Anders verhält es sich tatsächlich mit den Anträgen der CDU und der FDP, die sehr differenziert dem nachgehen, dass eine Herausforderung im Schriftschreiberwerb vor Ort tatsächlich aufgenommen wird und dem nachgegangen wird. Da würden wir uns freuen, wenn wir diese Anträge der CDU und der FDP im Ausschuss weiter diskutieren können. Wir würden das auch unterstützen mit Überweisung an den Bildungsausschuss. Ich kündige hiermit schon an, dass wir als Rot-Rot-Grün auch gern unsere Überlegungen mit hinzugeben würden, im nächsten Plenum dann einen eigenen Antrag noch mit, sodass wir dann ein umfassendes Diskussionsspektrum im Bildungsausschuss haben, unter anderem, was zum Beispiel die erste Phase der Lehrerbildung, aber auch die Fachberatung betrifft. Auch Schulentwicklung steht da im Mittelpunkt. Da gibt es sicherlich einige Punkte, die man intensiv diskutieren und besser machen kann. Dementsprechend beantrage ich für meine Fraktion die Überweisung der Anträge der FDP und der CDU an den Bildungsausschuss. Dem AfD-Antrag – das habe ich eben ausgeführt – werden wir nicht zustimmen. Vielen Dank.
Als nächster Rednerin erteile ich Abgeordneter Astrid Rothe-Beinlich, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, das Wort.
Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, die Lese- und Schreibkompetenzen unserer Schülerinnen, unserer Kinder bewegen tatsächlich viele Menschen im Land. Wir hatten hier auch
schon vielfach die Debatte im Thüringer Landtag. Schließlich sind Sprechen, Zuhören, Lesen und Schreiben die wichtigsten Grundlagen für Verständigung und Verstehen. Sprache bildet auch Bewusstsein und Sprache ist natürlich auch ein Ausdruck einer bestimmten Haltung, auch das erleben wir hier immer und immer wieder.
Die Frage allerdings, mit welchen Methoden in den Schulen Sprache und auch Rechtschreibung vermittelt werden, ist keine politische Frage, sondern vielmehr eine fachdidaktische und auch eine pädagogische Fragestellung.
Vorweg: Mir geht es da ähnlich wie dem Kollegen Wolf, die Anträge der FDP und der CDU wollen wir auch gern in den Ausschüssen weiterberaten. Uns ist es nämlich ernst damit, dass die Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf die Welt von Morgen vorbereitet sind. Dazu gehört selbstverständlich auch das Beherrschen des Lesens und des Schreibens.
Der AfD-Antrag geht darüber hinaus auch mehr oder weniger ins Leere, denn wenn wir uns genau anschauen, wie die Realität in Thüringen ist, dann werden wir feststellen, dass die sogenannte Lesendurch-Schreiben-Methode gerade einmal in 15 von 407 Grundschulen angewendet wird. Das macht der Verweis auf den Bericht des Ministeriums zur IQB-Länderstudie aus 2016 sehr deutlich. Das TMBJS hat ja hierzu die Daten hinlänglich erhoben. Wir plädieren dafür, das Thema umfassender in den Blick zu nehmen. Ich will dabei auf den Bildungsplan bis 18 verweisen, der auch den Sprachund Schrifterwerb sehr ausführlich beschreibt.
Die Anträge fokussieren im Wesentlichen auf den Bereich Schule; Lese- und Schreibkompetenzen entstehen aber auch schon vor der Schule, nämlich im Kindergarten beispielsweise beim Vorlesen und natürlich auch in nonformalen Bildungszusammenhängen, beispielsweise zu Hause.
Thüringen war in den vergangenen Jahren auch nicht untätig. Wir können verweisen auf viele Fachtagungen zu dieser Fragestellung, auf Fortbildungen und Workshops mit Lehrkräften – der Minister oder auch die Staatssekretärin wird dazu sicher ausführen. Wir haben hier sehr großes Vertrauen in die Kompetenzen unserer Pädagoginnen und Pädagogen, auch in die pädagogische Verantwortung. Herr Wolf hat es eben ausgeführt: Die Methodenfreiheit ist schulgesetzlich garantiert und ein hohes Gut. Tatsächlich macht jede und jeder unterschiedliche Erfahrungen damit. Auch unsere Kinder haben unterschiedliche Grundschulen besucht und auch wir mussten uns mit unterschiedlichen Methoden auseinandersetzen.
