Meine sehr geehrten Damen und Herren, was auf dem Papier so trocken als Übergang Kita–Schule daherkommt, ist ein ganz zentraler Schlüssel für den Bildungserfolg und für Bildungsgerechtigkeit. Daher werden wir, das kann ich Ihnen zusagen, die geplanten Verbesserungen der Förderstrukturen sehr konstruktiv, aber eben auch sehr kritisch begleiten.
Der Vorsatz, Frau Sozialministerin, ist vollkommen richtig: keine Förderung ohne Diagnostik und keine Diagnostik ohne Förderung. Ich würde sagen: keine Diagnose ohne Förderung, weil die Diagnose dann nach der Diagnostik kommt.
Ebenso richtig – das will das auch deutlich sagen – ist die Forderung aus dem Alternativantrag der Koalitionsfraktionen zum SPD-Antrag, neben der sprachlichen Entwicklung weitere basale Kompetenzen der Kinder wie soziale, motorische und kognitive Fähigkeiten zu berücksichtigen. Aber dann frage ich mich: Warum bringen Sie nicht ganz konkret Punkte ein, die genau dem gerecht werden? Stattdessen bleibt Ihr sogenannter Alternativantrag hinter dem richtigen SPD-Antrag vollkommen ambitionslos. Sie begnügen sich mit so Selbstverständlichkeiten wie: Die Landesregierung solle den selbst festgeschriebenen Zeitplan einhalten oder umsetzen.
Nee, erstens soll sie mehr Tempo machen, und zweitens, finde ich, muss man nicht unbedingt die Landesregierung auffordern, das, was sie ohnehin aufgeschrieben hat, umzusetzen. Davon würde ich jetzt mal ausgehen.
Kommen wir zu b), zu den Strukturen. Dass auf vorhandene Strukturen aufgesetzt werden soll, finde ich vernünftig: also PerspektivKitas im Umfeld von PerspektivSchulen. Das klingt zunächst einmal vernünftig. Frau Ministerin Prien, ich war ja bei Ihren Gesprächen nicht dabei. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, dass Sie sich ja offensichtlich dafür entschieden haben, dass Kinder mit höherem sprachlichem Förderbedarf außerhalb der Kita an der Schule gefördert werden sollen. Ich frage zumindest mal, warum. Das sollten wir in den weiteren Beratungen inklusive entsprechenden Anhörungen herausarbeiten. Denn die professionellen Fachkräfte in den Kitas verfügen sowohl über die notwendige Theorie als auch über das erforderliche Handlungswissen für einen ganzheitlichen Ansatz, und zwar in der Kita.
Ich würde die Viereinhalbjährigen nicht aus der Kita in die Schule bringen, sondern auf vorhandene Strukturen in den Kitas aufbauen, die Kitas stärken, Bindung als wesentlichen Lernfaktor sehen und multiprofessionelle Teams in den Kitas aufbauen beziehungsweise dort, wo es sie schon gibt, stärken. Das ist zumindest ein Aspekt, der in der weiteren Auseinandersetzung über das Projekt mal mitgedacht und berücksichtigt wird, und zu dem es sich, glaube ich, lohnt, Expertinnen- und Expertenmeinungen im Rahmen einer Anhörung in den entsprechenden Ausschüssen zu hören und sich damit auseinanderzusetzen.
Ich sage bei aller richtigen Kritik daran, dass das relativ spät kommt und etwas langsam geschieht: Es ist wichtig, dass dieser Schritt überhaupt gemacht wird. Deswegen – noch einmal –: Wir als FDP-Fraktion sagen Ihnen eine kritische, aber auch eine konstruktive Begleitung dieses zentralen Bildungs- und frühbildungspolitischen Vorhabens zu. – Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wenn wir uns den Antrag und den Bericht genau anschauen, wird deutlich, dass wir doch eigentlich alle das Gleiche wollen: Unter dem Strich sollen unsere Sechsjährigen einen guten Schulstart haben, die Chancengleichheit soll erhöht werden, und die Heterogenität der Fähigkeiten in der Schuleingangsphase soll verringert werden.
Auch besteht ein Konsens darüber, dass Sprache der Schlüssel zur Bildung ist. Deshalb sehe ich flächendeckende und verpflichtende Sprachtests oder Entwicklungsscreenings mit viereinhalb Jahren als eine zielführende Maßnahme an.
