Das Problem der Bologna-Reform ist nicht ihr Ziel, sondern ihre Umsetzung. Diese Bologna-Reform stellt einen Systemwechsel dar. Man kann durchaus sagen: Sie ist eine Jahrhundertreform.
Die Umstellung, die heute weitgehend erfolgt ist, war und ist für die Hochschulen mit einer großen Kraftanstren
gung verbunden, für die ich in einer Zeit, in der man sehr gerne mit dem Finger auf andere zeigt, einmal herzlich danken möchte.
Rund 70 % der Studiengänge an den hessischen Hochschulen – die Frau Ministerin hat das auch erwähnt – sind heute auf die Abschlüsse Bachelor und Master umgestellt. Das ist gegenüber dem Vorjahr im Übrigen wieder eine Steigerung um 3 %.
Auch das muss erwähnt werden:Die Reform hat auch Gutes gebracht. – Auch hier möchte ich den künftigen Präsidenten der Justus-Liebig-Universität, Herrn Mukherjee, zitieren, der davor warnt, die alten Diplom- und Magisterstudiengänge zu glorifizieren. Er sagt – mit Ihrer Erlaubnis zitiere ich –:
Wir haben damals viele Studierende auf dem Weg verloren,und die Abschlussnote hing einzig von wenigen Examensprüfungen am Ende des Studiums ab.... Schwarz-Weiß-Malerei hilft leider nicht weiter.
Nach dem Bologna-Prozess bestehen die Studiengänge aus einzelnen Bausteinen, die Module genannt werden. In jedem dieser Module gibt es Prüfungen, sodass heutzutage der Studierende bereits in einer sehr frühen Phase seines Studiums erkennen kann, ob er das richtige oder das falsche Fach gewählt hat.Er merkt also nicht erst beim Examen, möglicherweise nach vielen Jahren, dass er vor einem Scherbenhaufen steht. Herr Siebel, deswegen sagt die Zahl der Abbrecher allein noch nicht alles aus.
Negativ zu bewerten ist, wenn die Zahl der Prüfungen zu hoch wird, der Einzelne überfordert wird und kein Freiraum mehr für die Suche nach eigenen wissenschaftlichen Schwerpunkten verbleibt.
Auch darf die Entwicklung nicht dazu führen, dass das Wissen in abprüfbare Häppchen zerteilt wird und somit das Auswendiglernen statt des Erkenntnisgewinns befördert wird.
Oftmals wurde dies unter dem Begriff der Verschulung zusammengefasst. Diese Kritik ist an einigen, wenn auch nicht an allen Stellen berechtigt.
Kritikwürdig ist auch, dass einige Module zu kleinteilig definiert wurden.Das war übrigens oftmals gar kein böser Wille. Denn jeder Lehrstuhlinhaber hält verständlicherweise seine Ausrichtung für wichtig. Mancher mag, getrieben vom Enthusiasmus für sein Fach, zu viel aus seinem Spezialgebiet in ein Modul eingebracht haben.
Oftmals sind die Module an einer Universität nicht mit der an einer anderen Universität kompatibel, sodass das eigentliche Ziel des Bologna-Prozesses, nämlich die Mobilität zu erhöhen, an manchen Stellen konterkariert wurde. Das stellen wir natürlich auch fest.
Zudem werden teilweise hoch spezialisierte Bachelorstudiengänge angeboten, die an keiner anderen Universität oder Fachhochschule studiert werden können, weil die Module nicht vergleichbar sind. Da sage ich klar und deutlich: Dieser Entwicklung muss entgegengewirkt werden.
Was ist daher zu tun? Zunächst müssen wir festhalten, dass die Organisation des Studiums inklusive der Inhalte Aufgabe der Hochschulen ist. Wir wollten, dass das so im
Rahmen der Autonomie gestaltet wurde. Das ist auch sinnvoll. Denn niemand kann die Studieninhalte besser festlegen als die Hochschulen selbst. Wir werden die Hochschulen, wenn sie das wünschen, nicht alleine lassen. Die Frau Ministerin hat dazu schon genau in diesem Sinne einige Punkte vorgebracht.Wir stehen insoweit zu unserer Verantwortung.
Wir werden den aktuellen Stand der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, insbesondere im Hinblick auf die Mobilität von Studierenden, überprüfen.
Lassen Sie mich aus diesem Grund hervorheben, dass wir als Partner und Begleiter der Hochschulen zur Verfügung stehen, wenn diese es wünschen.
