Protocol of the Session on June 9, 2016

(Dr. Stephan Siemer [CDU]: Richtig!)

Von einem Antrag, wie er Ihnen unter der Überschrift „MINT-Fächer stärken“ vorliegt, darf man erwarten, dass darin eine Forderung aufgestellt wird, die Stundenzahl in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu erhöhen.

(Zustimmung bei der CDU)

Nun haben wir auf dem Weg der Einigung - dazu waren SPD und Grüne nicht bereit - versucht, Kompromisse zu finden, und haben gesagt: Dann betrachten wir die Fächer nicht einzeln, sondern in der Gesamtsumme. - Auch dafür war eine Erhöhung nicht durchsetzbar.

Wenn man sich dann unter der Überschrift, MINT zu stärken, so weit herablässt, dass man sagt „Wir wollen die Gesamtstundenzahl nicht kürzen“, dann grenzt das schon an Selbstverleugnung.

(Dr. Stephan Siemer [CDU]: Richtig! - Ottmar von Holtz [GRÜNE]: Wir stär- ken das über einen anderen Weg, nämlich über die Stundentafel, Herr Kollege!)

Dazu gab es zwischenzeitlich eine vorsichtige Bereitschaft. Dann ging es nur noch um die Frage: Was nehmen wir denn als Basis, wenn wir nicht kürzen wollen? Nehmen wir die Kürzungen, die schon geschehen sind, mit und sagen „Jetzt wollen wir das niedrige Niveau nicht mehr kürzen“, oder sagen wir „Wir definieren ein Niveau und dann auch nur noch für den gymnasialen Bereich, das sich am Abitur nach neun Jahren, am alten G 9, orientiert“? Wir haben gesagt: Von der Basis ausgehend, wollen wir nicht kürzen.

Das, meine Damen und Herren, wäre der Vorschlag, den die CDU formuliert hat, zu dem SPD und Grüne aber nicht Ja sagen wollten.

(Dr. Stephan Siemer [CDU]: Unglaub- lich! - Ottmar von Holtz [GRÜNE]: Umgekehrt: Wir haben einen Vor- schlag gemacht, und Sie wollten nicht Ja sagen!)

Meine Damen und Herren, so konkret, überprüfbar und nachprüfbar wollten Sie es nicht haben und haben dann wieder eine unverbindliche Forderung in Ihren Änderungsantrag eingebracht: „die Möglichkeiten der Schwerpunktsetzung im MINT-Bereich zu stärken“.

(Vizepräsident Klaus-Peter Bachmann übernimmt den Vorsitz)

Dahinter können Sie wirklich alles verstecken. Das ist völlig unambitioniert. Ihnen fehlt bei diesem Thema jegliche Ambition. Wenn es konkret wird, meine Damen und Herren von SPD und Grünen, weichen Sie aus. So können Sie MINT nicht stärken!

(Beifall bei der CDU)

Ich möchte noch einen anderen Punkt ansprechen, der wesentlich dazu beigetragen hat, MINT-Fächer zu diskreditieren. Das ist das diesjährige MatheAbitur. Wenn es um sich greift, dass die Prüfungen in den naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächern überdurchschnittlich schwerer sind als in anderen Fächern, werden Sie erleben, dass noch mehr junge Leute den MINT-Fächern ausweichen und sich auf vermeintlich leichtere Fächer konzentrieren. Das ist das Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen wollen.

(Beifall bei der CDU)

Meine Damen und Herren, Ihnen liegen zwei fast identische Anträge vor,

(Ottmar von Holtz [GRÜNE]: Nehmen Sie unseren!)

in denen wir in alter Tradition versucht haben, das gemeinsame Interesse, die MINT-Fächer zu stärken und Wege in die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer offen zu halten, das uns eigentlich immer getragen hat, zu befördern. Ich werbe sehr dafür, dass Sie nicht Ihrem, sondern unserem Antrag zustimmen und dafür sorgen, dass Stundenzahlen nicht gekürzt werden. - Das ist keine offensive Forderung; es ist eine sehr defensive Forderung. - Denn die Unverbindlichkeit Ihres Antrages lässt diesen mehr oder weniger überflüssig werden.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU)

Vielen Dank, Herr Kollege Hillmer. - Das Wort hat jetzt für die SPD-Fraktion Frau Kollegin Dr. Silke Lesemann.

