Die Veröffentlichung in der „Frankfurter Rundschau“ in der vergangenen Woche hat dem Anliegen einen trefflichen Gefallen getan, und dafür will ich mich höflich bedanken – wenn auch die Absicht eine andere war und das Konzept um den Hauptteil amputiert worden ist.
Um die Schulformdebatte geht es in diesem Konzept am wenigsten. Aber von Herzen geht es um die Anwendung eines gelungenen Experiments, nämlich der SchuBKlasse. Dazu will ich nun kommen.
Wir haben auf diesem Feld bereits Neues erprobt und damit sehr erfolgreiche Entwicklungen eingeleitet. Ich spreche hier von den SchuB-Klassen, die wir seit 2004 an mittlerweile 82 Standorten in Hessen eingerichtet haben. Die SchuB-Klassen wurden zunächst als ein Förderkonzept für besonders leistungsschwache Schülerinnen und Schüler angeboten, bei denen frühzeitig absehbar ist, dass sie keinen Hauptschulabschluss erreichen können und katastrophale Leistungen mit einem katastrophalen Verhalten verbinden: die Noten 5 und 6 in den Fächern und Schulschwänzen, was das Arbeits- und Sozialverhalten angeht.
In die SchuB-Klassen kommt derzeit nicht jeder. Schlechte Noten sind die Ausgangslage. Aber vor allem müssen die Schülerinnen und Schüler ihre letzte Chance nutzen wollen. Der Schüler und seine Eltern müssen eine Erziehungsvereinbarung mit klaren Pflichten im Hinblick auf Arbeit und Haltungen unterschreiben und auch einhalten.
In kleineren Klassen mit verstärkter, auch sozialpädagogischer Unterstützung, individueller Förderung und einem hohen Praxisanteil werden diese Jugendlichen zu einem Abschluss geführt. Sie gehen zwei Tage pro Woche in einen Betrieb; drei Tage sind sie in der Schule. In den Betrieben lernen sie die Abläufe des Arbeitslebens kennen und erfahren unmittelbar, worauf es im Beruf ankommt. In der Schule wird dies in den Unterricht einbezogen, sodass beide Lernorte eng verzahnt sind.
Wir wollen den Schülerinnen und Schülern auf diese Weise einen Schub geben, ihnen Mut machen und ihnen eine neue Chance vermitteln, doch noch einen Abschluss zu erreichen. Oftmals sind dies Jugendliche, die theoretisch schwach, aber praktisch sehr begabt und auch motivierbar sind. Unser Schulwesen beachtet solche praktischen Begabungen bisher zu wenig; sie haben auch in der Hauptschule noch zu wenig Gewicht.Für die Berufspraxis sind sie aber in hohem Maße wertvoll und wichtig.
Unsere Erfahrungen sind, dass die Schülerinnen und Schüler diese Hilfe annehmen. Der Schub gelingt. Viele, die bereits frustriert waren, werden durch die betriebliche Arbeit und die Anwendung im Unterricht wieder zu Leistung und Anstrengung angespornt. Die Erfolgserlebnisse
in den Betrieben, der Einblick in den Beruf und die Perspektive auf eine Lehrstelle erzeugen ein neues Selbstwertgefühl, neue Motivation und neue Freude am Lernen auch in der Schule.
Diesen neuen Schwung kann man auch aus den Sätzen von Schülern heraushören. In der „Oberhessischen Presse“ wird z. B. ein Schüler mit den Worten zitiert:
Letztes Jahr hatte ich keine Lust mehr auf Schule, aber mit dem Projekt SchuB ist das was ganz anderes.
In der „Frankfurter Rundschau“, die den eigentlichen Sinn der Tätigkeit der Arbeitsgruppe ein bisschen verschwiegen hat, konnte man lesen:
Die Erfolgserlebnisse während der Praktika lösen... einen Motivationsschub aus, der sich auch positiv auf das schulische Verhalten auswirkt.
