Protocol of the Session on February 3, 2011

Dies wollen wir in Nordrhein-Westfalen jetzt machen. Ich habe bereits im Ausschuss klar und deutlich gemacht, dass der Genderblick in der Gesundheitspolitik für uns bedeutet, differenziert in alle Bereiche hineinzugehen. Das heißt aber nicht, dass wir deswegen den Bereich der Frauengesundheit nicht mehr behandeln müssen. Gerade wenn man mit dem Genderblick draufguckt, muss man dort, wo es notwendig ist, auch frauenpolitische Maßnahmen ergreifen.

Mit dem neuen Wettbewerb „IuK & Gender Med.NRW“ haben wir einen Wettbewerb auf den Weg gebracht, in dem wir innovative Projekte im Gesundheitswesen suchen, und zwar gerade in dem Förderschwerpunkt „geschlechtergerechtes

Gesundheitswesen“. Wenn Sie sich den Call dazu durchlesen, dann stellen Sie fest, dass es nicht darum geht, frauenspezifische Maßnahmen oder Projekte anzubieten, sondern es geht um geschlechtergerechte Maßnahmen und Projekte. Wir haben also explizit deutlich gemacht, dass wir sowohl frauenspezifische wie auch männerspezifische Maßnahmen und Projekte haben wollen.

Auch bei der Entschließung der Landesgesundheitskonferenz in diesem Jahr haben wir das im Blick gehabt. Schon in meiner Zeit als Abgeordnete hat es mich immer sehr geärgert, dass die Landesgesundheitsberichterstattung und die Vorlagen der Landesgesundheitskonferenz nicht geschlechterdifferenziert waren. Wir haben sehr oft und an vielen Stellen eine Auseinandersetzung darüber geführt, weil immer wieder die Antwort kam: „Das denken wir doch mit!“. Nein, mitdenken reicht nicht, sondern differenziert betrachten ist notwendig.

Die diesjährige Entschließung ist durchgängig geschlechterdifferenziert. Ich finde es zwar ganz nett, wenn die FDP sagt, dass sich die Landesgesundheitskonferenz im kommenden Jahr damit beschäftigen soll. Herr Romberg war, wenn ich mich richtig erinnere, bei der letzten LGK. Die Landesgesundheitskonferenz entscheidet immer ziemlich autonom, was das Thema der nächsten Konferenz sein

wird, und hat sich in diesem Jahr für das Thema „Hygiene“ in einem sehr weiten Sinne entschieden. Herr Romberg hat leider nicht eingebracht, dass das für ihn ein Thema ist. Aber auch wenn das für ihn in der nächsten Landesgesundheitskonferenz kein Thema ist – wir werden es ja im Ausschuss intensiv diskutieren. Er kann es aber auch in die nächste LGK einbringen.

Ich fände es spannend, auch einmal dem Beispiel „Frauengesundheit“ zu folgen und eine Enquetekommission zum Thema „Männergesundheit“ einzurichten. Es bestünde dann die Möglichkeit, nachhaltig darüber zu diskutieren. Herr Kleff und Herr Romberg könnten das ziemlich gut Seite an Seite mit auf den Weg bringen. Durch die Tiefe, die dort erreicht wird, bestünde die Möglichkeit, zu weiteren Erkenntnissen zu kommen. Die Landesregierung ist gerne bereit, das, soweit wir es können, zu unterstützen.

(Beifall von der SPD und von den GRÜNEN)

Danke, Frau Ministerin. – Für die CDU-Fraktion spricht jetzt Herr Kleff.

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! An dieser Stelle kann man schon einmal der FDP zu diesem Antrag gratulieren, denn er hat das bewirkt, was er bewirken sollte: Es ist heute ein Stein ins Wasser geworfen worden, und dieser Stein schlägt Wellen. Davon bin ich überzeugt.

(Beifall von Dr. Gerhard Papke [FDP])

In der Beurteilung des Ist-Zustandes sind wir uns einig. Auf dieser gemeinsamen Basis können wir aufbauen. Ich habe große Übereinstimmung in allen Fraktionen festgestellt, dass der Gesundheitszustand der Männer viel schlechter ist als der der Frauen. Aber Frau Ministerin Steffens, ich kenne Ihren Genderblick. Sie haben nicht beide im Auge. Ihr Genderblick geht nur in eine Richtung.

(Ministerin Barbara Steffens: Quatsch!)

Gucken Sie sich die Tagesordnungen der letzten Plenarsitzungen an.

(Ministerin Barbara Steffens: Die mache ich doch nicht!)

Sie sorgen doch für das, was vom Ministerium dort draufkommt: Initiativen und, und, und.

(Ministerin Barbara Steffens: Was?)