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen, meine Herren! Aus Personalabteilungen von Unternehmen hört man häufig Folgendes: Auf eine Stellenanzeige im Bereich Marketing oder Betriebswirtschaft erhalten sie 100 Bewerbungen oder auch mehr. Bei vielen MINT-Themen sind es dagegen weniger als 10.

Man kann im Bereich von technisch-naturwissenschaftlichen Berufen ganz klar von einem Arbeitnehmermarkt sprechen. Es locken gute und attraktive, prima bezahlte Stellen, die für die technische Innovation unabdingbar sind. Aber deutschlandweit - darauf ist mein Vorredner schon eingegangen - fehlen mehr als 137 000 Arbeitskräfte in diesem Bereich. Der Fachkräftemangel ist vorprogrammiert.

Die Fraktionen im Niedersächsischen Landtag sind sich grundsätzlich einig über die Maßnahmen, die zur Förderung von mehr Fachkräftenachwuchs in den MINT-Fächern vonnöten sind. Wir begleiten damit auch das Wirken des MWK, das heute eine entsprechende Pressemitteilung herausgegeben hat. Die Ministerin wird sicherlich noch darauf eingehen. Das MWK hat sich mit der Landeshochschulkonferenz darauf geeinigt, diesen Bereich stärker zu fördern.

Damit mehr junge Menschen die MINT-Berufe ergreifen, muss mit der Förderung früh begonnen werden. Ich denke, da ist nicht unbedingt die Schule der allererste Ort. Es gilt, auch schon in den Kindertagesstätten eine entsprechende Förderung voranzubringen. Das naturwissenschaftlichtechnische Interesse lässt sich bereits im Kindergarten wecken und muss in der Schule natürlich sinnvoll begleitet und gestärkt werden.

Hierzu gehören neben der unabdingbaren fachdidaktischen Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte u. a. auch außerunterrichtlich begleitende Angebote wie die IdeenExpo oder Angebote zur Berufsorientierung. Wir benötigen aber auch gute Bedingungen an unseren Hochschulen, weitere Anstrengungen zur Gewinnung von Studierenden, Maßnahmen zur Stärkung der Lehre und Ausbau von Unterstützungsangeboten, einen Ausbau der einschlägigen Hochschuldidaktik und natürlich die Verringerung von Abbrecherquoten. Weiterhin

sollten die bereits bestehenden Anstrengungen der Hochschulen zur Steigerung des Frauenanteils im MINT-Bereich weiter gesteigert werden.

Meine Damen, meine Herren, Rot-Grün und FDP legen heute einen gemeinsamen Änderungsantrag zu den zuvor eingebrachten Einzelanträgen vor. Wir haben im Ausschuss intensiv beraten und waren aufgrund der inhaltlich ähnlichen Punkte, die in unseren Anträgen ohnehin enthalten waren, schon auf einem guten Weg, einen gemeinsamen Antrag aller vier Fraktionen zu diesem Thema zu schaffen, bei dem wir im Großen und Ganzen eigentlich an einem Strang ziehen. Letztlich wurde der eingeschlagene Weg von der CDU-Fraktion verlassen, nachdem wir einen Entwurf für einen gemeinsamen Antrag fast schon erarbeitet hatten. Da fehlte es wirklich nur noch an Haaresbreite. Der Dissens entstand durch den Vergleich der MINTStundenzahl des alten, bis 2004 gültigen G 9 mit dem neuen G 9. Zu diesem Punkt wurde schließlich auch noch im Kultusausschuss mitberaten.

