Denn ich bin der Meinung, dass der Kompromiss, wenn er zustande gekommen wĂ€re, ein guter Kompromiss gewesen wĂ€re. Er ist aber nicht zustande gekommen. Die Schuld können Sie nicht bei uns suchen. Wir haben uns sehr weit aus dem Fenster gehĂ€ngt, wie man volkstĂŒmlich sagt.
Die SPD-Fraktion lehnt auĂerdem eine Erhöhung der MindestzĂŒgigkeit bei Gesamtschulen ab. Dazu gibt es einen Ănderungsantrag. Meine Damen und Herren, seien Sie bitte ehrlich. Die Erhöhung der MindestzĂŒgigkeit hat unserer Auffassung nach doch nur einen Zweck: Sie wollen die weitere GrĂŒndung von Gesamtschulen in der FlĂ€che verhindern. Seien Sie ehrlich, geben Sie es zu.
Eingang in das Schulgesetz muss nach unserer Meinung eine erweiterte Regelung zur Erprobung von abweichenden Organisationsformen der Schulen finden. In Sachsen einigten sich die Koalitionspartner CDU und FDP darauf, Schulen einzurichten, an denen ein lĂ€ngeres gemeinsames Lernen möglich sein soll. Mit den von uns vorgeschlagenen Regelungen können diesbezĂŒgliche Abweichungen beim Aufbau und bei der Gliederung des Schulwesens auch in unserem Land erprobt werden.
Dem EntschlieĂungsantrag der CDU- und der FDP-Fraktion, der letztlich eine Regelung aus dem SPD-Entwurf aufgreift, werden wir zustimmen, auch wenn wir uns diesbezĂŒglich eine gesetzliche Regelung gewĂŒnscht hĂ€tten. Scheinbar haben Sie endlich erkannt, dass aufgrund der rigiden Vorgaben zur Schulentwicklungsplanung auch solche Sekundarschulen von der SchlieĂung bedroht sind, die bisher als bestandsfĂ€hig galten.
Meine Damen und Herren! Wir wissen insbesondere seit Pisa, dass das deutsche Schulsystem zwei gravierende Probleme aufweist: ein Leistungsproblem und ein Gerechtigkeitsproblem. Ăber die Ergebnisse, die sich in der neuen Pisa-Untersuchung gezeigt haben, hat Frau Hein vor mir ausfĂŒhrlich referiert. Darauf gehe ich jetzt nicht noch einmal ein.
Es zeigt sich tatsĂ€chlich, dass Verbesserungen in einem Bereich der Schule entstehen, der zwar sehr wichtig ist, aber der Bereich, in dem die meisten ânicht vorankommenâ, ist der Bereich der Sekundarschule und insbesondere der Hauptschule. Das heiĂt, wir brauchen verstĂ€rkte MaĂnahmen, die groĂe Streuung der Leistungen zu reduzieren und jungen Menschen unabhĂ€ngig von der sozialen Herkunft eine gerechte Entwicklungsmöglichkeit zu geben. Ein Schulsystem, das keinen Nachteilsausgleich schafft, ist unsozial. So etwas sollte es in einem sozialen Staat nicht geben.
Das oft gebrauchte Argument, es liege nicht nur an den Strukturen, stimmt eben nur zum Teil. Fakt ist, die Schulstruktur organisiert eine institutionelle Auslese und damit eine Ausgrenzung. LĂ€ngeres gemeinsames Lernen, verbunden mit einem vernĂŒnftigen Instrumentarium der individuellen Förderung der Leistungsstarken, aber auch der nicht so Leistungsstarken, verbunden mit einer inneren Schulreform und einer anderen Lehr- und Lernkultur mĂŒssen die Alternative hierzu sein.
Frau FeuĂner, Sie haben in einem Beitrag in der âVolksstimmeâ gesagt, Sie seien bereit, sich nach der Verabschiedung des Gesetzentwurfes mit uns auch ĂŒber langfristige Ănderungen der Strukturen zu unterhalten. Den Artikel kann ich Ihnen heraussuchen. Wir denken, dass
das dringend nötig ist; denn genau die Pisa-Sieger haben Ă€hnliche Prozesse hinter sich. Sie haben in der Regel in einem breiten gesellschaftlichen Konsens diese grundlegenden VerĂ€nderungen herbeigefĂŒhrt.
Deshalb war die Arbeit der vergangenen Wochen doch nicht umsonst, auch wenn der Kompromiss nicht zustande gekommen ist, Herr Olbertz, weil wir sehen, dass es Wege gibt, ĂŒber einzelne Punkte die grundlegenden Fragen zu lösen.
