Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Jüngst besuchte ich einen Elternabend an einer weiterführenden Schule. Als die Sprache auf die mangelnden Rechtschreibkenntnisse der Schülerinnen und Schüler kam, brach ein Tumult unter der Elternschaft aus. Es wurde heiß debattiert über die Methoden der Rechtschreiberziehung an den Grundschulen und darüber, wie man denn die fatalen Auswirkungen an den weiterführenden Schulen noch auffangen könne.
Das ist kein Einzelfall. Egal, ob man weiterführende Schulen besucht, an Elternabenden teilnimmt, mit Eltern oder Lehrern, Vertretern der IHK oder der Handwerkskammern spricht, überall wird geklagt, dass die Rechtschreibkenntnisse der Schülerinnen und Schüler erschreckend schwach seien. Schriftbilder an weiterführenden Schulen haben geradezu Züge von Analphabetismus und Rechtschreibanarchismus. Kinder und später Jugendliche schreiben nach Gehör und nach Einprägung. Rechtschreibregeln werden ignoriert.
Als Mutter, aber auch als Lehrerin muss ich diese Beobachtungen leider bekräftigen. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diesen Trend explizit in NRW.
Solche Schwierigkeiten gehen nach Aussagen der Wissenschaftler hauptsächlich auf eine Lehrmethode des Reformpädagogen Jürgen Reichen zurück. So sagt Wolfgang Steinig, Professor für Germanistik an der Uni Siegen – ich zitiere mit Erlaubnis des Präsidenten –: In den zwölf bislang durchgeführten empirischen Studien und Modellversuchen, in denen „Lesen durch Schreiben“ mit systematisch aufgebauten Lese-Schreib-Kursen auf der Basis von Fibeln verglichen wurde, zeigte sich, dass die Rechtschreibung während der gesamten Grundschulzeit mit nur wenigen Ausnahmen schlechter war.
Wissenschaftler, Sprachforscher, Germanisten und Hirnforscher schlagen in der ganzen Bundesrepublik Alarm. Sie kritisieren die Annahme, dass sich Kinder eine Schriftsprache selbst erarbeiten können. Da Lehrer und Eltern Fehler nicht korrigieren sollen, prägen Kinder sich Fehler ein, sobald diese Methoden länger als drei, vier Monate angewandt werden. Das ist leider oft der Fall.
Das Schlimme ist: Die Methode benachteiligt im Ergebnis die Kinder aus bildungsfernen Schichten, vor allem auch die mit Migrationshintergrund, die häufig ohnehin schlechtere Sprachkenntnisse haben.
Denn bei Kindern aus gutverdienenden oder bildungsnahen Familien können die mangelnden Rechtschreibkenntnisse durch die Eltern oder durch Nachhilfeunterricht behoben werden. Die Opfer sind also genau die Menschen, die wir fördern wollen und die der Landesregierung auch am Herzen liegen sollten.
Ich zitiere wiederum Prof. Steinig: Während es 1972 noch kaum Unterschiede zwischen Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten und mit unterschiedlichen Empfehlungen für die weiterführenden Schulen gab, sind 30 Jahre später diese Unterschiede deutlich hervorgetreten. Damit werden also genau die noch einmal benachteiligt, die ohnehin schon schlechter gestellt sind.
Daher kann ich nur dringend an die Landesregierung appellieren: Setzen Sie die Methode zunächst aus, und zwar jetzt zu Beginn des Schuljahres, damit nicht noch mehr Schaden angerichtet wird! Veranlassen Sie eine Erhebung, an welchen Schulen und wie lange die Methoden angewandt werden! Es kann doch nicht sein, dass wir hierzu überhaupt nichts wissen. Schließlich: Nehmen Sie eine repräsentative Prüfung vor!
Es geht an dieser Stelle in keiner Weise um Lehrerschelte. Das möchte ich hier als Pädagogin ausdrücklich betonen.
Wenn aber Methoden heftig umstritten sind, dann muss man sie auf möglichen Nutzen, aber eben auch auf möglichen Schaden hin prüfen. Das sind wir unseren Kindern schuldig. – Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn man sich die Veröffentlichungen, die zum Thema „Lesen und Schreiben“ im „SPIEGEL“ erschienen sind, und wenn man sich auch das, was im „Kölner StadtAnzeiger“ erschienen ist und was insgesamt in der Republik zurzeit veröffentlicht wird, ansieht, kann es natürlich sein, dass man sich wirklich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzt, vor allen Dingen wenn man gleichzeitig die leo.-Studie im Auge hat, die noch einmal deutlich gemacht hat, dass Prävention gegen Analphabetismus schon in der Grundschule und im Kindergarten beginnen muss.
