Protocol of the Session on January 17, 2018

Vor gut 150 Jahren verbreiteten sich innerhalb weniger Jahrzehnte die Sankt-Martins-Vereine flächendeckend in der Region. Eines trägt alle Martinsvereine: Sie gehen mit einem bemerkenswerten Engagement an die Sache heran. Dies zeigt sich auch heute Abend wieder, denn die Initiatoren und auch einige Mitglieder von Martinsvereinen sind selbst um diese Uhrzeit noch gekommen, um der Debatte heute von der Tribüne aus live im Landtag zu folgen.

(Beifall von der CDU – Vereinzelt Beifall von der FDP und der AfD)

Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich spreche heute zu Ihnen als Vertreter der CDUFraktion, aber ich spreche auch als St. Martin, der seit über 13 Jahren die Rolle des Ritters innehat und das Ganze auf die Straße bringt.

(Beifall von der CDU, der FDP und der AfD)

Auch mein eigener Sankt-Martins-Verein hat an der Gründungsversammlung in Brüggen teilgenommen, als 73 Vereine sich zusammengetan und die Initiative begleitet haben, die heute zu diesem Antrag geführt hat, der den Antrag zur Aufnahme in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes unterstützen soll.

Ich weiß, seitdem ich das Ganze mache, welche Arbeit die Organisation der Martinstradition für die beteiligten Vereine macht: das Spendensammeln im Vorfeld, die Organisation der Fackelausstellungen, die Absprachen mit den beteiligten Schulen und Kitas, mit Polizei, Rettungskräften und weiteren. Viele Menschen beteiligen sich an der Vorbereitung,

und es ist ein großartiges ehrenamtliches Engagement, mit dem diese Tradition aufrechterhalten wird.

Als NRW-Koalition unterstützen wir daher den Antrag der Martinsvereine, den Martinsbrauch in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufzunehmen.

Sehr geehrter Herr Präsident, mit Ihrer Erlaubnis zitiere ich den ehemaligen Staatskulturminister Bernd Neumann:

„Der Beitritt Deutschlands zu dem UNESCOÜbereinkommen drückt die besondere Wertschätzung für die immateriellen Kulturformen und Kulturschätze aus. Mit Blick auf zunehmende Globalisierungseinflüsse haben wir ein fundamentales Interesse daran, die über Generationen überlieferten und gepflegten Kenntnisse und Bräuche zu bewahren, die einen bedeutenden Teil unserer kulturellen Vielfalt und Identität ausmachen.“

Dies alles trifft auch und vor allem auf den Martinsbrauch zu. Ich freue mich, dass wir diesen interfraktionellen Antrag heute hier im Plenum beschließen werden. Es ist eine Anerkennung der vielen Ehrenamtler, die sich für diesen Brauch engagieren.

Ich würde mich freuen, wenn die Kommission unserem heutigen Beschluss folgen würde und die rheinische Martinstradition zum immateriellen Weltkulturerbe erhoben wird. – Ich danke Ihnen.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Vielen Dank, Kollege Schmitz. – Für die SPD hat nun Herr Abgeordneter Bialas das Wort.

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Worum geht es? – Es geht um einen Martin, es geht um einen Heiligen Martin. Und es geht um einen Mantel, um einen – hier ist die Geschichte mitunter different – möglicherweise roten Mantel. Es geht um ein Teilen, ein hälftiges Teilen, ein gerechtes Teilen, ein Teilen, das dazu führt, dass dem Geholfenen auch wirklich geholfen ist.

Diese im Kern barmherzige Haltung und soziale Handlung wird seit langer Zeit Jahr für Jahr gefeiert, unter anderem als Umzug und – das ist besonders bemerkenswert – mit vielen Kindern. Wie könnten wir Sozialdemokraten dagegen sein, dass diese Form kultureller und politischer Bildung eine entsprechende Aufmerksamkeit und Wertschätzung als immaterielles Kulturgut erhält?

Mit dieser Anerkennung würden auch die vielen ehrenamtlichen Helfer, die Ausrichter der Umzüge anerkannt und wertgeschätzt. Vielen Dank für die jährlich immer wieder neue Mühe und Arbeit für die

Durchführung dieser Umzüge. Ganz herzlichen Dank!