Was aber ist zu tun? Es gilt – darauf hat Herr Wolf schon verwiesen –, auch die Lehrerinnen- und Lehrerausbildung an den Hochschulen in den Blick zu nehmen. Der Schriftspracherwerb jedenfalls, meinen wir, muss verpflichtender Bestandteil der Lehrerinnenbildung, und zwar in allen Phasen, sein. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Anzahl an funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten immer noch extrem hoch ist. Das tatsächliche Verstehen von dem, was geschrieben/gelesen wird, funktioniert eben leider manchmal noch weniger als das pure Aufschreiben.
Es braucht außerdem – und das wünsche ich mir wirklich von Herzen – auch einen neuen Schwung für die Leseförderung an unseren Schulen. Wir kennen diese Vorlesetage, die immer sehr gern von den Schulen angenommen werden, wahrgenommen werden. Wir alle wissen, dass viel zu wenig vorgelesen wird. Unser Ziel jedenfalls ist es, dass es Schulen gibt, die den Schülerinnen und Schülern Lust auf das Lesen machen, gut ausgestattete Schulbibliotheken, moderne Raumkonzepte an Schulen und auch vielfältige Kooperationen mit außerschulischen Partnern. Ich will hier auch mal die Zeitungsgruppen benennen, die teilweise solche Abos für Schulen beispielsweise zur Verfügung stellen. Auch das ist etwas, womit Schülerinnen und Schüler für das Lesen begeistert werden können.
Die Schulentwicklung muss auch wieder mehr in den Fokus. Dazu braucht es mehr Ressourcen für die Schulaufsicht, aber auch einen zeitgemäßen Qualitätsrahmen. All das wollen wir gern im Ausschuss zu den Anträgen diskutieren, die dazu auch tatsächlich die inhaltliche Grundlage liefern. Vielen herzlichen Dank.
Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich denke, es besteht hier im Haus große Einigkeit darüber, dass die Voraussetzungen für eine gute Schul- und Bildungslaufbahn, eine ordentliche Schreibschrift und eine ordentliche Grammatik sind. In dem Sinne ist es vernünftig, dass wir auch heute mal wieder zu dem Thema hier debattieren und bestimmte Positionen austauschen, wenngleich die jetzt gerade schon sehr ins Detail gehen.
Meine Fraktion ist fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, dass die Kinder eine ordentliche Schriftsprache lernen. Wir sind davon überzeugt, dass das aber auch nachher, wenn Fehler durch diese Methode entstehen, zu korrigieren ist. In dem Sinne wollen wir es relativ kurz machen: Wir wollen uns in der gemeinsamen Ausschussberatung zu den Anträgen verständigen, wie wir mit der Methode „Lesen durch Schreiben“ in Thüringer Schulen in Zukunft umgehen wollen. Unsere Forderung ist, dass alle Schulen vom Thüringer Bildungsministerium eine Empfehlung bekommen, dass von Anfang an die orthografische Schreibweise richtig korrigiert wird und auch richtig nachvollzogen werden kann. Dann, denken wir, kann auch diese Methode gelingen. In dem Sinne freuen wir uns auf die Überweisung der Anträge und die Diskussion im Ausschuss. Danke.
Vielen herzlichen Dank, Herr Tischner. Als Nächste hat Abgeordnete Baum für die FDP-Fraktion das Wort.
Vielen Dank. Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete, liebe vereinzelte Besucher hier auf der Tribüne, es ist ein Antrag der AfD, der uns jetzt hier zu diesem Tagesordnungspunkt bewegt, der mich auch dazu bewegt hat, mich ein bisschen mit der Methode auseinanderzusetzen. Wenn Sie das auch gemacht hätten – bei mir hat es zu einem Erkenntnisgewinn beigetragen.
Wir müssen uns, glaube ich, nicht darüber streiten, dass Lesen und Schreiben als Grundkompetenz wichtig sind, um eine Bildungskarriere in irgendeiner Form voranzubringen. Nach einer Untersuchung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung haben aktuell 20 Prozent der Erwachsenen immer noch Schwierigkeiten, gerade schwierige Worte zu lesen, zu erkennen, zu schreiben. Das kann man in der Grundschule frühzeitig reduzieren.
