Protocol of the Session on May 23, 2012

Ich möchte da zunächst auf das weit verbreitete Vorurteil eingehen, dass das wohlhabende Deutschland im Ge

gensatz zu anderen Staaten auf einen Mindestlohn verzichte, dass also derjenige, der es sich leisten könne, besonders knausrig sei. Tatsächlich gibt es in Deutschland den flächendeckenden Mindestlohn nicht, wie wir ihn etwa aus den USA oder aus Frankreich kennen. Wir brauchten ihn in Deutschland aber auch nie. Tarifverträge und Tarifautonomie machten Mindestlöhne überflüssig.

(Barbara Borchardt, DIE LINKE: Gibts in anderen Ländern auch, wo es Mindestlohn gibt.)

Wenn wir also heute über Mindestlöhne streiten, dann stelle ich fest, dass der Politik ein Problem vor die Füße gestellt wurde, für das sie, dem Verständnis der Tarif- autonomie folgend, eigentlich gar nicht zuständig ist. Und grundsätzlich verhält es sich doch so, wenn ein gesetzlich vorgegebener Lohn sehr hoch ist, dann besteht das Risiko, dass Arbeitsplätze verloren gehen, weil Unternehmen,

(Zuruf von Udo Pastörs, NPD)

die diesen Lohn nicht leisten können, dann vom Markt verschwinden.

(Dr. Margret Seemann, SPD: Was ist denn das für ‘n oller Zopf, Mensch?!)

Ist jedoch der staatlich vorgegebene Lohn sehr niedrig, dann bleibt er ohne Wirkung …

(Zuruf von Helmut Holter, DIE LINKE)

Ja, hören Sie einfach zu!

… dann bleibt er ohne Wirkung, weil die Unternehmen von sich aus mehr zahlen als verordnet. Wer den flächendeckenden einheitlichen Mindestlohn einführen will, hat also nur die Wahl zwischen einem relativ wirkungslosen Instrument und einem Jobkiller. Das ist leider die Wahrheit.

(Dr. Norbert Nieszery, SPD: Oh Gott, oh Gott, oh Gott!)

Dass wir in Deutschland im internationalen Vergleich einen Arbeitsmarkt haben, der sich von …

(Helmut Holter, DIE LINKE: Aber Sie bringen ja ein Gesetz. Das verstehe ich nun wirklich nicht.)

Ich komme ja noch dazu.

… Arbeitsmärkten anderer Länder deutlich unterscheidet, belegt ein Blick in die Arbeitslosenstatistik. Die Jugendarbeitslosigkeit, die in Frankreich ein erhebliches Problem darstellt und durch den Mindestlohn mit verursacht wird,

(Udo Pastörs, NPD: Durch hohe Einwanderungsraten.)

ist bei uns in Deutschland bei Weitem nicht so ausgeprägt. Gleichwohl betone auch ich, sittenwidrige Löhne sind und bleiben illegal, und jeder, der Vollzeit arbeitet, muss von seiner Arbeit leben können.

(Udo Pastörs, NPD: Bla, bla, bla!)

Das ist heut auch einheitlich und mehrheitlich in dem Haus zum Ausdruck gebracht worden. Deshalb, eine vernünftige Wirtschaftspolitik, eine Politik, die Forschung fördert und sinnvolle Infrastrukturprojekte anschiebt, ist daher in meinen Augen der beste Weg zu höheren Löhnen.

(Michael Andrejewski, NPD: Schöne Gemeinplatzsammlung!)

Sehr geehrte Damen und Herren, die vorliegenden Gesetzentwürfe gehen mit dem Phänomen Mindestlohn unterschiedlich um und ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich sage, der Entwurf der Koalitionsfraktionen ist der deutlich zielführende.

(Dr. Norbert Nieszery, SPD: Da haben Sie recht, Herr Eifler.)

Ja, keine Zweifel. Ja, gut.

