Damit haben Sie deutliche Hinweise darauf, was man tun könnte. Das geht über die Flexibilisierung von Arbeitszeitmodellen und eine qualifizierte Kinderbetreuung, die natürlich nach wie vor ein wichtiger Bestandteil ist, weit hinaus. Aber – das ist wichtig – das sind keine originär frauenspezifischen Dinge.
Weiter zum Gender Mainstreaming. Der Begriff ist grausig, da sind wir uns einig. Aber die meisten, die sich dann grausend abwenden, wissen gar nicht, wovon die Rede ist.
Ich erkläre es noch einmal für alle, die es immer noch nicht wissen, an einem Beispiel. Ich habe lange als Suchttherapeutin gearbeitet. In den Anfängen meiner Arbeit habe ich mich gefragt, warum 85 % der Klienten Männer waren. Man hätte meinen können, Sucht sei ein Männerphänomen. Man stellt schnell fest, so ist es nicht. Dass Frauensüchte anders aussehen, diese Erkenntnis hat sich erst in den letzten zehn Jahren mehr oder minder durchgesetzt.
Es gibt viele geschlechtsspezifische Gründe für die Wahl eines Suchtmittels. Frauen mit Suchterkrankungen nehmen eher Tabletten, werden fress- oder brechsüchtig, verletzen sich selber. Hätte man in der Suchtberatung schon in den letzten zehn Jahren „gegendert“, dann hätte das geheißen, sich zu fragen, ob es das Phänomen Sucht auch bei Frauen gibt, wie es aussieht, was es unterscheidet und welche Konsequenzen für die Beratung von suchtkranken Menschen daraus zu ziehen sind. Dann wären die Gelder gleichmäßig in Maßnahmen für Männer und Frauen geflossen. Genau das meint Gender Mainstreaming.
Herr Ministerpräsident, Sie haben Gender Mainstreaming in Ihrer Regierungserklärung erwähnt. Das hat im Prinzip unsere volle Unterstützung. Natürlich interessiert uns, wie das konkret aussehen soll. Ich muss gestehen, so fürchterlich optimistisch bin ich an dieser Stelle nicht.
Beim Lesen Ihrer frauenfördernden Ideen hat es mich dann doch ein bisschen an das Mittelalter erinnert.
Das Thema Chancengleichheit zu verknüpfen mit der Erhöhung der Geburtenrate oder Ihre Vision 2015,in der die Mütter den Töchtern von ausreichenden Kinderbetreu
(Clemens Reif (CDU): Das müssen schöne Zeiten gewesen sein! – Petra Fuhrmann (SPD): Ganz schön verstaubt!)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, inhaltlich gibt es viel frauenpolitischen Diskussionsbedarf. Doch heute geht es uns darum, das Ganze mit der Festlegung des kleinsten gemeinsamen Nenners zu beginnen, und so bitte ich, unseren Entschließungsantrag zu verstehen und bitte um Zustimmung. – Vielen Dank.
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Frauenpolitik bedeutet für meine Fraktion die Wahrnehmung frauenpolitischer Interessen in allen Lebensbereichen und auch in allen Politikfeldern. Mehr Chancengleichheit für Frauen und bessere Rahmenbedingungen für Familien, das ist ein wichtiger Schwerpunkt im Regierungsprogramm der CDU, und das haben Sie auch, Gott sei Dank, gelesen.
Nicht das starre Festhalten am bisherigen Rollenverständnis der Geschlechter wird hier Fortschritte bringen, sondern eine partnerschaftliche Chancen- und Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau. Wir haben deshalb im Regierungsprogramm dokumentiert, dass wir uns dem EU-Konzept zur Gleichstellungspolitik verpflichtet fühlen, nämlich dem Gender Mainstreaming.
Sonderwege für Frauen allein rufen bei denen,die nicht in dieser bevorzugten Gruppe sind, nämlich den Männern, auch berechtigte Vorbehalte hervor. Deshalb sind sie weniger geeignet. Wir bekennen uns deshalb zum Gender Mainstreaming als der Herstellung von Chancengleichheit für Frauen und für Männer
durch die Veränderungen der Entscheidungsprozesse in den Organisationen und die Einbeziehung von Männern und Frauen in diese Prozesse.Dort finden die Belange der
Frauen durch die Beachtung der Gleichberechtigung für Mann und Frau ihre Berücksichtigung. Wenn man Frauenpolitik nur nach den Frauenförderplänen ausrichtet, dann hat man einfach zu kurz gedacht.
Dann hat man auch viel zu spät angesetzt. Zur Stellenbesetzung braucht man auch immer geeignete Bewerber und Bewerberinnen.