Das Gleiche gilt für den Ausschuss. Schauen Sie doch einmal, welche Themen dort drauf stehen. Da stehen keine Themen wie „Männer und Gesundheit“ auf der Tagesordnung, sondern Themen, die mit Frauen und Gesundheit zu tun haben. Das zieht

sich ausgehend vom Beruf bis hin in alle möglichen Bereiche.

Ich denke, das ist wichtig, das ist heute erkannt worden: Wir können auch im Ausschuss damit leben, in Zukunft beides im Blick zu haben und nicht einseitig. Heute ist in Bezug auf Berufserkrankungen deutlich geworden, dass die Belastung der Männer im Beruf stark ist und dass die Zahl der Berufserkrankungen bei den Männern prozentual viel höher ist als bei den Frauen.

(Zuruf von Heike Gebhard [SPD])

Aber was haben wir heute auf der Tagesordnung gehabt? Auf der Tagesordnung steht etwas über „Frauen und Beruf“, nicht über „Männer und Beruf“.

(Heike Gebhard [SPD]: Woran liegt das wohl? – Ministerin Barbara Steffens: Haben Sie nicht gleich noch einen Frauenantrag?)

Ich wollte noch einmal deutlich machen, dass wir in Zukunft beides im Blick haben müssen

(Ministerin Barbara Steffens: Haben wir nicht gleich noch den Managerinnenpreis auf der Tagesordnung?)

und nicht den einseitigen Genderblick haben dürfen. – Danke schön.

(Beifall von der CDU und von der FDP)

Danke, Herr Kleff. – Für die SPD-Fraktion spricht jetzt Frau Gebhard.

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen, verehrte Kollegen! Herr Kleff, Sie meinen, hier sei ein Stein ins Wasser geworfen worden. Ich fände das schade, denn Steine pflegen bekanntlich unterzugehen.

(Hubert Kleff [CDU]: Sie schlagen Wellen!)

Ich weiß nicht, ob das die richtige Methode für das Thema ist.

Ich finde darüber hinaus bemerkenswert – das wirft ein bezeichnendes Licht auf die ehemals regierungstragenden Fraktionen –, dass Sie einen Bericht, der im Oktober letzten Jahres erschienen ist, jetzt zum Anlass nehmen, sich plötzlich Gedanken darüber zu machen, was man zur Männergesundheit tun kann. Waren Sie nicht fünf Jahre zuvor in der Regierung?

Sie hinken mit dem Antrag 15 Jahre hinterher. 1995 wurde die erste Männergesundheitskonferenz in London durchgeführt, wo auf Basis der Daten der Weltgesundheitsorganisation die entsprechenden Forderungen aufgestellt worden sind, dass es nämlich für männliche Jugendliche und erwachsene Männer notwendig ist, die gesundheitlichen Informationen anders aufzubereiten, dass man eine andere Ansprache wählen muss, um sie für Vorsorge zu

gewinnen, und dass es gegebenenfalls spezifische Behandlungsmöglichkeiten geben muss.

Anschließend wurde in Wien 1999 der erste umfassende Männergesundheitsbericht erarbeitet. Er hat Wirkung nicht in Berlin oder anderswo, sondern in Nordrhein-Westfalen gezeigt. Darauf können wir stolz sein. Zuerst wurde dies von Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2000, also unmittelbar nach Wien, aufgegriffen, und ein Gesundheitsbericht wurde erstellt.

Wenn Sie, Herr Kleff, genau hinschauen, werden Sie feststellen: Darauf stand nicht nur „Gesundheitsbericht für Frauen“, sondern „Gesundheit von Frauen und Männern“. Das war vor elf Jahren.

(Zurufe von der CDU)

Neu war, dass die Kategorie „Geschlecht“ überhaupt in die Gesundheitspolitik eingeführt wurde. Seitdem hat sie ihren Platz in der Gesundheitsberichterstattung. Das heißt, Herr Hafke, wir haben schon 2001 darauf aufbauend eine Landesgesundheitskonferenz zu diesem Thema gehabt, die sich mit der Frage des Zusammenhangs zwischen Gesundheit und der sozialen Lage in der Gesellschaft beschäftigt hat.

Wer in den Bericht schaut, wird feststellen, dass eines der strukturellen Kriterien in diesem Bericht „Geschlecht“ war – neben „Schicht“ und „nationaler Herkunft“. Das heißt, darin wurde das Thema viel umfassender und bedeutender als jetzt mit so einem kleinen Ausschnitt. angegangen.

