Die Lehrstellenlücke wird damit immer größer; denn die Zahl der Jugendlichen, die in das berufsbildende System drängen, steigt weiter an. Bis zum Jahre 2010 wird mit einer weiteren Zunahme von 15 000 Schülerinnen und Schülern gerechnet. Müssen eigentlich alle Schülerinnen und Schüler in die Warteschleifen der berufsbildenden Schulen, ohne dass sie dort bislang berufliche Abschlüsse erwerben können?
Zum Begriff der „Warteschleifen“, der vielleicht kritisiert werden kann, nur so viel: Alles das, was Übergangssystem bedeutet - also der Übergang von allgemein bildenden Schulen in das berufsbildende System, was aber keinen beruflichen Abschluss verspricht -, wird auf Bundesebene als „Übergangssystem“ bezeichnet. Es bedeutet nichts anderes, als dass man darauf wartet, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Meine Damen und Herren, in Niedersachsen ist es kein Einzelfall, dass sich viele Schülerinnen und Schüler zwei, drei, ja, bis zu fünf Jahre in einem solchen Rad drehen und darauf warten, dass sie einen Ausbildungsplatz bekommen.
Es nimmt dann nicht wunder, dass sich das Alter zwischen 1995 und 2005, also innerhalb dieser zehn Jahre, um zwei Jahre erhöht hat. Die Auszubildenden sind im Durchschnitt nicht mehr etwa 16,4 Jahre, sondern inzwischen 19 Jahre alt - das muss man sich einmal vorstellen! -, bevor die Ausbildung überhaupt beginnt.
(Wolfgang Ontijd [CDU]: Dann ma- chen Sie doch einmal einen Lösungs- vorschlag! Reden Sie nicht immer nur!)
Aber ich muss ihn Ihnen doch nicht gleich sagen. Sie müssen erst einmal dazu in der Lage sein, die Situation überhaupt zu verstehen.
(Beifall bei der SPD - Karl-Heinz Klare [CDU]: Könnte es sein, dass der Red- ner ein bisschen arrogant ist?)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, in Deutschland haben teil- und vollqualifizierende Ausbildungsgänge ihre Leistungsfähigkeit längst bewiesen und stehen gleichwertig neben dem dualen System. Wer es mit dem dualen System gut meint - dies wollen wohl wir alle -, der darf die beruflichen Schulen nicht nur für Reparaturzwecke einsetzen.
So wichtig Berufsvorbereitung auch ist, die Hauptaufgabe der beruflichen Schulen liegt in der beruflichen Qualifizierung, liegt also in Abschlüssen, die junge Leute erreichen können müssen.
Herr Busemann, die von Ihnen jüngst eingeführten Berufseinstiegsklassen sind, wie ich finde - ich hatte Ihnen dies gesagt -, gut gemeint. Sie haben aber einen entscheidenden Nachteil: Sie bedeuten insgesamt mehr Theorie, Theorie und noch mal Theorie. Und genau daran scheitern die jungen Leute.
Warum probieren Sie nicht das aus, was sich in der Praxis in vielen Bundesländern bereits als sinnvoll erwiesen hat? - Führen Sie Produktionsschulen ein, in denen die jungen Leute am Markt mit dem, was sie arbeiten können, gefordert sind und bei denen sie anschließend wirkliche Chancen
haben, in eine Ausbildung zu kommen. Wir brauchen an diesen Schulen nicht so viel Theorie - dies wissen wir aus den Berufsgrundbildungsjahren und Berufsvorbereitungsjahren -, sondern mehr theoriegeminderte und Praxisbereiche, auch mit Anwesenheitspflicht und Entgelten. Ich wiederhole es für Sie als Stichwort: Produktionsschulen.
Die negative Konsequenz - ich sagte es - ist: Die Auszubildenden werden immer älter. Der Wartesaal des dualen Systems wird immer größer und voller. Denken Sie an die 15 000 Schülerinnen und Schüler, an die ich erinnert habe.
Die fehlende Anrechnung von Teilqualifikationen führt zu bloßen Warteschleifen. Wer findet sich in diesen Warteschleifen? Welche Schülerinnen und Schüler sind das und mit welchem Abschluss? - Es sind vor allen Dingen Hauptschüler und Förderschüler und zu einem großen Teil Jugendliche mit Migrationshintergrund.
Unumstritten ist, dass es die Aufgabe des allgemein bildenden Schulwesens ist, seine Absolventen für den Eintritt in die Berufsausbildung fit zu machen. Der erfolgreiche Hauptschulabschluss sollte dieser Anforderung entsprechen. Dieses Minimalniveau für den Berufsausbildungseinstieg wurde im Jahre 2005 von bundesweit mehr als 80 000 Jugendlichen nicht erreicht.
