimmte Meinung über Milieus haben – in dem Degenhardt-Lied waren mit Kaninchenställen Arbeitersiedlungen gemeint – und sehr abwertend über sie denken. Das ist erschreckend.
Ich finde, wir dürfen das nicht akzeptieren, da alle Kinder in unserem Land, auch die Kinder in herausfordernden Lebenssituationen, unsere Schätze und besondere Persönlichkeiten sind. Wir wollen uns gemeinsam für alle Kinder, aber ganz besonders auch für diese Schätze, einsetzen.
Deshalb wollen wir Ungleiches ungleich behandeln und fordern in unserem Antrag einen scharfen Sozialindex, damit wir alle unsere Schätze heben können.
Was erleben wir im Moment an unseren Grundschulen? Insbesondere in den Schulen in schwierigen Lagen gibt es eine Mangelversorgung mit Lehrerinnen und Lehrern. Dort fehlen Bewerber, und der Krankenstand ist hoch. So haben wir beispielsweise an 39 Grundschulen in Gelsenkirchen 35 freie Grundschullehrerstellen. In großen Städten wie meiner Heimatstadt Köln werden rechtsrheinisch dringend Lehrer gesucht, während man sie sich linksrheinisch noch aussuchen kann.
benachteiligten Grundschulen, aufrechterhalten werden kann. Die erste Forderung an die Landesregierung ist also, die Lehrkräfte dort einzusetzen, wo sie besonders benötigt werden. Bei der Polizei kommt auch niemand auf die Idee, neu ausgebildete Polizisten da einzusetzen, wo es schon genug gibt, vielmehr werden sie da eingesetzt, wo sie dringend benötigt werden. Und das brauchen wir im Schulbereich auch.
Wir wissen, dass momentan das Gegenteil der Fall ist. Der eigentlich gewollte Sozialindex wird ad absurdum geführt, weil an den Schulen mit besonderen Herausforderungen nicht einmal die Standardregelausstattung gewährleistet wird.
Deshalb müssen wir gemeinsam alles dafür tun, die Attraktivität dieser Schulen besonders zu fördern: eine Verbesserung der Grundsituation durch kleinere Lerngruppen, Inklusionsangebote über die Sek-ISchulen hinaus, besondere Lehrerfortbildungen, verstärkte Hilfe und Entlastung für Lehrkräfte bei Beratungs- und Betreuungsaufgaben, Schulsozialarbeiterinnen und multiprofessionelle Teams, eine Stärkung des Ganztags und die Ausstattung der Schulleitungen mit zusätzlichen Ressourcen.
Und ja, gegebenenfalls müssen wir auch – die Ministerin zeigte sich diesbezüglich offen – über Zulagen nachdenken, wenn auch als letztes Mittel. Wenn wir jetzt nichts unternehmen, um dem Unterrichtsausfall an Schulen in besonderen Lagen entgegenzuwirken und ihre schwierige Situation zu verbessern, wird uns das später volkswirtschaftlich viel teurer kommen. Deshalb wollen wir hier einen klaren Fokus setzen.
Klar ist: Die Eltern der Oberstadt sind stärker im Kampf um die Ressourcen für ihre Kinder. Klar ist auch: Die jungen Leute aus der Oberstadt bleiben lieber in der Oberstadt und unterrichten dort als in den anderen Bereichen. Aber – mit Erlaubnis der Präsidentin zitiere ich aus einer Studie von Möller und Bellenberg aus dem Jahr 2017 –:
„Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Schichten werden im selektiven deutschen Schulsystem mehrfach benachteiligt. Sie erfahren von Geburt an im Elternhaus weniger lernförderliche Unterstützung, werden häufiger auf weniger anspruchsvolle Schulformen verteilt und finden dort weniger lernförderliche Entwicklungsmilieus vor. In Folge haben sie die geringsten Chancen auf dem Arbeitsmarkt und laufen Gefahr, vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben ausgeschlossen zu werden.“
Kinder von Akademikerinnen und Akademikern erlangen häufiger eine Studienberechtigung und weisen eine 20 % größere Studienwahrscheinlichkeit auf. Das wurde im Bericht „Bildung in Deutschland 2018“ veröffentlicht.
Last but not least hat die Studie des Lehrstuhls Pädagogische Psychologie der Universität Mannheim aus dem vergangenen Jahr nachgewiesen, dass bei gleicher Leistung in einem Grundschulddiktat Max eine bessere Note bekommt als Murat.
Wie viele Schätze in Form von jungen Talenten gehen uns so in unserem Schulsystem verloren? In Nordrhein-Westfalen hat die Wissenschaftsministerin der vorherigen Landesregierung Svenja Schulze das NRW-Talentscouting bei der Westfälischen Hochschule auf die Reise geschickt. Gemeinsam mit dem TalentKolleg Ruhr werden an vielen Schulen – nicht nur an einzelnen Schulen – gezielt Kinder und Jugendliche, Schülerinnen und Schüler aus einkommensschwachen, Nichtakademiker- und Zuwandererfamilien unterstützt.
14.500 Kinder sind eingeschrieben, über 800 Talente nehmen im Moment am TalentKolleg Ruhr teil. Besonders spannend ist, dass die Experten dieses TalentKollegs in erster Linie immer wieder auf eines hinweisen: Die Kinder, um die es geht, sind nicht sozial schwach, die Kinder, um die es geht, sind ökonomisch schwach.
Wem das noch nicht reicht, hier ein letzter Blick auf die Gymnasien: In den nächsten Wochen werden 80.000 Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen ihr Abitur machen. Der Weg zum Abitur ist in Nordrhein-Westfalen immer noch eine Frage des sozialen Umfelds: mehr glatte Einser, aber es fallen auch mehr Schülerinnen und Schüler durch.
Ein Wort zur Verteilung in Nordrhein-Westfalen: 2018 hatten wir 200.000 Schulabgänger. 39,2 % erlangen also die Hochschulreife, aber mit erstaunlichen Unterschieden innerhalb von NRW.
In Münster und Bonn sind es über 50 %, in Gelsenkirchen 31,2 %. Es kann doch niemand im Ernst behaupten, dass die Kinder in Gelsenkirchen überdurchschnittlich doofer sind als in anderen Teilen des Landes.
Wenn wir uns Essen anschauen, dann stellen wir fest, dass im Essener Norden 20 % der Kinder auf ein Gymnasium gehen, im Essener Süden jedoch 85 %.
Jetzt erzähle ich Ihnen ein Geheimnis: In Köln-Junkersdorf, direkt neben dem FC-Stadion, gehen 100 % aller Kinder auf das Gymnasium. Es muss an
Meine sehr verehrten Damen und Herren, Udo Beckmann hat gesagt: Die Schere öffnet sich immer weiter. – Wir als Parlamentarier, als Vertreter unseres Volkes, haben die Aufgabe, diese Lücke zu schließen. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.
Wir wollen die Schatzsucher-Schulen stärken. Wir wollen ein Bekenntnis abgeben, dass dieses Land, dass dieser Staat sein Aufstiegsversprechen auch in der nächsten Generation aufrechterhält. Wir wollen das Versprechen abgeben, dass die vielen engagierten Pädagoginnen und Pädagogen in diesem Land bei ihrer Schatzsuche unterstützt werden, und dass die Schulen, die sich besonders anstrengen, darauf zählen können, dass ihr Parlament bei ihrer wertvollen Aufgabe hinter ihnen steht. – Herzlichen Dank.