Protocol of the Session on December 3, 2010

Bis Jahresende können sie das noch tun; das ist richtig. Bis heute gibt es aber null Interesse.

Zum Zweiten war es für Sie ganz zentral, die Schulstrukturen zu verändern und die Differenzierung zu zerschlagen. Deshalb haben Sie Ihre sogenannte Gemeinschaftsschule als sogenannten Schulversuch auf den Weg gebracht, was alles auch rechtlich sehr schwierig ist.

Als Ergebnis hat die Schulministerin gestern veröffentlichen müssen, dass es zwei konkrete Antragstellungen von Schulträgern gibt – bei über 2.000 entsprechenden Schulen.

Zum Dritten waren die Schulbezirke eines Ihrer Symbolthemen. Fünf Jahre lang war es für Sie von SPD und Grünen in der Opposition immer eine Angriffsfläche, dass wir die freie Schulwahl eingeführt haben und gesagt haben: Menschen wissen selber am besten, an welchen Schulen sie ihre Kinder anmelden wollen; der Staat ist nicht die richtige Instanz, das zu entscheiden.

(Sören Link [SPD]: Sie haben die freie Schulwahl doch abgeschafft, Herr Witzel! Welche Menschen konnten die Schulen denn frei wählen?)

Nun dürfen Sie feststellen, dass nach Ihrer Ankündigung, das jetzt entsprechend zu realisieren, über 90 % der Kommunen dieses Landes Desinteresse zeigen. Auf Grundlage der Erkundigungen, die die kommunalen Spitzenverbände bei ihren Gremientagungen eingeholt haben, lautet die Einschätzung,

dass vielleicht 5 bis 10 % der Kommunen davon Gebrauch machen wollen –

(Beifall von der FDP – Sören Link [SPD]: Von solchen Zahlen träumen Sie, Herr Witzel!)

die armen Schüler und Eltern in den Kommunen, die dann davon betroffen sind! –, aber über 90 % das nicht wollen. Da fallen bei Ihnen Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinander, wenn man die Symboldebatten der letzten Jahre beobachtet hat.

(Beifall von der FDP)

Deshalb sagen wir Ihnen, Frau Schulministerin Löhrmann: Sie sind als bildungspolitischer Geisterfahrer unterwegs.

(Lachen von Ministerin Sylvia Löhrmann)

Was Sie wollen, bekommt ganz offenkundig von der Breite der Bevölkerung, von dem großen Anteil der Betroffenen, von den Menschen in NordrheinWestfalen in unserem Schulwesen keine Rückendeckung. Sie sind der bildungspolitische Geisterfahrer in Nordrhein-Westfalen.

Immer, wenn wir Sie im Vorhinein davor warnen, bestimmte Maßnahmen auf den Weg zu bringen,

(Gunhild Böth [LINKE]: Dann tun die das trotzdem! Das ist ja erstaunlich!)

nehmen Sie unsere Warnungen nicht ernst und handeln wirklich wie ein Geisterfahrer, der sich fragt: Warum warnen Sie mich vor einem Geisterfahrer? Es sind doch Hunderte unterwegs.

(Zuruf von der SPD: Oh! Sie sind doch auf der falschen Spur!)

Sie müssen sich die Frage stellen, welchen Beitrag Sie zu dieser Situation leisten.

(Beifall von der FDP – Zuruf von der SPD: Falsche Ausfahrt!)

Während Sie bislang mit Ihrer sogenannten Gemeinschaftsschule, die den bildungspolitischen Leitlinien vieler 68er entspricht, Schiffbruch erleiden

(Lachen von SPD und GRÜNEN)

greifen Sie bei der Wiedereinführung der Schulbezirke noch weiter zurück in die Vergangenheit,

(Zuruf von der SPD: Gleich kommt die DDR!)

nämlich bis in die Weimarer Zeit.

(Zuruf von Ingrid Pieper-von Heiden [FDP])

Damals fand man es modern, Schulbezirke einzuführen,

(Widerspruch von SPD und GRÜNEN)

weil man damals noch sehr obrigkeits- und staatsgläubig gedacht hat, weil man der Auffassung war, dass der Staat alles besser weiß, dass der Staat für den einzelnen Menschen alles besser regeln kann,

weil man den Menschen nicht das Vertrauen entgegengebracht hat, durch die eigene Entscheidungskompetenz für sich selber die besten Lösungen und Wege zu finden.

Sie sind noch weiter zurück in der Geschichte angekommen, aber eben nicht in der Realität eines modernen Bildungswesens, das Zutrauen zu den Menschen und zu richtigen Entscheidungen hat.

(Zuruf)

Es muss schon ein sehr frustrierender Job für Ihre Emissäre sein, Frau Löhrmann, die im Land durch die Gegend ziehen und überall in der Fläche dafür werben, welche Neuerungen die rot-grüne Minderheitsregierung beabsichtigt und einführt.

(Zuruf von Ingrid Pieper-von Heiden [FDP])

Sie sehen: Das fährt zum Glück bislang alles mit Karacho vor die Wand.

(Zuruf von Ingrid Pieper-von Heiden [FDP])

Das ist doch für Sie sicherlich erkenntnisstiftend.

(Zuruf von Norwich Rüße [GRÜNE])

Wir haben Folgendes nie verstanden: Immer, wenn es um qualitative Gesichtspunkte ging, also wenn es gute sachliche Gründe für eine Differenzierung gab, waren Ihnen sachliche Kriterien für die Schulformenwahl völlig egal. Sie sind gegen verbindliche Grundschulgutachten, Sie sind gegen Probeunterricht gewesen. Wenn es um Anforderungen geht, um Leistungskriterien, haben Sie immer für Beliebigkeit und dafür plädiert, dass Normen und Standards weg müssen.

(Gunhild Böth [LINKE]: Das ist doch völliger Quatsch!)

Aber wenn es innerhalb einer Schulform bei einem für ein Gymnasium geeignetes Kind um die Frage geht, an welchem Gymnasium es sich anmelden soll, sorgen Sie jetzt für eine Verschärfung der Situation. Wir haben früher nur über Grundschulbezirke gestritten, Sie wollen jetzt für alle Schulformen entsprechende Schulbezirksgrenzen ermöglichen,

(Lachen von Ministerin Sylvia Löhrmann)

Leute zwangszuweisen und Kinder hausnummernweise sortieren,

(Widerspruch von Sigrid Beer [GRÜNE])

Sandkastenfreundschaften von Grundschulkindern auseinanderreißen,

(Gunhild Böth [LINKE]: Haben Sie den Ge- setzentwurf überhaupt gelesen?)

weil Sie glauben, der Staat könne alles umfänglich regeln.

(Beifall von der FDP)

Wir vertrauen den Menschen.

(Beifall von der FDP)

Wir sagen: Es ist im Bildungswesen legitim, dass es Anforderungen gibt und dass man unter Qualitätsgesichtspunkten auch einmal Hürden hat.

(Zurufe von Andrea Asch und von Norwich Rüße [GRÜNE])