Protocol of the Session on June 10, 2016

Liebe Frau Kollegin Klahn, ich habe eben voller Faszination Ihren Satz vernommen, die FDP sei immer schon fĂŒr die Beitragsfreiheit der Kitas gewesen.

- Solange ich dabei bin.

Erinnere ich das falsch, dass die FDP zusammen mit der CDU das letzte beitragsfreie Kita-Jahr abgeschafft hat? Habe ich das so zu interpretieren, dass Sie im Prinzip und grundsĂ€tzlich fĂŒr Beitragsfreiheit sind, aber tatsĂ€chlich dagegen stimmen, wenn sie beantragt wird?

- Ihre rhetorischen Fragen, Herr Dr. Stegner, und die Verquickung und Vermengung von Dingen, auf die man nicht mit zwei SĂ€tzen antworten kann!

Ich habe das eben schon einmal ausgefĂŒhrt und wiederhole das gern, weil es so schön ist: Sie haben zum Wahlkampf 2009 wider besseres Wissen und im Wissen um die desaströse Haushaltslage des Landes Schleswig-Holstein ein beitragsfreies KitaJahr eingefĂŒhrt, und Sie haben das aus einem Akt der Verzweiflung getan, weil Sie um WĂ€hlerstimmen gekĂ€mpft haben. Es tut mir leid, Ihre Bildungspolitik ist Ihnen auf die FĂŒĂŸe gefallen. Wir sind an die Regierung gekommen, haben die Verantwortung gehabt. Sie wissen, wie unser Haushalt aussah. Sie wissen, wie bitter so manche einschneidende Maßnahme gewesen ist. Wir haben gesagt: Wir geben den Eltern die Beitragsfreiheit, sobald das Land dazu in der Lage ist.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Die Haushaltspolitik, die Sie derzeit betreiben, fĂŒhrt mit Sicherheit nicht dazu, dass wir mittelfristig die finanziellen Ressourcen zur VerfĂŒgung haben,

(Beifall Dr. Heiner Garg [FDP])

um die Versprechen einzulösen, die Sie, Herr Habersaat, den Eltern mit „eins, zwei, drei - beitragsfrei“ zu suggerieren versuchen. Das werden Sie nicht hinbekommen. Gucken Sie nach Hamburg! FĂŒr knapp 60.000 Kinder werden 70 Millionen € eingestellt. Schleswig-Holstein hat doppelt so viele Kinder. Ich sage Ihnen heute schon: Die Zahlen in Hamburg stimmen nicht, sie sind viel zu niedrig angesetzt.

Wir machen verantwortungsvolle Finanzpolitik, damit wir unseren Kindern keinen Schuldenhaushalt hinterlassen, soweit es geht. Wenn wir an der Regierung wĂ€ren, lieber Heiner, wir wĂŒrden es tun!

Frau Abgeordnete, gestatten Sie noch eine Anmerkung des Herrn Abgeordneten Dr. Stegner?

Es ist ein wunderschöner Tag, Frau Klahn,

- Finde ich auch!

und ich bin Ihnen dankbar fĂŒr Ihre ErklĂ€rungen. Sie haben eines deutlich gemacht,

(Dr. Heiner Garg [FDP]: Wir haben noch viel vor!)

liebe Frau Kollegin Klahn - so habe ich das zu verstehen, was Sie gerade in Ihren letzten SĂ€tzen gesagt haben -: Die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger in Schleswig-Holstein haben also die Entscheidung, dass sie sich, wenn sie die Beitragsfreiheit wollen, fĂŒr SPD, GrĂŒne oder SSW entscheiden mĂŒssen. Wenn sie die FDP wĂ€hlen, werden sie diese Beitragsfreiheit nicht bekommen, auch nicht mittelfristig, wie Sie gesagt haben. Ich finde, das ist eine klare Ausgangslage, fĂŒr die Sie gesorgt haben. DafĂŒr haben Sie meinen allerherzlichsten Dank.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

- Ich möchte mich jetzt gern zum Ende - weil sonst gesagt wird, ich hĂ€tte den Gesetzentwurf nur zum Teil beachtet - dazu lobend Ă€ußern, dass Sie die Kita-Datenbank eingefĂŒhrt haben. Das ist ein sehr langer Prozess, aber das Ergebnis wird den Eltern helfen, in Zukunft einfacher zu wissen, wo Kitaoder KrippenplĂ€tze frei sind. Das ist also gut gelaufen. Schauen wir uns einmal an, ob sich alle Kreise auch in kĂŒrzester Zeit anschließen werden oder ob es bei den 60 Modellorten bleibt, die wir derzeit haben.

