Protocol of the Session on March 22, 2013

Das ist ganz wichtig, ja. Ich bin für Leistung und dafür, dass Erfolge auf ehrlicher Leistung beruhen müssen.

(Beifall von Dr. Joachim Stamp [FDP])

Genau, Herr Dr. Stamp. – Frau Gebauer, zum Beispiel für den Wahlerfolg der FDP in Niedersachsen kann ich das leider nicht konstatieren. Das kann ich noch nicht mal für den Wahlerfolg der FDP hier in NRW konstatieren.

(Dr. Joachim Stamp [FDP]: Nur kein Neid!)

Ich bin auch – das will ich auch ganz deutlich sagen – gegen leistungsloses Einkommen von Europaabgeordneten sowie gegen leistungslose Doktortitel.

(Beifall von den GRÜNEN)

Jetzt will ich aber dem Kollegen Kaiser ausdrücklich eine Freude machen. Deswegen habe ich mir ein Zitat herausgesucht, das ich hier entsprechend vortragen möchte.

„Die Zahl der Sitzenbleiber ist viel zu hoch. Das ist eine Verschwendung von Potenzial. Gerade im Hinblick auf die demografische Entwicklung können wir uns das gesellschaftlich nicht mehr leisten, da wir diese jungen Leute dringend benötigen. Außerdem ist das Sitzenbleiben häufig eine pädagogisch kaum weiterführende Maßnahme. Es ist für mich nicht einsehbar, warum eine Schülerin oder ein Schüler, die beziehungsweise der vielleicht in ein, zwei Fächern nicht mehr ausreichende Leistungen erbringt, ein ganzes Schuljahr in allen Fächern wiederholen soll. Die Wiederholung einer Klasse hat auch nicht immer dazu geführt, dass ein Schüler nächstes Jahr tatsächlich bessere Leistungen erbringt. Ganz zu schweigen davon, dass man seine Klasse verlassen muss, dass man sich als Außenseiter fühlt und vieles mehr, was einen jungen Menschen psychisch belastet kann. Und noch etwas kommt dazu: Die Maßnahme ist finanziell sehr fragwürdig. Experten haben berechnet, dass jeder Sitzenbleiber den Staat rund 15.000 Euro kostet – an zusätzlichen Lehrerstellen sowie an ausbleibenden Steuerzahlungen.“

Ich weiß, dass der Kollege Kaiser weiß, wen ich zitiert habe: Barbara Sommer in der Zeitschrift der GEW, Ausgabe 3/4 im Jahr 2009. Wie erfrischend klar ist diese Aussage einer ehemaligen Ministerin einer schwarz-gelben Landesregierung!

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

In diesem Ansatz haben wir sie auch unterstützt, als die Initiative „Komm mit!“ mit den Lehrerverbänden ins Leben gerufen worden ist. Sie hat gewusst, wovon sie redet. Gerade als Grundschullehrerin wusste sie, wie es geht und dass es geht.

Allerdings hat die Ministerin bei der FDP offensichtlich keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das muss man auch konstatieren.

Liebe Kollegen und Kolleginnen von der FDP, ich kann mir vorstellen, wie es Ihnen beim Schreiben dieses Antrags gegangen ist: Ihnen sind die heiligen

liberalen Schauer über den Rücken gelaufen angesichts der rot-grünen Bildungspolitik, die Sie hier auszuhalten haben und die Ihnen offensichtlich Ängste bereitet.

(Dr. Joachim Stamp [FDP]: Mit Unterstützung der CDU!)

Ich habe mich aber auch gefragt, welche Vorstellungen vom Lernen Sie eigentlich haben und was bei Ihnen „nachhaltige Leistungsentwicklung“ heißt. Wir wissen aus der Neurobiologie doch ganz genau:

„Das Gehirn lernt immer. Dafür ist es geschaffen. Das kann es am besten und würde es am liebsten andauernd tun. Käme ihm die Angst nicht allzu oft in die Quere.“

Das sagt Manfred Spitzer. – Gerald Hüther führt aus:

„Kinder, die ihre ursprüngliche Lernlust schon verloren haben, kann man kurzfristig dazu bringen, sich bestimmtes Wissen anzueignen – durch Androhung von Strafe oder die Ankündigung einer Belohnung. Langfristig haben diese Dressurmethoden allerdings ungewollte Folgen, denn bestenfalls können wir unsere Kinder damit zu braven Pflichterfüllern machen. Inzwischen haben wir es aber noch weiter getrieben: Der Druck wird nicht nur von außen erzeugt, sondern wir erziehen unsere Kinder so, dass sie sich den Stress freiwillig selbst bereiten.“

(Beifall von den GRÜNEN und den PIRATEN)

Was bedeutet es eigentlich für Ihr Weltbild, dass es Schulen gibt, die Schülerinnen und Schüler viele Jahre zu Spitzenleistungen führen und dabei ohne Ziffernnoten auskommen? Das muss Sie doch total erschüttern.