Auch dies will ich deutlich sagen: Ganz klar kritisiere ich aber das Schwarzer-Peter-Spiel, das inzwischen um die Umsetzungsprobleme der Bologna-Reform gespielt wird. Ich werde mich deshalb auch an diesem Spiel nicht beteiligen. Ich glaube auch, ein Pingpong dieser Art hilft uns überhaupt nicht weiter. Es wäre nämlich zu einfach, nur auf die Hochschulen zu zeigen.Ich sage ausdrücklich,dass ich das nicht tue. Ich habe nämlich Verständnis dafür, dass bei einer Jahrhundertreform nicht alles im ersten Wurf gelingt.
Auch das möchte ich hier klarstellen: Dies ist im Übrigen nicht allein eine Frage des Geldes. Bedenkt man, dass wir heute in Hessen rund 50 % mehr Geld für die Hochschulen als 1998 ausgeben und dass wir in Hessen für das Studienstrukturprogramm seit dem Jahr 2007 kumuliert fast 8 Millionen c ausgegeben haben – Frau Ministerin Kühne-Hörmann hat das bereits erwähnt –, dann wird deutlich, dass der Vorwurf zu geringer Mittel zumindest für Hessen nicht als wesentliches Argument für die Probleme beim Bologna-Prozess herhalten kann.
(Janine Wissler (DIE LINKE): Können Sie einmal sagen, wie viel Prozent des Bruttoinlandsprodukts wir dafür ausgeben?)
Das muss ich in Richtung des Antragstellers sagen: Der Versuch,in dieser Situation den Schwarzen Peter der Landesregierung zuzuschieben, ist schon mehr als fragwürdig. Ich glaube, das zeugt auch von mangelnder Sachkenntnis. Denn jedenfalls ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir im Rahmen der Beratung des Hochschulgesetzentwurfs, den wir heute Abend oder morgen früh in dritter Lesung noch einmal beraten werden, irgendwelche Kritik gehört haben,wenn es um die Autonomieregelungen ging, wonach die Entscheidung bei den Fachbereichen und den Senaten liegt,wie das bei den Studienangelegenheiten der Fall ist. Der Versuch, das Thema politisch gegen die Landesregierung auszuspielen, ist, so sehe ich das klar, rein parteitaktisch motiviert. Leider hilft das den Studierenden in keiner Weise. Das ist besonders bedauerlich.
Was hilft also konkret? Professoren, Mitarbeiter und Studenten müssen sich zusammensetzen. Sie müssen die Probleme ansprechen und gemeinsam bei den Modulen nacharbeiten, die Probleme machen.
Deshalb sind die Gesprächsangebote so wichtig. Letztendlich gibt es keinen anderen Weg. Wir sollten deshalb alle geschlossen auf die Beteiligten einwirken, damit von
Denn es hilft doch nichts, dass beispielsweise der Studentenrat in Leipzig erklärt hat – ich zitiere –: „Das Professorenkonzept ist nicht unser Konzept“, und lieber vor der Tür demonstriert, als hinter den Türen zu argumentieren. Vielmehr ist es notwendig, die Probleme gemeinsam im Dialog zu lösen. Ganz aktuell sehe ich, dass es an einigen Orten, z. B. der Universität in Gießen, auch sehr ermutigende Signale gibt, die zeigen, dass man sich aufeinander zubewegt und ein solcher Dialog gestartet wird. Das begrüße ich außerordentlich.
Die Landespolitik darf in dieser Situation nicht die gerade erst gewährte Autonomie zurücknehmen und die Hochschulvertreter gleichsam einbestellen, wie das mit dem runden Tisch der GRÜNEN vorgesehen ist.
Wir werden den Hochschulen jedenfalls keine Vorgehensweise überstülpen. Wenn in den Hochschulen der Wunsch bestehen sollte, sich in einer größeren Runde zusammenzusetzen, dann wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass die Landesregierung dem nachkommt. Bei Bedarf würde sie auch koordinierend und moderierend tätig werden. Frau Kühne-Hörmann hat dazu schon einiges vorgestellt. In diesem Sinne verstehen wir den Inhalt des Dringlichen Antrags der Fraktionen der CDU und der FDP als ein Angebot an die Hochschulen.
