Protocol of the Session on June 18, 2013

Tagesordnungspunkt 13: Abschließende Beratung: Entwurf eines Gesetzes zur Änderung schulrechtlicher Vorschriften - Gesetzentwurf der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen - Drs. 17/76 - Beschlussempfehlung des Kultusausschusses - Drs. 17/230 - Schriftlicher Bericht - Drs. 17/309

Der Ausschuss empfiehlt Ihnen, den Gesetzentwurf unverändert anzunehmen.

Eine mündliche Berichterstattung ist nicht vorgesehen.

Wir kommen zur Beratung. Zu Wort gemeldet hat sich der Kollege Poppe für die SPD-Fraktion.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! In der Vorbereitung auf diese Beratung habe ich mich noch einmal mit der CDU/FDP-Schulgesetzänderung von 2003 befasst. Sie erinnern sich: Abschaffung der Orientierungsstufen, Stärkung der Hauptschulen, Errichtungsverbot für neue Gesamtschulen - alles innerhalb weniger Monate beraten.

(David McAllister [CDU]: Da war Tempo!)

Die damalige Debatte war geprägt von der Überzeugung, jetzt sei das Ende der Schulstrukturdebatten erreicht, jetzt habe die Dreigliedrigkeit mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium gesiegt. Es lag ein unüberhörbarer Grundton von Triumphalismus in der Luft.

(Vizepräsident Klaus-Peter Bachmann übernimmt den Vorsitz)

Nichts davon, meine Damen und Herren, hat sich erfüllt. Schon nach fünf Jahren mussten Sie das Gesamtschulerrichtungsverbot zurücknehmen, und alle Schikanen, die Sie an Gründungsvoraussetzungen geknüpft hatten, führten nur dazu, dass der Drang an die Gesamtschulen und der Druck auf die Regierung noch größer wurden.

(Zustimmung bei den GRÜNEN)

Die Dreigliedrigkeit in der alten Form ist inzwischen Geschichte. Sie selbst haben mit der Oberschule eine neue Schulform eingeführt, um vom Scheitern Ihrer Pläne abzulenken.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

So kurzatmig, meine Damen und Herren, ist manchmal schwarz-gelbe Schulpolitik.

Sollte nun jemand an dieser Stelle Triumphgeheul von unserer Seite erwarten, dann muss ich diesen enttäuschen;

(Ulf Thiele [CDU]: Das war das aber!)

denn die Redner von SPD und Grünen haben keine Schenkelklopferfraktionen zu bedienen. Diejenigen, in deren Interesse wir handeln, neigen eher zu stiller Zufriedenheit. Sie lassen sich allenfalls zu so überschwänglichen Formulierungen hinreißen wie „notwendige und längst überfällige Schritte zur Flexibilisierung“ - das kommt vom Landesschülerrat -

(Zustimmung von Ina Korter [GRÜNE])

und „die geplante Änderung entspreche einer langjährigen Forderung“ - Landeselternrat -. Auch die Stellungnahmen der kommunalen Spitzenverbände, fast aller Lehrerverbände und der Kirchen waren bei aller grundsätzlichen Zustimmung von einer wohltuenden Sachlichkeit und Differenziertheit.

(Zustimmung bei der SPD)

Was ist daran zu erkennen? - Ich sage es Ihnen: Diese Gesetzesänderung vollzieht etwas nach, was viele gewünscht, viele von uns erwartet, ja, viele, z. B. beim Volksbegehren, von uns gefordert haben, und sie stellt ein Stück Normalität und eine Gleichbehandlung der Schulformen wieder her.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Meine Damen und Herren, das ist eine Richtung, die bereits in mehreren Bundesländern die Grundlage für einen Schulkonsens über Parteien und Legislaturperioden hinaus gelegt hat. Absolute Normalität! So normal, dass selbst der Gesetzgebungs- und Beratungsdienst auf das Fertigen einer eigenen Vorlage verzichtet hat.

Ich will in Kürze erläutern, wie wenig die öffentlich verbreiteten Horrorszenarien der Opposition mit der Realität zu tun haben.