Er regelt im besten Sinne das, was geregelt werden soll. Wenn jemand einen öffentlichen Auftrag annimmt, dann muss er seinen Angestellten mindestens 8,50 Euro brutto je Stunde zahlen. Die Summe orientiert sich am Mindestlohn vergleichbarer Länder. So beträgt er etwa in den Niederlanden 8,88 Euro.

(Udo Pastörs, NPD: Na, das ist doch schon mal ‘ne Zahl.)

Sehen Sie, so knapp kann man ein Gesetz eben auch erklären. In seiner Wirkung – mein Kollege Waldmüller hat bereits darauf hingewiesen – wird das Gesetz lediglich dazu führen, dass die öffentlichen Auftraggeber in Zukunft bei der Auftragsvergabe mehr Geld in die Hand nehmen müssen. Im Sinne der Vorbildwirkung, die öffentliche Auftraggeber nun mal haben sollten, halte ich dies für vernünftig und angemessen.

(allgemeine Unruhe)

Ich hatte es bereits gesagt, der Antrag der Fraktionen von CDU und SPD regelt das, was geregelt werden muss. Wie es aussieht, wenn man weit über das Ziel hinausschießt, sieht man bei dem Antrag der Fraktion DIE LINKE.

(Helmut Holter, DIE LINKE: Vor allem ist wichtig, welche Ziele man sich stellt.)

Neben einem Mindestlohn von 10 Euro beinhaltet der Antrag eine Ökokomponente und deckt auch gleich noch das Thema Frauenförderung ab

(Vincent Kokert, CDU: Natürlich.)

in einem Frauenförderungsplan.

(Helmut Holter, DIE LINKE: Das ist doch gut. – Regine Lück, DIE LINKE: Genau. – Vincent Kokert, CDU: Mexikanischer Rundumschlag.)

Sie, meine Damen und Herren von der Fraktion DIE LINKE, fordern in dem Gesetzentwurf, dass Unternehmen ab einer gewissen Größe, die einen öffentlichen

Auftrag haben wollen, einen Frauenförderplan nachweisen müssen.

(Vincent Kokert, CDU: Ja, das passt im Reinigungsgewerbe.)

Dieser müsste zum Beispiel beinhalten, dass verbindliche Vorgaben zur Erhöhung des Frauenanteils in einzelnen Beschäftigungsgruppen festzulegen wären.

Ich möchte nicht missverstanden werden, Frauenförderung ist ein überaus wichtiges Thema, ich bin aber dezidiert der Ansicht, dass die Regularien des öffentlichen Dienstes an dieser Stelle nur sehr begrenzt für zum Beispiel die Baubranche taugen. – Herzlichen Dank.

(Beifall vonseiten der Fraktion der CDU)

Das Wort hat jetzt für die Fraktion DIE LINKE die Abgeordnete Frau Lück.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Ich finde, die Koalition feiert heute ganz schön.

(Dr. Norbert Nieszery, SPD: Ja, zu Recht. Zu Recht!)

Die Frage ist nur, ob sie Grund dazu hat. Sie feiert die Änderung eines Gesetzes, das noch nicht mal ein Jahr lang Bestand hatte. Das möchte ich nämlich auch mal zum Thema machen.

(Vincent Kokert, CDU: Gucken Sie mich nicht so böse an, da kriege ich Angst, Frau Lück.)

Ich erinnere mich noch sehr gut, ich erinnere mich wirklich noch sehr gut, und zum Glück gibt es ja auch Protokolle, wie Kollege Schulte zum Beispiel im Rahmen der Zweiten Lesung Herrn Helmut Holter mangelnde Durchsetzungskraft vorwarf,

(Zuruf von Detlef Lindner, CDU)

denn unter Rot-Rot sei schließlich gar kein Vergabegesetz zustande gekommen.

(Torsten Renz, CDU: Was ist denn daran falsch? – Zuruf von Vincent Kokert, CDU)

Kollege Schulte, Sie …

Das stimmt ja gar nicht.