Die große Aufgabe Frankfurts muss es in der Zukunft sein, diese Attraktivität langfristig auch in finanztechnologischer Sicht wieder zu erlangen, wie es für die klassischen Banken auch attraktiv ist.
Wie ich bereits sagte, ist die Verfügbarkeit von Fachpersonal ein wichtiger, wenn nicht sogar ein entscheidender Faktor für die Ansiedelung von Fintech-Start-ups.
Bevor wir uns große Vorwürfe machen, es mit und durch den Masterplan nicht geschafft zu haben, Frankfurt führend zu machen: Der Trend ist international nicht anders. Fintechs sitzen in den USA beispielsweise nicht in New York, sondern in der Bay Area, in Indien ist es nicht Mumbai, sondern Delhi. Man kann daraus schlussfolgern, dass die physische Nähe zu Banken oder zum Hauptfinanzplatz eher ein geringerer Standortfaktor ist als die entscheidenden Faktoren Personal und Wagniskapital.
Der Vorschlag der FDP, ein deutsches Fintech Festival nach dem Vorbild Singapore Fintech Festival auszurichten, ist eine nett gemeinte Marketingidee. Dass auf der Veranstaltung in Singapur die in Frankfurt angesiedelten Fintech-Start-ups mit Landesförderung teilnehmen sollten, ist ein ebenso gut gemeinter Marketingvorschlag. Kollegen von der FDP, meinen Sie wirklich, dass Investoren dies nicht lachend quittieren würden, wenn sie wüssten, dass Frankfurt/Rhein-Main nur einen Market Share von 3 %, gemessen an den Investitionen der insgesamt in Deutschland befindlichen Fintech-Szene, repräsentiert?
Ich glaube, die FDP sollte noch einmal genauer darüber nachdenken, ob sie das wirklich so ernst meint. Was wünschen wir uns in Hessen also für die Zukunft? Ebenso wie in Berlin müsste sich in Frankfurt/Rhein-Main ein Virtuous Circle herausbilden. Attraktive Start-ups ziehen motiviertes Personal in einer kritischen Masse an, um wiederum attraktive Start-ups anzuziehen. Davon sind wir aber leider weit entfernt. Da der Zug von Berlin nicht so einfach zurück nach Frankfurt fahren wird, muss sich Frankfurt schon allein aufgrund seiner Nähe zu den Banken und der EZB besonders auf die Segmente Asset Management and Investment, Credit Management and Factoring sowie Banking und API Banking konzentrieren.
Hier erscheint es mit am wahrscheinlichsten, entsprechend junges Personal aus dem konventionellen Bankensektor in Fintechs rekrutieren zu können, um einen Teil der kritischen Masse für einen Virtuous Circle zu generieren.
Was mir ebenso wichtig erscheint, sind das Gespräch und der direkte Kontakt der Wirtschaftsförderung mit der Gründerszene und den Investoren. Was brauchen diese Unternehmen, und vor allem was brauchen die Menschen in den Unternehmen? Diese Frage muss man klären, um zu wissen, was der wirkliche Treiber von Standortfragen ist, selbst wenn dabei herauskommen sollte, dass es Fragen der Lebensqualität wie bezahlbares Wohnen, Kita- und Schulinfrastruktur oder Freizeitmöglichkeiten sind. Wir müssen immer daran denken, auch Gründer und deren Mitarbeiter sind Menschen, sie haben Familie und Vorstellungen, wo und wie sie ihr Leben am besten gestalten können.
Vielleicht liegt es aber auch am einfachen Zugang zu Fördermaßnahmen, an einer Art Willkommenskultur für Fintech-Start-ups, an einer besseren Vernetzung zu den großen Unternehmen der Stadt, weniger Bürokratie bei der Suche nach Standorten, Büroflächen und mehr Fachkenntnis und Verständnis in den Ämtern, wo die Anträge und Genehmigungen bearbeitet werden. Daher denke ich, wir brauchen hier nicht unbedingt einen Antrag im Parlament, sondern eher eine sinnvolle Wirtschaftsförderung, die diesen Namen auch wirklich verdient und mit den Akteuren im ständigen Gespräch ist. Das ist beim jetzigen Wirtschaftsminister, Herrn Al-Wazir, der sich anscheinend in Vollzeit mit dem Ausbau von Fahrradwegen beschäftigt, eben nicht der Fall. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
Vielen Dank, Herr Abg. Gagel. – Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hat jetzt die Abg. Kinkel das Wort.
