Als Münsterländer darf ich die Gesellschaftsordnung des sogenannten Rheinischen Kapitalismus besonders loben, die von unserem Bundesland ausgegangen ist.
Als Christdemokrat darf ich an das Ahlener Programm meiner Partei erinnern. Das Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft mit seinem Ausgleich der Interessen von Kapital und Arbeit, mit seiner integrierenden und prosperierenden Kraft findet bei uns viele Anschauungsmöglichkeiten. Es gibt genug Gründe, auf unser Bundesland stolz zu sein.
Ich freue mich in diesem Sinne sehr über unsere gemeinsame Initiative, die Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Menschen greifbar und erlebbar zu machen. Wir benötigen einen gemeinsamen Ort der Selbstreflexion unserer Landesidentität, der Landesgeschichte sinnlich begreifbar macht, der der jungen und nachwachsenden NRW-Generation und nicht zuletzt auch neu Zugewanderten unsere NRW-Identität plausibilisieren kann.
Es ist gut, wenn wir das Bewusstsein für unsere Landesgeschichte dadurch fördern, dass wir zunächst eine überparteiliche Planungsgruppe beim Landtagspräsidenten schaffen, die unter dem Titel „Geschichte, Politik und Demokratie Nordrhein-Westfalens“ die Zusammenarbeit von Museen, Instituten und Lehrstühlen vernetzt.
Ausgehend vom 2016 eröffneten – auf Landtagspräsident Uhlenberg zurückgehend und durch seine Nachfolgerin Gödecke realisiert – Haus der nordrhein-westfälischen Parlamentsgeschichte soll mithilfe eines Kuratoriums und eines wissenschaftlichen Beirats ein Konzept für ein Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalens entwickelt werden. Zugleich sollen die vielfach fragmentarisch vorliegenden Erzähl- und wissenschaftlichen Reflexionsstränge zur Landesgeschichte zusammengebracht werden.
Ich bin gespannt auf die Entwicklung und dankbar für die gemeinsame Initiative für diese Form der politischen Bildung. – Herzlichen Dank.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Mehr als 70 Jahre nach der Gründung des Landes NordrheinWestfalen und im Jahr der Beendigung des Steinkohlebergbaus rückt die Geschichte des Landes
Nordrhein-Westfalen in den Fokus. Die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte ist neben der politischen Kultur und der politischen Symbolik ein zentraler Baustein für die Ausprägung eines Landesbewusstseins und letztlich auch einer kollektiven Identität.
Allerdings geht die Gleichung „Landesgeschichte gleich Landesbewusstsein gleich Landesidentität“ für Nordrhein-Westfalen nicht so einfach auf. Unser Land – wir haben es gerade schon gehört – ist eine Neuschöpfung der britischen Besatzungsmacht und vereint ganz unterschiedliche Teilkulturen. Wir kennen sie alle – auch aus vielen Anekdoten –: Westfalen, Teile der preußischen Rheinprovinz, Lippe, das Ruhrgebiet und eine Vielzahl weiterer regionaler und lokaler Identitäten.
Trotz oder gerade wegen dieser Voraussetzungen hat die Landespolitik immer wieder versucht, ein nordrhein-westfälisches Landesbewusstsein zu fördern. Insbesondere der Christdemokrat Franz Meyers und der Sozialdemokrat Johannes Rau haben als Ministerpräsidenten hierzu einen wesentlichen Beitrag geleistet.
In den letzten Jahren sind diese Bestrebungen vielfach wieder aufgegriffen worden. Historiker und Politikwissenschaftler sind inzwischen mehrheitlich der Meinung, dass Nordrhein-Westfalen heute mehr ist als ein Bindestrichland und man von einem ausgeprägten rationalen Staatsbewusstsein sprechen kann. Doch aufgrund der Fortexistenz der traditionellen regionalen und lokalen Orientierungen ist ein emotional verankertes Landesgefühl – einige sprechen auch von Heimatgefühl – kaum vorhanden, wie die wenigen empirischen Untersuchungen zeigen.
An dieser Stelle setzt der vorliegende Antrag an. Die einzurichtende Planungsgruppe aus wissenschaftlichen Expertinnen und Experten soll die institutionellen Voraussetzungen schaffen, das Geschichts- und Landesbewusstsein zu fördern. Dazu ist die Zusammenarbeit mit den schon vorhandenen Einrichtungen erforderlich. Es geht aber nicht darum, Doppelstrukturen zu schaffen, es geht nicht um Konkurrenz, sondern um etwas wie eine konzertierte Aktion.
