Deswegen zu dem Fall, den Sie vorhin angeführt haben: Ich kann nur immer wieder sagen: Nennen Sie solche Fälle nicht anonym von diesem Pult aus, ohne dass Sie uns vorher darauf angesprochen haben. Benennen Sie Ross und Reiter. Ich rufe die Lehrerin noch heute an. Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann halten wir sie. Dann weise ich – wer auch immer sich dazwischengeschaltet hat – an, dem Erlass in seiner klaren verbindlichen Form zu folgen, und dann erfolgt auch eine Bezahlung über die Sommerferien. – Danke schön.
Große Anfrage der Fraktion der SPD betreffend Arbeitslehre als Studien- und Unterrichtsfach – Drucks. 19/5035 zu Drucks. 19/4499 –
Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich glaube, hier im Haus sind wir uns einig, dass die Berufsorientierung in der Schule wichtig ist. Wir wissen aber auch um die Lücke am Ausbildungsmarkt, die in den vergangenen Jahren aufklaffte. Diese Lücke muss unbedingt kompensiert werden.
Deshalb ist es erforderlich, sowohl das Unterrichtsfach Arbeitslehre als auch die universitäre Lehrkräfteausbildung in diesem Bereich zu stärken. Wir wissen, nicht immer ist der Übergang von der Schule ins Berufsleben reibungslos. Daher ist es wichtig, früh die Weichen zu stellen und Berufsorientierung zu ermöglichen.
Das Fach Arbeitslehre ist hierbei ein wichtiger Baustein, um Berufsorientierung als Fach an Universitäten zu lehren und schließlich im schulischen Alltag zu verankern. An hessischen Haupt-, Real- und integrierten Gesamtschulen ist dies ein Pflichtfach. Das Studienfach Arbeitslehre ist interdisziplinär und dynamisch. Es geht auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungen ein und beinhaltet Fachpraxis bzw. außerschulische Praxisfelder. Kritiker bemängeln, dass das Fach seit Jahren in seiner konzipierten Form nicht mehr unterrichtet wird.
Zum Stichtag im Jahr 2014 wurden im Fach Arbeitslehre 11.772 der insgesamt 16.503 Unterrichtsstunden fachfremd unterrichtet.
Das sind ca. zwei Drittel. Das zeigt: Arbeitslehre wird vor allen Dingen im Rahmen des Klassenlehrerprinzips unterrichtet, d. h. eben oftmals fachfremd.
Die Landesregierung sagt, dass, statistisch gesehen, genügend Lehrer für Arbeitslehre und für die Abdeckung des Unterrichts zur Verfügung stünden. Das ist aber nicht so. Wir haben einen Bedarf an Arbeitslehrelehrern, der nicht gedeckt ist. Oder wie können Sie sich sonst die hohe Zahl der fachfremden Unterrichtsstunden erklären, meine Damen und Herren?
Ganz ehrlich, das können Sie nicht wegdiskutieren. Auch bei der entsprechenden Ausstattung übernimmt die Landesregierung keine Verantwortung, sondern verweist auf § 158 des Hessischen Schulgesetzes und die Zuständigkeit des Schulträgers.
Meine Damen und Herren, das ist ein Armutszeugnis; denn die Landesregierung befürwortet immer die Arbeitslehre und sagt, Arbeitslehre habe eine große Bedeutung. Es fehlen aber originäre Lehrkräfte, originäre Fachstunden sowie die sächlichen Ressourcen.
Schaut man genau hin, beschleicht einen das Gefühl, dass die Landesregierung Arbeitslehre doch nicht so wichtig findet, wie sie es immer postuliert. Hierzu hört man wieder einmal viele Sonntagsreden. Eigentlich brauchen wir aber ein engagiertes Handeln.
Ich möchte noch einmal auf die Fehlentwicklungen und ihre Gründe zu sprechen kommen. Dies betrifft zum einen die fachfremden Lehrkräfte. Ca. 70 % der Unterrichtsstunden werden in Hessen von Lehrern erteilt, die in dem Fach nicht inhaltlich und vor allen Dingen nicht didaktisch ausgebildet worden sind. Dementsprechend haben sie Schwierigkeiten, Arbeitslehre umzusetzen. Das zeigt – hört, hört – Ihre Antwort auf die Große Anfrage der Fraktion der SPD, Drucks. 19/3194 zu Drucks. 19/2911. Vielleicht möchten Sie das selbst noch einmal nachlesen.
Nun zur Lehrerkompetenz. Der Unterricht stellt hohe Ansprüche an breites, profundes, lebensweltliches und fachinhaltliches Wissen der Lehrer und an deren Didaktik. Das heißt, man muss Arbeitslehre grundständig studiert haben und verkörpern.
Hinzu kommen die unstimmigen Lehrpläne. Bildungspolitisch werden inhaltliche Abspaltungen zugelassen. Es wird an einer Schulformbezogenheit festgehalten, die für uns unverständlich ist, weil Jugendliche unabhängig von ihrem Bildungsgang auf vergleichbare Lebenssituationen treffen. Diese müssen sie dann gestalten, um in das Berufs- oder Studienleben einsteigen zu können.
Daraus ergibt sich für uns die Konsequenz: Wir brauchen mehr Studierende im Fach Arbeitslehre, mehr personelle und auch finanzielle Ressourcen, und wir brauchen eine Steigerung der Attraktivität dieses Fachs. In der Großen Anfrage wird mitgeteilt, dass in Kassel 104 Studienplätze vorhanden sind, an der JLU in Gießen 35 Plätze in L 2 und 135 Plätze in L 5. Diese Beschränkungen ergeben sich aus der Lehrkapazität. Die Plätze waren bisher immer gut ausgelastet.
