Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Nachdem schon alle Zahlen genannt worden sind, kann ich auf diesen Teil verzichten. Wir haben uns auch schon darauf verständigt, dass das Ganze im Ausschuss besprochen
Frau Mittendorf, Sie haben gerade gesagt, Sie gingen davon aus, dass die unterschiedliche Lesekompetenz vielleicht auf die X- und Y-Chromosomen zurückzuführen sei.
Die Konsequenz daraus fände ich traurig und schade. Deswegen sollten wir uns solchen Überlegungen nicht anschließen.
(Zustimmung von Herrn Wolpert, FDP - Frau Mit- tendorf; SPD: Das war ein Spaß! Das haben wir so verstanden, Frau Dr. Hüskens!)
Aber wenn das, was Sie gesagt haben, vor allen Dingen als Appell gemeint war, dass Sie davon ausgehen, dass Väter auch mehr vorlesen sollen, dann ist das der richtige Weg; denn das, was die Studien insgesamt in jedem Fall gezeigt haben, ist, dass die Freude am Lesen tatsächlich zu Hause vermittelt wird.
Ich glaube, da kann die Schule auch wenig helfen, auch wenn man anderen Lesestoff nehmen würde als den „Erlkönig“. Der hat auch mir nicht so sonderlich Spaß gemacht.
Ich glaube auch nicht, dass das ein Lesestoff ist, an dem man Schülern heute so richtig die Freude an einem entsprechenden Text vermitteln kann. Gerade Jungen haben doch andere Vorstellungen von einem spannenden Text.
Ich glaube auch nicht, dass es wirklich die Aufgabe der Schule ist, Spaß und Freude zu vermitteln. Das geht gar nicht, wenn ich über Textinterpretationen rede und auch versuchen muss, schwereren Stoff zu vermitteln. Da bleibt dann manchmal leider doch die Freude auf der Strecke. Ich bin sicher, dass es vielmehr eine originäre Aufgabe des Elternhauses ist, diese Freude zu vermitteln.
Nun ist das immer schwer. Jeder, der Kinder hat, weiß das: Wenn man einen guten Ansatz hat und sagt, man möchte dem Kind das gern vermitteln, weil es gut für das Kind ist, dann sind die Kinder meistens der Auffassung, dass es genau das ist, was sie nicht wollen.
Manchmal hat man Glück, man findet ein Thema. Ich habe einen Sohn, der sich ungeheuer für Fußball interessiert. Auf diese Art und Weise haben wir uns dann durch die ganzen „Wilden Kerle“ gearbeitet und durch die verschiedene Literatur, die es in dem Bereich gibt. Am Anfang haben wir vorgelesen.
Inzwischen liest er natürlich selbst und liest Gott sei Dank auch seinem kleinen Bruder vor, der aber gegen die gleichen Zuwendungen und die gleichen Versuche völlig resistent ist. Der findet Lesen langweilig und ist der Auffassung, dass es gerade noch so geht, wenn Vater und Mutter oder der große Bruder vorlesen. Er erwartet dann auch noch, dass wir ein Schauspiel aufführen, damit der Vortrag ein bisschen unterhaltsam wird.
Das sind dann etwas frustrierende Erlebnisse, aber da müssen Eltern durch und müssen versuchen, sich auch in die Psyche des Kindes hineinzuversetzen und immer wieder Anreize zu schaffen.
Ich muss zu unserer Schande gestehen: Wir haben inzwischen Literatur gefunden, die er interessant findet. Mir ist es früher verboten worden, Comics zu lesen. Er findet sie spannend und er liest sie sogar. Vielleicht geben wir ihm einige Zeit und lassen ihn diese Dinge wirklich lesen und hoffen einfach, dass er auf diese Art und Weise tatsächlich zum Lesen kommt.
Das sind Einzelbeispiele. Das ist nichts, was wissenschaftlich fundiert ist. Aber wir können in jedem Fall feststellen: Wir müssen Kindern im frühen Alter Freude vermitteln. Lesen ist nicht etwas, das man muss, sondern Lesen eröffnet ein spannendes Feld. Lesen eröffnet einem die Möglichkeit, mit eigener Fantasie Texte zu erfahren, was einem im Fernsehen verkürzt wird; denn dort bekommt man die Fantasie eines anderen visualisiert. Ich glaube, das ist tatsächlich das, was wir als Eltern vermitteln müssen.
Deshalb freut es mich, dass eine ganze Reihe von Schulen auch in unserem Bundesland inzwischen dazu übergeht, mit Elternpatenschaften, mit Lesepaten zu versuchen, auch diese Kompetenz bei den Eltern zu stärken; denn ich glaube, darum geht es tatsächlich, dass wir dazu noch mal vermitteln.
Ich bin mir ganz sicher, dass der Ausschuss, an dessen Sitzung ich leider nicht teilnehmen kann, zu sehr klugen Beschlüssen in diesem Punkt kommen wird. Ich hoffe, dass wir dann in der nächsten Runde im Plenum vielleicht auch noch den einen oder anderen Vorschlag dazu haben werden, was man auf Landesebene erreichen kann, wobei ich persönlich der Auffassung bin, dass das der geringere Teil ist. - Ich danke Ihnen.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Zu Beginn meiner Ausführungen, die ich recht kurz halte, weil schon sehr viele Inhalte erwähnt worden sind, möchte ich sagen, dass ich außerordentlich überrascht bin, am Freitagnachmittag um 15.45 Uhr eine so große Aufmerksamkeit zu einem schulischen Thema verzeichnen zu können.
