Und die Schulwirklichkeit, Frau Beer, ist vielfältig. Sie haben in Essen Gesamtschulen mit Anmeldeüberhang, und Sie haben auch eine Gesamtschule mit einer Plankapazität von 145 Plätzen, aber beim letzten amtlichen Anmeldetermin nur 51 Anmeldungen.
Also sind zwei Drittel leer geblieben, sodass jetzt aus dem gesamten Ruhrgebiet die Kinder „zusammengekarrt“ werden, um diese Plätze zu füllen.
Wir haben in Essen in den letzten Jahre wegen der demografischen Entwicklung mehrere Gymnasien geschlossen, und das, obwohl die Übertrittsquote zum Gymnasium gestiegen ist. Wir haben mehrere Hauptschulen geschlossen und einen Realschulstandort neu gegründet. Insofern haben wir hier ein sehr differenziertes Bild, und wir sind jederzeit bereit, uns dem zu stellen.
Was wir kritisiert haben, Frau Beer – und da können Sie zuhören, auch wenn Sie gerade lieber anderen Gesprächen nachgehen, während ich Ihre Fragen zu beantworten versuche –, ist, dass Sie hier jahrelang – Sie sind ja noch immer im Gespräch! – gestanden und sich mit großer Freude negativ zum Thema „Hauptschule“ geäußert haben. Sie haben hier im Landtag, in diesem Hohen Hause, gestanden und gesagt, das seien doch alles Menschen ohne Perspektive, und das könnten wir nicht länger verantworten.
Und deshalb sagen wir Ihnen auch ganz ausdrücklich: Hauptschulwirklichkeit ist vielfältiger, als sich nur den Anmeldetermin in Klasse 5 anzuschauen; denn die Hauptschulen sind die einzige Schulform, die im Laufe der Jahre aufwächst durch die, die es vielleicht in anderen Systemen versuchen, sich in
Ich weiß, Frau Beer, wovon ich rede. Ich habe die letzten Jahre Gymnasiasten und Realschüler für Büroberufe ausgebildet, und im letzten Jahr auch erfolgreich eine junge Hauptschülerin zu ihrem IHKBerufsabschluss gebracht. Sie arbeitet jetzt glücklich und zufrieden in einem großen Unternehmen und kommt damit bestens klar. Und das ist das, was Ihnen an Kultur fehlt, Frau Beer:
andere Menschen nicht zu beschämen, weil man seine eigene konkrete Vorstellung vor Augen hat, sondern Menschen Chancen zu geben, Wege zu eröffnen und auch Wertschätzung für diejenigen zu haben, die dann vielleicht etwas intensiver gefördert werden müssen, um im Ergebnis auch das gleiche Ziel zu erreichen.
Ich freue mich, ermöglicht zu haben, dass im letzten Jahr eine Hauptschülerin, für die ich die Ausbildungsverantwortung hatte, im ersten Anlauf erfolgreich ihren Abschluss für einen anerkannten Büroberuf gemacht hat und sich beruflich weiterentwickelt.
Wenn Sie hier auch mal solche Beiträge der Wertschätzung leisten würden, Frau Beer, dann, glaube ich, könnten wir in Nordrhein-Westfalen viele Perspektiven mehr schaffen.
Und deshalb, Frau Löhrmann, müssen Sie heute hier die Frage beantworten, ob Sie bereit sind – weil es uns ja um die Hauptschüler geht
und nicht um das Etikett, das an irgendeinem Schulgebäude hängt; man schafft ja Hauptschüler und Hauptschulabschlüsse nicht dadurch ab, dass sich etwas weniger Leute an der Schulform Hauptschule anmelden, wenn sie den gleichen Abschluss an anderen Schulformen machen –,die demografischen Realitäten insoweit zur Kenntnis zu nehmen und umzusetzen, als dass Sie zukünftig bereit sind, weiterhin kleine Hauptschulstandorte zu erhalten, auch einzügige Hauptschulen in der ländlichen Fläche.
Gerade gab es bei der Debatte Insinuierungen, die nahelegen könnten, es stünden Änderungen bevor, was die Verfahrensweise der Landesregierung angeht. Dazu könnten Sie sich ja vielleicht entsprechend äußern.
Und, Herr Link, jetzt mal zum Thema „Zwangssysteme“ und anderem. – Sie haben in Ihren Koalitionsvertrag geschrieben – es sei denn, Sie teilen uns hier gleich mit, der sei nicht mehr so gemeint
und Sie hätten ihn revidiert; das wäre auch eine Nachricht –, dass Sie jede dritte weiterführende Schule abschaffen und durch eine sogenannte Gemeinschaftsschule ersetzen wollen.
