Herr Müller, Sie geben mir also recht: Sie haben zwar fleißig an der Problematik gearbeitet, aber es hat nichts genützt. Ihre Landesregierung hat es nicht zustande gebracht, und jetzt wollen Sie uns das über den Zaun werfen.
Vielen Dank, Herr Abgeordneter Roth. – Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat Frau Abgeordnete Paul das Wort.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich finde es bezeichnend, dass Herr Müller in seiner Redezeit im Grunde genommen nicht viel zur Sache gesagt hat, und es erscheint mir auch so, dass er sich damit nicht richtig auseinandergesetzt hat.
Ich stimme den Analysen des CDU-Antrags zur Bedeutung der Förderung von Bewegungsfreude und motorischen Fähigkeiten zu. Da haben wir überhaupt keinen Dissens. Uns beiden ist sicherlich klar – und ich glaube, auch die Kollegen Roth, Wolf und Michalowsky stimmen darin überein –, dass Sport und Bewegung die Konzentration, die Ausgeglichenheit und die Lernfähigkeit fördern. Sport und Bewegung sind insofern ein Beitrag zur ganzheitlichen Bildung.
Auch Tests lehnen wir nicht generell ab. Entscheidend ist aber – und das hat Herr Kollege Roth schon deutlich gemacht –, dass wir das Testen nicht um des Testens willen machen.
Denn es geht doch in allererster Linie um die Vermittlung von Bewegungsfreude und die Unterstützung bei Defiziten. Und um es einmal ganz platt zu formulieren: Es geht auch um den Spaß am Sport. – Sie schütteln zwar mit dem Kopf, aber ich finde, auch darum sollte es gehen.
Unser Entschließungsantrag, Herr Müller, erfasst Ihr Anliegen aus meiner Sicht sehr viel breiter und sehr viel besser, als es Ihr eigener Antrag tut. Denn was wir brauchen, sind nicht nur flächendeckende motorische Test. Vielmehr bedarf es bereits im Kindergarten der Förderung der Bewegung, und diesbezüglich hat die Landesregierung den Aufschlag gemacht, indem sie die Anzahl bewegungsfreudiger Kindergärten massiv erhöhen will.
Wir brauchen in der Ausbildung von Sportlehrerinnen und Sportlehrern eine stärkere Gewichtung auf motorische und diagnostische Fähigkeiten in Bezug auf die Stärken und in Bezug auf die Schwächen – also im Grunde genommen das, was Sie erreichen wollen.
Wir müssen an den Schulen Bewegungsräume schaffen. Damit meine ich in diesem Fall Bewegungsgelegenheiten und Bewegungszeiten, also bewegte Pausen, Bewegung als Teil des normalen Unterrichts. Besonders der Ganztag eröffnet ganz neue Möglichkeiten, zu einer neuen Rhythmisierung im Schulalttag zu kommen. – Das alles decken Sie mit Ihren Forderungen nach motorischen Tests doch überhaupt nicht ab.
Ganz wichtig ist, dass wir den Ausfall des Sportunterrichts minimieren. Es kann nicht sein, dass der Sportunterricht immer ganz oben auf der Streichliste steht. – Das sind aus meiner Sicht die ersten Schritte in die richtige Richtung.
Zentral für uns ist, dass Bewegung ein wichtiger Baustein umfassender Bildung ist und – auch räumlich gesehen – ein fester Bestandteil von Schulentwicklung wird.
An einem bestimmten Punkt Ihres Antrages habe ich ein klitzekleines Problem: Das ist Ihre totale Beziehung auf die Leistungsdiagnostik.
Ja, das ist Ihnen klar: weil Sie mich wieder als leistungsfeindlich hinstellen wollen. Ich komme gleich noch zu den Leistungspotenzialen. – Es ist gar nicht erwiesen, ob Ihre Tests, die Sie hier so vehement einfordern, in dieser Form überhaupt einen sinnvollen Beitrag zur Leistungsdiagnostik lie
fern. Es geht vielmehr um die langfristige Beobachtung: um unter qualifizierter Diagnose herauszufinden, ob jemand besondere Fähigkeiten und besondere Talente oder eben auch besondere Schwächen hat. Das können Sie mit Einmal-schnell-durchden-Test-Gehoppel unter Umständen gar nicht so zielsicher herausfinden.
Sie wissen doch gar nicht, wie ich das vorhabe. Aber ich habe Ihnen ja schon gerade skizziert, wie es gehen könnte.