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Wir reden heute zum wiederholten Male über Gründerinnen und Gründer und über das Thema Start-ups. Das ist gut, weil es ein wichtiges Thema ist, das uns in Hessen nicht erst seit Kurzem beschäftigt und auch nicht, weil es jetzt plötzlich hipp und cool ist und weil sich alle um Start-ups kümmern, sondern weil es wichtig ist für den Erfolg unserer Wirtschaft. Deshalb danke ich der FDP ganz grundsätzlich, dass sie das Thema zum wiederholten Male auf die Tagesordnung gesetzt hat,
Wir hatten im November bereits eine ausführliche Debatte und auch einen sehr umfangreichen Antrag zu diesem Thema beschlossen, in dem steht, was wir in Hessen tun und welche weiteren Maßnahmen wir in Hessen auch noch brauchen. Der Gegenantrag wurde sozusagen schon beschlossen.
Es stehen unzweifelhaft große Herausforderungen vor uns. Wir müssen von den Lieferketten bis zu den Geschäftsmodellen, vom Mittelstand bis zur Industrie Klimaneutralität erreichen, nicht nur, um die Folgen der Klimakrise abzumildern, sondern auch, weil wir unsere hessische Wirtschaft stärken müssen und die Wettbewerbsfähigkeit erhalten müssen. Genau dafür brauchen wir einerseits die digitale Modernisierung und andererseits die ökologische Modernisierung.
Da kommen Start-ups ins Spiel; denn sie sind Innovationsmotor für die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft. Viele Start-ups bringen uns digital nach vorne, viele Start-ups bringen uns bei der ökologischen Modernisierung nach vorne, und Start-ups sind der Mittelstand von morgen, den wir so dringend brauchen. Dabei geht es um Wertschöpfung, um Innovationen und Arbeitsplätze. Aus diesen Gründen stärken wir Start-ups in Hessen, sehr geehrte Damen und Herren.
Für Start-ups sind drei Punkte ganz wesentlich: Das Erste ist das Ökosystem, das Zweite sind die Talente, und das Dritte ist der Zugang zu Finanzierungen.
Das A und O ist das Ökosystem. Warum ist Berlin so erfolgreich? Nicht, weil es arm, aber sexy ist, sondern weil es ein sehr engmaschiges und ein über Jahre gewachsenes Netzwerk aus Hochschulen, Wissenschaft, Finanziers, Start-ups und Unternehmen hat. Genau das macht ein Ökosystem aus. Es ist natürlich als Bundeshauptstadt, noch dazu als Stadtstaat, wo man sehr verdichtet lebt, nicht so schwer, solch ein Ökosystem aufzubauen. Aber genau daran arbeiten wir in Hessen seit Jahren.
Genau dafür gibt es den StartHub Hessen, die zentrale Anlaufstelle für Start-ups, für Interessenten, für Investoren. Damit stärken wir das Start-up-Ökosystem hessenweit, damit werden wir sichtbar. Daran werden wir weiter arbeiten.
Der internationale „Startup Genome Report“ vom letzten September berichtet über die Region Frankfurt/RheinMain. Die Region wird da in einem internationalen Ranking unter den Top 30 der dynamischsten und neu entstehenden Gründungsregionen aufgeführt. Außer Hamburg findet sich unter diesen Top 30 keine weitere deutsche Region. Das ist ein Erfolg. Das spricht gerade im Hinblick auf die globale Bedeutung für unsere Gründungs- und Standortpolitik, sehr geehrte Damen und Herren.
Frau Kinkel, kleinen Augenblick. – Hier hinter der Wand ist die Geräuschkulisse sehr hoch. Ich bitte darum, die Gespräche draußen fortzusetzen.
In den letzten Jahren ist einerseits Infrastruktur geschaffen worden, damit die Zusammenarbeit und die Innovationen stattfinden können; ich nenne die Hubs, das TechQuartier oder den HUB31 in Darmstadt als Beispiele.
Es sind andererseits Formate entwickelt worden, z. B. Hackathons – ein ganz spannendes Format – oder Bootcamps, in denen Start-ups, Unternehmen und die Wissenschaft zusammenkommen und gemeinsam an Trend- und Innovationsthemen arbeiten können. Für diese Formate wiederum sind physische Orte entscheidend, also Orte wie das TechQuartier oder der Heimathafen in Wiesbaden, wo die Vernetzung auch physisch stattfinden kann.
Diese drei Bausteine greifen ineinander, und diese drei Bausteine bilden den Mehrwert der Region Frankfurt/ Rhein-Main.
