Man könnte sich einfach auf einen gemeinsamen Antrag verständigen. Das wäre das Leichteste von der Welt. Aber wenn man natürlich nur vorhat, einen Antrag der Opposition abzulehnen, dann kommt so etwas heraus.
Wenn dann auch noch, Herr Roth, die Sinnhaftigkeit motorischer Tests infrage gestellt wird, ist das sozusagen der Gipfel der Heuchelei. Das ist wissenschaftlich wirklich völlig daneben. Gerade das, was hier passiert, ist von namenhaften Sportwissenschaftlern entwickelt worden. Wir brauchen das für unsere Kinder.
Wir werden der Überweisung natürlich zustimmen, stimmen vom Grundsatz her aber auch dem zu, was die CDU beantragt hat. – Vielen Dank.
Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Der Antrag begründet die Forderung nach flächendeckenden Motoriktests mit zweierlei Aspekten: Der erste, die Stärkung der gesundheitlichen Vorsorge, ist nachvollziehbar. Der zweite – ich zitiere mit Erlaubnis –, „die frühzeitige Talententdeckung auch unter dem Gesichtspunkt der Chancengleichheit“, mutet zumindest bizarr an, ich würde sogar sagen: lebensfremd.
Ich frage mich: Wo leben Sie? Ist das das prioritäre Problem unserer Kinder in Nordrhein-Westfalen: der fehlende Nachwuchs für den Spitzensport?
Oder ist das wieder einmal ein Ausdruck der klassischen CDU-Klientelpolitik, die sich allein um den Sportstandort Nordrhein-Westfalen sorgt?
Somit geht der Antrag der CDU-Fraktion leider ziemlich am Problem vorbei, ja schlimmer noch: Er reduziert die vielfältigen gesundheitlichen Probleme, denen insbesondere sozial benachteiligte Kinder ausgesetzt sind, auf einen einzigen Bereich, der nun flächendeckend diagnostiziert und therapeutisiert werden soll: die Motorik allein von Grundschulkindern – noch einmal im Ernst –, um frühzeitig Leistungssportlerinnen und -sportler zu identifizieren? Die Linke kann es mit ihrem Menschenbild nicht vereinbaren, Kinder nach solchen Verwertungskriterien vorzusortieren.
Warum also zielt der Antrag am Problem vorbei? – Weil erstens eine umfassendere Problematik zugrunde liegt. Kinder aus sozial benachteiligten El
ternhäusern tragen viel größere gesundheitliche Risiken als Kinder aus Mittelschicht- und Reichenfamilien. Dazu zählen auch motorische Auffälligkeiten, die meist aus einer bewegungsärmeren Freizeitgestaltung resultieren, meine Damen und Herren.
Und weil zweitens eine schlechte Kindergesundheit auch sehr viel früher anfängt als im Grundschulalter. Diese Probleme nehmen nämlich ihren Anfang bereits bei Kindern im Kita-Alter, bei Drei- bis Sechsjährigen, wie zahlreiche Studien belegen. Sie zeigen, dass arme Vorschulkinder wesentlich häufiger gesundheitlich eingeschränkt, depriviert und in der Motorik auffälliger sind. Bei Kindern im Grundschulalter setzt sich dieser Trend lediglich fort.
Werte Abgeordnete, der CDU-Antrag zeigt uns, dass sich der Bock hier gewissermaßen selbst zum Gärtner ernennt.
Die Kinderarmut weist nach wie vor ein stabil hohes skandalöses Niveau auf trotz angeblichen Jobwunders. Zugleich verkommt die Gesundheitsförderung und -erziehung in vielen Kitas angesichts der dramatischen Personalengpässe dort zur Farce.
Auch die Leere der familiären Kühlschränke von Hartz-IV-Betroffenen am Monatsende ist für eine gesunde Ernährung nicht sonderlich zuträglich.
Erstens eine konsequente Frühförderung und Früherkennung von Beeinträchtigungen der Kindergesundheit. Indes: Die frühzeitige Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen funktioniert immer noch nicht sonderlich gut, besonders bei benachteiligten Familien.
