Protocol of the Session on June 5, 2008

Wir haben jetzt die verpflichtende Sprachstandsdiagnose, das verpflichtende Elterngespräch im Orientierungsplan vorgesehen und die verpflichtende Vorsorgeuntersuchung eingeführt. Im Hinblick auf diese Problematik ist das auch zu unterstützen.

Leistungsschwäche und Dominanzansprüche sind in der Tat eine gefährliche Mischung für unsere Schulen, unsere Gesellschaft und auch für das Rollenverständnis in unserer Gesellschaft. Denn das Männlichkeitsideal vieler türkischer Mitbürger, das nach innen Gehorsam und Unterwerfung verlangt und nach außen Männlichkeit mit Stärke oder gar Gewalt gleichsetzt und die „Minderwertigkeit“ der Frau als gottgegeben betrachtet, ist die größte Gefahr für die Chancengleichheit in unserer Gesellschaft.

(Abg. Renate Rastätter GRÜNE: Deshalb muss sich doch etwas tun! – Glocke der Präsidentin)

Frau Abgeordnete, ich darf Sie bitten, zum Ende zu kommen. Sie haben Ihre Redezeit bereits weit überschritten.

Ich sage noch zwei Sätze, dann bin ich fertig, Frau Präsidentin.

Dieses Männlichkeitsideal ist auch eines der größten Hindernisse für den Bildungserfolg. Es hindert diese jungen Männer daran, in unserer modernen Gesellschaft Fuß zu fassen, in einer Gesellschaft, die Selbstständigkeit, Eigenverantwortlichkeit und soziale Kompetenz von ihnen fordert. Das sind die eigentlichen Probleme, wenn wir von Gender-Mainstreaming reden. Meine Damen und Herren, wir haben noch einen sehr weiten Weg vor uns.

(Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Ja!)

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der FDP/DVP und Abgeordneten der CDU – Abg. Karl Zimmermann CDU: Die türkische Familie will von Gender gar nichts wissen! – Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Da hat der Kollege auf jeden Fall recht!)

Das Wort erteile ich Herrn Minister Rau.

Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Bleiben die Jungen in der Schule wirklich „auf der Strecke“, wie es in einer Schlagzeile der „Stuttgarter Zeitung“ im Februar während der „didacta“ formuliert wurde? Nachdem wir uns im Zusammenhang mit der Geschlechtergerechtigkeit zunächst eher den Chancen der Mädchen zugewandt haben – und das mit großem Erfolg –, brauchen mittlerweile vermehrt die Jungen unsere Aufmerksamkeit. Dennoch sollten wir uns vor Pauschalierungen wie in der erwähnten Überschrift hüten und uns einen differenzierenden und realistischen Blick bewahren.

In unseren Schulen haben wir nach wie vor eine große Gruppe von Jungen und männlichen Jugendlichen, die eine im Großen und Ganzen normale Entwicklung nehmen und ihre

Bildungslaufbahn ohne allzu große Auffälligkeiten erfolgreich durchlaufen und abschließen.

(Beifall bei der CDU und Abgeordneten der FDP/ DVP – Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Das müssen wir auch einmal sagen, jawohl!)

Es ist wichtig, das festzuhalten. Denn die Kollegin Rastätter hat am Anfang gleich einmal eine Radikalbilanz gezogen, indem sie immer pauschal gesagt hat: „die Jungen“, „die Jungen“, „die Jungen“. Alles, was sie dabei feststellen konnte, diente nur der Skandalisierung, aber nicht der Aufklärung des Themas.

(Abg. Claus Schmiedel SPD: So schlimm war es auch nicht! – Zuruf der Abg. Renate Rastätter GRÜNE – Abg. Dieter Hillebrand CDU: Skandal um Renate!)

Zu der Auffassung, die ich gerade deutlich gemacht habe, kommt auch eine Expertise, die im Auftrag des Bundesminis teriums für Bildung und Forschung erstellt und im Januar dieses Jahres in Berlin vorgestellt wurde. Sie bescheinigt zwar unbestritten, dass sowohl die Schulabschlüsse als auch die Leistungen tendenziell eher zugunsten der Mädchen ausfallen. Der Anteil der Risikoschüler liegt bei Jungen mit 11,9 % um 2,2 Prozentpunkte über dem der Mädchen. Darunter finden sich überdurchschnittlich viele Jungen mit Migrationshintergrund. Zugleich verweist diese Studie auch darauf, dass es in der Gruppe der Jungen ebenso durchschnittliche wie auch erfolgreiche Schüler gibt. Bei den kompetenzstarken Schülern finden sich mit 11,8 % mehr Jungen als Mädchen, die mit 10,4 % vertreten sind.