(Beifall von der SPD, der CDU, der FDP und den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der AfD)

Lassen Sie mich aber noch ein, zwei Gedanken dazu äußern. Die Beschäftigung mit Fragen und Antworten, wie wir einander helfen, wie wir einander auch im Herzen zugetan sind, wie wir nicht nach Trennendem, Spaltendem und Invasivem suchen, sondern Bedürftigkeit erkennen und Leid im besten Falle abstellen, ist zentral für unsere abendländische, christliche und soziale Tradition.

Hinwendung zum anderen, Barmherzigkeit ist nichts Lächerliches, die, die sich hinwenden, keine weltfremden Spinner, die Häme über sich ergehen lassen müssen – es sind die, die wir in der Figur des Sankt Martins Jahr für Jahr feiern, und zwar zu Recht. Und das ist gut so.

(Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Einige suchen die Antworten auf die aufgeworfenen Fragen einer gerechten Aufteilung von Mänteln und Geldern, von Wertsachen, von Reichtum. Sie suchen diese Aufteilung in Rechten und Gesetzen, einige im Marktgeschehen, einige in der Moral oder der ethischen Bindung, die meisten in verschieden stark gelagerten Anteilen aus all diesen Bereichen.

Die Frage nach der Handlungsweise von Sankt Martin und seine Motivation sind aktueller denn je, übrigens auch die Frage nach dem jeweiligen anderen, nach dem Bittsteller. Wem reichen wir denn heute die Hälfte unseres Mantels? Wen wollen wir wärmen. Wen lassen wir erfrieren? Unser Mantel ist ziemlich groß, und unser Mantel ist ziemlich warm, und er ist es selbst dann noch, wenn es einige gibt, die diesen Mantel nur noch als winzigen dünnen und dürren Lappen darstellen wollen, um den sich angeblich zu viele balgen.

Im Hinblick auf die Liste des immateriellen Kulturgutes können wir hier nichts entscheiden; das tun andere. „Aufnahme der Rheinischen Martinstradition in die Liste des immateriellen Kulturgutes der UNESCO unterstützen“, so lautet der Titel des Antrags. Das tun wir gern. Wir begleiten gern ideell gemeinsam mit den demokratischen Fraktionen in diesem Haus diesen Antrag. – Vielen Dank.

(Beifall von der SPD, der CDU, der FDP und den GRÜNEN)

Vielen Dank, Herr Bialas. – Für die FDP hat nun Herr Kollege Nückel das Wort.

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich

finde es gut, dass die Vorredner gerade deutlich gemacht haben, dass sie Praktiker der Martinsidee sind, aktiv bei den Aktivitäten. Auch ich habe manchen Pferderücken gestreichelt, manche Römerrüstung geknüpft und manchen Mantelklettverschluss mit einem Schwertstreich geteilt, aber ich gebe zu, nicht vielleicht in der originär rheinischen Martinstradition. Ich komme eher vom Flügel der westfälischen Ruhrgebiets-Sankt-Martins.

(Beifall von der FDP)

Und ich gebe zu: Vor 50 Jahren habe ich auch manche Laterne durch – ich nenne es mal so – zu enthusiastischen Gebrauch in Asche transformiert.

Trotzdem hat die Initiative natürlich meine Unterstützung. Bräuche, Rituale, Ausdrucksformen, aber auch Handwerkspraktiken – alles das kann man als immaterielles Kulturerbe identifizieren.

Der Begriff „Kulturerbe“ ist sicherlich vielen verständlich. Das immaterielle Kulturerbe ist bei den Bürgern manchmal schwieriger zu vermitteln, weil es natürlich nicht so richtig greifbar ist. Man kann es nicht an die Wand hängen, aber es ist irgendwie doch erlebbar. Immaterielle Kulturgüter dokumentieren Bräuche, Traditionen und das Verhalten und den Umgang mit der Welt.

Die „Rheinische Post“ schrieb – ich finde das sehr richtig –:

„Die Liste des immateriellen Kulturerbes ist kein historischer Reiseführer. Vielmehr beschreibt sie geradewegs uns und unsere Art zu leben.“

Auf der nationalen Liste findet man bereits einen bunten Reigen von allbekannten Dingen – Tanz, Theater, Brotkultur, Sternsingen –, was anderen Menschen wichtig ist und einem die Antwort auf die Frage gibt, was einem selbst lieb und teuer ist. Und vielen Kleinen wie Großen ist der Martinstag lieb und teuer. Deswegen streichen sie diesen Tag im Kalender auch groß an.