(Vereinzelter Beifall SPD, Beifall Christian Dirschauer [SSW], Martin Balasus [CDU] und Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN])
Es stellt sich nur die Frage, wie aussagekräftig ein einmaliger Test ist, der allein die Sprachfähigkeit eines viereinhalbjährigen Kindes abbildet. Ein viereinhalbjähriges Kind steckt mitten in einer rasanten Entwicklungsphase. Ärzte wie auch Pädagogen verweisen immer wieder auf die Individualität der Entwicklungsprozesse und die Unterschiedlichkeit des Entwicklungstempos bei Kindern. Deshalb ist es gefährlich, nur auf das Merkmal Sprache zu schauen. Die Begutachtung muss ganzheitlich angelegt sein, und die grundsätzlichen kognitiven Fähigkeiten des Kindes müssen erfasst werden – und das mit dem Blick auf eine positive Prognose in der weiteren Entwicklung, denn bei Kindern unter sechs Jahren kann sich in anderthalb Jahren noch ganz viel entwickeln und verwachsen.
Was macht dann mit den Kindern, die nach so einer Begutachtung von einer frühzeitigen Förderung profitieren würden? Die Antwort im Bericht der Landesregierung zu dem Übergang Kita–Grundschule und der Kompetenzförderung sind unter anderem das Modellprojekt EVi zur Einschätzung sprachlicher Kompetenzen und die intensive Sprachförderung SPRINT.
Hier frage ich mich allerdings, wie das in der Realität aussehen soll. Die intensive Sprachförderung wird teilweise an Schulen angeboten. Wie soll ich mir das logistisch vorstellen? Statt den Logopäden und Sprachheilpädagogen in der Kita sollen dann Lehrkräfte Sprachförderung machen? Nebenbei sollen auch Sozialraumangebote für Abhilfe schaffen. Bei den zehn Prozent der Kinder, die aus verschiedensten Gründen keine Kita besuchen, soll das Ju
Das finde ich sehr unrealistisch. Kurzum: Viele Ideen zum Ausprobieren, aber weder EVi noch SPRINT sind flächendeckend und kurzfristig greifende Maßnahmen. Wir wissen, dass Bildung ab Geburt beginnt und dass die frühkindliche Bildung höchste Priorität haben sollte. Trotzdem werden in Schleswig-Holstein Kitabildung und Schulbildung noch nicht gleichgesetzt.
Viele unserer europäischen Nachbarn tun dies bereits traditionell. Hier sind die Übergänge fließend. Am Beispiel der nullten Klassen in Dänemark sieht man, wie Übergänge flexibel gestaltet und von der Krippe bis zur Uni funktionieren können. Die Zusammenarbeit zwischen Kita und Schule ist eine immens wichtige Stellschraube.
Bei uns in Schleswig-Holstein beschränkt sich diese Zusammenarbeit auf einen undefinierbaren Kooperationsvertrag. Auch wenn das Thema Kooperationsvertrag weiterentwickelt werden soll, reicht dieses Konstrukt nicht aus. Das zeigt auch meine Kleine Anfrage, die ich vor zwei Jahren dazu gestellt habe, und die Reden vom letzten Jahr dazu. Die Landesregierung beziehungsweise das Ministerium macht hier nur stichprobeartige Kontrollen, um zu gucken, ob tatsächlich Kooperationsverträge geschlossen worden sind.
Man kann so viel darauf hin verweisen, aber wenn das nicht ausgeführt wird – wir wissen alle, wir haben immer noch eine freie Schulwahl –,
dann muss man das echt mal auf eine Schiene bringen, damit es verlässlich kontrolliert werden kann und die Kinder am Ende des Tages einen Nutzen davon haben.
Für fließende Übergänge im Bildungssystem benötigen wir klare Vorgaben und Verbindlichkeiten. Nur so kann es gelingen, die Kinder von Anfang an zu begleiten, zu beobachten, zu fördern und zu fordern.
