Protocol of the Session on November 12, 2020

Wir rufen auf:

3 Vorteile für Umwelt, Klimaanpassung und

Wirtschaft nutzen – Akzeptanz für neue Pflanzenzüchtungsmethoden stärken und Technologieoffenheit sicherstellen

Antrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der FDP Drucksache 17/11658

Dieses Thema wird diskutiert, und zwar zunächst mit einem Beitrag der CDU-Fraktion, den Frau Dr. Peill vorträgt. Bitte schön. Sie haben das Wort.

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Nur selten machen Forscher Entdeckungen, bei denen sehr schnell klar wird: Das hat einen Nobelpreis verdient.

Vor fünf Jahren ist das zwei Wissenschaftlerinnen mit der Entdeckung von CRISPR/Cas9 gelungen – einer hochpräzisen Genschere, die wahrscheinlich die Nutzpflanzenzüchtung revolutionieren wird.

Warum ist das heute gerade für uns und in Europa so wichtig?

(Zuruf)

Wir leben in einem beschleunigten Wandel. Das Klima verändert sich rapide. Unsere Kulturpflanzen haben in der Zukunft neue Herausforderungen: mehr Dürre, weniger Wasser, neue Schädlinge und höhere Temperaturen. Dabei sollen sie wahrscheinlich mindestens den gleichen Ertrag, wenn nicht mehr, liefern.

Wir spüren es an unseren Ernten: Unsere Nutzpflanzen sind noch nicht vorbereitet – noch nicht.

Es gibt Ziele des Umweltschutzes und des Pariser Klimaabkommens, die 50 % weniger Pflanzenschutzmittel bis 2030, weniger Mineraldüngung und mehr Biodiversität vorschreiben. Das ist uns auch wichtig.

Daher brauchen wir neue Lösungen. Wir brauchen sie schnell; denn der Wandel wartet nicht auf uns, sondern passiert einfach.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Hierfür haben wir in der Landwirtschaft unterschiedliche Hebel. Ich nenne einmal drei: Smart Farming, Humusaufbau und Züchtung angepasster Sorten. An den ersten beiden Themen arbeiten wir schon; das dritte serviert uns gerade die Genschere auf einem grünen Tablett.

Für die Pflanzen heißt das: Resistenzen gegen Pilzkrankheiten bedeuten weniger Pflanzenschutzmittel. Besserer Umgang mit Trockenheit bedeutet weniger Wasser.

(Zuruf von Dr. Christian Blex [AfD])

Bessere Aufnahme von Nährstoffen bedeutet weniger Dünger und damit weniger Allergien. – All das könnte die Genschere möglich machen.

Bitte lassen Sie mich die Pflanzenzüchtungsmethoden im Kontext einordnen.

Als Erstes gibt es die klassische Züchtung und dazu noch die Mutagenesen. Diese Verfahren werden als natürlich eingestuft. Es dauert ungefähr 10 bis 15

Jahre, bis die Sorten marktreif sind. Haben wir diese Zeit noch? Ich sage: Nein.

Es gibt die klassische GVO, bei der fremde DNA in das Genom eingebracht wird und dort immer erkennbar bleibt. Wir alle kennen gentechnisch veränderte Sojabohnen. Das geht methodisch zwar viel schneller. Aber wir sind uns einig: Das wollen wir nicht.

Nun gibt es etwas Neues, nämlich eine Kombination der Vorteile der beiden vorgenannten Methoden, schneller und als natürlich einstufbar: die Genschere CRISPR/Cas9. Um diese geht es in unserem Antrag.

CRISPR/Cas9 ermöglicht es, Genabschnitte punktgenau zu entfernen, also umzuschreiben, quasi zu editieren, ohne artfremde DNA einzufügen. Man spricht da von Genome Editing/BTX-Korrektur. Die Zelle schließt die Schnittstelle automatisch, das Cas9 baut sich ab. Nichts anderes passiert bei natürlichen Mutationen, wie sie sich zufällig immer wieder und in großer Zahl ereignen. Das alles passiert – ich sage das noch einmal, weil das für mich sehr wichtig ist –, ohne dass fremde Erbinformationen in die Zelle eingeschleust werden.