Nehmen Sie doch mal wahr, welche Schulen für den Deutschen Schulpreis nicht nur nominiert werden, sondern mit diesem Preis auch ausgezeichnet werden! Wie zum Beispiel Reinhard Kahl im Jahr 2011 ausgeführt hat, steht in Erhebungen eine Schule mit Spitzenleistungen an der Spitze im Land Niedersachsen – vor allen anderen Gymnasien bis auf eines –, die genau diese Lernkultur entwickelt hat und berücksichtigt, dass Leistung Freude macht, dass sie nachhaltig verankert ist und dann wirklich über das Leben weiter mitgetragen wird.

Deswegen ist dieser Antrag – ich sage das mal ganz hart – bildungspolitischer Blödsinn, weil sich hier niemand von Leistung distanziert. Vielmehr geht es um Folgendes: Leistung muss Freude machen. Leistung muss angstfrei erbracht werden können. Diese Lernkultur wollen wir hier in Nordrhein-Westfalen stiften.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Überlegen Sie sich deswegen bitte, wie Sie in Ihren Ausführungen weiter damit umgehen; denn Sie tun

den Schulen, die so erfolgreich arbeiten, und den Schülerinnen und Schülern bitter unrecht.

Sie haben in diesem Antrag eine ideologische Überhöhung vorgenommen. Das Ganze fällt in die Schublade „Ideologie“. Diese Schublade haben Sie aufgemacht und gefüllt. Das führt nicht weiter. So werden Sie – die Kollegen haben es gesagt – ein negatives Alleinstellungsmerkmal beibehalten. Das ist für Ihre Arbeit auch nicht leistungsfördernd.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Danke schön, Frau Beer. – Nun spricht für die Piratenfraktion Frau Kollegin Pieper.

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Zuschauer! Liebe Frau Gebauer, nach den beiden Anträgen „Stärkungspakt für Gymnasien“ kommt nun die Warnung vor der leistungslosen Schule. Es droht der Untergang des Abendlandes. Das hat ein bisschen was von „Schule muss sich wieder lohnen“.

Was ist eigentlich Leistung? Rein physikalisch ist Leistung Energie pro Zeit.

Wir sind uns wohl alle einig: Alle Kinder wollen, wenn sie in das erste Schuljahr kommen, Leistung erbringen. Sie möchten lernen, sind ganz wild darauf. Der erste Schultag wird bei uns in Deutschland als Beginn eines neuen Lebensabschnitts gefeiert. Diesen Tag begehen alle sehr motiviert.

(Beifall von den PIRATEN, der SPD und den GRÜNEN)

Jedes Kind versucht, sein Bestes zu geben. Wenn das dann irgendwann während der Schulzeit verloren geht, liegt irgendwo ein Fehler im System.

Dieser Fehler wird aber nicht durch Ziffernnoten behoben. Ziffernnoten und Angst vor dem Sitzenbleiben sind Ausdruck von extrinsischer Motivation, also Motivation aus Angst vor dem Versagen.

Wir aber wollen intrinsische Motivation fördern und aufrechterhalten. Deshalb müssen wir die individuelle Förderung noch viel mehr ausbauen. Da stecken wir noch in den Kinderschuhen.

(Beifall von den PIRATEN, der SPD, den GRÜNEN und Klaus Kaiser [CDU])

Individuelle Förderung heißt: Jedes Kind und jeder Jugendliche hat seine eigenen Lernziele und Leistungsanforderungen. Es wird unter Umständen zieldifferent gearbeitet. Individuelle Förderpläne mit individuell zu erreichenden Kompetenzstufen für jeden Schüler werden an die Stelle von starren Curricula treten müssen, und zwar für alle Schüler.