Wir jedenfalls vertrauen darauf, dass alle zu Recht vorgebrachten Probleme in einem konstruktiven Dialog aller Beteiligten innerhalb der Hochschulen gelöst werden können. Wo die Unterstützung des Landes gewünscht ist, werden wir diese auch in Zukunft gewähren, so wie wir das bisher auch schon tun.Wir werden dies aber tun, ohne die Hochschulen zu bevormunden.
Herr Präsident,meine Damen und Herren! Wenn man die Äußerung der Ministerin in einem Satz zusammenfassen würde, dann würde die zentrale Äußerung lauten: Ich bin für nichts verantwortlich. – Genau das ist der Fehler.
Herr Kollege Büger, der spannende Punkt ist doch folgender.Bestimmte Ereignisse werden auch dadurch interessant, wie man den Anfangspunkt setzt. Sie setzen den Anfangspunkt jetzt nach dem Motto: Heute ist der Tag, ab dem ich blicke, die Vorgeschichte interessiert mich nicht.
Ich sage ganz schlicht: Der Bologna-Prozess wurde den Hochschulen von der Politik aufgezwungen. Deswegen muss die Politik dann auch die Verantwortung für diesen Prozess übernehmen, wenn er scheitert. Er ist gerade dabei, zu scheitern, wenn wir nicht grundlegende Änderungen vornehmen.
Deswegen bleibt die Politik in der Verantwortung. Sie kann sich da nicht herausstehlen.Wenn sie jemand in den Sumpf führt,ist es ihre Verantwortung,ihm da wieder herauszuhelfen. Sie können da nicht sagen: Du befindest dich jetzt im Sumpf, komme da allein wieder heraus. – Das ist Ihre Politik.
Mit Verlaub, ich finde, an der Stelle muss auch etwas zu dem Thema Prüfen der Fehlentwicklungen gesagt werden. Wenn man es hart auf den Punkt bringt, muss man doch sagen:Würde heute ein Schlussstrich unter diese Reform gezogen und gäbe es keine Veränderungsmöglichkeit mehr, müsste gesagt werden, dass diese Reform gescheitert ist. Sie wäre dann schlichtweg gescheitert, weil sie keinen der Ansprüche erfüllt, die an sie gestellt werden. Sie erfüllt gar keinen. Sie erfüllt weder den Anspruch nach Vergleichbarkeit noch den nach dem einen Kreditsystem in der Form, dass es international transferierbar ist, wie wir es gebraucht hätten.
Sie erfüllt schon gar nicht den Anspruch der Mobilität. Das Gegenteil ist der Fall. Dieses Modell der Umsetzung des Bologna-Prozesses ist ein Mobilitätsverhinderungsprogramm. Das können Sie jeder Statistik entnehmen.
Dann ist die spannende Frage aber, wie Sie damit umgehen und wie Sie das bewerten. Frau Ministerin, ich finde sehr faszinierend, was Sie als Erfolg beschreiben: Schritt für Schritt,na ja,da waren es um die 30 %,da waren es um die 50 %, jetzt sind wir über 60 %. – Mit Verlaub, was Sie gerade beschrieben haben, ist, dass die Mehrheit der Universitäten ein gescheitertes System übernimmt und die Universitäten damit verschlechtert statt verbessert. Das ist die Art und Weise, wie man aus technokratischen Betrachtungen die reinen Zahlen und keine Qualität als Maßstab nimmt, zu Werturteilen über Hochschulen kommt, die die Hochschulrealität außer Blick lässt.
Das ist der Grund, warum die Studierenden so aufgebracht sind: weil sie seit Jahren sagen, es funktioniert so nicht. Und es hat ihnen bisher keiner zugehört, der Verantwortung getragen hat. Insofern muss man damit umgehen, dass sie heute lauter werden, als sie das früher waren. Und das ist gut so.
Dann sind wir bei der Frage, wo eigentlich der Doppelfehler liegt. Der erste ist, Ihre Jahrhundertreform ignoriert, dass wir in unterschiedlichen Ländern Europas ganz unterschiedliche Reformschritte haben. Wir haben ein deutsches Universitätssystem nach einer politischen Entscheidung dem Universitätssystem anderer Länder angepasst. Ob das in allen Fällen klug war, ist immer noch zu diskutieren. Wir haben einen der international renommiertesten Studienabschlüsse, den berühmten deutschen Diplomingenieur, einer Studienreform geopfert, die diesen Abschluss dequalifiziert und nicht qualifiziert.