Protocol of the Session on November 13, 2009

Nicht in der Sache, sondern nur noch eines, damit wir uns richtig verstehen: Herr Franke, für die Sache mit dem Sandkasten entschuldige ich mich. Das war eine Bemerkung, die nicht nötig gewesen ist. Über das andere, Herr Wolpert, können wir uns bei einem Bier oder einem Kaffee unterhalten. Aber ich denke, die Bemerkung mit dem Sandkasten haben Sie richtig verstanden. Bezüglich des anderen, Herr Wolpert, schauen wir einmal in die Annalen und dann schauen wir uns das genau an; denn ich war der Einzige, der dabei war. - Herzlichen Dank.

Es gibt keine weiteren Fragen. Wir kommen damit zum Abstimmungsverfahren zur Drs. 5/2258. Einen Antrag auf Überweisung in den Ausschuss habe ich nicht vernommen. Ich lasse also über den Antrag selbst abstimmen.

Wer dem Antrag in Drs. 5/2258 zustimmen möchte, den bitte ich um das Kartenzeichen. - Zustimmung bei der LINKEN. Wer lehnt ab? - Ablehnung bei Koalition und FDP. Enthaltungen gibt es nicht. Damit ist der Antrag abgelehnt worden und wir verlassen Tagesordnungspunkt 21.

Wir kommen zum letzten Tagesordnungspunkt. Ich rufe Tagesordnungspunkt 25 auf:

Beratung

800 Jahre Anhalt

Antrag der Fraktion der CDU und der SPD - Drs. 5/2269

Ich erteile dem Einbringer des Antrages, Herrn Weigelt, das Wort, der für die CDU spricht. Bitte schön, Herr Weigelt.

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es hat sich in Deutschland herumgesprochen, dass wir in Sachsen-Anhalt gewöhnlich früher aufstehen, auch wir in Anhalt allein. Diesbezüglich sind wir im Augenblick ein wenig spät dran.

(Unruhe)

Meine Damen und Herren! Ich bitte um ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für den Redner.

Denn immerhin feiert diese historische Landschaft bzw. das Land Anhalt im Jahr 2012 seinen 800-jährigen Geburtstag. Man muss in Deutschland weit fahren, bevor man etwas Vergleichbares findet. Das historische Anhalt kann also auf eine wechselvolle, aber kontinuierliche Geschichte an der Seite anderer deutscher Länder zurückblicken.

Seien Sie unbesorgt, ich will nicht mit Ihnen tief in die anhaltinische Geschichte zurückgehen. Ich weiß, dass Sie bezüglich der Geschichte über Detailkenntnisse verfügen. Deshalb kann ich an dieser Stelle darauf verzichten.

Meine Damen und Herren! Es wäre sicher wünschenswert gewesen, wenn wir das Thema 800 Jahre Anhalt etwas früher in den Fokus genommen hätten.

(Zustimmung von der Regierungsbank)

Ich möchte auch nicht die Frage aufwerfen, warum wir das nicht getan haben; denn dann müsste ich mir wahrscheinlich an die eigene Nase fassen. Bei einem so bedeutsamen Thema muss immer noch genügend Zeit sein, um in den verbleibenden zwei Jahren etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen.

(Zustimmung von der Regierungsbank)

Noch dazu können Sie alle sicher sein, dass man sich in Anhalt an vielen Stellen schon seit längerer Zeit darüber Gedanken macht, wie und wo ein solches nicht nur für unser Land bemerkenswertes Jubiläum einen angemessenen, würdigen Rahmen erhalten kann.

Wenn man sich das aus zwölf Feldern und einem Mittelschild bestehende alte anhaltische Hauswappen anschaut, erkennt man, dass man es mit einer gewichtigen deutschen Landschaft und nie realisierten Ansprüchen auf Sachsen und Brandenburg zu tun hat. Manch einer - das habe ich hier im Hause gehört, Brandenburg lassen wir jetzt einmal außer Acht - möchte diese Ansprüche auch heute noch durchsetzen und da anbandeln.

Aber immerhin sind aus diesem territorial doch eher kleinen Anhalt-Land Persönlichkeiten hervorgegangen, die zu ihrer Zeit die europäische Geschichte maßgeblich gestaltet haben. Selbst wenn es sich wie im Falle der Zarin Katharina oder bei Christian I. von Anhalt-Bernburg, dem Gründer der Protestantischen Union am Vorabend des 30-jährigen Krieges, nur um eine „geborgte“ Macht gehandelt hat.