Ich freue mich ansonsten auf die weitere Beratung im Sozialausschuss.

(Beifall FDP)

FĂŒr die Fraktion der PIRATEN hat Herr Abgeordneter Wolfgang Dudda das Wort.

Kollege Garg, mein Kopfkino hört gar nicht auf, wenn ich mir vorstelle, wie die beiden Kolleginnen um einen goldenen Stern im „Dschungelcamp“ kĂ€mpfen. Ich stelle mir das sehr schwierig vor. Ich

(Anita Klahn)

finde es auch sehr schwierig, wenn wir um eine Kiste Wein wetten.

Aber ich will zu dem Gesetzentwurf Stellung nehmen. Da stellen sich mir zwei Fragen. Die erste Frage ist die: Was soll das? Und die zweite Frage ist die: Was macht das? - Wenn man den Aussagen heute Morgen folgt, ist das NĂ€chste, was davon beeinflusst wird, Ebbe und Flut und vielleicht auch der Klimawandel.

(Heiterkeit Dr. Patrick Breyer [PIRATEN])

Wenn wir diese beiden Fragen zu dem von der Landesregierung vorgelegten Entwurf stellen, kommen wir aber zu ganz anderen Antworten, nÀmlich dass die Menschen durch dieses Gesetz getÀuscht werden. Es fördert die Mitte, und das Ganze auch noch recht unlauter, wie ich finde. Ich werde auch erklÀren, wie das kommt.

(Beifall PIRATEN, Heike Franzen [CDU] und Katja Rathje-Hoffmann [CDU])

Der bundesgesetzlich vorgeschriebene Ausbau der Ü-3-BetreuungsplĂ€tze ist in Schleswig-Holstein gut vorangekommen. Dahinter steckt eine enorme Leistung der Kommunen und TrĂ€ger. DafĂŒr möchte ich ausdrĂŒcklich danken. Es ist ein enormer Kraftakt, der hier vollzogen worden ist.

(Beifall PIRATEN und vereinzelt CDU)

Trotz der guten Leistungen bei der Kinderbetreuung gibt es vieles, was kritisch betrachtet werden muss. Dazu zĂ€hlen der FachkrĂ€ftemangel, schlechte ÜbersetzungsverhĂ€ltnisse, schlechte Bedarfssituation fĂŒr die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und oft unzureichende Betreuungszeiten. Die Liste der MĂ€ngel ist lang, und sie ist erst vor Kurzem, am 7. Juni 2016, durch einen Hilferuf des AktionsbĂŒndnisses und der Kommunen ĂŒberdeutlich geworden, wenn wir hören, dass allein in Rendsburg im letzten Quartal 14-mal eine Gruppe geschlossen werden musste, weil nicht genug Personal da war.

Genau daraus ziehen die Experten ein Fazit: Es muss mehr Geld in die Strukturen investiert werden, und zwar ganz dringend und ganz schnell.

(Beifall PIRATEN und Katja Rathje-Hoff- mann [CDU])

Da aber Strukturen nicht zur Wahl gehen, gibt die Landesregierung - wir sprechen hier von rund 23,5 Millionen € - das Geld nicht in die Strukturen, sondern an die wahlberechtigten Eltern, und das termingerecht zum Januar 2017 - einfach einmal so, ohne eine Kopplung an das vorhandene Einkommen. Jeder bekommt pro Monat 100 €, das soll hel

fen, die bei uns vergleichsweise zu hohen Kita-GebĂŒhren aufzufangen.

