Protocol of the Session on February 3, 2011

Demzufolge stimmen wir der Überweisung in den Ausschuss zu und freuen uns auf gewaltfreie, aber konstruktive und zielorientierte Diskussionen. – Ich danke Ihnen.

(Beifall von der LINKEN)

Vielen Dank, Frau Abgeordnete Beuermann. – Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Weitere Wortmeldungen liegen mir zu diesem Tagesordnungspunkt nicht vor, sodass wir am Schluss der Beratung sind.

Wir kommen zur Abstimmung. Wie schon mehrfach von den Rednern angesprochen, empfiehlt der Ältestenrat die Überweisung des Antrags Drucksache 15/1196 an den Ausschuss für Frauen, Gleichstellung und Emanzipation – federführend –, an den Innenausschuss, an den Rechtsausschuss sowie an den Ausschuss für Familie, Kinder und Jugend. Die abschließende Beratung und Abstimmung soll im federführenden Ausschuss in öffentlicher Sitzung erfolgen. Ich frage, ob es hierzu Gegenstimmen gibt. – Enthaltungen? – Dann ist die Überweisungsempfehlung mit Zustimmung aller Fraktionen so angenommen worden.

Ich rufe auf:

4 Mehr Gesundheit für Jungen und Männer!

Antrag der Fraktion der FDP Drucksache 15/1197

Ich eröffne die Beratung und erteile für die antragstellende Fraktion der FDP dem Abgeordneten Hafke das Wort. Bitte schön, Herr Kollege Hafke.

Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich darf heute den Antrag „Mehr Gesundheit für Jungen und Männer!“ für den leider erkrankten Dr. Romberg begründen.

Wenn es im Bereich der Gesundheitspolitik um Fragen der Prävention sowie der Ausgestaltung bestimmter Angebote und Versorgungsstrukturen geht, ist es inzwischen beinahe selbstverständlich geworden, auf die Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Ausrichtung hinzuweisen. Bekanntlich wurde der erste Frauengesundheitsbericht im Jahr 2001 vorgelegt. Der Anlass für die Analyse gesundheitlicher Chancen und Risiken von Frauen ging auf eine Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation, WHO, von 1996 zurück. Im nordrhein-westfälischen

Landtag gab es in der 13. Legislaturperiode sogar eine Enquetekommission zur Frauengesundheit.

Letztlich zurückzuführen ist dies alles auf die Frauengesundheitsbewegung während der 70er-Jahre, die insbesondere von den USA ausging. Allen größeren und kleineren Aktivitäten im Bereich der Frauengesundheit war eines gemeinsam: Sie sollten erreichen, dass die Lebensbedingungen ebenso wie die Vorstellungen von Frauen bei der Ausgestaltung des Gesundheitswesens stärker berücksichtigt werden.

(Vorsitz: Vizepräsidentin Gunhild Böth)

Das ist auch eines der wichtigsten Ziele des im Herbst 2010 erschienenen Männergesundheitsberichts. Dieser hat Folgendes deutlich gemacht: Jungen und Männer unterscheiden sich in ihrem Gesundheitsverhalten ebenso wie in ihrer Krankheitsverarbeitung stark vom weiblichen Geschlecht. Sie sind auch kränker, als man es vermutet hätte, und leiden unter ganz spezifischen Gesundheitsproblemen und Erkrankungen, und zwar jenseits der allseits bekannten Prostatabeschwerden.

Nach Auffassung mancher Ärzte gibt es nicht unbedingt einen Mangel an Aufklärung und Informationen, aber ein oft demonstratives Desinteresse vieler Männer, die ein Problem damit haben, sich aktiv auf Gesundheitsfragen einzulassen oder zum Arzt zu gehen. Als wichtigster Grund wird oft die fehlende Zeit angeführt, weil man ja ständig Wichtigeres zu tun hat, oder es wird befürchtet, das Umfeld könne dies als Zeichen von Wehleidigkeit und Schwäche interpretieren. Zum Arzt gehen Männer oft nur, wenn sie bereits große Beschwerden haben oder die Lebenspartnerin sie durch mehr oder weniger sanften Druck dazu bringt. Dann kann es allerdings schon reichlich spät sein.

Dass hierbei auch sozialen Ursachen eine wichtige Rolle zukommt, ist naheliegend und wird im Bericht ausdrücklich betont. Das Verdienstvolle besteht vor allem darin, dass die Autoren analog zum weiblichen Vorbild der Berichterstattung nicht auf die Erkrankung schauen, sondern die Lebenswelt von Jungen und Männern insgesamt analysieren und dabei wichtige Fragen aufwerfen: Was fördert die Gesundheit? Was schwächt sie? Wie wirken sich Krankheiten bei Jungen und Männern aus? Wie kann man sie am besten verhindern? Welche Behandlungsansätze sind gut? Vor allem: Wie gehen Jungen und Männer mit sich und ihrer Gesundheit um? Was erwartet die Gesellschaft von ihnen?