Wir werden diese Diskussion öffentlich fĂŒhren und unsere Vorstellungen dazu in absehbarer Zeit im Rahmen der von uns angestoĂenen Zukunftsdebatte in den Raum stellen. Ich hoffe, wir werden dann auch noch einmal zu einem offenen GesprĂ€ch kommen und die Konsense herbeifĂŒhren, die notwendig sind. - Vielen Dank fĂŒr Ihre Aufmerksamkeit.
Vielen Dank, Frau Mittendorf. - Nun hören wir den Beitrag der CDU-Fraktion. Es spricht Frau FeuĂner. Bitte schön.
Herr PrĂ€sident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! SchulgesetzĂ€nderungen sind, solange dieser Landtag im Land Sachsen-Anhalt existiert, nichts Neues bzw. nichts Einmaliges. Heute werden wir das mittlerweile neunte Gesetz zur Ănderung des Schulgesetzes des Landes verabschieden. Die Vielzahl der GesetzesĂ€nderungen ist sicherlich keine Glanzleistung. Diese Novelle bringt aber keine strukturellen Ănderungen mit sich, sondern sie ist durch wesentliche inhaltliche Neuerungen geprĂ€gt, welche schon lange im GesprĂ€ch sind und die auch mehrfach von verschiedenen Stellen gefordert wurden.
Auch wenn wir mehr KontinuitĂ€t fĂŒr unsere Schulen und dies zu Recht einfordern, kann das System Schule nicht stillstehen, was uns auch die jeweiligen Untersuchungsergebnisse bescheinigt haben. Wir wollen schlieĂlich fĂŒr alle unsere SchĂŒler ein qualitativ hochwertiges Schulsystem anbieten, in dem auch unsere SchĂŒler eine entsprechende Förderung erfahren, damit sie die Schule mit einem bestmöglichen Abschluss verlassen können.
Das erfordert Anstrengungen und die Leistungsbereitschaft von allen Seiten. Aus diesem Grund haben wir uns wirklich darum bemĂŒht, Frau Mittendorf, - die SPDFraktion hatte auch einen eigenen Gesetzentwurf eingebracht - wesentliche Punkte, die aus unserer Sicht kompromissfĂ€hig sind, zu ĂŒbernehmen. Leider ist es - Herr Scharf hat es gestern auch schon einmal gesagt - nicht zu einem vollkommenen Kompromiss gekommen.
Ein wesentlicher und eigentlich der einzige Punkt, bei dem wir keine Einigung erzielen konnten, ist die verbindliche Schullaufbahnempfehlung. Sie haben das in Ihrer Darbietung bereits sehr intensiv dargelegt. Wir haben uns ĂŒber diese Problematik schon mehrfach unterhalten und haben darĂŒber schon einige Diskussionen gefĂŒhrt. Dabei hat sich immer wieder herausgestellt, dass wir gegensĂ€tzliche Auffassungen vertreten.
Nun ist es nicht so, dass ich mich mit Ihren Argumenten nicht kritisch auseinander gesetzt hĂ€tte. Ich habe auch einen aktuellen Beitrag zur Schullaufbahnempfehlung und zum Bildungserfolg in der Zeitschrift des Philologenverbandes âProfilâ gefunden, der wiederum genau unsere Auffassung bestĂ€tigt und die Argumente der PDS und der SPD widerlegt.
Leider kann ich diesen Gastkommentar von Herrn Professor Dr. Kurt Heller aus ZeitgrĂŒnden nicht vollstĂ€ndig wiedergeben. Ich wĂŒrde Ihnen diesen aber unbedingt zur LektĂŒre empfehlen. Einiges, was seine wissenschaftlichen Untersuchungen ergeben haben, möchte ich jedoch daraus zitieren. Er spricht von so genannten sechs Mythen.
Mythos 1: Die frĂŒhzeitige Schullaufbahnentscheidung verhindert optimale individuelle Bildungserfolge. - Das widerlegt er.
Mythos 2: Nur die gemeinsame Beschulung auch in der Sekundarstufe I garantiert maximale Chancengerechtigkeit. - Das widerlegt er.
Mythos 3: Sozialer Chancenausgleich und individuelle Bildungserfolge gelingen in Einheitsschulsystemen besser als in einem gegliederten Schulwesen. - Das widerlegt er.