Aber auch ein höherer Bildungsabschluss wie die Mittlere Reife ist keine Garantie für einen Ausbildungsplatz. Fast 50 % der mit Ausbildungsplätzen unversorgten jungen Menschen in Deutschland haben Mittlere Reife oder höhere Bildungsabschlüsse. Obwohl die Wirtschaft aufgrund des Bewerberüberhangs Bestenauslese betreiben kann, forciert sie ihre Klagen über die fehlende Ausbildungsreife der Schulabgänger, um diese selbst für die Ausgrenzung aus dem dualen System verantwortlich zu machen.
Wissen Sie, was das bedeutet? Jeder einzelne Bewerber, der mit der Post wieder eine Ablehnung bekommen hat, sieht sein persönliches Scheitern, glaubt, dass er versagt hat, und bekommt dies auch von allen Seiten übermittelt. Was es für ein demokratisches Staatswesen bedeutet, wenn ein großer Teil der Jugendlichen mit solchen Lebenserfahrungen in das Berufsleben starten soll, das kann sich jeder von Ihnen selbst ausmalen.
Der reibungslose Übergang von Ausbildung in Beschäftigung gilt als eine der Hauptstärken der dualen Ausbildung. Die Übernahmequote ist inzwischen längst gefallen. Es werden immer weniger junge Leute übernommen. Diejenigen, die ausgebildet werden, werden in der Regel gleich wieder entlassen. Damit hat das duale System eine seiner Hauptstärken und Hauptattraktivitäten eingebüßt.
Ich will mich kurz fassen, weil die Zeit rasend schnell dahinläuft. Sie haben mich durch Ihre Zwischenbemerkungen äußerst erfolgreich unterbrochen. Ich komme aber noch einmal, freuen Sie sich darauf.
Die Unterrichtsversorgung - Herr Busemann, das will ich in wenigen Sätzen am Ende sagen -, die überall 100 % betragen soll, liegt im dualen System bei 91 %. Ich darf auf den Kollegen von hier vorn noch eingehen, der fragt, welche Vorschläge ich habe. Die Vorschläge sind scheinbar so einfach, dass jeder darauf kommen müsste. Was kann man ändern, damit junge Menschen letzten Endes zu einem Berufsabschluss kommen.
Ich hatte Ihnen dargestellt, dass wir ein Übergangssystem haben. In ihm wird in dem Jahr gearbeitet, in dem Lehrer vorhanden sind, aber man erwirbt keinen Abschluss. Es darf in Niedersachsen in Zukunft - da möchte ich an Sie appellieren, dafür möchte ich Sie in diesem Parlament zur Mitarbeit gewinnen - kein Jugendlicher mehr in eine berufsbildende Schule gehen, ohne dass er die Chance gehabt hat, einen Berufsabschluss zu erwerben.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Mit der vorgelegten Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage der Fraktion der SPD erhalten Sie einen umfassenden Überblick über die Situation und die Perspektiven der beruflichen Bildung in Niedersachsen. Ich stelle Ihnen die Antwort besonders gerne vor, weil die Berufsausbildung der Jugendlichen für die Landesregierung aus ökono
Bildung ist die unverzichtbare Grundlage für die Orientierung in einer Welt, die immer komplexer und globaler wird. Sie ist der Schlüssel zum Arbeitsmarkt, die beste Vorsorge gegen Arbeitslosigkeit und die Voraussetzung für die Versorgung der Wirtschaft mit qualifizierten Fachkräften.
Bildungspolitik - das wissen wir in diesen Tagen immer mehr - ist immer auch Standortpolitik. Die Qualifikation, Kreativität, Innovationsbereitschaft der Menschen sind die Grundlage für technologische, wirtschaftliche und soziale Innovationen. Nur Nationen, die in Bildung investieren, werden im globalen Wettbewerb bestehen können.
Daher hat die Niedersächsische Landesregierung seit der Regierungsübernahme einen besonderen Schwerpunkt gerade auch im Bereich der beruflichen Bildung gesetzt.
Trotz der dramatischen Finanzlage der öffentlichen Hand hat die Landesregierung große Anstrengungen, Frau Kollegin, unternommen, gerade auch die Unterrichtsversorgung in den allgemein bildenden und berufsbildenden Schulen zu verbessern. Sie erinnern sich, vorhin kam die Zahl von 750 Lehrern. Das waren die November-Lehrer, die Sie eingestellt, aber nicht finanziert haben. Wir haben den Lehrerbestand um 2 500 Stellen aufgestockt. Davon sind 1 000 zusätzliche Stellen im Theoriewie Fachpraxisbereich ab Schuljahresbeginn 2003/2004 an die berufliche Bildung gegangen. Sonst sähe es aber ganz schön dramatisch aus. Das will ich Ihnen mal sagen.