Für enorm wichtig halte ich in diesem Zuge das Kapitel über die Arbeitswelt. Ich denke, die Ergebnisse sollten uns allen durchaus zu denken geben. Leistungsbereitschaft ist erst einmal etwas Positives, ohne das Verantwortungsbewusstsein für die eigenen Belastungsgrenzen jedoch kann sie sehr negative Folgen haben.

Viel zu lange wurde die männliche Gesundheit eher einseitig betrachtet, was an den Männern selbst, aber auch an sogenannten Rollenerwartungen gelegen hat. So geht aus dem Männergesundheitsbericht hervor, dass präventive Maßnahmen für Männer noch immer primär an deren Einsichtsfähigkeit appellieren, das gesundheitsschädigende Verhalten doch bitte schön aufzugeben, ohne allzu viel Mühe darauf zu verwenden, wie es um die psychischen Ursachen der Adressaten bestellt ist und welche Rolle das gesellschaftliche Umfeld spielt.

Dabei ist alles viel komplizierter geworden, denn die Rollenerwartungen – eigene und auch gesellschaftliche – sind zum Teil vielschichtiger, aber auch widersprüchlich und schwanken zwischen Härte – nicht zuletzt gegen sich selbst – und allumfassendem Verständnis. Grundsätzlich ist es positiv zu bewerten, wenn das Selbstbild komplexer wird, damit steigt aber auch das Risiko für Überforderungen und somit die gesundheitlichen Probleme.

Einer der Autoren des Berichts bringt es wie folgt auf den Punkt: Männer sind darauf ausgerichtet, zu funktionieren und Erwartungen – auch ihre eigenen an sich – zu erfüllen. Übergewicht durch Stressessen, Herz-Kreislauf-Leiden, starkes Rauchen und manchmal auch der Ausweichgriff zum Alkohol sind typische Folgen. Dass Depressionen bei Männern unterdiagnostiziert sind, ist kein Wunder, weil es offenbar eine spezifische männliche Symptomatik gibt, die sich deutlich von einer klassischen Depression unterscheidet und eher mit Aggressivität und Gereiztheit einhergeht. In diesem Bereich gibt es jedenfalls Wissenslücken, und zwar durchaus auch bei Fachleuten. Das muss sich ändern, denn die hohe Suizidrate bei Männern ist ein Alarmsignal, das nicht einfach hinnehmbar ist. Das betrifft die Prävention, die Diagnose und auch das Behandlungsangebot.

Insgesamt ist es sehr wichtig, dass schon Jungen im Umgang mit Gesundheitsfragen eine besondere Ansprache erhalten, zum Beispiel was die Ernährung betrifft. Die große Zahl an ADHS-Diagnosen bei Jungen belegt jedenfalls einen Handlungsbedarf, der nach den Ursachen fragt und sich nicht bloß in einer vermehrten Medikamentenvergabe erschöpft.

Die Bundesregierung hat angekündigt, die männliche Gesundheit künftig zu fördern. Wir sind der Meinung, NRW darf hier nicht außen vor stehen. Nach unserer Vorstellung sollte die Landesregierung deshalb ein Konzept auf den Weg bringen, das den besonderen Bedürfnissen von Jungen und Männern im Bereich der Gesundheitsförderung und -prävention gerecht wird.

Wir halten es daher auch für geboten, dieses Thema im Rahmen der nächsten Landesgesundheitskonferenz zu diskutieren. Es geht uns vor allem darum, dass die Akteure in NRW für die Notwendigkeit sensibilisiert werden, sich intensiver mit der Ge

sundheit von Jungen und Männern zu befassen. Aber auch was die Versorgungsangebote und die Forschungsaktivitäten betrifft, wünschen wir uns, dass sich die Landesregierung hier engagiert und mit allen Verantwortlichen den Dialog sucht, um auf die beschriebenen Defizite aufmerksam zu machen. Das Ziel ist es, dass die Gesundheit von Jungen und Männern und somit ihre Lebensqualität besser wird.

Wir hoffen dabei auf Ihre Unterstützung und freuen uns auf die weiteren Diskussionen hier und im Ausschuss. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von der FDP)

Danke, Herr Hafke. – Für die CDU spricht jetzt Herr Kleff.