Wie üblich hat diese Landesgesundheitskonferenz Handlungsempfehlungen sowohl für Frauen als auch für Männer ausgesprochen. Daran hat Nordrhein-Westfalen, angeführt von Gesundheitsministerin Fischer, heftig gearbeitet. Denn es war wichtig, ein Instrument zu entwickeln, um überhaupt die Unterschiede zu beurteilen und für Gesundheitspolitik handhabbar zu machen.

2003 wurde das Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin beauftragt, solche Genderkriterien zu entwickeln – nicht theoretisch abgehoben, sondern in enger Abstimmung mit der Praxis. Das Ergebnis war eine Gendermatrix, die allen – bis hin zu den kommunalen Gesundheitskonferenzen – zur Verfügung gestellt worden ist und die aufzeigte, wie man da konkret herangeht. Warum haben Sie diese in den letzten fünf Jahren eigentlich nicht angewandt? Ich kann keine Initiative erkennen, in der das irgendwo Platz gegriffen hätte. Jetzt, nach ein paar Monaten in der Opposition, fällt Ihnen plötzlich das Thema ein.

(Hubert Kleff [CDU]: Das haben wir von Ihnen gelernt! – Gegenruf von Günter Gar- brecht [SPD]: Gelernt? Ihr was gelernt? – Weitere Zurufe)

Nein, wir haben es gemacht. – Was haben Sie denn dabei gelernt? Sie hätten lernen können. Sie

hätten auf das schon Geleistete aufbauen und weiter daran arbeiten können. Das wäre schön gewesen; wir hätten Sie auch als Oppositionsfraktionen dabei unterstützt. Darauf können Sie sich verlassen.

Ich will noch einige Bemerkungen machen, weil Sie sich offenbar schwer damit tun, weil Sie die Geschlechter gegeneinander aufstellen und meinen: Die armen Männer sind so schlecht dran. Sie sterben schneller. Sie haben mehr Herzinfarkte, werden nicht so alt usw.

An dieser Stelle – da bin ich bei Herrn Zimmermann – müssen wir über Ursachen reden. Dafür müssen wir aber andere Politikfelder in den Blick nehmen und uns dort über Änderungen unterhalten. Bleiben wir jedoch bei der Gesundheitspolitik, sollten wir uns anschauen – ich knüpfe hier gern an die Ausführungen von Frau Ministerin Steffens an –, warum wir geschlechtersensibel an dieses Thema herangehen müssen.

Wir haben doch festgestellt: In der Gesundheitsversorgung gab es jahrzehntelang den Menschen, wenn es darum ging, Krankheiten zu identifizieren, Diagnosen zu erstellen und Behandlungsmethoden zu finden. Dabei wurde unterstellt, dass alle Menschen – egal ob Mann oder Frau – gleich zu behandeln seien. Dann war klar, dass die Forschung alle Untersuchungsmethoden und Behandlungsformen nur an Männern getestet hat, weil es viel einfacher ist, an Männern zu testen, weil man nicht auf einen Zyklus oder Ähnliches Rücksicht nehmen muss. Das heißt, wenn es um die Behandlung ging, wurde „Mensch“ mit „Mann“ identifiziert, während „Frau“ überhaupt nicht spezifisch vorkam.

Wir haben das – Frau Steffens hat darauf hingewiesen – in der Arzneimittelforschung. Wir haben es aber auch bei allen möglichen Behandlungsformen, auch bei Herzinfarkten etc. Das hat dazu geführt, dass man automatisch bei Diagnosen – anhand welcher Kriterien kann ich eine Krankheit identifizieren? – davon ausging, dass man das, was man bei Männern festgestellt hat, automatisch bei Frauen genauso findet.

Darum werden Sie feststellen, es gibt zwar eine niedrigere Herzinfarktrate, was aber partiell auch daran liegt, dass wir sie vorher nicht geschlechtsspezifisch erhoben haben. Weiterhin liegt das daran, dass viele Herzinfarkte bei Frauen gar nicht erkannt werden. Aber sie sterben trotzdem.

Die Tatsache, dass Frauen häufiger zum Arzt gehen als Männer – was zeitlich korrekt ist –, führt dazu, dass anschließend mit ihnen anders umgegangen wird. Einschlägige Forschungsprojekte haben festgestellt: Wenn eine Frau zum Arzt kommt und ihre Probleme schildert, wählt sie eine andere Ansprache, ihre Krankheit darzustellen, und weil sie so oft kommt, wird sie beruhigt, mit Medikamenten nach Hause geschickt, und dann geht es wieder.

Wenn ein Mann kommt, heißt es, weil er selten kommt: „Da muss etwas Schlimmes sein“, und es werden gleich alle Register gezogen, verbunden mit der Gefahr – das ist nicht unbedingt gut für Männer – der Überversorgung. Es wird dann mit Kanonen auf Spatzen geschossen.