Protocol of the Session on December 19, 2019

(Karl Schultheis [SPD]: Das ist aber ziemlich viel Papier, das Sie da mit nach vorne neh- men!)

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Deutschland hat im internationalen Vergleich aktuell ein ernsthaftes Wachstumsproblem. Daher ist es bedenklich, wenn die Bundesregierung nicht an einer Entfesselung von Wirtschaft und Mittelstand arbeitet, sondern die derzeit wichtigste Handlung ein massiver Bürokratieaufbau durch eine neue Kassenbonpflicht für Bagatellbeträge ist.

Nach der minutengenauen Arbeitszeiterfassungspflicht für Minijobber fällt der Bundesregierung nichts anderes ein als die Produktion von Müllbergen durch Kassenzettel, die fast niemand will und braucht. In Zeiten der Digitalisierung ist dieser neue Zwang zur Zettelwirtschaft ein ökonomischer und ökologischer Wahnsinn.

Bisherigen Erfahrungen zufolge landen weit über 90 % der Kassenbon-Kamelle direkt als Konfetti im nächsten Mülleimer – wenn nicht gar auf der Straße. Expertenschätzungen gehen deutschlandweit von rund 5 Milliarden zusätzlichen Kassenbons aus, die aneinandergeklebt je nach Berechnungsmethode das 25- bis 50-Fache des Erdumfangs ergeben.

Man fragt sich, welchen Vertrag die Kassenbonfans eigentlich mit dem Verhüllungskünstler Christo haben. Das wäre doch ein tolles nächstes Projekt für ihn.

(Beifall von der FDP)

Ein Großteil der Kassenbons ist heute aber leider aus Thermopapier, das belastendes Biphenol enthält. Dessen massenhafter zusätzlicher Einsatz ist Ihr Beitrag zum betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Als einer der größten Fans und Urheber dieses Unsinns outet sich gerade auch der uns altbekannte, bei der SPD neu gewählte und selbst ernannte Robin Hood, Norbert Walter-Borjans. Hier betreibt er allerdings nicht die behauptete Sache des kleinen Mannes, sondern die Politik des großen Misstrauens gegenüber Mittelstand und Verbrauchern, die nicht Anhänger seiner Position des Bargeldverbots sind.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Kassenbonfans arbeiten hier einmal mehr mit dem Generalverdacht. Bei ihnen wird jeder Pommesbudenbesitzer kriminalisiert. Dabei hat im Rechtsstaat jeder Mensch die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils verdient.

In unserem Land sind mindestens 10.000 Kleinbetriebe von dem neuen Bürokratiemonster betroffen. Viele wehren sich seit Wochen gegen den bevorstehenden Wahnsinn. Neue Ausdruckpflichten sind vor allem keine schöne Bescherung für den stationären Handel, der sich mit Onlinegiganten im Existenzkampf befindet.

Für die FDP-Landtagsfaktion gilt daher:

(Nadja Lüders [SPD]: Alle Gesetze abge- schafft!)

Richtig sind manipulationssichere Kassen, die eine Datenlöschung nicht zulassen und daher eine korrekte Steuerzahlung sicherstellen.

Das ist unser Ziel. Dazu bedarf es aber nicht gleichzeitig der Einführung einer Zettelwirtschaft, die noch nie zuvor so großvolumig war.

(Beifall von der FDP und Matthias Goeken [CDU])

Zwei ganz konkrete Maßnahmen würden das aktuelle Problem lösen. Dafür gibt es ja auch Vorbilder in europäischen Nachbarländern.

Erstens: Änderung der Abgabenordnung. Bei Kassengeschäften können Betriebe dann auf eine Ausdruckpflicht für Kassenbons verzichten, wenn die korrekte Besteuerung durch Einsatz technischer Sicherheitseinrichtungen nicht beeinträchtigt wird, beispielsweise durch eine lückenlose und nicht abänderbare Protokollierung im Kassensystem.

Zweitens: Einführung einer Bagatellgrenze. Bei Massengeschäften mit einer Vielzahl von nicht bekannten Kunden entfällt die Kassenbonpflicht bis zu einer Transaktionshöhe von beispielsweise 10 Euro. Verbraucher, die einen Kassenbon wünschen, bekommen diesen selbstverständlich auch weiterhin. Damit wäre allen Beteiligten geholfen.

In dieser besinnlichen Zeit ist es richtig, sich einmal Fehlern bewusst zu werden und auch eigene Fehler zu korrigieren.

(Michael Hübner [SPD]: Tun Sie sich keinen Zwang an! – Weitere Zurufe von der SPD)

Unser Appell an die Kassenbonfans lautet daher: Zeigen Sie Einsicht.

(Stefan Zimkeit [SPD]: Fangen Sie doch ein- mal an!)

Herr Zimkeit, tun Sie Buße.

(Zuruf von Stefan Zimkeit [SPD] – Weitere Zu- rufe von der SPD)

Herr Zimkeit, kehren Sie um,

(Vereinzelt Beifall von der FDP und der CDU – Zurufe von der SPD)

und unterstützen Sie unsere Initiative gegen ausufernde Bürokratie und sinnfreie Ressourcenvergeudung.

(Vereinzelt Beifall von der FDP und der CDU)

Geben Sie sich jetzt einen Ruck.

Ich wünsche Ihnen in Ermangelung anderer Gelegenheiten bereits an dieser Stelle schöne Feiertage und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von der FDP und der CDU – Zurufe)

Vielen Dank, Herr Kollege Witzel. – Für die SPD-Fraktion hat Herr Kollege Hübner das Wort.

(Zuruf von Nadja Lüders [SPD])

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich muss ein bisschen grinsen. In der Woche des Aufwuchses der Bürokratie durch die Verabschiedung der Straßenausbaubeiträge

(Zurufe von der CDU: Ah!)

finde ich das, was Sie hier geliefert haben, ehrlich gesagt, nicht ganz zielgerichtet.

(Beifall von der SPD)

Meine Damen und Herren, worum geht es hier? Es geht in der Woche der Fairness, die wir als SPD

Landtagsfraktion ausgerufen haben, auch um Fairness und Wettbewerbsgleichheit.

(Zuruf von der CDU: Davon haben aber nicht alle etwas gemerkt!)

Es geht um Fairness und Wettbewerbsgleichheit für die ehrlichen Handwerker, für die ehrlichen Menschen, die Leistung bringen, in den Betrieben stehen

(Ralf Witzel [FDP]: So ist es!)

und nicht betrogen werden wollen und auch nicht von anderen Menschen übervorteilt werden sollen.

Der Umsatzsteuerbetrug, der in diesem Bereich momentan in Fachkreisen diskutiert wird, liegt bei sage und schreibe 10 Milliarden Euro pro Jahr, meine Damen und Herren.

(Josef Hovenjürgen [CDU]: Also doch ein Ge- neralverdacht!)

Wieso ist das ein Generalverdacht?

(Zuruf von Ralf Witzel [FDP])

Wenn das kein Grund ist, dort zu handeln, dann weiß ich nicht, was es für Gründe gibt.

(Zurufe)

Denn es geht darum, dass die Steuerbelastung für alle gleich ist: für den Handwerker wie für den Konsumenten, für den FDP-Abgeordneten wie für den sozialdemokratischen Abgeordneten. Das ist ein hohes Gut in unserer Steuergesetzgebung.