Protocol of the Session on October 23, 2014

(Beifall bei der FDP und Zustimmung bei der CDU)

Vielen Dank, Herr Försterling. - Für die SPD-Fraktion hat nun Herr Kollege Bratmann das Wort. Bitte!

Vielen Dank. - Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Landtagskolleginnen und Landtagskollegen! Sehr geehrter Herr Försterling, machen Sie sich mal keine Sorgen, dass die Lehrer aus unseren Reihen nicht genug Wertschätzung und Anerkennung erfahren!

Schließlich sind einige der Landtagskolleginnen und -kollegen von Rot-Grün ebenfalls Lehrkräfte - ich bin auch Lehrer. Von daher ist die Wertschätzung schon von Haus aus mitgebracht.

(Zurufe von der CDU und von der FDP - Unruhe - Glocke der Präsidentin)

Nun aber zu Ihrem Antrag.

Ich will in diese wichtige Debatte gar nicht so viel Schärfe hineinbringen, sondern ein paar Gemeinsamkeiten herausstellen, aber auch erklären, warum wir von der SPD und von den Grünen zu einem anderen Schluss kommen als Sie in diesem Antrag.

Sie fordern eine wissenschaftliche Erhebung über die tatsächliche Arbeitszeit der Lehrkräfte. In der Begründung wird dazu auf die sogenannte HattieStudie verwiesen. Das ist eine sehr interessante, wissenschaftlich etwas umstrittene Studie, die vor allen Dingen eine Aussage trifft: dass die Lehrerpersönlichkeit und das Lehrerhandeln großen Einfluss auf den Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler haben. Ich denke auch aufgrund meiner eigenen Erfahrung, dass das eine absolut richtige Erkenntnis ist, die hier wissenschaftlich belegt wird.

Ich zitiere den Autor dieser Studie, John Hattie, der gesagt hat:

„Ich sehe als Lehrkraft das Lernen durch die Augen der Schüler und helfe den Lernenden, zu ihren eigenen Lehrern zu werden.“

Das bedeutet für viele Lehrkräfte eine Änderung des beruflichen Selbstverständnisses und steht symptomatisch auch für viele Veränderungen im gesamten Schul- und Bildungsbereich.

(Unruhe)

Einen Moment, bitte, Herr Kollege! - Darf ich Sie alle um etwas Ruhe bitten?

Das ist ein bisschen wie im Unterricht hier. „Für mich ist auch die 6. Stunde“, haben Lehrkräfte immer gesagt.

(Miriam Staudte [GRÜNE]: Das ist Ganztagsschule hier! - Weitere Zurufe - Jens Nacke [CDU]: Das ist jetzt wie im Unterricht!)

Moment, bitte, Herr Kollege!

(Björn Thümler [CDU] niest)

Jetzt können wir fortfahren!

(Heiterkeit)

Gesundheit, Herr Thümler!

(Heiterkeit)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bin gerade auf die Studie von John Hattie eingegangen, die besagt, dass der Lernerfolg in besonderem Maße von den Lehrkräften abhängt. Das entspricht auch meinen eigenen Erfahrungen, und ich denke, diese Erkenntnis hat sich mittlerweile durchgesetzt.

Das eben von mir genannte Zitat - ich hoffe, dass es Ihnen trotz der Störungen noch in Erinnerung ist - zeigt, dass sich im Bildungsbereich ein gewisser Paradigmenwechsel hin zu einer stärkeren Schülerorientierung vollzieht, der auch mit neuen Unterrichtsformen, mit sich verändernden Curricula, mit neuen Arbeitsformen im Unterricht und einer Veränderung im Umgang der Lehrkräfte untereinander verknüpft ist. Er bringt natürlich auch einen Aspekt mit sich, der für uns alle von Bedeutung ist, nämlich die Inklusion.

Natürlich fühlen sich Lehrkräfte angesichts dieser Veränderungen, die zum Teil stattfinden oder noch stattfinden werden, verunsichert und belastet. Diese Veränderungen bringen mitunter natürlich auch ein Mehr an Arbeit mit sich.

Herr Kollege Seefried hat es vorhin schon skizziert: Das Fass war gut gefüllt, und die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung um eine Stunde für die Gymnasiallehrkräfte war offensichtlich der Tropfen,

der bei einigen das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Man muss aber dazusagen, wer das Fass so gefüllt hat.

(Jörg Hillmer [CDU]: Immer die ande- ren! - Reinhold Hilbers [CDU]: Fragen Sie sich selbst!)

- Herr Hillmer, da haben Sie völlig recht: Das waren die anderen, nämlich Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, durch die völlig überstürzte Einführung des G 8 an Gymnasien ohne vorherige Vorbereitung.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Das Fazit, das man aus der Hattie-Studie und den Erkenntnissen, die wir haben, ziehen kann, ist: Lehrkräfte müssen besser auf die Herausforderungen, die vor ihnen liegen, vorbereitet werden. Die Schulen müssen personell besser ausgestattet werden, um den gestiegenen pädagogischen Anforderungen gerecht zu werden. Der Schulalltag muss entzerrt werden, damit mehr Zeit für die Verarbeitung der Lernprozesse gegeben ist. Das macht diese Landesregierung mit dem Maßnahmenpaket der Zukunftsoffensive Bildung, und das macht sie auch mit der Rückkehr zum G 9, meine sehr verehrten Damen und Herren. Das ist der richtige Weg!