Was macht das Gesetz also? - Es enthĂ€lt den Kommunen und TrĂ€gern Gelder vor, die diese unbedingt zur Verbesserung ihrer Strukturen und auch zur Senkung der GebĂŒhren gebraucht hĂ€tten.

(Beifall PIRATEN und Katja Rathje-Hoff- mann [CDU])

Es gibt volle 100 € an die weiter, die sich den KitaBesuch ihres Kindes ohnehin hĂ€tten leisten können, weil sie gar nicht in die Verlegenheit kommen, die Sozialstaffel bemĂŒhen zu mĂŒssen. Es gibt denjenigen, die sozial schwach sind, nur den Teil, der nach Abzug der Sozialstaffel ĂŒbrig bleibt. Es generiert einen Personalaufwand, wie wir aus der Kleinen Anfrage, Drucksache 18/4108, wissen. Es wird weitere in dem Gesetzentwurf noch nicht konkret benannte KapazitĂ€ten aufgrund eines deutlich erhöhten Verwaltungsaufwands binden.

Jetzt komme ich zu einem Punkt, der mich richtig Ă€rgert. Ich möchte einmal das Argument aushöhlen, dass hier immer genannt wird: „Sonst wĂ€ren die Verwaltungskosten zu hoch“, um die pauschale AusschĂŒttung der segensreichen 100 € ĂŒber den situierten Mittelstand zu begrĂŒnden. Es wird gesagt, EinzelfallprĂŒfungen wĂŒrden einen zu hohen Verwaltungsaufwand generieren. Im Ernst, meinen Sie das? Bei alleinerziehenden EmpfĂ€ngern von Leistungen zur Grundsicherung werden Sie demnĂ€chst im Einzelfall prĂŒfen, wie viele Tage das Kind bei dem anderen Elternteil verbracht hat und das akribisch gegenrechnen. Aber bei der AusschĂŒttung von 100 € ist das nicht möglich?

Wenn das so ist, beschreibt Ihre Sozialpolitik mehr als 1.000 Worte. Das können Sie den alleinerziehenden Eltern an dieser Stelle gleich einmal krÀftig erklÀren. Das ist einfach unmöglich.

(Beifall PIRATEN, Barbara Ostmeier [CDU] und Katja Rathje-Hoffmann [CDU])

Das ist das, was Sie unter StĂ€rkung der Familien verstehen. Das ist keine Antwort darauf, dass auch Familien mit Kindern Ü 3 eine Förderung brauchen; und keine Antwort darauf, dass die sozial SchwĂ€chsten wieder einmal am wenigsten profitieren; keine Antwort darauf, wie die Strukturen nachhaltig gestĂ€rkt werden sollen.

(Zuruf Anke Erdmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Nein, liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist kein Gesetzentwurf zur StÀrkung der Familien. Das ist

(Wolfgang Dudda)

ein verzweifelter Versuch - wir haben es ja gehört: die Sozialdemokraten reagieren - zur StĂ€rkung der Sozialdemokratie in diesem Land. Das ist im besten Fall die Förderung der Mitte, aber leider unlauter, wirklich fragwĂŒrdig und unter falschem Namen.

(Beifall PIRATEN und vereinzelt CDU)

Darum lehnen wir diesen Part im Gesetz auch zweifellos ab. Das ist schade, denn genau wie alle anderen Kollegen hier im Haus kann ich nur sagen, dass das, was mit der Kita-Datenbank gelungen ist, wirklich lobenswert ist. Das ist notwendig und auch toll gelöst, wie ich finde. Da gibt es ĂŒberhaupt keinen Kritikpunkt.

Aber das Kita-Geld als sozialdemokratisches Wahlgeschenk kurz vor der Wahl, ohne echten Nutzen fĂŒr die Familien, die das bitter nötig haben, das ist ein Rohrkrepierer. Ich frage mich, wie der politisch so elastische Sigmar Gabriel an der Stelle mit der SPD umgehen wird. - Vielen Dank fĂŒr Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall PIRATEN und vereinzelt CDU - Zu- ruf Dr. Ralf Stegner [SPD])

FĂŒr die Abgeordneten des SSW spricht jetzt Herr Abgeordneter Flemming Meyer.