Mythos 4: Schuleingangsprognosen sind am Ende der vierjÀhrigen Grundschule weniger treffsicher als nach der sechsten Jahrgangsstufe bzw. Orientierungs- oder Förderstufe. - Das widerlegt er auch.
Mythos 5: Lern- und Leistungskontrollen beeintrĂ€chtigen vor allem in der Grundschule die Lernfreude und die Lernmotivation der SchĂŒler. - Auch dieses widerlegt er.
Mythos 6: Der schulische Umgang mit dem Differenzierungsproblem gelingt an integrierten Gesamtschulen besser als in dem in Deutschland traditionellen dreigliedrigen Schulsystem. - Alle diese Mythen, wie er sie bezeichnet, widerlegt Herr Professor Dr. Heller in diesem wissenschaftlichen Beitrag.
Das Fazit seines Beitrages ist: Eine Verschiebung der Schullaufbahnentscheidung in die Sekundarstufe wĂŒrde fĂŒr die meisten SchĂŒler keine Vorteile, wohl aber erhebliche Nachteile mit sich bringen. Diese betreffen nicht nur Leistungsaspekte, sondern tangieren die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen und damit letztendlich auch deren Zukunftschancen.
Dass eine gleiche schulische Behandlung ungleicher individueller Lern- und Leistungsvoraussetzungen nachweislich zur VergröĂerung und nicht zur Verringerung von unerwĂŒnschten und auch Ă€rgerlichen Begabungs- und Leistungsunterschieden in der Schule fĂŒhrt, ist inzwischen eine psychologische Binsenweisheit, die jedoch noch lĂ€ngst nicht bei allen Bildungspolitikern - und dies zum Schaden unserer Kinder und Jugendlichen - verinnerlicht worden ist.
Diesem Beitrag braucht man nichts mehr hinzuzufĂŒgen. Wir haben mit dieser Regelung zur verbindlichen Schullaufbahnempfehlung eine langjĂ€hrige Forderung von einer Vielzahl von VerbĂ€nden und Betroffenen umgesetzt.
Werte Damen und Herren! Zu weiteren Aspekten des Schulgesetzentwurfes. Dieses Schulgesetz ist von Inhalten geprĂ€gt - ich sagte es bereits -, um der allgemeinen QualitĂ€tsdebatte Rechnung zu tragen, und nicht davon, die unsĂ€gliche Strukturdebatte wieder zu eröffnen. Auch hier kann ich ein Zitat anfĂŒhren. Frau Behler, ehemalige Kultusministerin der SPD in Nordrhein-Westfalen, hat vor einer Woche genau zu dieser Strukturdebatte folgende AusfĂŒhrungen in der âFAZâ gemacht - mit Ihrer Erlaubnis, Herr PrĂ€sident, zitiere ich -:
- ich wĂŒrde an Ihrer Stelle zuhören; es geht schlieĂlich um eine ehemalige Kultusministerin Ihrer Partei -
âund der Vergleich der BundeslĂ€nder untereinander eines deutlich gezeigt haben, dann dass der ostdeutsche Streit um die Schulstruktur obsolet ist. Diese bildungspolitisch begrĂŒndete Debatte, die in Deutschland seit Jahrzehnten verhindert hat, die eigentlichen Problemzonen zu lokalisieren und effektiv zu verbessern, sollte zu den Akten gelegt werden.â
Wir haben versucht, gerade diese Problemzonen zu lokalisieren, um eine entsprechende Antwort darauf zu geben. Uns ist wohl bewusst, dass wir damit bei den nĂ€chsten Pisa-Untersuchungen nicht gleich auf einen vorderen Platz schnellen werden; denn all diese Intentionen benötigen fĂŒr ihre Umsetzung auch Zeit. Die Ergebnisse werden also nicht sofort messbar sein.
Die EinfĂŒhrung von Förderschulen bzw. Förderzentren setzt nĂ€mlich auch einen Prozess des Umdenkens im Land voraus. Es geht darum, auch zu versuchen, mehr SchĂŒler als bisher mit entsprechender sonderpĂ€dagogischer Begleitung an allgemein bildenden Schulen zu integrieren.
Die gemeinsam von der KMK verabschiedeten Bildungsstandards werden auch in Sachsen-Anhalt als MaĂstab in den einzelnen Schulformen und SchulfĂ€chern definiert. Eine verbesserte Vergleichbarkeit der Klassen, der Schulen und der LĂ€nder untereinander wird dadurch möglich. Anerkennungsprobleme untereinander werden minimiert und nicht verstĂ€rkt, Frau Hein, wie Sie das darstellen wollten.