Diesen erfreulichen Erfolg belegen eindrucksvoll auch die vorliegenden Zahlen.Von 206 Schülerinnen und Schülern, die seit 2004 daran teilgenommen und auch durchgehalten haben, haben 188 einen Hauptschulabschluss erreicht – 71 von ihnen sogar den qualifizierenden Hauptschulabschluss. Die Erfolgsquote liegt damit bei 90 %. Viele, wenn nicht gar alle hätten ohne diese Möglichkeit den Hauptschulabschluss verpasst.
57 % der Teilnehmer haben den Hauptschulabschluss gemacht, 34 % den qualifizierenden Hauptschulabschluss. Nur 9 % sind ohne Abschluss geblieben. Sie haben übrigens bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Bis zum Juli 2006 hatten 68 dieser 206 eine verbindliche Zusage für einen Ausbildungsplatz, 11 für einen Arbeitsplatz, und 57 besuchen weiterführende Schulen.
Die SchuB-Absolventen haben, soweit wir das jetzt schon auswerten und erkennen können, zu Beginn erheblich schlechtere Noten. Nach der Maßnahme haben sie massiv bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz als ihre bisherigen Mitschülerinnen und Mitschüler in der Regelklasse.
Meine Damen und Herren, das lässt die Frage brennend werden: Ist das Modell für eine Gruppe nicht auch das Modell für den künftigen Regelfall? Diese Frage beantworten wir mit Ja.
Die SchuB-Klassen sind ein Erfolgsmodell. Sie weisen den Weg der künftigen Organisation der Hauptschule, der sie insgesamt einen neuen Schub geben werden. Sie können nicht nur leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern helfen. Ihr Grundgedanke zeigt, wie sich die Hauptschule insgesamt entwickeln soll.
Die Hauptschule wird damit noch stärker an der Berufspraxis orientiert ein Förderangebot haben, das sich von anderen Bildungsgängen klar abhebt. So wird sie attraktiver werden. So wird sie angenommen werden können, wenn gezeigt werden kann – wie das erste Jahr es tut –, dass diese Jugendlichen nach ihrem Abschluss einen Anschluss finden, also nicht Frustration und Scheitern erleben. Der Erfolg befähigt zum Anschluss, zur Ausbildung und zu weiteren Bildungsgängen.
Auch das Profil der Realschule muss gestärkt werden. Sie darf nicht die Sandwich-Schulform zwischen den Profilen Hauptschule und Gymnasium sein, sondern im Vordergrund muss das allgemeinbildende Profil mit sprachlichen, IT- und Wirtschaftsschwerpunkten stehen. Die Möglichkeit zum Übergang in die gymnasiale Oberstufe muss über das Maß an Anschlussfähigkeit, das heute schon gewährleistet und unter dieser Regierung erweitert worden ist, faktisch noch weiter verbessert werden.
Meine Damen und Herren, die neue Hauptschule wird in besonderer Weise auch konzeptionell ganztägige Angebote einbeziehen. Diese Landesregierung hat mit ihrer Landtagsmehrheit in den vergangenen Jahren erreicht, dass die frühere Blockade jeglicher Anträge auf Einrichtung neuer Ganztagsschulen zwischen 1995 und 1999 beendet wurde.
Diese Landesregierung hat erreicht, dass Grundschulen gesetzlich in das Ganztagsangebot aufgenommen worden sind und dass die Streichung der gebundenen Ganztagsschulen aus dem Schulgesetz aus der sozialdemokratischen Zeit wieder rückgängig gemacht worden ist.
Diese Regierung hat erreicht, dass wir nicht nur kaum mehr als 130, sondern im Sommer 2008 523 ganztägige Angebote vorliegen haben werden, die mit 950 Stellen und etwa 45 Millionen c jährlich ausgestattet sind. Diese Landesregierung hat die völlige Ungleichbehandlung der Regionen im Land und der Schulformen beendet und für ausgeglichenere Verhältnisse gesorgt.
Dieses Land ist nicht umsonst an der Spitze der westdeutschen Flächenländer, was die Versorgung mit Ganztagsplätzen an den Schulen angeht.