CRISPR/Cas9 ist damit Züchtung mit den Methoden der Natur im Zeitraffer. Ich nenne ein konkretes Beispiel: Das PILTON-Projekt ist ein Gemeinschaftsprojekt von 60 deutschen Züchtern. Es handelt sich um einen Weizen, der in seiner ursprünglichen Pflanzengenetik natürliche Abwehrmechanismen hat. Es gibt in der Pflanze aber auch ein eigenes Regulator-Gen, welches diesen Schutz abschaltet. Die Genschere könnte dieses Gen herausschneiden und damit die natürliche Pflanzenabwehr des Weizens wieder hervorrufen. Das bedeutet für den Anbau des PILTONWeizens 50 % weniger Pflanzenschutzmittel.

CRISPR hat also das Potenzial, einen wichtigen Beitrag für die nachhaltige, leistungsfähige und klimaangepasste Erzeugung von Lebensmitteln zu leisten – mit einer schnelleren Züchtung und mit Sorten mittelständischer Züchter made in Germany.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Wir wollen und wir müssen dieser Züchtungsmethode eine Chance geben. Deshalb fordern wir die EU auf, diese neue Züchtungsmethode in der Pflanzenzucht neu zu bewerten.

Beruhend auf einer fast 20 Jahre alten Verordnung wird sie pauschal als Gentechnik eingestuft und ist damit verboten. Aber in den USA, China, Australien usw. wird sie bereits eingesetzt. Europa verliert gerade den Anschluss.

Es handelt sich allerdings um eine Technologie, die mit ganz großem Verantwortungsbewusstsein eingesetzt werden muss. Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen, bedeutet aber auch, wissenschaftliche Erkenntnisse nach sorgfältigen Kosten-, Nutzen- und Risikoabwägungen und in klaren Grenzen zu nutzen.

Denn eines ist klar: Um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, müssen wir Nachhaltigkeit und Innovationen zusammendenken. Insofern ist dieser Antrag eine Plattform, um eine technologieoffene Debatte zu starten.

(Zuruf von Dr. Christian Blex [AfD])

Mein persönlicher Wunsch wäre, dass Brüssel nach einer Neubewertung schreiben würde: CRISPR/Cas ist ein kleiner Schritt für die Evolution, aber ein großer Schritt in Richtung Zukunft. – Danke.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Danke schön, Frau Dr. Peill. – Nun spricht für die FDP-Fraktion Herr Diekhoff.

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Pflanzenzüchtungen sind die weltweite Grundlage von Ernährung und damit unserer Zivilisation. Modernes Leben, so wie wir es kennen, bei dem sich nicht jeder Bürger selbst darum kümmern muss, was er am nächsten Tag zu essen hat, ist nur möglich, weil Menschen seit Jahrtausenden aus Wildpflanzen moderne, starke und ertragreiche Nutzpflanzen züchten.

Keine, wirklich keine unserer heute gängigen Obst- und Gemüsesorten wäre ohne diese Züchtungsverfahren so, wie sie jetzt ist. Nichts davon läge auf unserem Teller. Dies geschah erst durch Zufall, später auch bewusst. Noch später wurde es von Gregor Mendel wissenschaftlich untersucht und auch bewiesen. Leider war er seiner Zeit etwas voraus. So wurde ihm das Staatsexamen verweigert, weil er an seinen Thesen festhielt. Später wurde sein Nachlass leider verbrannt; er fehlt uns heute.

Diese Dämonisierung des Neuen, des Unbekanntes ist leider kein historisches Phänomen. Vielmehr begegnen wir ihm auch noch heute, insbesondere in der Debatte um moderne Methoden in der Pflanzenzucht.

Dabei hat diese Zucht von Nutzpflanzen für uns gerade angesichts des Klimawandels eine große Bedeutung. Denn der weltweite Klimawandel und die wasserarmen Regionen stellen die Nahrungsmittelproduktion vor große Herausforderungen. Auf diese sollten und müssen wir Antworten geben. Dazu müssen wir auch einen Blick auf moderne Züchtungsmethoden werfen.

