Vielen Dank, Sarah Buddeberg. Sie sprach für die Fraktion DIE LINKE. Jetzt spricht für die Fraktion BÜNDNISGRÜNE Lucie Hammecke.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte ein erstes Missverständnis aufklären. Der Titel des Antrags lässt vermuten, dass die AfD Kinder schützen und eine alters- und kindgerechte Sexualerziehung im Bildungsplan verankern will. Doch weder das eine noch das andere ist der Fall. Das eigentliche Ziel des Antrags lautet, das traditionelle Familienbild als einzig zulässiges zu propagieren und die Vielfalt von Lebensentwürfen zu negieren. Die Angst vor gesellschaftlicher Vielfalt sitzt bei der AfD offenbar tief. Aber das wussten wir ja schon.
Tief sitzt offenbar auch das Misstrauen gegenüber den Erziehern und Erzieherinnen, als ob Kleinkinder in sächsischen Kitas tagtäglich sexualpädagogisch indoktriniert werden. Das wird der Realität in den Einrichtungen und der professionellen Arbeit der Fachkräfte in keiner Weise gerecht.
Richtig hingegen ist, dass die Haltung der Pädagoginnen und Pädagogen gerade beim Thema Sexualerziehung enorm wichtig ist. Deshalb ist es umso bedeutender, sie in dieser professionellen Haltung zu stärken und nicht, wie die AfD es tut, Zweifel zu schüren an ihrer Integrität und letztlich an der Eignung von Erzieherinnen und Erziehern.
Ein zweites Missverständnis im Antrag ist Folgendes: Die AfD vertritt offenbar die Formel, weniger Sexualpädagogik gleich mehr Kinderschutz. Diese Formel ist nicht nur falsch, sie ist sogar gefährlich. Sexualerziehung ist ein wichtiger Bestandteil der Sozialerziehung und der Persönlichkeitsbildung. Ziel ist es, dass Kinder sich in ihrem Körper wohlfühlen, eine sichere geschlechtliche Identität entwickeln sowie auf ihre eigenen Grenzen und die Grenzen anderer Menschen achten. Kurzum: Eine ganzheitliche Sozialpädagogik macht Kinder stark. Mit Verboten, Beschämung und Tabus verletzen Sie die Grenzen der Kinder. Sie schützen sie nicht.
Denn eigentlich ist es doch genau anders herum. Wir haben eben die Beispiele gehört. Das Wort „schwul“ ist immer
In internationalen Studien – darauf ist meine Vorrednerin Frau Sarah Buddeberg bereits eingegangen – ist eben gut belegt, dass queere Jugendliche im Vergleich zu heterosexuellen Teenagern ein stark erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten aufweisen. Diese erhöhte Anzahl der Suizidversuche hat nichts mit der sexuellen Orientierung an sich zu tun, sondern die kommt indirekt über solche Faktoren wie Homofeindlichkeit – wie hier präsentiert –, Schikanen in der Schule oder eben auch fehlende Akzeptanz in der Familie.
Ein drittes Missverständnis, das ich ausräumen möchte, betrifft den sächsischen Bildungsplan. Die AfD suggeriert, dass man dort, ähnlich wie bei einem Lehrplan, bestimmte Lerninhalte verankern könnte. Auch das ist falsch. Der Bildungsplan ist eine Orientierungshilfe, ein Leitfaden für die Praxis. Ihm liegt ein ganzheitliches und demokratisches Bildungsverständnis zugrunde, in dem – ich zitiere – „das Kind als Akteur seine eigenen Entwicklungen im sozialen Miteinander verstanden wird“ und eben nicht als unmündiges Wesen, dem man etwas beibringen muss.
Im Grundlagenkapitel geht es um einen geschlechterbewussten, einen geschlechtsreflektierenden Umgang mit Kindern. Es geht darum, dass sich alle Kinder jenseits von Rollenklischees entwickeln können. Es geht darum – hierzu zitiere ich noch einmal –, „eine Vielfalt von geschlechtlichen Ausdrucksmöglichkeiten anzubieten und sie in ihrem Eigensinn zu fördern, statt sie auf das zu reduzieren, was gerade als typisch männlich und typisch weiblich geht.“ Es geht eben um individuelle Bedürfnisse und nicht um normierte Rollen.