(Tarek Al-Wazir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): So ein Unsinn! Was Sie hier erzählen, ist falsch! – Gegenruf des Ministers Karlheinz Weimar: Das ist genau richtig! Sie hören es nur nicht gern! Erzählen Sie nicht so einen Käse!)
Herr Fraktionsvorsitzender, das ist alles nachweisbar. Sie müssen nur die Kenntnisse entsprechend ausbauen. – Ich denke, dass sich die Hessen unter dem Gesichtspunkt der Glaubwürdigkeit und auf der Grundlage des Geleisteten darauf verlassen können, dass eine weitergeführte Landesregierung in den nächsten acht bis zehn Jahren schrittweise erreichen wird, dass an allen Schulen in Hessen ein freiwilliges Ganztagsangebot von 7.30 Uhr bis 17 Uhr vorgehalten wird. Wie beim Thema Hauptschule sind wir auch hier glücklicherweise in der Lage, auf Leistungen glaubwürdig aufbauen zu können.
Meine Damen und Herren, die Landesregierung hat auf dem Weg zu mehr Bildungsqualität gemeinsam mit Schulen und Schulverwaltung enorme Schritte getan.Aber wir wissen auch – und das sagen wir ganz deutlich –, dass wir nicht auf der Stelle treten dürfen. Wir sagen den Menschen, dass wir mit der Hauptschule auf der Basis der guten Erfahrungen mit SchuB-Klassen etwas vorhaben.Wir
sagen denen, die mit der pädagogischen Mittagsbetreuung gute Erfahrungen gesammelt haben, und denen, die ganztägige Angebote neu schaffen wollen, zu, dass die Ganztagsschule in konsequenten Schritten ausgebaut wird.
Die Öffentlichkeit und der Landtag wissen dies nun. So werden wir in den nächsten Wochen und Monaten über die Einheitsschule oder wirkliche Wege begabungsgerechter, individueller Förderung und über Wortgeklingel oder Taten zur Einführung freiwilliger Ganztagsschulen streiten können. – Herzlichen Dank.
(Anhaltender lebhafter Beifall bei der CDU – Ta- rek Al-Wazir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wenn nach schlechten Reden so lange geklatscht wird, ist die Not groß! – Gegenruf des Abg. Michael Boddenberg (CDU): Seien Sie doch nicht so schlecht gelaunt, Herr Al-Wazir!)
Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Sehr verehrte Frau Kultusministerin,ich hatte über lange Strecken Ihrer Rede den Eindruck, dass Sie sich langsam in eine neue Rolle eingewöhnen. Es war die Rede einer Oppositionssprecherin gegenüber der Landesregierung.
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Norbert Schmitt (SPD): Hat sie denn einen sicheren Listenplatz?)
dass die Opposition das Manuskript Ihrer Regierungserklärung heute erst um halb eins erhalten hat. Aber der Neuigkeitswert dessen, was Sie uns mitgeteilt haben, war so gering, dass wir durchaus in der Lage sind, darauf adäquat zu antworten.
Meine Damen und Herren, ich will noch einmal rekapitulieren, was in der vergangenen Woche passiert ist. Denn ich denke, es hat etwas mit der Debatte von heute zu tun, was an Reaktionen nach außen gedrungen ist.
Was ist passiert? In der „Frankfurter Rundschau“ wird das Konzept einer Arbeitsgruppe des Kultusministeriums veröffentlicht.Der Auftrag war ganz offensichtlich,für die Zukunft der Hauptschule Perspektiven zu entwickeln. Diese Arbeitsgruppe kam zu dem Ergebnis, dass die Hauptschule in der derzeitigen Form keine Perspektive hat, und schlug eine neue Schule vor, in der die Schülerinnen und Schüler der bisherigen Haupt- und Realschulzweige bis zum Ende der Klasse 7 gemeinsam unterrichtet werden. Meine Damen und Herren, was dann folgte, erinnerte an eine Massenpanik im Ministerium und bei der hessischen CDU.