Erstens. Die Aufgaben sind vielfältig. Leider haben die Medien diese etwas auf die Errichtung eines Museums verkürzt und den Eindruck erweckt, der Spatenstich würde schon in den nächsten Tagen erfolgen. Doch es reicht nicht, einige Gegenstände in Vit
rinen auszustellen, sondern es sind zunächst Ausstellungen und Symposien zu organisieren, wissenschaftliche Reihen herauszugeben, Interviews mit Zeitzeugen zu führen und Elemente einer modernen Museumsdidaktik zu definieren.
Eine der Aufgaben ist die Entwicklung eines Konzeptes für ein Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalens als Mischung aus Forschungsinstitut und Museum.
Ich erinnere nur daran, meine Damen und Herren: In Baden-Württemberg brauchte es fünf Jahre bis zur ersten Ausstellung und weitere zehn Jahre bis zur Dauerausstellung, die dann in ein neues Haus einziehen konnte.
Zweitens. Inhaltlich sind die großen Erzählungen der nordrhein-westfälischen Geschichte multiperspektiv und, wo es notwendig ist, auch kontrovers darzustellen. Dazu gehören für mich beispielsweise der Strukturwandel, die Rolle von Unternehmen, Gewerkschaften und Mitbestimmung oder die Bedeutung von Migration und Integration für unser Land. Im Mittelpunkt sollen jedoch die Menschen mit ihren Erzählungen stehen, nicht nur die Haupt- und Staatsaktionen.
Drittens. Es handelt sich nicht nur um ein Regierungsvorhaben oder das Vorhaben einer Partei. Die Einbindung des Landtags und die Kooperation mit der Wissenschaft müssen gewährleistet sein. Die Arbeit der Planungsgruppe muss personell und finanziell langfristig abgesichert werden.
In diesem Sinne unterstützt die SPD-Fraktion das Vorhaben. Machen wir uns auf den Weg! Glück auf, Nordrhein-Westfalen!
Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Es steht Nordrhein-Westfalen sehr gut zu Gesicht, seine Geschichte zu erforschen, zu präsentieren und zu vermitteln. Das Aufkommen dieser Idee zeigt sehr gut, dass hier eine Fehlstelle in unserem Land existiert. Es ist gut, dass wir sie schließen. Die guten Gründe dafür haben meine Vorredner schon genannt; sie sind auch im Antrag ausgeführt.
Ich will mich deswegen im Rahmen dieser Aussprache darauf konzentrieren, welche Herausforderungen dieses Projekt eigentlich für uns alle bereithält. Es wird nicht mit dem Ausbau des „Hauses der Parlamentsgeschichte“ getan sein. Herr Bovermann hat gerade schon Perspektiven aufgemacht, was alles
thematisch gefordert ist. Landesgeschichte ist nicht etwas einfach Gegebenes, von dem man sagt: Das stellen wir jetzt aus. – Jede Generation entwickelt ein eigenes Verhältnis zu ihrer Geschichte. Wir werden jetzt mit der Frage konfrontiert sein, welche Geschichte von Nordrhein-Westfalen wir eigentlich erzählen.
Es ist natürlich richtig, dass wir da gründlich vorarbeiten müssen. Diese Frage wird keine Planungsgruppe beantworten können. Auch ein Kuratorium wird dazu nicht in der Lage sein. Der wissenschaftliche Beirat muss genau dies organisieren – die Vernetzung mit der historischen Fachwissenschaft und mit der Gesellschaft, mit vielen Gruppen und Menschen, die diese Geschichte erlebt haben, aber natürlich auch weit über den Erlebnishorizont hinaus. Nordrheinwestfälische Geschichte beginnt ja nicht mit den Amerikanern nach dem Krieg, sondern hat sehr viele Voraussetzungen, die die Disparitäten NordrheinWestfalens überhaupt erst verständlich machen.
Mit der Klärung des Was treten natürlich sofort auch Fragen des Wie auf. Moderne museale Konzepte addieren eben nicht einfach Ausstellungsobjekte, sondern bieten multimediale Vermittlungsformen in thematischen Konzentrationen, die Dinge erlebbar machen. Es geht darum, Besucher zu involvieren, sie zu interessieren und in diesem Haus tatsächlich Geschichte greifbar und erlebbar zu machen, wie wir es in unseren Antrag geschrieben haben. Geschrieben ist das schnell. Umgesetzt ist es nicht so schnell.