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Mit einer verbesserten Datenlage und der wachsenden Bedeutung der evidenzbasierten Medizin wird die These von der geschlechterneutralen Versorgung zunehmend infrage gestellt. Doch dann kommt die spannende Frage: Welche Anforderungen stellen die Unterschiede zwischen Frau und Mann an unser Gesundheitssystem? Inwieweit sind Versorgungsdefizite letztlich für den unterschiedlichen Gesundheitszustand von Frauen und Männern verantwortlich? Der Antrag der FDP-Fraktion macht in beeindruckender Art und Weise deutlich, dass der Gesundheitszustand von Jungen und Männern erheblich von dem der Mädchen und Frauen abweicht.

Aber zunächst ein Blick auf die Gesundheit unserer Kinder, denn in jungen Jahren werden die Weichen gestellt: Fastfood statt Frischobst, Computerspiele statt Sportplatz. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn wir wieder dazu kämen, dass Familie beispielsweise die Mahlzeiten gemeinsam einnehmen. Sich um die Gesundheit der Kinder zu kümmern – Mädchen oder Jungen –, ist nicht nur eine Aufgabe der Eltern, sondern, wie ich meine, der ganzen Gesellschaft.

Aber wie steht es denn mit der Gesundheit der Männer? Hier einige Fakten aus einer Information des Landesinstituts für Gesundheit und Arbeit: Die Lebenserwartung eines deutschen Mannes liegt derzeit um 5,5 Jahre niedriger als diejenige einer deutschen Frau.

(Heike Gebhard [SPD]: Der Abstand war schon einmal größer!)

Wir haben aufgeholt.

Die Zahl der Diabetespatienten ist bei Männern fast doppelt so hoch wie bei Frauen. Männer zwischen 40 und 50 Jahren bekommen fünfmal häufiger einen Herzinfarkt als Frauen. Ganz spannend finde ich: In der Altersgruppe der 45- bis 49-Jährigen überwiegt der Anteil der Männer in Nordrhein

Westfalen. In den höheren Altersgruppen nimmt der Anteil der Männer ab. Bei den Menschen, die 90 Jahre und älter sind, beträgt er noch rund 23 %.

Beim Genuss von Alkohol und Tabak sind die Männer führend. Männer unterschätzen auch den Nutzen der Früherkennung. Es scheint tatsächlich der Lebenswirklichkeit zu entsprechen, dass Männer sich eher um die Pflege ihres Autos kümmern als um ihre Gesundheit. Es stellt sich daher die Frage: Warum haben Männer ein geringeres Gesundheits- und Vorsorgebewusstsein als Frauen?

Zu beachten ist auch, dass die Krankheitshäufigkeit der Männer bei Berufserkrankungen die unterschiedliche Belastung von Männern und Frauen im Berufsleben widerspiegelt.

Frau Ministerin Steffens, Gender-Mainstreaming ist für Sie in vielen Interviews das Zauberwort. Im Kontext des Gesundheitssystems bedeutet das, dass die Bedürfnisse von Männern und Frauen gleichermaßen berücksichtigt werden müssen. Ich glaube, darüber sind wir uns einig.

Der rot-grüne Koalitionsvertrag spricht allerdings eine andere Sprache. Da heißt es: „Zukunft geht nur mit Frauen und Mädchen“. Das ist eine dicke Überschrift. Eine weitere Überschrift lautet: „Frauengerechte Gesundheitsversorgung“.

(Britta Altenkamp [SPD]: Haben Sie mehr als die Überschriften gelesen?)

Ich frage mich, wo hier Männer und Frauen gleichberechtigt angesprochen werden.

(Günter Garbrecht [SPD]: Herr Kollege, das ist kein Widerspruch!)

Bei diesen Formulierungen entsteht der Eindruck, dass die rot-grüne Minderheitsregierung die Gesundheit der Frauen und Mädchen besonders in den Blick nehmen will.

(Ministerin Barbara Steffens: Richtig!)

Wir brauchen aber auch Aufklärungskampagnen speziell für Männer und keinen einseitigen Genderblick.

(Widerspruch von Britta Altenkamp [SPD] – Heike Gebhard [SPD]: Ein Genderblick kann gar nicht einseitig sein! Das steckt schon im Wort selbst! – Gegenruf von Ministerin Bar- bara Steffens: Das erklären wir ihm noch!)

Der Blick der Minderheitsregierung ist aber einseitig. Ich habe den Eindruck, dass die Männergesundheit im Vergleich zur Frauengesundheit eher stiefmütterlich behandelt wird.

(Günter Garbrecht [SPD]: Nein, das ist auch Quatsch!)

Das können wir aber schon an den Themen auf den Tagesordnungen sehen, Herr Garbrecht. Schauen Sie einmal, wo da der Schwerpunkt liegt.

Der Antrag der FDP-Fraktion „Mehr Gesundheit für Jungen und Männer!“ wird von uns voll und ganz unterstützt.

(Zuruf von der SPD: Wunderbar!)

Die Gesundheitspolitik muss zukünftig geschlechterspezifisch sein.