Der Begriff „Regionalschule“ war keineswegs irreführend, ganz im Gegenteil. Sie versuchen jetzt lediglich zu retten, was noch zu retten ist.
Denn die Regionalschule ist landesweit auf große Ablehnung gestoßen. Sie führen die Menschen jetzt mit einem neuen Begriff
Gerade Sie sollten nicht länger Krokodilstränen bezüglich der Zukunft der Hauptschulen und schon gar nicht über den Wegfall von Hauptschulstandorten vergießen. Die Probleme – weniger Hauptschulen in einem schwierigen Milieu – versuchen auch Sie auf Kosten der Realschule zu lösen.
Sie wollen zunächst die Grundschulzeit um zwei Jahre verlängern. In diesem Zusammenhang will ich darauf hinweisen, dass Berlin und Brandenburg, die schon lange eine sechsjährige Grundschulzeit haben, bei Leistungsvergleichen ganz hinten liegen. Sie wollen die Hauptschule abschaffen, Sie wollen die Realschule abschaffen, und Sie wollen die Gymnasialzeit zunächst um zwei Jahre verkürzen. In unserem Bildungssystem würde kein Stein auf dem anderen bleiben. Es würde umgepflügt und niedergemacht.
(Lachen des Abg. Claus Schmiedel SPD – Abg. Rein- hold Gall SPD: Das ist doch im Moment eh nur ein Scherbenhaufen! Von A bis Z! Die ganze Bildungs- politik ein Trümmerfeld!)
Ihr Noch-Bekenntnis zum Gymnasium ist ein ausschließlich strategisch motiviertes Lippenbekenntnis. Am Ende werden auch Sie wie die Grünen nur noch bei drei Jahren Gymnasialzeit sein.
Die SPD, meine Damen und Herren, befindet sich schon lange nicht mehr in einem Wettstreit mit der CDU und der FDP/ DVP um das gegliederte Schulwesen, für das wir übrigens im Jahr 2006 einen klaren Wählerauftrag erhalten haben; darauf will ich ausdrücklich hinweisen. Vielmehr sind Sie längst nur noch in einem ideologisch motivierten Bildungswettlauf mit den Grünen, bei dem es unseres Erachtens ausschließlich Verlierer geben würde.
(Beifall bei der CDU – Abg. Reinhold Gall SPD: Beim Thema Ideologie sollten Sie einmal in den Spie- gel schauen!)
(Abg. Reinhold Gall SPD: Sie bekommen höchstrich- terlich bestätigt, was Ihre Experimente mit Schülern anbelangt!)
40 % der Hauptschulabsolventen machen die mittlere Reife. Ein Drittel der Abiturientinnen und Abiturienten kommen über die Realschule. Das alles leugnen Sie ja.
Ebenso leugnen Sie, dass es in Baden-Württemberg die geringste Zahl an Wiederholern, an Schulabbrechern und an Schülern ohne Schulabschluss gibt. Sie wollen das einfach nicht zur Kenntnis nehmen.
Vor allem, meine Damen und Herren – jetzt kommen wir zu der alten Mär; jetzt geht es einmal um den Wert der Abschlüsse, um dies klarzumachen –: Der Abschluss, der an der Schule erzielt wird, die uns immer als beispielhaft vorgeführt wird, nämlich an der Gesamtschule Finnlands, ist rein gar nichts wert, weil dieser Abschluss in den gymnasialen Bildungsgängen, die der Gesamtschule folgen – ob beruflich oder allgemeinbildend –, nicht als Zulassungskriterium anerkannt wird. Es wird stattdessen – um Ihre Worte zu gebrauchen – selektiert. Alle müssen eine Aufnahmeprüfung machen. Der Abschluss einer Einheitsschule, einer Gesamtschule ist also nichts wert – nicht einmal in Finnland.
Nein, das ist so. „Gesamtschule“ ist in Finnland kein Schimpfwort; sie wird ganz offiziell als solche bezeichnet.
