und Sie haben überhaupt nichts hinterlegt, dass das ausreichend passiert. Wir mussten über einen Nachtrag nachsteuern, gerade für die Sekundarstufe II. So viel zu der Seriosität Ihrer Politik und dessen, was Sie hier vorlegen.
Ich will nun auf das Handlungsfeld der Durchlässigkeit in diesem Land, was die Bildungsgänge angeht, eingehen. Dort müssen wir entsprechend nachlegen. Das, was in den Beiträgen und in dem Aufregungspotenzial, was sich hier gerade wieder produziert – gerade Herr Witzel – zum Ausdruck kommt und was sich auch im Antrag niederschlägt, ist doch die Phobie vor Gemeinschaftsschulen und vor anderen Dingen. Ich möchte gerne – das fand ich wirklich unsäglich – an Ihre Äußerungen Ende des letzten Jahres erinnern, als Sie im Rahmen der Debatte hier gesagt haben – da ging es um die Grundschulgutachten –, dass es letztlich darum geht, einen zügellosen Zugang zum Gymnasium zu ermöglichen.
Da wird Ihr Bildungsverständnis, Ihr Teilhabeverständnis deutlich: Abgrenzen, Klientelpolitik auch in der Bildungspolitik! Das ist das Mantra, das Sie hier vor sich hertragen. Und damit machen wir Schluss.
Vielen Dank, Frau Abgeordnete Beer. Das war dann in jeder Hinsicht wörtlich zu verstehen. – Ich darf als nächste Rednerin die Abgeordnete Kollegin Böth für die Fraktion Die Linke aufrufen.
Danke. – Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Worüber reden wir hier? – Wir haben wieder einmal einen Antrag der FDP vorliegen, der das Mantra, von dem Frau Beer gerade schon gesprochen hat, zum Inhalt hat: Rettet das Gymnasium. Das haben wir jede Woche, jedes Mal, wenn wir Plenarsitzung haben, jedes Mal, wenn wir Schulausschusssitzung haben.
(Ralf Witzel [FDP]: Man kann nicht oft genug vor diesen verheerenden rot-rot-grünen Entwicklungen warnen!)
Gerne, Herr Witzel, überhaupt kein Problem, weil wir nämlich gerade einen Gesetzentwurf vorgelegt haben.
Herr Witzel, Sie sind ja Mitglied im Schulausschuss. Sie wissen, dass wir das jetzt gerade da diskutieren. Unserer Meinung nach wäre es außerordentlich sinnvoll, im Gymnasium für die Sekundarstufe I wieder die Klassen 5 bis 10 und ein Baukastenmodell für die gymnasiale Oberstufe einzuführen, sodass man es in zwei bis vier Jahren bis zum Abitur schafft, und zwar nicht nach dem Motto: Wer es in zwei schafft, ist der Tolle, und wer es in vier schafft, ist der Blöde.
Es soll vielmehr einem Modell, wie es das in Finnland gibt, ähneln, sodass es neben der Schule auch noch ein Leben gibt, dass man sich zum Beispiel leistungssportlich engagieren kann, dass man beispielsweise in einem Orchester spielt und dafür auch Zeit aufwendet, oder, oder, oder. Dies alles soll auch in der Schulzeit möglich sein.
Jetzt komme ich zu Ihrem Antrag. Frau Pieper-von Heiden. Sie wissen, dass ich Anträge immer aufmerksam lese. Der Tatbestand ist richtig. Nach meiner Kenntnis haben sich diese 13 Gymnasien, so wie wir das vom Ministerium gehört haben, gemeldet. Ich habe hier bereits in der DezemberSitzung zur Ministerin gesagt, dass ich es für einen großen taktischen Fehler gehalten habe, wie sie das angegangen ist – Sie können das im Protokoll nachlesen –, und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Zeit für die Gymnasien, sich zu entscheiden, viel zu kurz war, weil das alles Hals über Kopf gehen musste. Ich finde, dass das auch für die Schulen nicht planbar war. Man kann darüber nicht in Ruhe nachdenken. Es gab ein ganz kleines Zeitfenster. Ich weiß nicht, warum das Ministerium das so gemacht hat.
Sie haben ferner gesagt, dass unklar war, welche Hilfen sie erhalten und auf was sie sich verlassen können, damit die Gymnasien nicht wieder in die unsägliche Situation kommen, die ich als Gymnasiallehrerin erlebt habe, nämlich Unterricht zu machen, ohne einen Lehrplan zu haben. Nachdem ich in der 6. Klasse mit dem Politikunterricht fast fertig war, kam der Lehrplan, und ich stellte fest, dass ich all die Dinge, die ich machen musste, gar nicht gemacht habe, da ich eigentlich andere Sachen hätte unterrichten müssen. Ich hatte mich – wonach sonst? – am alten Lehrplan orientiert. Das war das Chaos, das wir vorher hatten.
Insofern haben viele Gymnasien befürchtet, sie kriegen wieder so ein Chaos, und haben die Finger davon gelassen. Das ist aber eine persönliche Vermutung von mir.
Frau Pieper- von Heiden, nun haben wir das Problem, dass das Ministerium oder die Regierung sehr wohl einen Modellversuch auf den Weg bringen kann. Wir werden nicht danach gefragt, ob uns das als Opposition nun gefällt oder nicht, denn sie können Modellversuche durchführen. Das haben Sie in Ihrer Regierungszeit auch gemacht, und deshalb brauchen wir darüber überhaupt nicht zu streiten. Das ist das gute Recht der Regierung.
Wesentlich finde ich, dass wir uns als Parlament darum kümmern und das nicht einfach laufen lassen. Wenn Sie jetzt in Ihrem Antrag schreiben – zweiter Abschnitt erster Satz –:
kann ich nur sagen: Dann tun wir uns einmal zusammen, dass es nicht so wird, wie Sie das hier befürchten. Wir begleiten das vielmehr im Schulausschuss und fragen immer wieder danach. Das ist doch die originäre Aufgabe des Parlaments. Ich weiß nicht, warum Sie als Liberaler originäre Aufgaben des Parlaments aus der Hand geben wollen, indem Sie schreiben: Es ist sowieso klar, was damit passiert, und darum kümmern wir uns nicht mehr. – Das halte ich für völlig falsch.
Aber noch etwas anderes. Darüber, wie Sie gerade über die Gymnasien geredet haben, die diesen Modellversuch durchführen möchten, bin ich ziemlich entsetzt.
Denn ich habe Ihnen gestern vorgehalten – Herr Witzel hat mir gestern in der Debatte massiv widersprochen –, dass Sie das Gymnasium des 19. Jahrhunderts hochhalten. Darüber hat sich Herr Witzel fürchterlich aufgeregt. Was Sie gerade gesagt haben, ist doch Folgendes: Sie halten das für falsch, was die Gymnasien tun. Das ist ein paternalistisch-autoritäres Politikverständnis.
Das heißt nämlich: Ich weiß, was für dich gut ist. – Sie trauen denen überhaupt nicht zu, dass die selber wissen, was für sie gut ist.
Wenn der ganze Modellversuch darauf hinauslaufen würde, dass wir eine Möglichkeit finden, sozusagen individuelle Förderung in einer anderen Art, als es im G8 möglich ist, tatsächlich zu erproben und zu unterstützen, dann liefe doch Ihr Antrag, den Sie gestern am späten Nachmittag hier eingebracht haben, nämlich die individuelle Förderung zu verstär
ken – darüber haben wir hier anderthalb Stunden debattiert – genau in die richtige Richtung. Aber ich fürchte auch, Sie kriegen die zwei Sachen nicht zusammen.
Jedenfalls brauchen wir eine individuelle Förderung. Ich habe einen grenzenlosen pädagogischen Optimismus, muss ich ehrlich sagen. Ich erkläre es jetzt einfach noch einmal. Wir wenden uns also ab von dem Gleichschritt-Gymnasium. Es gibt ja die Formel von den fünf Gs: Alle Schülerinnen und Schüler am gleichen Ort in der gleichen Zeit mit den gleichen Methoden mit den gleichen Materialien, und dann müssen sie auch noch zum gleichen Ziel kommen. Das ist Gymnasium des 19. Jahrhunderts. Davon müssen wir nun irgendwann wirklich einmal wegkommen.
Insofern ist es doch die Aufgabe dieses Parlaments und dann speziell des Schulausschusses, in dem wir uns ja alle wiedertreffen, uns um G8 und die Probleme, die die Schulen haben, die G8 fahren, zu kümmern und nicht nur zu beobachten, sondern tatsächlich etwas zu tun, und uns zweitens um die zu kümmern, die in G9 jetzt etwas anderes und Neues versuchen. Das ist unsere originäre Aufgabe. Da fände ich es schon ganz gut, wir würden das auch tun.
Das ist der Grund, weshalb sich meine Fraktion an dem Entschließungsantrag beteiligt hat. Denn da steht drin, dass wir uns kümmern werden.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Ihre Beiträge, Frau Pieper-von Heiden und Herr Ratajczak, haben meine ohnehin schon gegebene Vorfreude auf die Debatte heute noch einmal gesteigert.
Zu Beginn möchte ich aus einem Buch zitieren, das ich Ihnen allen nachdrücklich zu lesen empfehle, weil es immer noch erstaunlich aktuell ist. Das ist die Gedenkschrift „Zukunft der Bildung – Schule der
„Die Erziehungswissenschaft ist jedoch längst zu der Auffassung gelangt, dass gleiche äußere Bedingungen für alle zu ungleichen Ergebnissen führen, die dann der einzelnen Schülerin und dem einzelnen Schüler zugerechnet werden.“
„Entscheidend ist die Tatsache, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Zeiten zur Erreichung ähnlicher Ziele benötigen. Dies anzuerkennen und in pädagogische Praxis umzusetzen, ist Aufgabe des Bildungssystems, nicht die Angleichung der Menschen an vorgegebene Normen.“
Ich finde, das ist nach wie vor eine bemerkenswerte Aussage, an der wir unser Schulsystem orientieren sollten.
Wie kläglich ist dagegen wirklich die Argumentation in Ihrem Antrag, verehrte Kolleginnen und Kollegen der FDP. Da geht es Ihnen um Verfahrensfragen und um strukturelle Aspekte. Da geht es Ihnen aber überhaupt nicht um die eigentlichen Belange der betroffenen Schülerinnen und Schüler,
der Eltern, der Lehrerinnen und Lehrer geschweige denn, dass Sie auf deren Wünsche Rücksicht nehmen.
Ich dachte, wir haben einen Konsens: Das Kind muss in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Schülerin und der Schüler muss in den Mittelpunkt gestellt werden.