(Zuruf der Abg. Renate Rastätter GRÜNE)

So warnt diese Studie auch vor einer ausschließlichen Orientierung auf leistungsschwache und verhaltensproblematische Schüler. Diese Debatte, die hier geführt wird, wird dem tatsächlichen Bild nicht gerecht.

Dennoch müssen wir die Entwicklungen ernst nehmen. Jungen lernen anders als Mädchen. Mädchen finden ihre Zugänge anders als Jungen. Die wissenschaftlichen Forschungen auf diesem Gebiet stehen eher noch am Anfang, doch wir wissen genug und sind auch schon ganz gezielt tätig geworden, etwa bei der Formulierung der Standards in den naturwissenschaftlichen Fächern. Die unterschiedlichen Zugänge und das unterschiedliche Lernen, das ist das eine.

Mit in den Blick nehmen müssen wir aber auch die ganz unterschiedlichen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, etwa im Grad der Unterstützung und Förderung durch das Elternhaus und der Wahrnehmung der Erziehungsaufgaben, aber beispielsweise auch bei den unterschiedlichen außerschulischen Aktivitäten, die sie im Laufe der Jahre ergreifen.

Wenn Kollege Mentrup hier festgestellt hat, bis zum Ende der Grundschule sei das mit den Unterschieden noch ziemlich im Lot, und danach begännen sich die Unterschiede stärker zu manifestieren und zu entwickeln, muss ich ganz ehrlich sagen: Diese außerschulischen Aktivitäten haben für mich in der Entwicklung der jungen Leute eine ganz wesentliche Bedeutung.

(Beifall bei der CDU – Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Ja!)

Ich kann die nicht alle an die Schulen holen, und ich will sie nicht alle in der Schule haben.

(Abg. Ute Vogt SPD: Deshalb machen wir auch G 8!)

Es gehören die Erfahrungen im informellen Lernen dazu. Dieser Lernbereich ist in Deutschland bisher zu wenig beachtet worden, und ich glaube, das informelle Lernen beginnt viel früher als in der Erwachsenenbildung. Das sollten wir gerade bei den Jungen hier auch entsprechend würdigen.

(Zuruf des Abg. Karl Zimmermann CDU)

Wir wissen heute, dass sich die Gerechtigkeitsfrage in der Bildung zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt stellt, dort, wo wir Förderbedarf frühzeitig erheben können, dort, wo wir durch gezielte Maßnahmen darauf hinwirken können, dass wir den Kindern bessere Startchancen ermöglichen können. Deswegen haben wir gerade im Bereich der frühkindlichen Bildung den zentralen Schwerpunkt unserer Maßnahmen gelegt. Orientierungsplan, „Schulreifes Kind“, Sprachstandserhebung, Flexibilisierung der Eingangsstufe der Grundschule, Sprachförderung in unterschiedlichen Programmen, jetzt die neue Einschulungsuntersuchung und die sich daraus ergebende Sprachstandsdiagnose und Sprachförderung – all das sorgt ab dem Kindergartenalter für eine gute Förderung, die auch dem Umstand der Geschlechterunterschiede gerecht werden kann und die uns dazu verhilft, dass Entwicklungsrückstände frühzeitig erkannt und im Idealfall auch behoben werden können.

Die unterschiedlichen Voraussetzungen von Jungen und Mädchen sowie die spezifischen Zugänge zum Lernstoff sind ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Planung und Durchführung von Unterricht. Oftmals wird unterschätzt, welche Auswirkungen dies auf den Lernerfolg haben kann. Deswegen haben wir den Geschlechteraspekt ausdrücklich in den neuen Bildungsplan aufgenommen.

In Ihrem Antrag zur Förderung der Jungen in der Schule haben Sie die Verankerung des Gender-Mainstreaming in Schulprogrammen und Evaluationen gefordert. Die Erstellung von Schulprogrammen, Frau Kollegin Rastätter, und die Evaluation sind Instrumente im Rahmen der eigenständigen Schule. Sie geben den Schulen den erforderlichen Spielraum, gemäß ihren eigenen Bedürfnissen und Schwerpunktsetzungen vorzugehen. Ein solches Arbeiten macht Rechenschaft erforderlich. Die Evaluation stellt dafür die Methode, Prozessabfolge von Schritten, dar. Sie dient aber nicht der gesteuerten Platzierung von Themen.

Wir sind uns sicher, dass eine qualitative Arbeit an den Schulen nur über die Eigenständigkeit machbar ist. Deswegen verstehe ich auch nicht – wir waren uns da eigentlich schon einmal einiger, als es offensichtlich zum jetzigen Zeitpunkt der Fall ist –, dass Sie bei bestimmten Themen sagen: Das muss flächendeckend installiert werden. Nein, es müssen gute Beispiele in der Schulentwicklung gesetzt werden, die der eine nutzt, während der andere etwas anderes nutzt. Deswegen sollten wir, wenn uns etwas gut erscheint, nicht sofort wieder zu einer zentralistischen Führung zurückkehren, sondern auf die Schulentwicklungsprozesse setzen.