Wichtiger aber noch als unsere personalen Exportschlager nach Europa sind wohl die von hier ausgegangenen kräftigen Impulse in die europäische Geistes- und Kulturgeschichte. Da denke ich weniger an den von Fürst Leopold von Anhalt-Dessau in der preußischen Armee eingeführten Gleichschritt.

Vielmehr denkt man an die mittelalterliche Rechtsgeschichte, an die reformatorischen Einflüsse auf Bildung, Sprache und Musik, an die Aufklärung, an das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, an Meilensteine in der europäischen Architekturgeschichte von der Klassik bis zum Bauhaus und nicht zuletzt an den Pioniergeist und den Forscherdrang auf den Gebieten der Landwirtschaft, der Medizin, der Industrie oder dem Flugzeugbau von Hugo Junkers.

Also, meine Damen und Herren, welch eine stolze Bilanz, welch eine stolz machende Geschichte, welch ein Identifikationspotenzial für unser Land!

(Zustimmung von der Regierungsbank)

Ich erinnere mich gut, dass ich vor knapp 30 Jahren von einem Historiker darauf hingewiesen wurde, mich doch nicht so sehr mit einer nicht mehr zeitgemäßen Heimattümelei zu befassen. Ich sollte doch froh sein, dass es keine Fürstentümer mehr gebe. Das bin ich als überzeugter Demokrat im Übrigen auch. Überhaupt heiße die neue Zeit, die Geschichte neu zu interpretieren. Da bleibe nicht mehr viel übrig, worauf man stolz sein könne.

In diesem Geist beeinflusst, mit all seinen Auswirkungen in den Schulbüchern und auf die Schausammlungen in den Museen, sind zwischenzeitlich zwei Generationen aufgewachsen. Im Ergebnis ist in der Tat ein landsmannschaftliches Gefühl nur noch bedingt erhalten geblieben. Viele Kollegen werden sich daran erinnern, dass sich ein solches Gefühl auch nach 1990, trotz der glühenden Bemühungen von verschiedenen Seiten, über Nacht nicht einstellen wollte. Die Gebietsreform, meine Damen und Herren, ist dafür ein beredter Ausdruck.

Nur eines ist trotz aller äußeren Einflüsse und Gebietsklitterungen den Anhaltinern nie verloren gegangen, und davon können Sie sich gerade in diesem Moment akustisch überzeugen: Das ist die für uns eigentümliche anhaltische Mundart. Das trifft Gott sei Dank auch für alle anderen übrigen historischen Landschaften zu. Das ist, meine Damen und Herren, vor dem Hintergrund eines mehrfachen Bevölkerungsaustausches infolge des enormen Arbeitskräftebedarfs im 19. Jahrhundert oder des Vertriebenenzustroms nach dem Zweiten Weltkrieg ein erstaunliches Phänomen.

Noch etwas ist über die Zeiten uranhaltisch geblieben und hat sich nie von ihren Wurzeln trennen lassen: Das ist die Anhaltische Landeskirche, die bis heute in den historischen Grenzen tätig ist.

Es ist also überaus begrüßenswert, dass sich landauf und landab nun wieder kräftiges Bewusstsein und der Wunsch nach lebendiger Bewahrung bzw. Förderung landsmannschaftlicher Identität in Anhalt regt.

800 Jahre Anhalt sollten uns Sachsen-Anhaltern ein willkommener Anlass sein, unser Land in einer geschichtlichen Tradition und deren Kontinuität vorzustellen - ich habe es schon gesagt -, um die uns manch anderes Bundesland beneiden dürfte und die jeder neu zu erstellenden Imagebroschüre gut zu Gesicht stünde.

Zur Vorbereitung des anstehenden Jubiläums hat sich unter der Leitung der Oberbürgermeister der entsprechenden anhaltischen Städte eine Lenkungsgruppe gegründet, die uns Abgeordnete wie auch die Landesregierung dahin gehend anspricht, das bevorstehende Ereignis als ein landesbedeutsames Jubiläum anzuerkennen.

Ich sehe, da regt sich kein Widerspruch, weder im Plenum noch auf der Regierungsbank; also ist das so beschlossen.

(Zustimmung bei der CDU und von der Regie- rungsbank)

Wer hat mir das denn hier aufgeschrieben?

(Heiterkeit im ganzen Hause - Herr Dr. Schel- lenberger, CDU: Nun gut, wir sind dafür!)