Wir haben ja gestern über die Sprachstandsfeststellung gesprochen. Wir sind in diesem Bereich mittlerweile hochgradig sensibilisiert. Wir wissen, dass wir im Bereich der Sprache genau hinschauen müssen.
Aber der Antrag, den Sie, Frau Schmitz, vorgelegt haben, setzt sich mit diesem Thema wahrlich nicht seriös auseinander. Der Forderungskatalog ist schlicht und einfach eine Katastrophe. Wenn ich das, was Sie in Forderungen aufgenommen haben, sofort umsetzen würde, würde ich das Chaos an den Grundschulen auslösen.
Ich weiß gar nicht, was Sie sich vorstellen. „Lesen durch Schreiben“ ist eine Methode unter vielen. Die Grundschulen wenden ja nicht eine Methode an, sondern sie haben eine Methodenvielfalt. Wenn Sie jetzt sagen würden, diese Methode können sie ab morgen nicht mehr einsetzen, dann wüssten die Lehrer überhaupt nicht, wie sie ohne diese Methode arbeiten sollen, die übrigens ein Teil des individuellen Förderns ist, weil nämlich der Werkstattunterricht die Voraussetzung für individuelles Fördern ist. Diese haben Sie in das Gesetz von 2006 hineingeschrieben.
Wir sind mit Ihnen völlig d’accord: Wir müssen Kinder individuell fördern. – Aber dann müssen wir auch die Voraussetzungen dafür schaffen. Dazu muss der Unterricht entsprechend offen sein.
Nun noch einmal ein bisschen in die Geschichte: „Lesen durch Schreiben“, „Schreiben durch Lesen“ gibt es seit 1995. Das ist von Reichen, einem Schweizer, entwickelt und damals von Sommer
Sie wird an fast allen Grundschulen mehr oder weniger eingesetzt. Wenn Sie jetzt flächendeckende Untersuchungen fordern, frage ich mich, ob Sie eigentlich mitbekommen haben, dass wir im dritten Schuljahr Untersuchungen haben, in denen die Leistungen von Schülerinnen und Schülern überprüft werden, nämlich die Lernstandserhebungen. In dem Punkt, dass es in Einzelfällen gerade bei diesen Lernstandserhebungen möglicherweise erforderlich ist, auch die Professionalisierung des Umgangs mit den Ergebnissen in den Schulen unter Umständen zu verbessern, kann ich Ihnen ja zustimmen. Aber dass wir nichts haben und deshalb eine flächendeckende Untersuchung machen müssen, stimmt einfach nicht.
Es gab bereits 2005 und 2007 die Marburger Studie, die darauf hingewiesen hat, dass die Frage der Methode im Wesentlichen von der Person des Lehrers oder der Lehrerin abhängig ist, dass die Haltungen der Lehrerinnen und Lehrer entscheidend sind dafür, wie differenziert sie arbeiten, wie gut ihre diagnostischen Fähigkeiten sind, um dann tatsächlich da anzuknüpfen, wo Kinder Unterstützung brauchen.
Ich habe damals im Jahre 2008, weil mich das auch interessierte, eine Kleine Anfrage gestellt, Frau Schmitz, genauso wie Sie, als die Ergebnisse der Marburger Studie vorgelegt worden sind. Da mich die Antwort nicht befriedigt hat, habe ich angefangen, mich mit diesem Thema sehr intensiv zu beschäftigen. Deshalb kann ich Ihnen heute auch sagen, dass die Forderungen, die Sie aufstellen, schlicht und einfach Quatsch sind.
Es ist einfach so, dass es schlicht und einfach Quatsch ist. Wenn Sie vernünftige Forderungen aufstellen würden, dann könnten wir auch vernünftig über einen solchen Antrag diskutieren. Dazu gehört zum Beispiel, dass der Schriftspracherwerb in das Grundschulamt grundsätzlich als Pflichtveranstaltung mit hineingehören würde. Wenn man wie etwa in Hessen für die Lehrerinnen und Lehrer, die in den Anfangsunterricht hineingehen, über die GoetheUniversität Kurse anbietet, um noch einmal zu verdeutlichen, wie wichtig gerade der Schriftspracherwerb in der ersten Klasse ist, dann ist das sicherlich auch ein Weg, aber zu sagen, wir machen jetzt Tabula rasa ist einfach völliger Unsinn.