Hat man eine Stelle zu besetzen, aber es ist keine geeignete Bewerberin da – ja, dann ist es zu spät. Deshalb steht Frauenförderung für mich ganz klar in einer systematischen Personalentwicklung mit einer klaren Zielsetzung, die aber individuell für jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin formuliert wird – ob Mann oder Frau.
Durch Personalgespräche soll regelmäßig evaluiert werden: Wo befinde ich mich, wo will ich hin, und welche Maßnahmen sind auf dem Weg dorthin zu ergreifen? Das muss immer individuell bestimmt werden.
Bemängelt wird aber immer wieder die abnehmende Präsenz von Frauen in höheren Besoldungsgruppen. Systematische Förderung heißt für mich, Potenziale erkennen, Weiterbildung fördern und für die Vorgesetzten: Mut machen, motivieren und die Chance bieten, auch die Führungskräftelehrgänge zu wählen, die zur Erlangung von Führungspositionen erforderlich sind.
Zur Förderung gehören aber auch immer seitens der Frauen der Mut und der Wille zur Karriere.Wir sollten zugeben, dass es Frauen gibt – das ist auch berechtigt –, die sagen: Ich will gar nicht Karriere machen, Familie ist für mich mindestens gleichberechtigt.
Mentoren haben sich in der Privatwirtschaft als sehr sinnvoll erwiesen. Frauen fördern Frauen – auch hier gibt es bereits Programme, aber es muss sich noch in den Köpfen aller Betroffenen durchsetzen.
In dem vorgelegten Antrag fordern Sie die Landesregierung zum Handeln auf. Sie haben gestern erklärt, Sie hätten unser Regierungsprogramm gelesen – das haben Sie eben auch wieder getan –, und Sie haben die Regierungserklärung des Hessischen Ministerpräsidenten gehört. Oder haben Sie da nicht zugehört?
Die Landesregierung sieht in dem Regierungsprogramm einen klaren Handlungsauftrag, und sie wird weiter handeln. Das hat sie schon mit der FDP in den vergangenen vier Jahren getan. Die Frauenförderpläne – das erkennen Sie auch an dem erwähnten Bericht zur Umsetzung der Gleichberechtigung – sind zu starr. Aus diesem Grund wurde die Experimentierklausel zugefügt. Das ist für mich der richtige Weg.
Keine starren Verfahren wie die doppelte Ausschreibung. Das war für mich eher eine Diskriminierung der Männer, deren Bewerbung im ersten Anlauf nicht angenommen wurde, genauso wie eine Diskriminierung der Frauen nach dem Motto: Frauen können Ausschreibungen nicht lesen und brauchen mehrere Anläufe.
Frauen haben das Recht, nach ihren Kompetenzen beurteilt zu werden und nicht nach ihrem Geschlecht. Frauenförderung beginnt mit der Schaffung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Tagesmütterinitiativen – wie die
Initiative im OFFENSIV-Gesetz zur Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen, vor allem in der Wiedereinstiegsphase nach der Kindererziehungszeit und für Alleinerziehende.
Ich möchte daran erinnern, dass morgen der Girls-Day stattfindet. Genauso wie bei den Mädchen-Computerwochen oder dem IT-Bus in Nordhessen heißt es auch am Girls-Day, Mädchen Mut zu machen auch für mädchenuntypische Berufe. Sie sollen die Chance haben, solche kennen zu lernen, denn am Anfang muss die Information stehen. Dann besteht auch die Chance, neue Wege in der Berufswahl zu betreten.
Chancen haben wir Frauen in der Männerwelt nicht, indem wir uns einen eigenen Spielplatz mit Schutzzaun aufbauen. Wir müssen uns aktiv in allen Entscheidungsfeldern einbringen. Das ist Gender Mainstreaming und zugleich auch die richtige Frauenpolitik.Auch die Schaffung eines Anreizsystems, z. B. bei der Besetzung von Promotions- oder Habilitationsstellen und auch von Professuren mit Frauen – das ist einer dieser Wege, ohne die Entscheidungsfreiheit und den Weg zur stärkeren Autonomie unserer Hochschulen zu verlassen. Das ist Frauenpolitik.
Netzwerke, die es auch bei den Männern schon lange gibt, z. B. Rotary Clubs oder Lions Clubs, bauen Frauen jetzt auch auf.
Die weitere Stärkung dieser Netzwerke ist sinnvoll. Das Bewusstsein der Frauen hierzu ist zu stärken.Noch immer gibt es Vorurteile und Probleme,dass Frauen Frauen nicht fördern. Da muss sich auch in den Köpfen erst etwas ändern.
Deshalb sind Initiativen wie das Hessische Koordinierungsbüro für Mentorinnennetzwerke genau der richtige Weg. Den wird die Landesregierung nicht beginnen, sondern weiter gehen, und deswegen lehnen wir Ihren Entschließungsantrag ab. – Vielen Dank.