Erstens. Die Wiedereinführung des Abiturs nach 13 Jahren an Gesamtschulen ist so furchterregend, dass schon andere Schulformen - vorneweg die Gymnasien - folgen wollten.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Zweitens. Auch die Angst vor gewaltigen tektonischen Verschiebungen in der Schullandschaft wegen der erleichterten Gründung von vierzügigen Gesamtschulen ist völlig unbegründet.

(Ulf Thiele [CDU]: Von dreizügigen, Herr Poppe!)

Wenn aus einer dreizügigen Realschule und einer einzügigen Hauptschule eine Gesamtschule entsteht, dann ist das völlig unspektakulär und löst weit weniger Verdrängungseffekte und Änderungen im Wahlverhalten von Schülerinnen und Schülern aus als bisher bei der von Ihnen geforderten Fünf- oder Mehrzügigkeit.

(Björn Försterling [FDP]: Dann dürfen Sie die so nicht genehmigen! Das ist ganz klar gesagt worden!)

- Sie haben doch noch jede Menge Zeit zu sprechen, Herr Försterling! Warum regen Sie sich so auf?

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Oder: Wenn sich eine ausreichend große Oberschule zu einer Gesamtschule weiterentwickelt, dann entspricht das in der Regel den dort schon vorher artikulierten Wünschen.

Drittens. Auch die Ausnahmeregelungen zur Dreizügigkeit, um die es in den Ausschussberatungen ganz hauptsächlich ging und die Sie als Freifahrtschein zur Beliebigkeit darzustellen versucht haben, sind in Wirklichkeit sehr klar umrissen.

Die Dreizügigkeit ist dann möglich, wenn eine Gesamtschule vor dem 1. August 2013 errichtet worden ist - da haben wir es mit einer Bestandsschutzregelung zu tun - oder wenn eine andere Gesamtschule unter zumutbaren Bedingungen nicht erreichbar ist - das ermöglicht Chancen im sehr dünn besiedelten Raum und auf Inseln - oder - dritte Regelung - wenn die Gesamtschule die einzige Schule im Sekundarbereich I am Standort ist.

Das ist eine Regelung, die es auch in Vorgängerverordnungen schon gegeben hat.

Zu allem kommt noch die verstärkende Generalklausel, dass stets die Anforderungen an die Schulform Gesamtschule bezüglich des Fremdsprachenangebots, der Pflicht-, der Wahlpflicht- und der Wahlbereiche sowie der Fachleistungsdifferenzierung erfüllt sein müssen.

Herr Kollege Poppe, erlauben Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Försterling?

Herr Försterling hat noch alle Möglichkeiten zu sprechen.

Wer das alles ehrlich und mit Gelassenheit anschaut, der muss zugestehen: Hier findet keine Revolution statt, sondern die längst überfällige Korrektur einer nur ideologisch begründeten Fehlsteuerung und Ungleichbehandlung.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Diese Einsicht fällt aber offenbar schwer. Es tut weh, feststellen zu müssen, Herr Försterling, dass die bisherige Position ein Irrweg war. Aus Ver

zweiflung vergreifen sich da manche im Ton und gerieren sich im niedersächsischen Sherwood Forest als Retter einer Schulform, die gar nicht angegriffen wird. Allen Kampf- und Krampfrhetorikern sei hier in aller Freundschaft gesagt: Verbales Abrüsten wäre glaubwürdiger!

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Wer im Zusammenhang mit diesem Gesetzentwurf von Brandrodung spricht, der versucht, mit Propagandamethoden die Unsicherheit zu schüren, die er nachher beklagt,

(Zustimmung bei der SPD und bei den GRÜNEN)

der ist, um Max Frisch zu variieren, Biedermann und Brandstifter zugleich.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Wir haben es tatsächlich eher mit Lagerfeuern schulischer Gemeinsamkeit zu tun als mit Brandrodung.

Für die SPD-Fraktion sage ich: Wir freuen uns über die zügige und von positiven Signalen begleitete Beratung. Wir danken allen, die unterstützend und auch mit konstruktiv-kritischen Anmerkungen den Beratungsprozess begleitet haben. Wir laden auch CDU und FDP, wenn es schon nicht zur Friedenspfeife reicht, jedenfalls ans Lagerfeuer ein. Die friedliche Fortentwicklung der Schullandschaft in Niedersachsen für die Schülerinnen und Schüler, für die Schulen und für die Schulqualität sollte Ihnen ein solches Zeichen wert sein.

Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)