Wir wollen im Gegensatz dazu, dass im Hinblick auf den weiteren Ausbildungsgang auch und gerade der Hauptschulabschluss seinen Wert behält. Einzig und allein aus diesem Grund und weil für uns der Mensch nicht erst wie bei Ihnen mit dem Abiturienten beginnt – um das klar zu sagen –,
werden wir künftig jährlich mehr als 26 Millionen € aufwenden, um den Hauptschülern auf dem Arbeitsmarkt noch bessere Chancen zu eröffnen.
(Beifall bei der CDU – Abg. Reinhold Gall SPD: Er- zählen Sie in der Schule auch so einen Blödsinn?)
Fazit: Ein Land, meine Damen und Herren, das die geringste Jugendarbeitslosigkeit hat, das ein höchst nachgefragter Technologiestandort ist, das ein breites Mittelfeld an guten beruflichen Qualifikationen vorweisen kann, braucht keine Experimente und schon gar keine rot-grünen.
(Abg. Jürgen Walter GRÜNE: Ich hätte noch gern ei- ne Nachfrage gestellt! – Gegenruf des Abg. Karl-Wil- helm Röhm CDU: Die Nachfrage beantworte ich sehr gern!)
Verehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Herzlichen Glückwunsch, Herr Kollege Röhm! Sie haben zumindest verstanden, was wir Grünen wollen.
Das kann man nicht von allen Ihren Kolleginnen und Kollegen behaupten. Aber das ist der einzige Fortschritt, der in Ihrer Rede enthalten war. Ansonsten haben Sie sich weiterhin in der ideologischen Festung des dreigliedrigen Schulsystems eingemauert.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Schuldezernent des Städtetags hat beim Hauptschulkongress des Landesschulbeirats in der letzten Woche in Reutlingen ein eindrucksvolles Bild für die Entwicklung und die Krise unseres Schulsystems gewählt. Er hat auf die Pyramiden verwiesen und gesagt: Das sind die stabilsten Bauwerke der Welt, und sie gelten sogar als eines der sieben Weltwunder. Baden-Württemberg hat das dreigliedrige Schulsystem als Pyramide eingerichtet mit einem breiten Fundament der Hauptschule, auf das dann stark verjüngend die Realschule und an der Spitze eine dünne Schicht des Gymnasiums folgen.
Heute, Herr Kollege Röhm, steht diese Pyramide auf dem Kopf – das hat Herr Brugger aufgezeigt – und ist statt einer Pyramide mit einem Kinderkreisel zu vergleichen: eine dünne Spitze der Hauptschule, dann ein Puffer der Realschule und oben ein riesiges, breites Fundament. Die Zeitungen haben das ja auch eindrucksvoll bestätigt. Als nämlich die neuen statistischen Zahlen der Übergänge von der Grundschule in die Hauptschule dokumentiert wurden, haben die Zeitungen getitelt: „Das Gymnasium ist die Hauptschule“. Das heißt, wir haben einen Kreisel, der einen riesigen Überbau des Gymnasiums trägt. Kreisel sind bekanntlich die instabilsten Gebilde der Welt. Jeder Kreisel wird früher oder später umfallen, genauso wie das dreigliedrige staatliche Schulsystem in der jetzigen Form in absehbarer Zeit kollabieren wird.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Entwicklung, die zu dieser auf dem Kopf stehenden Pyramide geführt hat, ist politisch ausdrücklich gewollt gewesen und naturgemäß auch von den Eltern gewünscht gewesen. Denn wir haben ja Abiturienten gebraucht, wir haben eine bessere Bildungsbeteiligung mit allen Mitteln gefördert, und die Eltern haben naturgemäß für ihre Kinder immer die nächsthöhere Bildungsform zu der, die sie selbst hatten, gewählt.
(Abg. Heiderose Berroth FDP/DVP: Es muss auf die Kinder passen, nicht auf die Eltern! – Glocke der Prä- sidentin)