Den Verweis nehme ich zur Kenntnis, Herr Schubert. – Man kann jetzt natürlich ganz schrecklich viel darüber philosophieren, ob diese Methode „Lesen durch Schreiben“ den Schrifterwerb irgendwie gefährdet. Grundsätzlich ist die Methode dafür gemacht, die Lesefähigkeit zu fördern, deswegen heißt es nämlich auch „Lesen durch Schreiben“ und nicht „Schreiben durch Schreiben“. Wir vertrauen dabei – ebenso wie die Kollegen von der Linken
und den Grünen – den Pädagoginnen und Pädagogen und sehen das nicht als politischen Auftrag, in die Freiheit der Methodenauswahl in der Schule einzugreifen. Wir wollen an der Stelle vielmehr Ziele setzen und nicht Grenzen ziehen. Für uns muss ganz klar sein: Wer die Grundschule verlässt, muss lesen können, muss schreiben können – und das möglichst mit einem Wortschatz, der ausreicht, um dann auch auf dem weiteren Bildungsweg voranzukommen. Wie er das macht, das sei den Pädagogen überlassen.
Uns würde aber tatsächlich interessieren: Wie wird das vermittelt, wie wird in Thüringen Rechtschreibung vermittelt? Was sagen Experten dazu, was sagen Wissenschaftler dazu? Welches sind die praktischen Erfahrungen und lässt sich davon vielleicht etwas in den Lehrplan übernehmen, was auch sinnvoll ist, für die Zukunft zu erhalten, und – das ist eine Idee, die wir aus einem anderen Bundesland übernommen haben – wie gehen wir mit der Idee eines generellen Grundwortschatzes um, der zum Ende einer Grundschule gekonnt werden muss?
Ich kann an der Stelle auch noch mal den Kollegen der AfD widersprechen: In NRW wurde diese Methode unter anderem auch durch Erkenntnisgewinn nicht verboten, es wurde aber eine Handreichung gegeben – weil durchaus bekannt ist, dass Eltern der ganzen Sache kritisch gegenüberstehen –, wo dann auch noch mal erklärt wurde, dass es sich nicht um eine Rechtschreibmethodik handelt, sondern darum, die Lesekompetenz zu fördern und den Spaß am Lesen ein bisschen schneller voranzutreiben. Darum geht es bei „Lesen durch Schreiben“. Wir vertrauen den Pädagogen. Wir wollen da genauer hinschauen und freuen uns auf die Debatte im Ausschuss. Vielen Dank.
Sehr geehrte Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, werte Gäste! Herr Wolf, ich habe mich explizit in meiner Einbringungsrede auf die Bonner Studie bezogen. Und die Bonner Studie, die an der Universität an 3.000 Kindern getestet wurde und die Ergebnisse evaluiert, das mit Dr. Google zu bezeichnen, das finde ich schon mehr als dreist, selbst für Ihre Verhältnisse.
Darauf können wir gleich eingehen und dass 2015 hier diskutiert wurde. Die Studie ist von 2018. Natürlich geben gerade die Ergebnisse sehr zu bedenken. Deswegen muss man das Thema noch mal aufmachen.
Ich will jetzt nicht weiter auf Sie eingehen. Der nächste Tagesordnungspunkt beschäftigt sich mit dem Wolf in Thüringen. Vielleicht sollten wir auch noch den Punkt „Die Auswirkung des Wolfs auf das Bildungssystem“ aufnehmen. Vielleicht ist das besser geeignet.
Nun kommen wir mal zum Punkt, zur eigentlichen Lehrmethode zurück, um das ganze Thema wieder zurückzurollen. Die Lehrmethode „Lesen durch Schreiben“ wurde von Jürgen Reich in den 70er-/ 80er-Jahren entwickelt. Im Gegensatz zur Fibelmethode übt man mit den Kindern nicht strukturiert zuerst einzelne Buchstaben, dann weiter einfache Wörter bis hin zu ganzen Texten, stattdessen kommt bei Lesen durch Schreiben eine Anlauttabelle zum Einsatz. Mithilfe von Lautierungsübungen sollen die Kinder lernen, das gesprochene Wort in Einzellaute zu zerlegen, den einzelnen Lauten dann Bilder einer Anlauttabelle zuzuordnen und damit den nebenstehenden Buchstaben zu finden. Die Kinder werden angeregt, möglichst viel zu schreiben, wobei zunächst die Rechtschreibung nicht korrigiert wird. Der Ansatz von Jürgen Reich folgt dem Credo: Je weniger ein Kind belehrt wird, umso mehr lernt es.
Und, Frau Baum, ich möchte zu Ihnen nur sagen, die Methode legt eben genau nicht den Fokus auf das Lesen. Der Methodenname „Lesen durch Schreiben“ entstand aus der Annahme, dass das Lesen nicht explizit gelernt werden muss, sondern aus dem Schriftspracherwerb wie selbstverständlich nebenbei mit abfällt. Es gibt für die Lehrmethode viele Befürworter, das stimmt, allerdings wurden die Praxistauglichkeit und vor allem die Auswirkungen auf die Rechtschreibleistung bei den Schülern in den letzten Jahrzehnten kaum mit wissenschaftlich gesicherten Methoden untersucht. Man sollte aber eigentlich meinen, dass es eine Grundvoraussetzung sein sollte für den weiteren Einsatz einer Lehrmethode gerade bei so einem wichtigen Thema wie Lesen und Schreiben.
Die Argumente der Befürworter verfallen vor allem wie bei Ihnen, Herr Wolf, auf theoretischem Bereich, obwohl die Risiken für die Kinder rein praktischer Natur sind. Dass der Einsatz der Methode problematisch sein kann, dafür gab es schon vor der Veröffentlichung der Bonner Studie genug Hinweise. So veröffentlichte Prof. Reinold Funke von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg bereits 2014 die Ergebnisse einer Meta-Studie. Darin legt er dar, dass signifikant Kinder aus sozial schwächeren und bildungsfernen Bevölkerungsgruppen, aber auch mit Migrantenhintergrund oder aber auch mit starkem Dialekt deutliche Nachteile durch „Lesen durch Schreiben“ und verwandte Methoden erleiden würden. Doch die Landesregierung hat diese Ergebnisse der früheren Studie bisher gekonnt ignoriert. Die Landesregierung gab bei Beantwortungen zu Anfragen und auch zu parlamentarischen Initiativen immer wieder an, auf die Stellungnahme der Mercator-Stiftung zu orientieren. Aber selbst diese legt im Faktencheck das Für und Wider der verschiedenen Methoden dar und – ich darf sogar zitieren –: „Schwächere Kinder hingegen können sich im lernkraftzentrierten Fibelunterricht deutlich in ihrer Lesekompetenz steigern.“ Die Ende September 2018 veröffentlichte Bonner Studie bestätigt die Aussage in eindrucksvoller Weise, und dies vor allem in einer bisher nie dagewesenen empirischen Datenbasis. Das Ergebnis der Studie ist nicht nur, dass am Ende der 4. Klasse die nach der Methode „Lesen durch Schreiben“ unterrichteten Kinder im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler machen im Vergleich zu Kindern, die nach der Fibelmethode unterrichtet wurden, sondern die Studie stellt vor allem auch die Bildungsgerechtigkeit gesondert heraus. Besonders signifikant sind die erzielten Differenzen der Rechtschreibleistung innerhalb von verschiedenen Schülergruppen, die mit der jeweiligen Lernmethode erzielt wurden. So waren die Leistungsdifferenzen innerhalb der Fibelgruppe deutlich am kleinsten. So zählten bei der Fibelgruppe am Ende der 4. Klasse 42 Prozent zum leistungsstärksten Bereich und 47 Prozent erreichten mittlere Rechtschreibleistungen und 10 Prozent erreichten schlechte Ergebnisse; bei der Methode „Lesen durch Schreiben“ haben hingegen nur 26 Prozent eine Rechtschreibleistung im leistungsstarken Bereich erreicht, 53 Prozent lagen im mittleren Bereich und ganze 20 Prozent erzielten nur schlechte Ergebnisse. Diese Ergebnisse zeigen eindeutig, dass die Fibelmethode im Schnitt zu deutlich besseren Rechtschreibleistungen kommt.
Ich darf an dieser Stelle auch die Studie explizit noch mal zitieren: „Die Ergebnisse von Längs- und Querschnittstudie sprechen eindeutig für die Überlegenheit des Unterrichts mit einem Fibel-Ansatz. [...] Zudem waren die Leistungsdifferenzen innerhalb der Fibel-Gruppe deutlich kleiner. Die ganz überwiegende Mehrzahl dieser Kinder konnte demnach von dieser Lehrmethode profitieren“.
Den Befürwortern der Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ geht es nicht allein um die Ergebnisse der Schreibleistung, sondern auch um die Motivation und die Gefühle der Kinder, zumindest scheinbar. Die Befürworter bringen immer wieder an, dass ein frühes Korrigieren von Rechtschreibfehlern dazu führen würde, dass die Kinder demotiviert werden, dass sie deswegen weniger schreiben und auch weniger lesen. Und auch diesen Mythos widerlegt die Bonner Studie, denn sie kommt zu dem Ergebnis, dass die intrinsische Lese- und auch Schreibmotivation bei allen untersuchten Lernmethoden gleich hoch war. Die Methode führt nicht zu höherer Motivation und weniger Frustration, sondern sie verschiebt das Problem lediglich und dadurch verschärft sie es auch noch.
Das erste Lernen, welches sich am besten verfestigt und die Grundlage bildet, ist fehlerhaft und es wird einfach zur Gewohnheit. Später werden dann die eigentlichen Fehler mühsam wieder korrigiert. Die beim Schreibenlernen angebliche Frustration wird dann wirklich zu einer. Denn die Kinder sollen Antrainiertes ablegen und dieses Vorgehen ist kognitiv wie emotional anstrengender als das Erlernen und Einüben gleich des Richtigen.
Die Grundannahme der Methode ist zu stark vereinfacht. Lesen ist nicht einfach nur die Umkehr des Schreibens und kommt auch nicht von allein. Und auch die Annahme, dass man Wörter einfach nur Laut um Laut auseinandernehmen muss, diesen Laut dann einzelnen Buchstaben zuordnet und diese zu einem Wort zusammensetzt, ist schlichtweg nicht tragbar. Bei zwei Dritteln aller Buchstaben und Laute gibt es im Deutschen nicht diese Eins-zuEins-Beziehung. Laute und Buchstaben passen im Deutschen häufig nicht hörbar zueinander. Das können Sie sich auch verdeutlichen. Nehmen Sie doch einfach mal den Laut „K“. Ob Kiste, Fuchs, Computer, Quelle, Acker oder auch Chor – durch die strikte Verwendung der Anlauttabelle würde das alles mit „K“ geschrieben werden. Auch Orthographeme wie das „ph“ finden sich in den Anlauttabellen überhaupt nicht. Dann viel Spaß, Herr Wolf, beim Schreiben von Physik und Philosophie. Diese Ausnahmeschreibweisen müssen dann später wieder umständlich umgelernt werden.
Es ist eine Grundsatzfrage, ob man Kinder bestimmten Risiken in der Schule aussetzen will oder nicht, und der Staat trägt aber eine Verantwortung und darf nicht wegen einer netten Idee Kinder einfach unnötigen Risiken aussetzen. Und wenn unausgegorene Methoden eingesetzt werden, ist das den Kindern gegenüber verantwortungslos. Man muss immer bedenken, welcher Schaden dadurch entsteht, durch unausgegorene Methoden. Die Schäden, die dadurch entstehen, können unter Umständen erst sehr spät erkannt werden. Wird der Schaden erkannt, kann er bei den Kindern, die davon betroffen sind, auch nicht mehr korrigiert werden. Deswegen muss vor dem Einsatz einer neuen Lernmethode diese mit größter Vorsicht und Sorgfalt ausgewählt werden und nicht durch irgendwelches willkürliches Rumexperimentieren, und vor allem darf man nicht jedem Trend hinterherlaufen.
Der Einsatz der Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ war ein Experiment am offenen Herzen unseres Bildungssystems, und wie die Studie eindeutig belegt, ist dieses Experiment gescheitert. Die Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ muss deswegen zum Wohl der Thüringer Kinder aus den Thüringer Grundschulen herausgenommen werden.