Doch landauf, landab haben es die Sankt-MartinsFeierlichkeiten natürlich im Schatten der vielfältigen Eventkultur immer schwerer. In seltenen Fällen fällt manchmal sogar der Name weg, was, wie ich finde, nicht in Ordnung ist. Während man dem Mainstream mit Halloween und anderen Untoten eher oft und leichter huldigt, entsteht manchmal ein ungleicher Eventkampf. Aber die Sankt-Martins-Idee – davon bin ich überzeugt – wird bestehen und auch noch viele Jahre weiter leben.

Mit der Idee, als immaterielles Kulturerbe anerkannt zu werden, erhoffen wir eine Stärkung der langen Tradition. Wenn Bräuche und Traditionen unser Verhalten und den Umgang mit der Welt nach außen tragen, dann ist dies allein schon ein erstrebenswerter Grund, die Martinsidee von Teilen und Nächstenliebe so auch zu betonen. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP, der CDU, der SPD und den GRÜNEN)

Vielen Dank, Kollege Nückel. – Für die Grünen hat der Kollege Keymis das Wort.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als gebürtiger Düsseldorfer Jung‘ bin ich natürlich diesem Brauch sehr nahe. Mein zweiter Vorname ist Martin.

(Heiterkeit)

Aber das hilft letztlich nicht. Ich kann nicht mitreden beim Mitreiten und bin daher froh, dass Kollege Schmitz sozusagen als Leibhaftiger hier am Pult stand.

(Beifall von den Grünen – Heiterkeit von der CDU)

Für mich jedenfalls stimmt der schöne Satz unseres rheinischen Philosophen und Kabarettisten: „Meine Heimat ist meine Kindheit.“ – Heimaterfahrung, Bräuche und Tradition erfahren Kinder von frühester Jugend an. Wenn solche Bräuche besonders konsequent gepflegt werden, dann bleibt einem das in Erinnerung. Und womöglich – so geht es mir – geht man auch heute noch gucken, wenn es stattfindet, weil man das Gefühl hat, man gehört irgendwie immer noch dazu.

Dass also die im vorigen Jahr 150 Jahre alt gewordene rheinische Martinstradition zu unserem kulturellen Erbe im Rheinland zählt, ist ebenso unbestreitbar wie – ich bin froh, dass es schon angeklungen ist – die Tatsache, dass die schöne alte Geschichte von der Mantelteilung, also davon, dass, wer hat, aus freien Stücken auch denen gibt, die weniger haben, sich natürlich auch in anderen Landesteilen, in Westfalen, in Ostwestfalen und auch möglicherweise in Lippe, finden lässt. Ich bin froh, dass es in anderen Ländern unserer Republik gefeiert wird, und wir wissen, dass auch innerhalb Europas dieser Brauch seine Bedeutung hat, 1621 Jahre nach der Grablegung des Bischofs von Tours. Das ist, glaube ich, schon eine kleine Rede wert.

Kurz zur Geschichte des Antrags: Es war am 15. Oktober 2017, da reichten René Bongartz aus Brüggen und Jeyaratnam Caniceus aus Kempen den Antrag ein, die rheinische Martinstradition als immaterielles Kulturerbe anzuerkennen. Das haben sie getan, wie es sich gehört, beim zuständigen Referat Koordination Kultur und Recht des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Ich möchte – ich darf das hoffentlich im Namen aller hier im Haus tun – den beiden Initiatoren sehr, sehr herzlich für diese ausdrückliche Initiative danken.

(Allgemeiner Beifall)

Wenn ich es richtig sehe, sind sie auch anwesend. Schön, dass Sie das betrieben haben, und danke für diese Initiative, die wir hier alle gemeinsam – davon gehe ich aus – unterstützen werden.

Wir haben mit diesem Brauch sozusagen eine lange Tradition, die wir alle gemeinsam pflegen. Wir Grüne begrüßen ausdrücklich, dass es nun zu einem gemeinsamen Antrag gekommen ist. Das hatte ja einen kleinen Vorlauf, den wir jetzt nicht im Einzelnen wieder aufreißen wollen, denn wir wollen es nicht politisieren, sondern gemeinsam beschließen.

Tradition, Heimat, Identität: In einer globalisiert agierenden Welt wollen die Menschen sich zu Recht heimisch fühlen – da, wo sie leben. Und so erinnere ich auch sehr gerne an die klaren Aussagen muslimischer Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Düsseldorf, die sich laut „Rheinischer Post“ vom 13. Oktober 2015 klar und bekennend zu Sankt Martin geäußert und bekannt haben. Dort hieß es – ich zitiere das gerne noch einmal –: