Sehr geehrter Präsident, werte Abgeordnete, liebe Eltern und Schüler am Livestream! Digitale Medien und Computer bieten viele Vorteile. Das haben viele schon gesagt. Sie erleichtern die Arbeit, sie erleichtern manchem auch den Einkauf, vielleicht bei Ihnen auch das Verabreden, doch die Vorteile für Erwachsene dürfen nicht eins zu eins auf Kinder und Jugendliche übertragen werden. Man muss berücksichtigen, wo Licht ist, da ist auch Schatten. Sprich, die Nutzung digitaler Medien bietet nicht nur Vorteile, sondern sie hat auch negative Auswirkungen, auch wenn sich viele von Ihnen hier davor einfach verschließen wollen.
Wir erleben gerade, wie Corona als Aufhänger missbraucht wird, die Digitalisierung jetzt massiv im Bildungssystem zu implementieren.
Es darf aber nicht der Maßstab sein, an einem solchen Ausnahmefall unser ganzes Bildungssystem auszurichten. Es wird immer angeführt, dass Deutschland bei der Digitalisierung Schlusslicht sei.
Dadurch sind wir aber nun in der guten Position, prüfen zu können, wie es in anderen Ländern lief, die deutlich früher begonnen haben, ihr Bildungssystem zu digitalisieren. Australien zum Beispiel: Australien hat bereits 2008 rund 2,4 Milliarden Dollar für die Digitalisierung im Schulsystem investiert. Schaut man sich die Ergebnisse der PISA-Studien an, da sind die Schülerleistungen seitdem aber gewaltig abgerutscht. Ähnliches Ergebnis in Neuseeland. Überall, wo massiv digitalisiert wurde, gab es einen gewaltigen Einbruch bei den PISA-Vergleichsdaten und der Einsatz der digitalen Medien wird teilweise in den Schulen wieder zurückgefahren.
(Zwischenruf Abg. Prof. Dr. Voigt, CDU: Kor- relation und Kausalität sind nicht die gleichen Sachen!)
Wir sollten also nicht beklagen, dass wir nicht schon an allen Schulen Tablets haben, sondern wir sollten vielmehr froh darüber sein, denn so können wir aus den Fehlern wenigstens noch lernen.
Bisher konnte auch noch keine Studie einen positiven Effekt von Digitalisierung im Bildungsbereich langfristig und signifikant nachweisen.
(Zwischenruf Abg. Müller, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Nein, wenn wir da nichts gemacht haben, haben wir nichts gemacht!)
Es konnten zwar kurzfristig höhere Motivationen festgestellt werden, sich mit den neuen Geräten zu beschäftigen und damit auch ein bisschen mehr mit den Lerninhalten, langfristig jedoch konnte nur festgestellt werden, dass im besten Fall die Digitalisierung keine negativen Auswirkungen auf die Schülerleistung hat. Diese Ergebnisse sind auch nicht wirklich überraschend.
Es gibt seit Jahren massig Untersuchungen, bei denen verglichen wird, wo zum Beispiel mehr Informationen hängenbleiben – beim Lesen von Büchern oder beim Lesen von Bildschirmen. Alle Untersuchungen kommen zu dem gleichen eindeutigen Ergebnis: Wenn Sie etwas aus Büchern lesen, bleiben mehr Informationen hängen, als wenn Sie den gleichen Text vom Bildschirm lesen, lieber Herr Kemmerich.
Ähnliche Ergebnisse zeigen sich beim handschriftlichen Mitschreiben oder beim Mittippen auf einer Tastatur. Wir lernen nun mal besser, wenn möglichst viele Sinne beansprucht werden – das wird Ihnen auch jeder Neurowissenschaftler am Ende bestätigen. Deswegen ist es besonders für Kinder wichtig, möglichst mit vielen Sinnen zu lernen.
Die Feinmotorik muss erst noch trainiert werden, und vor allem darf die haptische Wahrnehmung nicht eingeschränkt werden, indem zum Beispiel nur auf Bildschirmen rumgedrückt wird.
Das sind aber nicht die einzigen Schwierigkeiten beim Einsatz digitaler Lernbücher oder auch ELearning-Software.
Wir haben überall schöne Animationen, alles ist supertoll verlinkt – am besten alle Links gleich per Hyperlink verknüpft –, ein Klick, und man ist da. Man bekommt alles fressfertig serviert und man lässt somit keinen Spielraum für Konzentration und Vorstellungsvermögen. Deswegen denkt man weniger darüber nach, und alles, worüber man weniger nachdenken muss, prägt sich auch schlechter ein und wird umso weniger gelernt und auch verstanden.
(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Er hat wahrscheinlich sei- ne Rede auch geschnitzt!)
Wir haben ja gerade Computer und Laptops deswegen, damit sie uns Arbeit im Alltag und geistige Arbeit abnehmen, und deswegen sind sie gerade schlecht für Lernprozesse.
Wer mehr am Computer lernt, lernt deswegen nicht mehr oder besser, im besten Fall lernt er gerade mal nicht weniger.
Deswegen ist es auch ein Irrglaube, dass die Herausgabe von Tablets oder Laptops an alle Schüler zu mehr Sozial- oder mehr Bildungsgerechtigkeit führen würde. Genau das Gegenteil ist der Fall: Sie tun den Kindern damit nichts Gutes.
Ein weiteres Problem ist, dass viele Anbieter von digitalen Lernmitteln und Programmen die Programme oft so gestalten, dass die Benutzer angehalten sind, sich möglichst lange damit zu beschäftigen. Man versucht, Motivationen zu schaffen. Um das zu erreichen, wird vor allem das Belohnungssystem im Gehirn angesprochen. Eine solche andauernde Stimulation des Belohnungssystems wirkt sich aber nachteilig auf die Entwicklung der Ausdauer und der Konzentrationsfähigkeit sowie der Geduld aus, bis hin dazu, dass sogar die Fähigkeit zur Selbstkontrolle geschwächt wird, was bei einem Suchtverhalten enden kann.
Gerade heranwachsende Kinder sind dafür besonders anfällig und müssen deswegen auch geschützt werden. Wir haben jetzt schon das immer weiter wachsende Risiko der Onlinesucht. Nach einer Studie der DAK aus dem Frühjahr 2018 sind 2,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen abhängig von sozialen Medien. Bereits 10 Prozent der 10- bis 17Jährigen haben jetzt schon ein riskantes Spielverhalten. Was wir also definitiv nicht brauchen, ist, dass die Kinder durch das Aushändigen von digitalen Endgeräten an Schulen dann noch weiter ermuntert werden, möglichst viel Zeit am Bildschirm zu verbringen.
(Zwischenruf Abg. Montag, FDP: Es gibt ei- nen Unterschied zwischen Facebook und di- gitalen Lerninhalten! Das ist ein Unter- schied!)
Auch die gesundheitlichen Auswirkungen müssen berücksichtigt werden. Wir erleben seit Jahren eine starke Zunahme der Kurzsichtigkeit. In der Regel haben wir in Europa 1 bis 5 Prozent der Bevölkerung, die von Kurzsichtigkeit betroffen sind. Bei den unter 30-Jährigen sind es momentan schon 20 bis 30 Prozent – ein massiver Anstieg, den Forscher vor allem auf die vermehrte Nutzung von Bildschirmmedien zurückführen. Wir haben auch die negativen Auswirkungen auf die kognitiven Entwicklungen, zum Beispiel vermehrte Konzentrationsstörungen oder Aufmerksamkeitsdefizite. All diese negativen Auswirkungen digitaler Medien auf die Entwicklung unserer Kinder kennen wir.
Die erwarteten Vorteile der Digitalisierung sind meist überwiegend theoretischer Natur, die Nachteile dagegen sind sehr real, und Schäden werden auch tatsächlich verursacht. Zum Wohle der Kindesentwicklung darf man davor nicht die Augen verschließen. Wir fordern daher mit der vorliegenden Gesetzesänderung, dass sichergestellt wird, dass digitale Medien nur altersentsprechend in der jeweiligen Klassenstufe auch eingeführt werden.
Viele Eltern blicken auch kritisch auf digitale Medien. Kritische Eltern setzen ihre Kinder gerade im Grundschulbereich zum Beispiel nur sehr bewusst digitalen Medien aus und wollen sie nur langsam daran heranführen. Sie wollen vor allem aber nicht, dass ihre Kinder irgendwelchen Inhalten mit negativen Auswirkungen und den damit möglicherweise verbundenen gesundheitlichen und sozialen Folgeschäden ausgesetzt werden. Auch das muss die Politik am Ende akzeptieren und darf nicht die Interessen der Eltern konterkarieren, indem zum Beispiel digitale Endgeräte schon an Grundschulen an die Kinderchen verteilt werden.
Wir fordern, weil es eben auch ein massiver Eingriff in die Erziehungsrechte der Eltern ist, dass die Eltern im Grundschulbereich ihre Einwilligung geben müssen, bevor Endgeräte verteilt werden oder digitale Medien umfassend im Unterricht eingesetzt werden.
Unsere eingebrachte Änderung des Schulgesetzes soll sicherstellen, dass der aktuelle Forschungsstand hinsichtlich der Auswirkungen digitaler Medien auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ausgewertet und berücksichtigt wird, denn gerade bei so einem sensiblen Thema wie der Bildung