Die Gesellschaft zur Förderung der Didaktik der Polytechnik/Arbeitslehre e. V. fordert eine Verlängerung der Studienzeit, also eine Angleichung an Bachelor- und Masterstudiengänge, und sie sieht einen Mangel an Lehrstühlen, Ausbildungskapazitäten und akademischem Nachwuchs. Sie sagt, es werde das Drei- bis Vierfache an Studienplätzen benötigt, damit das Fach Arbeitslehre von grundständig ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet werden kann.
Die Landesregierung postuliert aber, Arbeitslehre sei kein Mangelfach, Arbeitslehre sei attraktiv. Daraus ergeben sich für mich folgende Fragen: Warum sehen die Akteure in der Arbeitslehre das anders? Liebe Landesregierung, warum überträgt sich die Attraktivität des Studiums, von der Sie sprechen, nicht in den Schulalltag? Das möchte ich gerne wissen.
Deshalb noch einmal unsere Forderung: mehr und konsequent originärer Arbeitslehreunterricht. Das befürwortet beispielsweise auch der VCI. Wir möchten das Fach Arbeitslehre gerne an allen Schularten haben, auch an Gymnasien. Das sieht die Landesregierung aber anders. Sie sieht keine Notwendigkeit zur Einführung dieses Faches in gymnasialen Bildungsgängen. Ich muss Ihnen aber sagen: Auch Schülerinnen und Schüler, die die gymnasiale Oberstufe besuchen, benötigen eine Orientierung für die weitere
Ich habe nicht mehr so viel Zeit. Deswegen würde ich gerne in meiner Rede fortfahren. Wenn ich am Ende aber noch Zeit haben sollte, dürfen Sie gerne fragen, Herr Kollege Schwarz.
Eine Berufsorientierung ist wichtig, um Informationen und ein Bewusstsein über Karrierewege zu vermitteln. Eine Berufsorientierung kann auch Abbrüche von Ausbildung oder Studium verhindern, weil sie einen realistischen Blick auf die Arbeitswelt fördert. Die Tatsache, dass noch immer ein Viertel der jungen Menschen in Hessen keine abgeschlossene Berufsbildung besitzt oder ein Großteil von ihnen die Ausbildung oder das Studium abbricht, zeigt, dass eine Berufsorientierung ganz wichtig ist. Dazu werden wir in der Debatte, die folgt, noch etwas hören.
Auch wenn zig Maßnahmen, ob OloV, BOP bis hin zu QuABB und PuSch, vorhanden sind, haben wir doch das Problem, dass diese Programme nicht aneinander anschließen, selten aufeinander aufbauen und nicht vernetzt sind. Das führt dazu, dass trotz großer Anstrengungen noch zu viele junge Menschen ohne abgeschlossene Berufsbildung sind.
Angesichts dieser Entwicklung kann die Arbeitslehre mit den Referenzpunkten Arbeit, Bildung, Beruf, Wirtschaft, Technik und Lebenswelt wirksame Beiträge dazu leisten, Schülerinnen und Schüler auf die Einmündung in eine anerkannte Ausbildung vorzubereiten, den Anteil der Jugendlichen am Überhangsystem zu verringern und nachhaltige Biografien zu fördern. Deswegen ist die Arbeitslehre in ihrer konzipierten Form so wichtig.
Eine erfolgreiche Weiterentwicklung des Studienfachs im Zuge der universitären Lehramtsausbildung ist sinnvoll. Es gibt ein Potenzial für eine inhaltliche und interdisziplinäre Neuorientierung des Faches mit neuen Kompetenzprofilen, die vor allen Dingen auch veränderte Kompetenzbedarfe von Schule und Gesellschaft berücksichtigen sollen.
Herr Minister, in diesem Zusammenhang bleiben Sie uns auch eine Antwort auf die Frage nach der aktuellen Reform des finnischen Schulwesens schuldig. Die hessischen Gesetzestexte sind uns bekannt, Ihre Beurteilung aber nicht; es sei denn, die rechtlichen Grundlagen, die Sie seitenlang aufgeführt haben, sollen deutlich machen, dass es mit Ihnen keine Bewegung in Richtung eines innovativen Unterrichts mit dem Ziel gibt, Schülerinnen und Schüler besser auf das Arbeitsleben vorzubereiten.
Es gibt noch viel zu tun für das Arbeitslehrestudium, aber auch für die Arbeitslehre an Schulen. Das heißt aber nicht, dass wir das Studium, die Schulen und die in der Arbeitslehre Tätigen in die Kritik nehmen – ganz im Gegenteil.
Das möchte ich noch einmal ganz deutlich machen, da sich die Kollegen der Arbeitslehre in Kassel – mit denen hatte ich immer direkten Kontakt –
immer engagiert für die Inhalte des Fachs Arbeitslehre eingesetzt haben, auch an den Schulen. Aber um das Fach Arbeitslehre im Studium zu stärken und an den Schulen in der konzipierten Form einzuführen, braucht es eben eine angemessene und standardisierte personelle und sächliche Unterstützung. Das wünschen wir uns.
Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Der Beitrag von Frau Dr. Sommer zeigt wieder einmal den untauglichen Versuch, in einem ganz kleinen Karo etwas darzustellen, was der Realität objektiv nicht entspricht.