(Sören Link [SPD]: Das steht da nicht drin! Ich wette mit Ihnen um einen Kasten Bier, dass das da nicht drinsteht! – Weitere Zurufe von der SPD)
Und bei der demografischen Entwicklung heißt das natürlich, dass dafür die anderen Schulstandorte geschlossen werden müssen. Das ist das, was Sie als politisches Ziel ausgegeben haben. Und jetzt machen Sie hier doch nicht so eine Sandmännchenveranstaltung; das können Sie hier niemandem ernsthaft erzählen.
Und wie das mit Freiwilligkeit aussieht, Frau Beer – fragen Sie doch mal die Schulkonferenzen! – Wie sieht das denn da aus, wo Sie jetzt sogenannte Gemeinschaftsschulen auf den Weg bringen wollen? Wie sieht es denn aus in Finnentrop?
(Sören Link [SPD]: Fragen Sie doch mal die Schulkonferenz einer Schule, die geschlos- sen werden soll! Meinen Sie, die stimmen zu? Sie haben von nix eine Ahnung!)
Wir wünschen uns in dieser ganzen Debatte mehr Ehrlichkeit und mehr Realitätssinn. Ich glaube, insbesondere beim Thema „Gemeinschaftsschule“ kann Rot-Grün das gut gebrauchen.
Vielen Dank, Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren des Hauses! Liebe Besucher und Besucherinnen auf der Tribüne! Diese Diskussion, die uns CDU und FDP hier heute liefern, ist durchaus ein Déjà-vuErlebnis für mich; denn alle Mitglieder des Schulausschusses haben diese Diskussion in mannigfaltiger Art und Weise schon im Schulausschuss, aber auch durchaus hier im Plenum erlebt.
Frau Böth und ich hatten schon mal angeboten, für CDU und FDP sogenannte Förderziele und Förderpläne zu erstellen, in denen wir dann kleinschrittig das darlegen, was die Landesregierung mit ihrem neuen Bildungssystem beabsichtigt. Aber ich muss Ihnen wirklich sagen: Eigentlich wäre das – ohne einen hier im Hause bekannten Satz mit Respekt auf die Zuschauer sagen zu wollen – vergebene Liebesmüh, denn man kann es noch so individuell kleinschrittig versuchen – Sie wollen es einfach nicht kapieren. Und eigentlich müsste ich unter Ihr Zeugnis schreiben: Klassenziel nicht erreicht, aber Förderbedarf weiterhin gegeben.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es geht hier doch um junge Menschen. Es geht um Mädchen und Jungs, die irgendwann auch mal Erwachsene werden, die irgendwann einmal ein erfülltes Berufsleben und eine Familie haben wollen. Und uns allen ist doch klar, dass wir Kindern und Jugendlichen wieder eine Perspektive für ihre Zukunft geben wollen.
Eine Perspektive, die dies bietet, ist die Gemeinschaftsschule – eine Schule, in der gemeinsam länger gelernt und auch gelebt, wird; denn Schule ist nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum. Das sollte uns allen klar sein. Nicht die Kinder sollen zur Schule kommen, sondern wir müssen die Schule, unser Schulsystem, den Schülerinnen und Schülern mit ihrer Vielfalt und ihren individuellen Aneignungen näherbringen. Und wir müssen diese Schule auch so ausgestalten.
Bieten wir Eltern eine Schule, die für ihre Kinder da ist. Bieten wir Kindern eine Schule, die für sie da ist. Und bieten wir Schülerinnen und Schülern eine Schule, die ihnen eine Zukunft ermöglicht und nicht verbaut. Dieses Verbauen ist in diesem selektiven Schulsystem, das Sie von CDU und FDP leider in den Köpfen haben, drin. – Wir haben es mehrfach versucht, aber Sie wollen aussortieren. Das finde ich schade. Stellen Sie sich den Realitäten, schau
Meine Damen und Herren, wir reden immer wieder von Hauptschülern und Hauptschülerinnen. Ich als Lehrerin an einer Förderschule weiß durchaus, wie es den Schülern der Lernbehindertenschulen geht. Dort kann man zwar den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 erwerben; aber diesen Makel haben die Schülerinnen und Schüler erst recht und schämen sich zum Teil zu sagen, dass sie zur Förderschule gehen. Sie nehmen irgendeine Schule im Umfeld und sagen: Ich gehe zur Gesamtschule oder ich gehe zur Hauptschule xy.
Damit wir die Scham der Schüler und Schülerinnen, aber auch die Scham der Eltern nicht mehr haben, brauchen wir eine Gemeinschaftsschule mit einem inklusiven Schulsystem. Ich hoffe einfach, dass auch Sie das irgendwann anerkennen werden.