Digitale Techniken können insbesondere bei Vorbereitung und Nachbereitung helfen. Man kann das Thema mitnehmen. Es kann auf diesen Kanälen weiter bespielt werden.
Aber natürlich braucht es auch eine lebendige Museumsdidaktik. In der Museumslandschaft hat sich sehr viel getan. Da kann man viel lernen. Best-PracticeBeispiele müssen angeschaut werden. Auch das ist im Rahmen der Vorbereitung eine Aufgabe. All das ist nicht trivial, sondern sehr herausfordernd.
Das Statistische Bundesamt hat im Dezember den „Spartenbericht Museen“ vorgelegt. Die gute Nachricht lautet: Historische und archäologische Museen haben seit dem Jahr 2000 ihre Besucherzahlen deutlich steigern können. Die schlechte Nachricht ist: Volkskunde- und Heimatmuseen haben im selben Zeitraum fast ebenso stark verloren.
Wo stellen wir uns in diesem Kontext auf? Vielleicht können wir die Trends umkehren. Sind wir mit diesen Labels überhaupt richtig aufgestellt? Welche Art von Museum oder Haus, das wir da etablieren, soll es eigentlich werden?
Uns bietet sich also eine große Chance. Lassen Sie uns das Thema des Verhältnisses von Herkunft und Zukunft und der Möglichkeiten seiner Vermittlung neu denken. – Vielen Dank.
Vielen Dank. – Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! NRW blickt auf mehr als 70 Jahre Geschichte zurück. 2016 haben wir alle gemeinsam ein großes und auch in vielen Etappen wundervolles Fest dazu gefeiert.
Natürlich haben die meisten Menschen, die hier leben, die Anfänge dieses Bundeslandes gar nicht mehr selbst erlebt. Die meisten von uns sind jünger als 70 Jahre. Dementsprechend kennen sie die Anfänge des Bindestrichbundeslandes nicht aus eigenem Erleben.
Ich muss sagen: Ich bin geborene Niedersächsin. Bis heute überrascht es mich durchaus immer wieder, welche regionalen Besonderheiten, Konkurrenzen und Spezifika es in Nordrhein-Westfalen gibt – mit Westfalen, Rheinländern und Lippern.
Gerade haben wir noch von den Menschen aus dem Bergischen Land und den Leuten aus dem Ruhrgebiet gehört.
Diese Besonderheiten und Konkurrenzen sind etwas, was unser Bundesland ausmacht. Das macht es auch für mich aus, obwohl ich da nicht so drin bin. Denn für manche Dinge muss man sicherlich hineingeboren worden sein. Als Zugezogene lerne ich aber gerne immer weiter.
Nichtsdestotrotz ist NRW mehr als Westfalen, Rheinland, OWL und all die anderen Regionen. Vor allem besteht Nordrhein-Westfalen aus seinen vielfältigen Menschen.
In allererster Linie fällt mir zu Nordrhein-Westfalen immer ein, dass wir ein Einwanderungsland sind. Migration macht einen wesentlichen Teil der Geschichte unseres Landes aus. Migration hat unser Land in wesentlichen Teilen auch zu dem gemacht, was wir heute sind. Dem muss bei der Erzählung der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen natürlich ein großer Raum eingeräumt werden.
Nordrhein-Westfalen ist auch ein Land vielfältiger Zivilgesellschaft. Auf der einen Seite gibt es das Parlament. Es ist ja schon angesprochen worden, dass mit dem „Haus der Parlamentsgeschichte“ vielleicht schon ein Grundstein vorhanden ist, um in der Erzählung der Geschichte weiterzugehen. Auf der anderen
Seite haben neben dem Parlament aber auch die sozialen Bewegungen – die Frauenbewegung, die Umweltbewegung, die Friedensbewegung, die AntiAtomkraftbewegung – die Geschichte des Landes mitgeprägt. Auch sie müssen bei der Erzählung der Landesgeschichte natürlich einen Platz bekommen.
Wir sind daneben aber auch – natürlich; wer wüsste das in Nordrhein-Westfalen nicht? – Fußballland. Wir sind Sportland. Wir sind ein Land des Karnevals und des CSDs.