(Beifall bei der SPD)

Das sind auch keine Segnungen, wie die Kollegen Försterling und Seefried es immer wieder darstellen, sondern das sind wichtige bildungspolitische Maßnahmen, die Sie liegen gelassen haben und die wir jetzt umsetzen, meine sehr verehrte Damen und Herren.

(Beifall bei der SPD - Björn Thümler [CDU]: Na ja!)

Nun aber zum Kernanliegen des FDP-Antrags. Der Wunsch nach einer wissenschaftlichen Studie zur Ermittlung von tatsächlicher Lehrerarbeitszeit ist aus meiner Sicht durchaus verständlich. Die Umsetzung ist allerdings schwierig, wie Praxisbeispiele zeigen.

Aktuell gibt es den Versuch, den der Kollege Försterling gerade geschildert hat, an der Tellkampfschule in Hannover in Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen, finanziert von der GEW. An diesem Versuch einer Studie zur Lehrerarbeitszeit haben 39 Lehrkräfte teilgenommen. Laut Studienleiter Dr. Frank Mußmann von der Universität Göttingen geht es darum - ich zitiere -, Verkürzungen

des Boulevards entgegenzutreten, dass Lehrkräfte nur 23,5 oder 24,5 Stunden in der Woche arbeiten und nachmittags im Garten sitzen. - Ich glaube, für diese Erkenntnis brauchen wir keine wissenschaftliche Studie. Uns alle in diesem Haus eint, dass wir wissen, dass die Lehrerarbeit weitaus mehr ist als das, was an Unterrichtsverpflichtung vorhanden ist.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN - Miriam Staudte [GRÜNE]: Sehr richtig!)

Zur Lehrerarbeit gehören Unterrichtsvor- und -nachbereitung, Korrekturen, Team- und Dienstbesprechungen, Beratungsgespräche und einiges mehr,

(Miriam Staudte [GRÜNE]: Elternge- spräche!)

natürlich die Vor- und Nachbereitung von Klassenfahrten, von Schulveranstaltungen usw. usf. Ich denke, es ist völlig klar bzw. es sollte zumindest allen hier im Haus klar sein, dass es eben nicht nur um die Unterrichtsverpflichtung geht.

Um in diesem Zusammenhang über den Sinn und Zweck wissenschaftlicher Studien zu diskutieren, lohnt es sich, ganz einfach auch einmal in andere Bundesländer zu gucken. In den Jahren 1997 und 1998 hat das Land Nordrhein-Westfalen die bisher größte Studie in diesem Zusammenhang auf den Weg gebracht und durchgeführt. Daran haben 6 500 Lehrkräfte an 185 Schulen teilgenommen. Das hat die renommierte Unternehmensberatungsagentur Mummert + Partner durchgeführt.

Wie auch an der Tellkampfschule basierte die Untersuchung auf dem Prinzip der Selbstdokumentation der Arbeitszeit. Man muss gar kein Misstrauen haben, aber natürlich ist die Selbstdokumentation der Arbeitszeit wissenschaftlich nicht valide, weil es immer auf der subjektiven Einschätzung der Lehrkräfte oder der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie basiert, wie sie ihre Arbeitszeit selbst einschätzen.

(Zustimmung von Frank Henning [SPD])

Das heißt, es ist wissenschaftlich ganz einfach zu hinterfragen, ob diese Studie auch tatsächlich die Zahlenbasis liefert, die dann zu Handlungsanleitungen führen kann.

Auffällig bei dem Ergebnis dieser groß angelegten Untersuchung aus Nordrhein-Westfalen ist nämlich eine breite Streuung. Wir haben bei den Untersuchungsergebnissen der Studie aus dem Land

Nordrhein-Westfalen bei den Gymnasiallehrern eine Spanne von 930 bis zu 3 500 Stunden. Wir haben beispielweise bei den Grundschullehrkräften eine Spanne von 1 289 bis zu knapp 2 500 Stunden Arbeitszeit im Jahr. Im Schnitt kommen aber beide Studien, die jüngste Studie der Tellkampfschule mit 39 Lehrkräften und die Studie aus NRW mit 6 500 Lehrkräften, zu dem etwa gleichen Ergebnis. Ich glaube, das muss für uns Handlungsanleitung sein. Die Unterrichtstätigkeit macht laut diesen Studien nur etwa die Hälfte der Arbeitszeit bei Lehrkräften aus.

Welches Fazit kann man daraus ziehen? - Der große außerunterrichtliche Teil der Lehrerarbeit kann nicht objektiv nach wissenschaftlichen Kriterien gemessen werden, da er individuell ganz unterschiedlich ist. Das hängt von Schulformen ab. Das hängt von den Fächern ab, die man unterrichtet. Das hängt von der Schuljahresphase ab. Zudem hängt es natürlich von Erfahrung und Methodensicherheit ab. Letzten Endes hängt es auch - das ist auch bei Lehrkräften so - vom Engagement und der Bereitschaft ab, völlig klar.

Herr Kollege, lassen Sie eine Frage der Kollegin Bertholdes-Sandrock zu?

Nein, lasse ich nicht zu.

(Ministerin Frauke Heiligenstadt: Wür- de ich auch nicht machen!)

Die SPD-Fraktion wird deshalb diesen Antrag ablehnen. Das heißt nicht, dass wir uns nicht weiterhin mit den Belastungen der Lehrkräfte und mit der tatsächlichen Lehrerarbeitszeit auseinandersetzen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist nicht erledigt. Wir brauchen einen Dialog über die Arbeitsbelastung. Eine teure und wenig aussagekräftige Studie brauchen wir aber nicht. Deswegen lehnen wir den Antrag ab.