Wir plädieren dafür – darüber können wir im Ausschuss und auch in der Anhörung, die ich sehr befürworte, gerne noch einmal dezidiert gemeinsam sprechen –, dass man die motorischen Tests, die es schon gibt, auch so evaluiert und, wenn nötig, Anpassungen vornimmt. Wir sind uns gar nicht uneinig darin, dass wir ein qualifiziertes Diagnoseverfahren brauchen. Das besagt auch der Kinder- und Jugendsportbericht. Die Frage ist für uns nur: In welcher Form soll das geschehen? Vor allem dürfen diese Testverfahren nicht für sich alleine stehen, sondern es muss anschließend auch etwas damit passieren, es muss anschließend auch eine vernünftige Förderung eingeleitet werden.
Nun noch ein Wort zu den von Ihnen so wichtig genommenen Leistungsperspektiven! Wir sind an dieser Stelle doch überhaupt nicht leistungsfeindlich. Ich bin auch sehr dafür, dass man die Talente in NRW hebt. Und natürlich wollen wir im Leistungssportbereich gerne erfolgreich sein. Ich bin die Letzte, die etwas dagegen hat. Aber ein wichtiger Beitrag zu dieser Potenzialdiagnostik sind in allererster Linie die qualifizierten Lehrkräfte. Gerade in den Grundschulen ist das zentrale Problem nicht, dass wir keine flächendeckenden motorischen Tests haben, sondern da ist eines der zentralen Probleme, dass oftmals fachfremd unterrichtet wird und damit eine so qualifizierte Diagnose gar nicht möglich ist.
Was wir in diesem Bereich brauchen, das sind Qualifizierungsstrategien für diejenigen Lehrkräfte, die fachfremd unterrichten. Und wir brauchen unter Umständen auch mehr Fachlehrkräfte. Das ist ein vernünftiger Beitrag zu einer Talenterkennung, gegen den Sie auch gar nichts haben können. Ich weiß nicht, warum Sie diese Einladung nicht annehmen und sagen: Ja, der Entschließungsantrag gefällt uns, der ist vernünftig, der hat Hand und Fuß, dem stimmen wir dementsprechend auch zu.
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ließe sich natürlich auch umgekehrt sagen: Die Minderheitsregierung könnte auch dem Antrag der CDU zustimmen. – Das wäre genauso möglich.
Aber wir haben ja die Situation – same procedure as every day –, dass der Antrag abgelehnt werden muss. Die Rotationsbewegungen, die wir gestern beim Thema „Olympia“ gesehen haben, haben auch heute wieder Platz gegriffen: Test nicht um des Testens willen!
Von Herrn Roth habe ich gehört, wir sollen das Land nicht mit dem Test überziehen. – Mein Gott! Was will die CDU, was wollen auch wir als FDP? Wir wollen, dass das ausgebaut wird, was angefangen worden ist.
Die Schwerpunkte für diesen Test und auch für die bessere motorische Entwicklung von Kindern sind in den letzten fünf Jahren gelegt worden. Wir haben enorm zugelegt bei den bewegungsfreudigen Kindergärten. Das war unter meinem Vorgänger angelaufen. Wir haben das verstärkt.
Und es soll fortgesetzt werden. Dafür ist überhaupt keine politische Auseinandersetzung nötig. Das könnte man vernünftig lösen.
Hier geht es um Evolution und nicht um Revolution. So habe ich auch Herrn Müller verstanden. Es geht auch nicht um eine Verpflichtung: Nächste Woche müssen das alle machen. – Wir haben vielmehr die Notwendigkeit, darüber zu reden: Wie können wir Kinder, die unbeweglich im Laufe der Zeit geworden sind, wieder etwas beweglicher machen? Da müssen Defizite abgebaut werden.
Diese Tests sind längst alle wissenschaftlich ausgearbeitet. Es ist doch nicht so, dass ob irgendeiner aus diesem Raum die Tests erfindet. Hier geht es, Frau Paul, um ganz simple Fragestellungen: Können Kinder wieder geradeaus laufen, können sie rückwärts laufen, können sie springen, können sie entsprechende Bewegungen machen? Das hat man mit Wissenschaftlern längst evaluiert. Da muss man nur herangehen, das muss man nur wollen, um dem Problem nahe zu kommen,
dass Kinder durch Fettleibigkeit, Adipositas oder Ähnliches, am Ende immer weiter zurückfallen, auch in ihren schulischen Leistungen.
Sie haben zu Recht angesprochen, dass es eine Kombination ist: sportliche Fähigkeit und geistige Fähigkeit.
Man könnte sich einfach auf einen gemeinsamen Antrag verständigen. Das wäre das Leichteste von der Welt. Aber wenn man natürlich nur vorhat, einen Antrag der Opposition abzulehnen, dann kommt so etwas heraus.