Grundsätzlich ist ein unmittelbarer Vergleich zwischen den beiden Curricula sehr schwer, weil sich das Gesamtsystem u. a. auch durch die Vorgaben der Kultusministerkonferenz gravierend verändert hat,

(Ottmar von Holtz [GRÜNE]: So ist es!)

z. B. auch durch Veränderungen der Beleg- und Einbringungsverpflichtungen zum Abitur. In Niedersachsen - daran können Sie alle sich erinnern - wurden die Orientierungsstufe abgeschafft sowie die Profiloberstufe und das Zentralabitur eingeführt. So wurde z. B. im Sekundarbereich I der Gymnasien die Wochenstundenzahl der MINTFächer sowohl beim neuen G 9 deutlich über der von der KMK geforderten Stundenzahl aufgebaut.

Aufgrund der bestehenden Möglichkeiten von Profilbildung und Schwerpunktsetzung ist die Anwahl von MINT-Fächern im Abitur erheblich gesteigert worden. Das ist wirklich erheblich gewesen! Unterm Strich ist die von der CDU aufgestellte Forderung faktisch erfüllt worden.

(Jörg Hillmer [CDU]: Dann können Sie ja zustimmen!)

- Sie hätten ja auch unserem Antrag zustimmen können. Stimmen Sie unserem zu!

(Zustimmung bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Am Ende gibt es aber nun keine geeinte Beschlussempfehlung. Die Koalitionsfraktionen und auch die FDP haben sich auf eine Formulierung geeinigt; die Mehrheit hat erkannt, dass es so richtig ist.

Letzten Endes geht es aber auch darum, neben der nicht stattfindenden Kürzung auch darauf zu achten, neben quantitativen Aspekten auf die Qualität zu achten. Neben allem Zahlenfetischismus ist das, meine ich, ein ganz zentraler Punkt. Hierzu möchte ich meinen geschätzten Kollegen Uwe Strümpel wiedergeben

(Zustimmung bei der SPD)

- er hat Applaus verdient -, der in einer Kultusausschusssitzung feststellte, dass gute Schule stets das Ergebnis guter Lehrer und guter Schulleitung sei.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Die MINT-Fächer dürften nicht isoliert betrachtet werden, sondern ganzheitlicher, projektbezogener und fächerübergreifender Unterricht komme hier am besten zur Geltung.

(Zustimmung bei der SPD)

Das Ergebnis dieses projektbezogenen, fächerübergreifenden Lernens sei nachhaltiges Wissen. - Recht hat er, der Kollege Strümpel, der immerhin 42 Jahre lang als Mathelehrer und Schulleiter im Schuldienst stand.

(Beifall)

Ich denke, das ist das i-Tüpfelchen an Expertise.

Sie können unserem Antrag zustimmen, Herr Hillmer. Überlegen Sie es sich noch einmal!

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Vielen Dank, Frau Kollegin Dr. Lesemann. - Eine Kurzintervention des Kollegen Hillmer von der CDU-Fraktion schließt sich für 90 Sekunden an. Sie haben das Wort.

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Frau Dr. Lesemann, ich möchte gerne noch die Zahlen beitragen, um die es geht. Sie haben natürlich versucht, Zahlen auszuweichen. Natürlich kommt Schule nur zurecht,

wenn sie gute, engagierte Lehrer hat. Aber es geht eben auch um die Zahl von Unterrichtsstunden. Wenn Sie sagen, man komme mit weniger Unterrichtsstunden zum gleichen Ergebnis wie mit mehr Unterrichtsstunden bei gleich guten und gleich schlechten Lehrern, dann droht uns ja noch so manche Kürzung im Kultusbereich.

Sie bieten zurzeit ein G 9 mit 55 Stunden MINTUnterricht in den Klassen 5 bis 11. Das ist die Zahl, die uns das Kultusministerium zur Verfügung gestellt hat. Früher hatten wir 58 Stunden. Das sind immerhin 3 Stunden weniger, davon anderthalb Stunden weniger Chemie. Und Sie sagen, dass wir mit weniger Stunden zum gleichen oder sogar zu einem besseren Ergebnis kommen. Das müssen Sie uns erst einmal erklären!