Das muss einfach gesagt werden. Das zeigt sicherlich, wie es auch schon gesagt wurde, in welchem direkten Zusammenhang Lesen, Schreiben, Bildung, Zuhören, Auffassen und Kritisieren stehen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das meiste ist schon gesagt worden. Deswegen möchte ich nur einige Gedanken aus meiner Sichtweise darlegen.
Frau Budde sagte es gestern schon in einem völlig anderen Zusammenhang: Lesekompetenz ist mehr, als nur Worte oder Buchstaben aneinander zu reihen.
- Eben war die Aufmerksamkeit noch größer. - Lesekompetenz meint das Verstehen und das Reflektieren von einfachen oder komplexen Texten, das Aneignen, Erfassen und Weiterentwickeln von Wissen. Die Förderung der Lesekompetenz steht damit auch immer für die Förderung von Partizipation, für aktive Teilhabe in allen Bereichen weit über den Deutschunterricht hinaus und - das möchte ich hinzufügen - selbstverständlich auch für Menschen, die zum Beispiel nicht sehen oder nicht hören können. Ich denke, das Thema Barrierefreiheit muss hierbei in Ansätzen vielleicht auch Erwähnung finden.
Unstrittig ist, wie bereits mehrfach erwähnt wurde, dass im Vergleich der geschlechtsspezifischen Lesekompetenz die Mädchen deutlich vor den Jungen liegen. Das liegt natürlich nicht daran, dass unsere Jungen dümmer sind.
Es gilt, die Ursachen zu analysieren und zu überdenken, ob nicht unter Umständen auch die hohe dichte an weiblichem Erziehungs- und Lehrpersonal dazu führt, dass insbesondere die Mädchen in ihren Interessen angesprochen und motiviert werden. Unterschiedliche geschlechtsspezifische Reifegrade mögen ebenfalls dazu beitragen. Ich denke, das ist ein wichtiges Thema, dem wir uns bei der Behandlung im Ausschuss stellen müssen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frau Fiedler hat es schon erwähnt: Die hohe Zahl von Erwachsenen in unserem Land, die nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können, zeigt, wie wichtig es ist, die Weichen im schulischen und außerschulischem Bereich rechtzeitig zu stellen.
Der Schritt, im späteren Leben die fehlenden Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen nachzuholen, ist sehr, sehr schwer und für die Betroffenen nur mit hohem zeitlichen Einsatz und oft auch nur mit Selbstüberwindung zu erreichen. Deshalb haben wir im schulischen Bereich hierfür eine sehr hohe Verantwortung.
Es ist - ich komme gleich zum Ende meiner Ausführungen - in Bezug auf die Situation im Land Sachsen-Anhalt hervorzuheben, dass bereits viele unserer Schulen in den letzten Jahren zahlreiche spannende und motivierende Vorleseprojekte, Schreibprojekte, Wettbewerbe, die Zusammenarbeit mit Bibliotheken und auch anderes angeregt und durchgeführt haben. Sie alle, wie Sie hier sitzen, werden selbst schon aus Ihren Wahlkreisen solche Projekte kennen oder waren vielleicht auch schon eingebunden. Es gibt auch aus dem parlamentarischen Raum heraus einige Initiativen.
Dies alles einmal aufzuzählen und aufzuzeigen, schärft die Wahrnehmung im Land, bei anderen Schulen, bei den Eltern, Müttern und Vätern wohlgemerkt, aber auch bei Bildungspartnern der Wirtschaft und anderen Einrichtungen, und kann und sollte zur Nachahmung anregen.
Daher bitte ich um Überweisung des Antrages an den Ausschuss für Bildung, Wissenschaft und Kultur und danke für die zumindest teilweise vorhandene Aufmerksamkeit für meine Worte.
Ich möchte nichts erwidern, sondern nur etwas ergänzen; denn wir haben einmal ein Thema gefunden, bei dem seltene Einmütigkeit herrscht. Das ist schon bemerkenswert.
Ich denke, das Thema Lesen sollte nicht abgeschlossen werden, ohne dass zumindest ein Buch in der Nähe war. In diesem Buch habe ich zwei Sätze gefunden. Diese finde ich so merkwürdig im Sinne von des Merkens würdig, dass ich sie Ihnen vorlesen will. Das Vorlesen, haben wir gerade gehört, ist auch durchaus lesekompetenzförderlich.
Das Buch stammt übrigens von einem Herrn Manfred Spitzer. Professor Spitzer ist Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm. In diesem Buch gibt es ein Kapitel „Lesen“ und das beginnt bei ihm folgendermaßen - ich darf zitieren, Frau Präsidentin -:
„Es entstand lange vor Erfindung der Schrift und aufgrund von Lebensbedingungen, die mit den heutigen wenig gemeinsam haben.“
„Das Gehirn verhält sich zum Lesen wie ein Traktor zu einem Formel-1-Rennen, für dessen Tuning man kurz vor dem Rennen zwei Stunden Zeit bekommt.“