Auch in puncto Familienbild stellt der gestellte Bildungsplan klar: Die Variabilität der Erscheinungsformen von Familie benötigt ein von der traditionellen Kernfamilie losgelöstes Verständnis. Kurzum: Was lernen wir daraus? – Tja, der sächsische Bildungsplan ist heute auch ohne Fortschreibung schon sehr viel weiter, als die AfD es je sein wird.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Falls jemand von Ihnen im Saal den Antrag der AfD nicht vollständig gelesen hat, möchte ich zu Beginn eine Passage daraus zitieren, die deutlich zeigt, welchen Geist er atmet.
Ich zitiere: „Die meisten Familien leben ein traditionelles Familienmodell, eine verbindliche … Partnerschaft von Mann und Frau … Es bringt als einziges Familienmodell
die künftigen Leistungsträger und Fachkräfte hervor, ohne welche Deutschland keine wirtschaftliche Überlebensperspektive hat.“
Nun gehen Sie mal alle in sich und fragen sich, ob Sie vielleicht aus Ihrer Schulzeit, aus der Schulzeit Ihrer Kinder oder von Freunden Menschen kennen, die vielleicht nicht in diesem traditionellen Familienmodell aufgewachsen sind, zum Beispiel Kinder Alleinerziehender, Kinder verwitweter Menschen oder wie es heute anzutreffen ist, auch Kinder, die zwei Mütter und zwei Väter haben, im Verbund des Ganzen leben.
All diese Kinder sind nach der Lesart der AfD niemals Leistungsträger unserer Gesellschaft. Sie können qua Geburt keine Fachkräfte sein und werden niemals unserem Land als wirtschaftlich wertvolles Wesen dienen.
Ist Ihnen so etwas eigentlich selbst nicht peinlich? Ihr Antragstext spiegelt ein Menschenbild, das in wertvolles und weniger wertvolles Leben unterteilt. Wertvoll ist, wer einmal Fachkraft wird und Fachkraft werden kann nur, wer von Mutter und Vater großgezogen wurde.
Meine Herren, ich bin jetzt dran! Ich sage es Ihnen ein einziges Mal: Was Sie seit zwei Tagen hier machen, ist: Behauptungen aufstellen und Sachen rausplauzen. Und wenn wir diese Behauptungen aufnehmen und kritisieren, dann sagen Sie uns: Das sei infam, weil wir mit dem arbeiten, was Sie uns gesagt haben.
Ich gebe Ihnen mal einen guten Tipp: Wenn Sie nicht wollen, dass Sie für Ihre Äußerungen, die wirklich infam sind, kritisiert werden, tätigen Sie sie einfach nicht. Dann schreiben Sie so etwas doch einfach nicht in Ihren Antrag.
Ich erinnere noch einmal daran: Das einzige Familienmodell – das ist nicht meine Interpretation, das sind Ihre Worte –,
(Zuruf von der AfD: Das ist eine Falschinterpretation! – Rico Gebhardt, DIE LINKE: Ach, die Interpretation ist das Problem!)
Im Zweiten Weltkrieg kamen über 2,5 Millionen Väter als Soldaten ums Leben. Ein Viertel aller Kriegskinder ist nach dem Krieg dauerhaft ohne Vater aufgewachsen. Es ist doch erstaunlich, wie die Bundesrepublik Deutschland es dennoch geschafft hat, ein Wirtschaftswunder zu erleben, wo sie doch nach Ihrer Logik auf so wenig Leistungsträger zurückgreifen konnten.
(Beifall bei der SPD, der CDU, den LINKEN und den BÜNDNISGRÜNEN – Jörg Dornau, AfD: Was ist denn das für ein Vergleich?! – Zuruf des Abg. Lars Kuppi, AfD)
Aber vielleicht, Herr Kuppi, um Ihren Puls noch ein bisschen zu erhöhen, lag das Wirtschaftswunder ja auch an den vielen ausländischen Fachkräften.
Sie behaupten in Ihrem Antrag, es gebe eine Benachteiligung des – wie Sie es nennen – Mehrheitsfamilienmodells. Als gebe es Prämien für alle, die es anders machen würden oder – das ist mir auch sehr wichtig – anders machen müssen. Diese gibt es nämlich auch.
Das Gegenteil ist der Fall. 43 % aller Ein-Eltern-Familien gelten als einkommensarm. Das ist Benachteiligung!