Also, hier ist noch ein Zettelchen.

Meine Damen und Herren! Aber so flapsig werde ich natürlich mit der dem Schreiben der Lenkungsgruppe beiliegenden Kostenaufstellung nicht umgehen. Da ist ein kräftiger Finanzbrocken zu kauen. Aber wir sollten uns alle Mühe auferlegen und die nötige Mitfinanzierung der möglichen und bereits angedachten Projekte bis zum Jahr 2012 sicherzustellen.

Besonders wichtig erscheint mir dabei eine grundsätzliche Beteiligung des Landes als koordinierende Stelle zu sein. Darüber hinaus möchte ich nur einige der aus meiner Sicht umsetzbaren Projekte nennen. So ist bereits eine thematische Ausstellung in Planung bzw. in den Museen in Vorbereitung. Der MDR könnte in seiner beliebten Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands dieses Ereignis entsprechend aufgreifen.

Die schon kurz erwähnte Imagebroschüre sollte aufgelegt werden. Neben einem großen Festakt, den man erwarten darf, muss natürlich zeitgleich eine Festschrift vorliegen. Ebenso sollte ein wissenschaftliches Kolloquium den neuesten Stand der anhaltischen Geschichte erfassen und in schriftlicher Form als Protokollband vorstellen.

Ich sehe auch die Notwendigkeit der Erstellung eines anhaltischen Heimatkundebuches. Ich glaube, da könnte man einen Impuls in das Lisa hinein geben. Dort müsste das eigentlich zu realisieren sein.

(Beifall bei der CDU)

Landsmannschaftliche Traditionen sind in unserer Generation und darüber hinaus weitestgehend verschüttet. Deshalb können wir im Grunde nur bei der Jugend anfangen, wenn wir sie wieder aufleben lassen wollen. Dazu wäre ein solches Heimatkundebuch gut geeignet.

Letztlich sollte das Jubiläum „800 Jahre Anhalt“ aus meiner Sicht im Jahr 2012 das touristische Leitthema sein. Darüber hinaus gilt es eine ganze Reihe von Anregungen aufzunehmen, die in den Regionen und von den engagierten Personen entwickelt werden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich bitte Sie, sich dem vorliegenden Antrag von CDU und SPD anzuschließen und das Grundanliegen im Fortgang kräftig zu unterstützen. - Recht herzlichen Dank für Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit.

(Lebhafter Beifall bei der CDU und bei der SPD)

Vielen Dank, Herr Weigelt. Wir sind fachlich gut eingeführt in 800 Jahre anhaltische Geschichte. - Ich erteile jetzt Herrn Minister Professor Dr. Olbertz das Wort. Bitte schön, setzen Sie es fort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Mit der deutschen Einheit und der Wiedergründung des Bundeslandes Sachsen-Anhalt lebte die Geschichte des ehemaligen Fürstentums Anhalt im Namen unseres Landes erneut auf.

Zwischen Harz und Fläming erstreckt sich das historische Anhalt. Seit den Anfängen der Askanier - den Vorfahren von Herrn Weigelt - im 11. Jahrhundert zählte es zu den wichtigsten Kulturlandschaften, von denen ganz nachhaltige Impulse für die deutsche Nationalkultur ausgegangen sind.

Obwohl es räumlich vergleichsweise klein und im Laufe der Geschichte durchaus kein einheitliches Gebilde war, wurden in Anhalt vielfältige Leistungen hervorgebracht, die bis heute nachwirken. Erinnert sei an die Fruchtbringende Gesellschaft in Köthen, die im 17. Jahrhundert die bedeutendsten Dichter und Politiker ihrer Zeit zur Pflege der deutschen Sprache um sich vereinte. Dem Geist der Aufklärung ist das Dessau-Wörlitzer Gartenreich verpflichtet. Der Bogen reicht weiter von Moses Mendelssohn über Johann Sebastian Bach in Köthen bis zu Kurt Weill, den Junkers-Werken in Dessau und dem Bauhaus.

Diese reichhaltige Geschichte fand unter anderem ihre Würdigung durch die Aufnahme des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches und des Bauhauses in Dessau in die Weltkulturerbeliste der Unesco.

Mit dem Antrag soll nun die Landesregierung aufgefordert werden, zum ersten Quartal 2010 einen Bericht über die konzeptionellen Vorbereitungen des 800-jährigen Jubiläums Anhalts im Jahr 2012 vorzulegen.