Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Link, Frau Stotz, auch Frau Beer: Ich habe geahnt, welchen fachlichen Unfug – wenn ich das einmal so sagen darf – Sie hier produzieren und mir deswegen mit Bedacht noch ein bisschen Zeit gelassen.
Dieser Antrag heißt „Begabungsförderung im Kontext individueller Förderung“. Um es einmal deutlich zu machen: Begabungsförderung ist sozusagen eine Unterabteilung individueller Förderung. Individuelle Förderung betrifft alles. In der Vergangenheit haben Sie zwar wahrgenommen, weil es einfacher festzustellen ist, dass es auch Kinder mit Lernschwierigkeiten und auch mit Behinderungen gibt, die eine Sonderpädagogik benötigen. Was Sie über Jahrzehnte vernachlässigt haben, ist, zu erkennen, dass es Kinder mit Talenten gibt, die aber verkümmern, wenn man sie eben nicht weiterentwickelt.
Wir sind alle der Meinung, dass wir uns das nicht leisten können und dass wir das auch den Kindern nicht antun dürfen.
Wenn Sie sagen, dass die Lehrerausbildung nicht auf individuelle Förderung vorbereitet hat, dann haben Sie Recht. Das haben Sie über Jahrzehnte nicht getan. Deswegen ist es auch so notwendig, eine Veränderung, eine Reform der Lehrerausbildung hinzubekommen. Sie haben es über Jahrzehnte nicht geschafft.
Frau Stotz, ein Wort zu den Ressourcen: Eine andere Lehrerausbildung ist nicht teurer, sie ist nur anders und wirksamer. Das muss an dieser Stelle einmal ganz deutlich gesagt werden.
Was Ihre vermeintliche Begabtenförderung der letzten Jahren betrifft – Sie haben in der Tat Sommerakademien und solche Dinge in die Wege geleitet –, muss man sagen:
Diese Dinge wirken nur dann, wenn ihnen ein anderer Unterricht vorausgeht. Sommerakademien, außerschulische Maßnahmen bewirken nichts anderes als einen tiefen Absturz besonders begabter Schüler beim Unterrichtsvormittag, wenn nicht auch der geändert wird. Das ist erwiesen. Das brauchen wir nicht erst festzustellen. Das ist so.
Deswegen: Sommerakademien sind zwar sehr gut – wir wollen sie fortsetzen –, außerschulische Maßnahmen sind hervorragend, aber sie führen nur dann zum Ziel, wenn wir den Unterrichtsvormittag verändern.
Wenn wir unseren Lehrern und den Erzieherinnen in den Kindertagesstätten in der Ausbildung Diagnosekompetenz vermitteln, wenn wir sie in die Lage versetzen, individuell fördern zu können, dann wird die Förderung auch besonders begabter oder weniger begabter Kinder automatisch erfolgen. Die einen Kinder benötigen eine individuelle Förderung, weil sie Defizite haben. Andere Kinder benötigen eine individuelle Förderung, weil sie besondere Begabungen haben.
Weil sie einen persönlichen Anspruch darauf haben, haben wir gesagt: Wir wollen alle Talente unserer Kinder achten und weiterentwickeln. Jedes Kind soll sich künftig in der Schule zu Hause fühlen, ob es schwach begabt, normal begabt, mittelmäßig, hochbegabt oder besonders begabt ist.
Noch ein kurzes Wort zu den Zahlen: Wir sprechen in diesem Antrag überhaupt nicht von Prozenten. Wir sprechen im Übrigen auch nicht von den 2,7 %, sondern wir sprechen von Begabungsförderung. Das ist im Übrigen etwas anderes als Begabtenförderung. Begabungsförderung setzt am einzelnen Talent des Kindes an, das in unterschiedlichen Bereichen vorhanden sein kann. Begabtenförderung ist weitergehend. Dahin müssen wir auch noch kommen. Aber die Begabungsförderung schließt automatisch ein und bringt zum Ausdruck, dass wir jedes Kind bei seinen Fähigkeiten, aber auch bei seinen Defiziten nehmen wollen.
Da Sie in den letzten Jahren in der Lage waren, Defizite bei Kindern einigermaßen zu identifizieren, aber das andere vernachlässigt haben, haben wir mit diesem Antrag den notwendigen Akzent gesetzt. Wir wollen das, was Sie über viele Jahre versäumt haben, endlich nachholen, um das Bild von Bildung, von Schule insgesamt zu
komplettieren. Da hat es nämlich eine dramatische Lücke gegeben. Die schließen wir mit diesem Antrag. Wir machen uns auf den Weg, nun auch Begabte zu fördern, was Sie lange Jahre überhaupt nicht wollten; das haben uns die Lehrer in den Schulen immer wieder bestätigt. Sie hatten Angst, sozusagen Extrawürste zu braten für Kinder, die einen anderen Anspruch hatten, die einfach einen anderen Lernstoff brauchten, weil das nicht goutiert wurde. So war es in der Vergangenheit.