Lehrer und Lehrerinnen entscheiden mit ihrer pädagogischen Haltung über die Entwicklung von Kindern. Die Methodenvielfalt ist dazu eine Voraussetzung, dass sie auf die Individualität von Kindern eingehen können. Unterschiedliche Lernvoraussetzungen und Lernfähigkeiten der einzelnen Kinder sind der normale Alltag in der Schule. Schwache Schreiber und Leser brauchen dabei eine andere
Es geht auch um die Frage der Diagnostik. Es geht übrigens auch um den Kontakt zu den Elternhäusern, es geht darum, in welcher Weise die Schule bereit ist, im Kontakt mit Elternhäusern Rückmeldungen aufzunehmen. Am Ende geht es darum, dass wir auch über PISA und IGLU natürlich Rückmeldungen über die Leistungsfähigkeit unserer Schüler haben. Gerade IGLU gibt keine Hinweise darauf, dass wir schlechter geworden sind. Wir sind vielmehr besser geworden.
Wer eine Methode einsetzt, muss sich aber auch über die spezifischen Risiken im Klaren sein. Deshalb erscheint es angebracht, dass die Sprachdidaktik eine Pflichtveranstaltung für Lehrer und Lehrerinnen wird.
Meine lieben Kollegen von der FDP, wir werden diesen Antrag im Ausschuss diskutieren. Ich wünsche mir, dass dann ein bisschen mehr Fachkompetenz an den Tag gelegt wird. – Ich bedanke mich.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Zunächst möchte ich klarstellen, dass die von der FDP in den Blick genommene Methode nach Reichen „Lesen durch Schreiben“ ein alter Hut ist. Wir hörten das eben schon einmal. Hätte „DER SPIEGEL“ sie nicht zufällig im Sommerloch auf mehreren Seiten zerrissen, würden wir heute vermutlich nicht darüber debattieren.
Ich selbst habe in der Zeit vor dem Abgeordnetenmandat in der Grundschule unter anderem damit zahlreiche Erstklässler an das Schreiben und Lesen herangeführt. In der Grundschule herrscht Methodenvielfalt. Kaum jemand beschränkt sich allein auf die Reichen-Methode, sondern er wendet sie zusätzlich an. Sie ist nur eine von vielen sich ergänzenden Methoden neben der Einführung der Buchstaben, des Erarbeitens eines Grundwortschatzes mit ausgiebigen Übungen und Wiederholungen. Die Anlauttabelle – darauf basiert diese Methode – wird in der Regel im ersten Schuljahr genutzt, damit Kinder individuell Wörter aufschreiben können. Das ist himmelweit entfernt von der reinen Methode des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen, die ich persönlich, wenn man sie extrem nimmt, völlig ablehne.
Reichen vertrat die extreme Ansicht, dass Rechtschreibung gänzlich unwichtig sei. In seinen Augen braucht die Gesellschaft Denker und Visionäre. Die einfacheren Dinge, zu denen in seinen Augen die Richtigschreibung gehört, sollten Computer und Rechtschreibprogramme übernehmen.
An dieser Stelle zeigt sich, jeder Extremist ist – Entschuldigung – Mist. Das scheint in der Pädagogik ebenso zu gelten wie in der Politik.
Die Grundschulen in Nordrhein-Westfalen arbeiten ganz sicher nicht nach der reinen ReichenMethode, aber sie verwenden eben Elemente daraus. Die Lehrerinnen und Lehrer der Primarstufe passen die Methoden ihrer Lerngruppe an und versuchen, die Kinder individuell zu fördern. Genau so lautet ihr Auftrag. Das Grundproblem Rechtschreibleistung ist vorhanden. Der FDP-Antrag, den wir heute diskutieren, ist aber in der vorliegenden Form zu kurz gesprungen.
Es ist richtig, dass sich der Ausschuss für Schule und Weiterbildung mit den Kompetenzerwartungen in der Rechtschreibung und den Wegen und Methoden dorthin beschäftigen sollte. Wichtig bleibt dabei, dass die Lehrerinnen und Lehrer nicht bevormundet werden. Vertrauen Sie den Kompetenzen der Kollegen.
Die Politik sollte sich nicht in die Didaktik und Methodik einmischen. Es gibt andere Bereiche, in denen sich die Schulen Unterstützung wünschen: Vertretungslehrer, Klassenfahrten, Schulschließungen und die Inklusion, wohl wissend, dass die Liste noch deutlich länger ist.
Liebe FDP-Fraktion, Ihrem Antrag entnehme ich, dass Sie sich maßgeblich von dem „SPIEGEL“Artikel haben inspirieren lassen. Sicherlich sprechen Sie vielen Eltern aus der Seele.
Nur sollte es hierbei nicht um Effekthascherei gehen. Die Problematik der Rechtschreibleistungen hat auch außerschulische Gründe. Es gilt hier so ein bisschen das Prinzip, aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert, gepaart mit Halbwissen.