Meine Damen und Herren, obwohl die Landesregierung erhebliche Ausgaben leistet, um den Schulen die notwendigen personellen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, bleiben die steigenden Schülerzahlen und die knappen Ausbildungsplätze ein Problem. Betrachtet man die Entwicklung der letzten 15 Jahre, so ergibt sich folgendes Bild. Im Jahre 1990 absolvierten ca. 73 % der Schülerinnen und Schüler der berufsbildenden Schulen eine
duale Ausbildung. In diesem Jahr sind es nur noch 57,6 %. Dieser Rückgang im dualen System führt zu einem rasanten Anstieg in den beruflichen Vollzeitschulformen von 27 % im Jahre 1990 auf 42,4 % im Jahre 2005.
Da die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge seit etwa 1995 nicht zeitgleich zur Entwicklung der Schülerzahl ansteigt, führt dies zu erheblich höheren Schülerzahlen in den Vollzeitbildungsgängen der berufsbildenden Schulen. Durch die Umschichtung steigt der Bedarf an Lehrkräften in Theorie und Fachpraxis.
Um es noch einmal klar zu machen: Das duale System nimmt viele auf. Aber wenn für starke Jahrgänge nicht genug Ausbildungsplätze im Markt vorhanden sind, gehen die jungen Leute manchmal auch aus Warteschleifenüberlegungen in die Vollzeitangebote. Im Übrigen - das muss auch gesagt werden - hält die berufliche Bildung tolle Vollzeitangebote noch dazu im Gymnasialbereich vor, die durchaus eine eigene Attraktivität und Anziehungskraft haben. Beides kommt da zusammen, löst aber entsprechende Ressourcenbedarfe aus.
Meine Damen und Herren, eine Verlagerung von Ausbildungsströmen aus dem dualen System in berufliche Vollzeitschulen ist grundsätzlich bildungspolitisch nicht gewollt. Das ist hier ein ganz klares Bekenntnis zum dualen System.
Aufgrund der noch weiter steigenden Schülerzahlen bis zum Jahre 2009/2010 und den Ausbildungsplatzverlusten der letzten Jahre sind die berufsbildenden Schulen aber gezwungen, zunehmend Ersatzfunktionen für das duale System der Berufsausbildung zu übernehmen. Trotzdem - ich sage es noch einmal - hat für mich, für die Landesregierung das duale Ausbildungssystem jeweils Vorrang.
Zu den unbestrittenen und international anerkannten Vorzügen des dualen Berufsbildungssystems gehören das ganzheitliche, handlungsorientierte Lernen in der betrieblichen Praxis, qualitative Mindeststandards, der unmittelbare Bezug zum Arbeitsmarkt, die primäre Verantwortung der Wirtschaft für die Ausbildung und die Einbindung der Tarifpartner in ihre Gestaltung und Umsetzung.
Die duale Berufsausbildung leistet als kooperatives System der beiden Lernorte - zum einen Betrieb, zum anderen Schule - den entscheidenden Beitrag zur beruflichen Qualifizierung, zur Sozialisierung
und gesellschaftlichen Integration junger Menschen in unser Gemeinwesen. Diese Vorzüge müssen auch dauerhaft gesichert werden.
Die Landesregierung, meine Damen und Herren, dankt deshalb allen Betriebsinhabern, die auch bei schwieriger Wirtschaftslage zusätzliche Ausbildungskapazitäten bereitstellen und damit eine wichtige soziale und gesellschaftspolitische Aufgabe erfüllen.
Trotzdem - wir haben geburtenstarke Jahrgänge müssen die Anstrengungen zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungskapazitäten in den nächsten Jahren aufgrund der demografischen Entwicklung weiter verstärkt werden. Ich appelliere in diesem Zusammenhang nachdrücklich und noch einmal an die Wirtschaft, auch im eigenen Interesse mehr zu tun. Es gibt irgendwann schwache Jahrgänge. Wir haben schon in manchen Bereichen Anzeichen, dass man irgendwann wieder einmal Lehrlinge und Auszubildende für bestimmte Sparten suchen wird. Das wissen aber unsere Unternehmer. Auch da muss vorsorgend gearbeitet werden. Der Staat kann jeweils die Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft allenthalben durch flankierende Maßnahmen unterstützen.
Die Landesregierung hat deshalb in der laufenden Legislaturperiode im Bereich der allgemein bildenden Schulen, insbesondere bei den Hauptschulen, eine Vielzahl von Maßnahmen zur Verbesserung der Ausbildungsreife eingeleitet. Hierzu gehören die Stärkung der Basiskompetenzen durch die Erhöhung der Stundenzahl in den Fächern Deutsch und Mathematik, die Förderung der Berufsorientierung durch die Betriebs- und Praxistage, die Bereitstellung von Schulsozialarbeiterstellen sowie die Vorrangstellung der Hauptschulen bei der Schaffung von Ganztagsangeboten. Frau Eckel, unser Angebot von Praxistagen funktioniert, da und dort auch unterschiedlich. Ich höre großes Lob und bin immer dankbar, wenn sich die Wirtschaft entsprechend einbringt.