Es muss mehr Flexibilität entstehen und Konzepte aus dem Kitabereich in die Grundschule einfließen und umgekehrt, besonders im Hinblick auf knappe Kassen und den Fachkräftemangel. Denn es ist noch mal ganz wichtig zu betonen: Egal, wie viel Geld wir jetzt da reinstecken, uns fehlen am Ende des Tages die Fachkräfte, die das umsetzen könn
Vereinfacht gesagt: Wir müssen die Schuleingangsuntersuchung vorziehen und sie verbindlich machen. Meine Kleinen Anfragen zeigen auch, dass viele, viele Kinder gar keine Schuleingangsuntersuchung gehabt haben. Wenn sie dann stattgefunden hat, dann war das zum Teil erst in den Sommerferien, wenn sie danach zum Schuljahresbeginn in die 1. Klasse kommen. Wir müssen die Einschulungsuntersuchungen vorziehen und auf Viereinhalbjährige anpassen und dann Synergieeffekte nutzen, um alle Möglichkeiten aus Kita und Grundschule in der Vorschulphase zu bündeln und dabei auf eine realistische Umsetzung zu achten.
Ich habe noch eine Verständnisfrage an die Ministerin: Sie haben gesagt, in Hamburg habe es 30 Jahre gedauert. Der Abgeordnete Balasus sprach davon, dass jetzt die Trendwende kommt. Dauert das bei uns jetzt auch 30 Jahre, bis wir flächendeckende Sprachtests in Schleswig-Holstein haben? Ich finde nichtsdestotrotz: Wenn andere Bundesländer – dann ist es egal, ob es Hamburg, Baden-Württemberg oder das Saarland sind – gute Dinge erprobt haben, dann müssen wir in Schleswig-Holstein diesen tiefen Teller nicht noch einmal erfinden, dann müssen wir die guten Resultate daraus nehmen und bei uns umsetzen.
Insofern: verlässliche Schuleingangsuntersuchungen, verlässliche Kooperationsvereinbarungen zwischen Kita und Grundschule und – was mir auch wichtig ist – vernünftige Fortbildung für Lehrkräfte und Pädagogen, damit sie der Heterogenität der Kinder gewachsen sind, denn ohne gutes Fachpersonal wird es niemals etwas werden.
Zu einem weiteren Wortbeitrag hat der Abgeordnete Martin Habersaat das Wort. – Ich gehe davon aus, dass Sie die Restredezeit von fünf Minuten nehmen.
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Meine Damen und Herren! Der Kollege Balasus und ich teilen bildungspolitisch nicht viele Ansichten, aber wir teilen etwas anderes. Mein Großer ist in diesem Jahr auch eingeschult worden.
Was die zeitlichen Zusammenhänge angeht, ist allerdings mein Blick eher meinen kleinen Sohn gerichtet, der zwei Jahre jünger ist. Er wird 2026 eingeschult, und der war noch nicht geboren, als unsere Bildungsministerin in einem Interview sagte: In Hamburg screenen sie die Viereinhalbjährigen, das ist eine total gute Idee, das sollte man in SchleswigHolstein auch machen. – Der wird eingeschult sein, ohne dass das ihn und seine Generation, seine Kohorte in irgendeiner Form praktisch berührt hätte. Das ist wahnsinnig langsam.
Herr Krüger, ich habe dem Wortbeitrag von Ihnen interessiert zugehört, und ich fand es schön, dass Sie jetzt die SPD dazu beglückwünschen, dass sie das auch gut findet, dass das in Richtung Screenings für Viereinhalbjährige geht. Das beantragen wir hier seit Jahren, wie Ihnen vielleicht schon aufgefallen ist. Insofern sind wir natürlich grundsätzlich dafür und unterstützen grundsätzlich genauso wie der Kollege Heiner Garg, dass es in die richtige Richtung geht. Trotzdem dürfen wir ja wohl anmerken, dass es wahnsinnig langsam in die richtige Richtung geht.
Ein weiterer Vorwurf war, wir würden nur nach Hamburg gucken, weil in Hamburg Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der Mehrheit sind.
Dieses Screening ist ein gutes Beispiel dafür, dass es parteiübergreifend ein Erfolg ist. Da könnte sich auch die Hamburger CDU eine Scheibe vom Erfolg abschneiden und ihn für sich reklamieren. Ich würde zwei andere Denkmodelle gern in den Vordergrund rücken. Das eine wäre: Wir gucken nach Hamburg, weil das ein ganz wichtiger Nachbar von uns ist und weil ganz viele Kinder aus SchleswigHolstein in Hamburg in einen Kindergarten oder in die Schule gehen.