Nicht umsonst haben die beiden Wissenschaftlerinnen im letzten Monat für ihre Arbeit an der CRISPR/Cas-Methode, also an der Genschere, den Nobelpreis bekommen. Die Verleihung des Nobelpreises zeigt, wie wichtig und wie historisch diese Erfindung und die damit verbundenen Möglichkeiten

sind. Wir als Wissensnation sollten es uns nicht leisten, diese Innovation nicht anzuwenden.

(Beifall von Josef Hovenjürgen [CDU])

Wir als NRW-Koalition sehen nämlich ein großes Potenzial im Einsatz von modernen und innovativen Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas. Denn es können in kürzester Zeit Pflanzen gezüchtet werden, die resistent gegen Schädlinge sind, die mit weniger Wasser auskommen und trotzdem höhere Erträge liefern, und zwar nicht per Trial and Error, sondern präzise und gezielt. Das ist der Vorteil dieser Methode.

Die als Genome Editing bezeichnete Technik ermöglicht es, das Genom schnell und zielgerichtet zu verändern. Züchtungserfolge hängen damit nicht mehr vom Zufall ab, wie das bislang oft der Fall war, sondern es ist sehr punktuell, und man kann gezielt eine Mutation auslösen.

Diese Mutationsauslösung ist ja das, was auch in der Natur vorkommt. Wir sehen immer wieder Mutationen von Pflanzen; dadurch kommt es zu Veränderungen. Das macht man auch in der Züchtung: Man löst Mutationen aus. Aktuell geschieht dies in der Züchtung über radioaktive Bestrahlung oder Chemikalien, die die Genstränge an bestimmten Punkten zerstören und dadurch diese Mutation auslösen sollen.

Aber wenn wir ehrlich sind, gehören Mutationen aufgrund von Radioaktivität und Chemie eher ins 20. Jahrhundert. Wir wollen aber ins 21. Jahrhundert.

(Beifall von der FDP und der CDU – Zuruf von Dr. Christian Blex [AfD])

CRISPR/Cas ist eine moderne und sinnvolle Alternative. Diese Form der Züchtung ist eben auch keine klassische Gentechnik. Deswegen darf sie mit diesem Argument nicht verboten werden. Es werden nämlich keine fremden DNA in diese Pflanze eingebaut, sondern es wird gezielt eine Mutation hervorgerufen, so wie wir es bei allen anderen Züchtungen auch machen. Wir schaffen also keine Genmonster. Vielmehr ist es eine ganz normale Züchtung – allerdings präzise. Und das ist anzuerkennen.

Deswegen dürfen wir in Deutschland und in Europa und nicht auf diese Innovation verzichten. Die Chancen sind einfach zu riesig. Vielleicht können wir am Ende mehr Ertrag auf weniger Anbaufläche erzielen. Dann stehen mehr Flächen für den Umweltschutz, den Naturschutz und den Klimaausgleich zur Verfügung. Diese Methode senkt auch die Anbaukosten in der Landwirtschaft. Deswegen müssen wir diese Technologie verfolgen und dürfen es nicht zulassen, dass unsere heimischen Landwirte nicht davon profitieren. Weltweit wird diese Technologie nämlich bereits genutzt. Aber wir sind mit unserer Gesetzgebung noch auf dem Stand von vor 30 Jahren.

Deswegen fordern wir als NRW-Koalition und als Freie Demokraten dazu auf, diese Innovation technologieoffen zu sehen. Wir wollen, dass sich die EU da anpasst. Wir wollen eine neue breite gesellschaftliche Debatte über diese Verfahren, weil sie eben keine klassische Gentechnik sind. Viel zu oft wird das noch in einen Topf geworfen. Das wollen wir nicht.

Insofern bitte ich Sie, unsere Initiative für Umwelt, Natur und Ernährungssicherheit, für die Zukunft unserer Landwirte und für unser aller Zukunft zu unterstützen. – Vielen Dank.