Zweitens ist deshalb eine konsequente Bekämpfung der Kinderarmut nötig. Wir brauchen mehr Verteilungsgerechtigkeit durch höhere Steuern für Reiche und einen funktionierenden Sozialstaat, insbesondere für Einkommensarme und ihre Familien. Aber solange viele Familien in Hartz IV in Armut per Gesetz und Kinder zum Teil von 215 € im Monat leben – nach dem Willen der CDU/CSU/FDP
Bundesregierung soll dieser Zustand nun für die nächsten Jahre sogar eingefroren werden –, haben wir ein Riesenproblem, meine Damen und Herren.
Eine solche Politik muss gestoppt werden, weil sie nicht nur lebensfremd, sondern auch menschenverachtend ist, indem sie die Kinderarmut auf Jahre verschärft.
Drittens macht eine umfassende Förderung der motorischen Fähigkeiten von Kindern, wie sie der Entschließungsantrag als Maßnahmenbündel einfordert, durchaus Sinn. Diese muss aber sowohl den
Kitas als auch den Ganztagsbereich sowie den Sportunterricht umfassen. Deshalb bringen wir mit SPD und Grünen den Entschließungsantrag ein, behalten uns aber selbstverständlich weitergehende Initiativen vor.
Wir freuen uns auf die Ausschussberatung, ebenfalls auf eine Anhörung. Das wird bestimmt spannend. – Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
(Vereinzelt Beifall von der LINKEN – Daniel Sieveke [CDU]: Es klatscht noch nicht ein- mal die eigene Fraktion! – Bärbel Beuer- mann [LINKE]: Da haben Sie nicht geguckt! Ich habe geklatscht!)
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Zu der Bedeutung des Sports für die Gesundheit und die Persönlichkeitsentwicklung gerade von Kindern und Jugendlichen haben sich alle Vorrednerinnen und Vorredner hier positiv verhalten. Damit sie alle Potenziale entfalten können, brauchen sie eine kindgerechte und auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Umgebung und auch entsprechende Angebote.
Damit Übungsleiter und Übungsleiterinnen, Lehrkräfte, Erzieherinnen, Erzieher zielgerichtet arbeiten können, benötigen sie auch gute Informationen darüber, was jedes einzelne Kind kann, wo es seine Stärken und Schwächen hat, und sie müssen wissen – das ist jetzt ganz entscheidend –, wie sie kindgerecht fördern können.
Die beiden Anträge machen dazu sehr unterschiedliche Vorschläge. Der Antrag der CDU thematisiert ein Diagnoseinstrument, und Sie fordern den flächendeckenden Einsatz an Grundschulen. Der Entschließungsantrag geht nach meinem Dafürhalten erfreulicherweise stärker in die Tiefe. Denn er wirbt tatsächlich für ein vielfältiges Sportangebot im Lebensraum Schule und auch für entsprechend kindgerechte Rahmenbedingungen. Er richtet den Fokus auf die Ausbildung angehender Sportlehrkräfte, und er betont die Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Das alles unterstütze ich natürlich mit Nachdruck.
Den Antrag der CDU kann die Landesregierung vor diesem Hintergrund deshalb auch nicht befürworten. Aber ich möchte nicht missverstanden werden. Natürlich ist es richtig, dass am Anfang einer erfolgreichen motorischen Förderung auch eine Diagnose stehen sollte. Das empfiehlt ja auch der Zweite Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht ausdrücklich.
Aber – alle Vorredner, die für den Entschließungsantrag gesprochen haben, haben es gesagt – diese Diagnose allein reicht eben nicht aus. Das Testen allein reicht nicht aus. Es macht kein einzelnes Kind, keinen einzelnen Jugendlichen fitter.
Entscheidend ist, was danach kommt, und das ist das, was wir komplexer denken müssen, auch in der Überlegung, wie wir diese Dinge in den Schulen und in den Kindertagesstätten verändern wollen.
Ich habe mir das in einer Kommune, die das für mich beispielhaft macht, angesehen. Das ist das Projekt „Sportif“ in Bottrop. Hier wird genau das praktiziert, was wir uns im Grunde genommen für das gesamte Land Nordrhein-Westfalen wünschen. Das habe ich mir letzten Freitag angeschaut. Hier sind Diagnostik und kindgerechte Intervention praxistauglich und wirklich sehr erfolgreich zusammengeführt. In Bottrop arbeitet man mit diesem Test. Aber es gibt eine begleitende Diagnostik, und damit kann man auch Entwicklungsfortschritte dokumentieren. Das muss gemeinsam konzipiert werden, bevor wir die Testung durch das Land vorschreiben.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir dieses Projekt „Sportif“ aus Bottrop wirklich in die Fläche des Landes hineintragen. Ich habe mir fest vorgenommen, noch einmal zu prüfen, wie wir da einen Schritt für Nordrhein-Westfalen weiterkommen können.
Einiges von dem, was im Entschließungsantrag steht, haben wir natürlich schon auf den Weg gebracht oder sind auf dem Weg dorthin. Wir wollen die Komponente „Bewegungsförderung“ stärker als bisher in die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern integrieren. Wir werden das gute Projekt der Bewegungskindergärten – Sie haben es angesprochen – auch weiterhin ausbauen wollen, und wir wollen natürlich eine niedrigschwellige Kooperation von Sportvereinen und Kindertageseinrichtungen intensivieren. Das sind Dinge, an denen wir sicherlich alle gemeinsam weiterarbeiten. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass man im Sportausschuss gemeinsam ein Stück weiter kommt.
Abschließend kann ich Ihnen aber folgenden Hinweis doch nicht ersparen. Herr Dr. Wolf, Sie haben auf den Antrag abgehoben und deutlich gemacht, dass man da rangehen müsse. Sie sagten, das müsse man nur wollen.
Dabei kann ich mir einen Seitenhieb nicht verkneifen. Ich habe in einen Briefwechsel zwischen Herrn Palmen und Herrn Winands aus der letzten Legislaturperiode geschaut. Der damalige Parlamentarische Staatssekretär Palmen, der bei Dr. Wolf im Ministerium gearbeitet hat, hat das Schulministerium angeschrieben, es möge den flächendeckenden motorischen Test vorbereiten. Herr Winands hat mit Schreiben vom 20. Mai 2009 geantwortet – ich zitiere –:
Auch wenn der motorische Test bereits als Verfahren per Eingangsdiagnose zur Zulassung an einer der fünf neuen Sportschulen eingesetzt wird, sehe ich für eine grundsätzliche verbindliche Einführung der Tests an den Schulen in Nordrhein-Westfalen keine Grundlage. – Zitat Ende.
(Dieter Hilser [SPD]: Hört, hört! – Zuruf von Heike Gebhard [SPD] – Widerspruch von Stefan Wiedon [CDU])
Das hören Sie jetzt vielleicht das erste Mal. Aber Herr Dr. Wolf als ehemals zuständiger Minister müsste es eigentlich wissen, denn Herr Palmen hat an diese Antwort eine Handnotiz geschrieben: „Das reicht aber nicht.“
In diesem Sinne sollten wir gemeinsam versuchen, über das Stadium des Testens alleine hinauszukommen und im Sportausschuss die Debatte in einer komplexen Art zu führen, wie es zum Beispiel in Bottrop gemacht wird. Wenn wir uns dabei einig werden, bekommen wir im Sinne der Kinder und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen gemeinsam etwas hin. – Herzlichen Dank.
Danke schön, Frau Ministerin. – Es liegt noch eine Wortmeldung des Herrn Abgeordneten Wiedon von der CDUFraktion vor.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich bin schon ein klein wenig erschüttert. Ich komme aus Düsseldorf. Wir machen das Düsseldorfer Modell der Bewegungs- und Talentförderung seit Jahren. Das geschah völlig ohne Streit im Sportausschuss – ich war Sprecher der CDU-Fraktion im Sportausschuss – mit allen Fraktionen zusammen. Das ist völlig problemlos gelaufen.
Frau Dr. Butterwegge, dafür, wie man aus einem solchen Antrag auch noch einen Klassenkampf machen kann, fehlt mir jedes Verständnis. Das muss ich Ihnen sagen.
Es geht doch nicht nur darum, einen Test zu machen, und dann war es das. Man kann doch das eine tun, ohne das andere zu lassen. In Düsseldorf werden im zweiten Schuljahr alle Kinder getestet. Wir haben heute Morgen über individuelle Förderung gesprochen: Anschließend wird jedes einzeln Kind dort abgeholt, wo es motorisch steht. Es wird gefördert. Im fünften Schuljahr wird ein Re-Check gemacht.