Noch ein Wort zu den Ressourcen, die Kinder in Anspruch nehmen: Besonders begabte Kinder sind, wenn sie gefördert werden, nicht teurer, sie kosten nicht mehr, sie kosten weniger. Sie kosten weniger, weil sie schneller mit der Ausbildung fertig werden, weil sie keinen zusätzlichen Förderunterricht benötigen. Sie benötigen nicht den Förderunterricht in der Form, wie wir ihn bisher kennen. Sie benötigen eine Förderung in der Weise, dass man ihnen andere Aufgaben gibt. Dann marschieren sie ganz von alleine. So ist das.
Mit Ihren Debattenbeiträgen haben Sie heute nichts anderes kundgetan, als dass Sie von dem Thema so gut wie keine Ahnung haben.
Frau Präsidentin! Frau Pieper-von Heiden, wenn Sie mehr reden, wird es auch nicht besser. Das ist auch noch einmal festzustellen.
Ich habe Ihren Antrag mitgebracht. Da steht: „Begabungsförderung im Kontext individueller Förderung“.
Individuelle Förderung ist dann wie Begabungsförderung. Nur: Zu dieser individuellen Förderung legen Sie eben kein Konzept vor – das ist ja das Interessante –, sondern Sie – das ist in Ihrem Antrag sehr deutlich nachzuvollziehen – greifen an
verschiedenen Stellen wieder die besondere Begabung heraus. Diese Widersprüchlichkeit produzieren Sie in Ihrem gesamten Antrag.
Das ist ja das Tragische. Ich habe Ihnen doch sehr deutlich gesagt: Chance verpasst! Sie haben die Chance verpasst, ein individuelles Förderkonzept in der Breite vorzulegen. Genau das tun Sie nicht. Da hilft es auch nicht, wenn Sie hier um den heißen Brei herumreden und anderen Unfug unterstellen wollen. Bitte erst einmal in der eigenen Bude aufräumen! Das ist ganz wichtig.
Ich möchte dann noch darauf hinweisen, dass Sie in Ihrem Antrag eine zweite Struktur einziehen wollen. Auf der einen Seite zerschlagen Sie die Fortbildungsinstrumente und Fortbildungsorte, die wir im Augenblick mit dem Landesinstitut haben, anstatt dort zu innovieren und entsprechend den Schwerpunkt zu legen; das ist ganz deutlich. Auf der anderen Seite setzen Sie sich für eine ausgewählte Gruppe ein, für die besonders Begabten. Damit haben Sie Ihr altes Anliegen doch nur neu verpackt. Sie wollen eine spezielle Gruppe hervorheben, weil Sie es nicht leisten, für jedes Kind die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. Davon verabschieden Sie sich hiermit erst einmal für lange Zeit.
Wir werden gleich im Ausschuss noch weiter diskutieren, was Ihre Ausbildungsordnung heruntergebrochen auf die Grundschulen genau bedeutet. Denn mit jeder konkretisierten Maßnahme Ihres Schulgesetzes wird offensichtlich, wie es wirklich aussehen wird: dass wir zu einer weiteren Spaltung kommen, dass Sie auf der einen Seite privilegieren und auf der anderen Seite Benachteiligung nicht ausgleichen, dass Sie vor allen Dingen keinen Blick für das einzelne Kind haben, auch nicht für diejenigen, die sie eben als die „normalen Kinder“ bezeichnet haben, die bei diesen Maßnahmen durch das Rost fallen.
Danke schön, Frau Beer. – Meine Damen und Herren, es liegen keine weiteren Wortmeldungen vor. Wir kommen zum Schluss der Beratung.
Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Antrags Drucksache 14/2099 an den Ausschuss für Schule und Weiterbildung. Die abschließende Beratung und Abstimmung soll dort in öffentlicher Sitzung erfolgen. Wer dieser Überweisungsempfehlung zustimmen kann, den bitte ich um das Handzeichen. – Wer ist dagegen? – Wer enthält sich? – Dann ist das einstimmig so beschlossen.
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Meine Damen und Herren, die Fraktionen haben sich entgegen dem Ausdruck in der Tagesordnung inzwischen darauf verständigt, heute keine Beratung durchzuführen. Die Beratung soll nach Vorlage der Beschlussempfehlung des federführenden Ausschusses erfolgen.
Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Antrages Drucksache 14/2106 an den Ausschuss für Schule und Weiterbildung – federführend – und an den Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales, den Ausschuss für Umwelt- und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sowie an den Ausschuss für Generationen, Familie und Integration mitberatend. Wer dieser Überweisungsempfehlung die Zustimmung geben kann, den bitte ich um das
Handzeichen. – Wer enthält sich? – Wer ist dagegen? – Dann ist diese Überweisung einstimmig angenommen.
Ich wünsche Ihnen ganz viele sonnige und erholsame Stunden und Tage und hoffe, dass Sie alle auch eine politikfreie Zone für sich organisiert haben. Vielleicht lassen Sie Ihr Handy einfach zu Hause. Dann können wir sicherlich gut erholt die Arbeit nach den Ferien wieder aufnehmen; denn es gibt viel zu tun. Schöne Ferien!