Ein wichtiges Format ist z. B. das Safe FBDC, das Safe Financial Big Data Cluster, für das Hessen eine GAIA-XFörderung bekommen hat, in dem sich Akteure aus Wissenschaft, aus Banken, aus Universitäten und auch die Aufsichtsbehörden und die Landesregierung vernetzen und gemeinsam Modelle für KI und datenbasierte Geschäftsmodelle in der Finanzindustrie entwickeln.
Auch das neue Projekt, das diese Woche vorgestellt wurde, EuroDaT, ist mit dem gleichen Ziel, nämlich einen europäischen Datentreuhänder zu gründen, GAIA-X-gefördert. Daran sieht man: In Hessen setzen wir darauf, auf die Stärken, die hier ohnehin vorhanden sind, nämlich in der Finanzindustrie und im Finanzsektor, auf diese regionalen Vorteile einzugehen und sie weiter voranzubringen. Das zeigen auch die steigenden Gründerzahlen in dem Bereich.
Spannend ist, wenn man einen Blick auf die verschiedenen Cluster in Hessen wirft. Frankfurt ist, wie gesagt, ein großer Standort für die Finanzbranche, in der das Thema Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle spielt. Das ISSB für die finanzielle Nachhaltigkeitsberichterstattung kommt nach Frankfurt. Die Frage, was in der Finanzwelt als nachhaltig eingestuft wird und was nicht, ist gerade im europäischen Kontext sehr wichtig und sehr bedeutsam für die Frage, was in Zukunft getan werden muss und kann, um den Klimawandel aufzuhalten.
Auch die Digitalisierung verändert die Finanzbranche enorm. Mit diesen beiden Trends vor Augen, Digitalisierung und Nachhaltigkeit, wurde das TechQuartier damals
gegründet, und es wird fortlaufend weiterentwickelt, auch in der Ausrichtung. Zunächst lag der Schwerpunkt tatsächlich auf Fintechs. Mittlerweile ist es aber, muss man feststellen, ein zentraler Anlaufpunkt für die Gründerszene in der Rhein-Main-Region geworden. Damit vernetzt es genau die Akteure, ist genau der physische Austauschort, den wir brauchen, um unseren Blickwinkel zu weiten, also nicht nur auf Fintechs zu fokussieren, sondern auch alle anderen zu beachten, Insurtech, die Greentech-Branche und die Gründungsaktivitäten, die sich dort entwickeln.
Der Erfolg gibt uns recht. 2020 wurden in Frankfurt 70 Start-ups neu gegründet. Das ist für Städte in dieser Größe der zweitbeste Wert. Das zeigt doch, dass unsere Maßnahmen wirken, sehr geehrte Damen und Herren.
Ein zweites Cluster kann man in Darmstadt sehen, wo vor allem die Forschung in der Informatik und in der IT-Sicherheit erfolgreich ist. Hier ist das Unigründungsprogramm HIGHEST zu nennen. Diese beiden Bereiche zeigen schon, welch unterschiedliche Gründungscluster wir in Hessen haben, aber wir wollen natürlich noch stärker in die Fläche.
Das werden wir tun, indem wir die bestehenden Gründungscluster stärker vernetzen. Dort können dann BestPractice-Beispiele ausgetauscht werden. Damit wollen wir erreichen, dass sich ganz Hessen zu einem aktiven und guten Start-up-Ökosystem weiterentwickelt.
Der zweite Punkt – ich hatte es genannt – sind die Talente. Das ist ganz wichtig für die Gründerinnen und Gründer, weil es natürlich erst einmal Menschen braucht, die eine gute Idee haben, und dann auch Talente, die in den Startups daran arbeiten, um zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Dafür haben wir das Programm „AI Talent“ aufgesetzt. Junge Menschen durchlaufen ein Bootcamp, werden neun Wochen lang im Bereich künstliche Intelligenz geschult. Damit wollen wir die Region attraktiv für junge Talente gestalten.
Der dritte Punkt ist der Zugang zu Kapital, weil der Erfolg von innovativen Neugründungen immer davon abhängig ist, wie gut der Zugang zu Kapital ist. Die Frage der Finanzierung ist ein Dauerthema für Start-ups. Eigenkapital, Fremdkapital, Gründungszuschüsse oder Stipendien – in Hessen haben wir eine breite Paletten an Angeboten für Finanzierungsinstrumente.
Ich möchte nur ein Beispiel nennen, den Futury Fonds. Das Land Hessen hat in Kooperation mit bekannten VentureCapital-Gebern einen sehr attraktiven Beteiligungsfonds aufgebaut und stellt damit Risikokapital zur Verfügung. Das ist für ein Bundesland in der Größe schon ein großer Schritt. Das zeigt, wie ernst wir es mit der Start-up-Politik in Hessen meinen.