Frau Gebauer, ich weiß, dass Ihnen besonders die leistungsstarken Schüler am Herzen liegen. Ich gebe Ihnen durchaus recht, dass diese häufig unter „ferner liefen“ bedacht werden. Schule orientiert sich immer noch zu sehr am Mittelmaß. Das kann und muss sich durch den Ausbau individueller Förderung ändern. Aber Ziffernnoten sind kein Mittel der Förderung, sondern – im schlimmsten Fall – ein Mittel der Ausgrenzung.

Auch und besonders für leistungsstarke Schüler sehe ich Chancen durch eine bessere individuelle Förderung. In einem zunehmend heterogenen und inklusiven Schulsystem werden Ziffernnoten keinen Platz haben können. Denn Noten sind darauf aus, die Leistungen einer Gruppe von Schülern miteinander zu vergleichen, sie dokumentieren nicht den individuellen Leistungsfortschritt, den ein Schüler erreicht hat. Schlimm fände ich es, wenn in zunehmend heterogenen Klassen diejenigen, die eher eine praktische Begabung haben, immer die FünferKandidaten wären. Da schwindet die Motivation dann tatsächlich.

In NRW von individueller Förderung zu sprechen, finde ich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings mehr als gewagt. Die vorhandenen Ressourcen reichen für eine wirkliche Förderung bei Weitem nicht aus. Dafür muss das Schulsystem völlig auf den Kopf gestellt werden, Schule muss sich komplett verändern. Das wird noch viele Jahre dauern.

Zum Thema „Kopfnoten“: Auch hier sagt eine bloße Ziffer nichts aus. Die meisten Schulen haben es sich leicht gemacht und den Schülern ein Befriedigend gegeben. Was heißt das? – Negativ aufgefallene Schüler haben ein Mangelhaft bekommen, ohne dass beschrieben wurde, wo das Problem lag geschweige denn die Ursache.

Frau Gebauer, ich bin kein Gegner von Kopfnoten, gerade aus meiner Sicht als Sonderpädagogin nicht. Für viele meiner Schüler war die Beschreibung eines guten Arbeits- und Sozialverhaltens die Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Die Beschreibung von vorhandenen Schlüsselkompetenzen gelingt jedoch nicht durch eine Ziffer, sondern nur durch die klare Ausformulierung der Kompetenzen, die ein Schüler erreicht hat.

Zum Sitzenbleiben: Vor dem Hintergrund der individuellen Förderung kann das Wiederholen einer Klasse bei Verfehlen des Klassenziels nicht mehr als Automatismus erfolgen; denn in der inklusiven Schule wird es kein allgemeines Klassenziel mehr geben. Das Wiederholen einer ganzen Klasse ist eine pädagogische Maßnahme für Einzelfälle. Bei mangelhaften Leistungen in einzelnen Fächern sollte zunächst versucht werden, die Defizite durch Fördermaßnahmen anzugehen.

Dennoch wird es immer wieder Gründe geben, bei denen eine Klassenwiederholung Sinn macht. Ich finde es falsch, Klassenwiederholungen zu verteu

feln. Lange Krankheit oder eine Phase der Schulverweigerung können Gründe für eine Wiederholung sein, wenn man dadurch zum Beispiel einen besseren Bildungsabschluss erlangen kann.

(Beifall von den PIRATEN und Klaus Kaiser [CDU])

Eine solche Entscheidung sollte einvernehmlich mit den Schülern und Eltern getroffen werden. Es ist eine pädagogische Entscheidung und keine Strafe für mangelnde Leistung.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf unsere Idee der fließenden Schullaufbahn hinweisen, die von einem Kurssystem ausgeht, welches aufeinander aufbaut; das kann man durchaus innerhalb eines Klassenverbandes umsetzen. Das Erreichen einzelner Kursziele durch die dort erworbenen Kompetenzen führt dann zu unterschiedlichen Abschlüssen. Gelingt es einem Schüler nicht, einzelne Kurse erfolgreich abzuschließen, auch nicht durch intensive Förderung, dann kann bei Aussicht auf Erfolg der Kurs, aber es muss nicht das ganze Jahr wiederholt werden.

(Sigrid Beer [GRÜNE]: Das wäre Lebenszeit- verschwendung!)

Wenn ich einen Kurs wiederhole, ist das keine Lebenszeitverschwendung. Das ist der Fall, wenn ich das ganze Jahr wiederhole.