(Beifall bei der CDU – Abg. Renate Rastätter GRÜ- NE: Das haben Sie falsch verstanden!)

Der Orientierungsrahmen zur Schulqualität verweist im Übrigen auf die Möglichkeit der schulischen Reflexion des Umgangs mit geschlechtsspezifischen Voraussetzungen. Eine Vorschrift zur grundsätzlichen Aufnahme der Thematik darf daraus jedoch nicht abgeleitet werden. Das würde der Intention von Evaluation völlig widerstreben.

In der Berücksichtigung des Geschlechteraspekts geht es um die Bandbreite von der Berücksichtigung der Leseförderung von Jungen bis hin zur Eröffnung von Zugängen zur Naturwissenschaft für Mädchen. Beides ist in dem Antrag ausdrücklich erwähnt. Wir brauchen auch beides.

Die Leseförderung als solche müssen wir sicher noch stärker an Wegen ausrichten, die auch den Jungen das Lesen schmackhaft machen, indem gezielt Jungenliteratur eingesetzt wird. Aber ich bitte Sie, sich nicht gleich wieder darüber zu beschweren, dass die Mädchen zu kurz kämen. Ich glaube, es muss einfach möglich sein.

Ich denke, dass wir sehr moderne Zugänge haben. Projekte, die wir hier gemeinsam mit den Autoren des Literaturhauses Stuttgart machen, wo beispielsweise über Rap ein Zugang zu Texten und damit zur Literatur geschaffen wird, sind Dinge, mit denen wir Jungen auch fördern und fordern können.

Ein vielversprechendes Projekt ist das Projekt „kicken & lesen“, das vom Landesinstitut für Schulentwicklung durchgeführt wird,

(Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Erfolgsmodell!)

in dem Jungen über das Fußballspielen an Fußballliteratur herangeführt werden. Das Buch „Elf Freunde müsst ihr sein“ von Sammy Drechsel kennen wir noch von früher.

(Abg. Dr. Stefan Scheffold CDU: Da brauche ich nur die Zeitung zu lesen!)

Eine Zeitung hat nicht immer die Qualität eines Buches. Wir dürfen zwar in den nächsten Wochen viel Fußballberichterstattung erwarten, aber ich glaube, da kann man noch etwas tun. Ich denke, dass solche Projekte wie „kicken & lesen“ zeigen, dass die Schulen gute Wege finden können, um mit zeitgemäßen Ideen voranzukommen.

Meine Damen und Herren, die Opposition konnte es wieder einmal nicht sein lassen, auch in diesem Zusammenhang ihr großes Anliegen, die Systemfrage, zu stellen. Sie haben sich wieder bis hin zu Zitaten verstiegen, die sagen: Das ist ein unmenschliches System, und die Jungen müssen es ausbaden. Lassen Sie bitte die Kirche im Dorf. Es geht um pädagogische Ansätze. Wir sind auf einem guten Weg, wie die Stellungnahmen der Landesregierung zu beiden Anträgen gezeigt haben.

Ich danke Ihnen.

(Beifall bei der FDP/DVP und Abgeordneten der CDU)

Meine Damen und Herren, ich kann niemandem mehr das Wort erteilen, weil alle Redner die Redezeiten kräftig überzogen haben.

Wir kommen zur geschäftsordnungsmäßigen Behandlung der Anträge. Der Antrag der Fraktion GRÜNE – Jungen als Bildungsverlierer – Bestandsaufnahme und bisherige Maßnahmen an den Schulen in Baden-Württemberg –, Drucksache 14/1989, ist ein reiner Berichtsantrag und wird als solcher für erledigt erklärt.

Wie wollen Sie mit dem Antrag der Fraktion GRÜNE – Förderung der Jungen in der Schule – Gender-Mainstreaming und Chancengleichheit im Bildungswesen konsequent umsetzen –, Drucksache 14/1990, verfahren? Wollen Sie Abstimmung? –

(Abg. Renate Rastätter GRÜNE: Abstimmung!)

Dann darf ich diesen Antrag zur Abstimmung stellen.

Wer dem Antrag der Fraktion GRÜNE, Drucksache 14/1990, zustimmt, den bitte ich um das Handzeichen. – Gegenprobe! – Enthaltungen? – Damit ist der Antrag mehrheitlich abgelehnt.

Punkt 10 der Tagesordnung ist damit erledigt.