Protocol of the Session on June 24, 2021

Was es jetzt braucht, sind sowohl kurzfristige, kreative Ansätze, um Vereinssport für Kinder und Jugendliche wieder attraktiv zu machen. Aber wir müssen auch langfristig denken und den Vereinen unter die Arme greifen, um Strukturen wiederaufzubauen. Eine Kooperation von Schulen und Kitas mit Sportvereinen bei Sport- und Bewegungsförderungsangeboten wäre eine Win-win-Situation für alle. Schule und Kita werden bei ihren Angeboten zur Bewegungsförderung unterstützt, Vereine könnten dadurch neue Mitglieder gewinnen und Kinder und Jugendliche erhalten eine breite Auswahl an Möglichkeiten, um ihre sportlichen Interessen auszuprobieren. Die im Antrag angesprochene Initiierung einer Woche des Sports durch den Landessportbund und den Sächsischen Sportlehrerverband ist eine sehr gute Möglichkeit, um diese Kooperation anzuschieben. Ich bitte um Zustimmung zum Antrag.

Danke schön.

(Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der SPD und des Staatsministers Wolfram Günther)

Kollegin Kummer sprach für die Fraktion BÜNDNISGRÜNE. Gibt es seitens der SPD-Fraktion noch Redebedarf? – Nein. Seitens der AfD-Fraktion ist bereits Redebedarf angekündigt worden. Kollege Hentschel, bitte schön.

(Heiterkeit der Abg. Luise Neuhaus-Wartenberg, DIE LINKE)

So lustig! Sehr schön.

(Staatsminister Christian Piwarz: Ein Running Gag. Hat aber nichts mit Ihnen zu tun!)

Herr Piwarz, dass Sie mich da nicht enttäuschen, das ist auch gewiss. Sehr gut.

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Am verminderten Bewegungsdrang der jungen Generation hat nicht allein die Schule Schuld. Wenn Eltern ihre Kinder auf kurzen Schulwegen mit dem Auto bis zur Schultür fahren – manche Eltern würden es auch bis zum Stuhl im Klassenzimmer schaffen – und wenn die Lieb

lingsbeschäftigung in der Freizeit Chillen heißt, sind Übergewicht, Kreislaufprobleme und motorische Defizite vorprogrammiert. Wäre aber die Schule im Ort, sodass Kinder nicht täglich zweimal bis zu 45 Minuten im Bus sitzen müssten – die Wartezeit ist noch gar nicht mit eingerechnet –, könnten sie diese Zeit im Sportverein verbringen. Für viele Kinder ist das also circa 2 Stunden verlorene Zeit. Das ist das Ergebnis der sächsischen Schulpolitik der letzten Jahre.

(Martin Modschiedler, CDU: Jahrzehnte!)

Sportliche Ganztagsangebote sind wichtig, um Neugier, Interesse und vielleicht sogar Begeisterung für den einen oder anderen Sport zu wecken. Verpflichtende Schnupperstunden für die angebotenen Sportarten in diesem Rahmen wären eine erste Kontaktmöglichkeit besonders für die Sportvereine vor Ort, welche teils mit schwindenden Mitgliederzahlen zu kämpfen haben. Dies kann bereits auch in den Kindertageseinrichtungen stattfinden.

(Sören Voigt, CDU: Das findet schon statt!)

Sehr gut, dann intensivieren wir das doch.

Wie sehen verpflichtende Schnupperstunden denn aus? Die Sportvereine stellen sich an einem Nachmittag mit Angeboten zum Ausprobieren vor. Der Basketballkorb ist mit dem Ball zu treffen, das Ruderergometer wird ausprobiert, jedes Kind setzt sich einmal aufs Pferd. Die Vereine haben da sicher sehr gute Ideen. Und so merken die Kinder schnell, ob sie sich dafür begeistern können.

Mir ist klar, dass Sie jetzt wieder mit der Eigenverantwortung beim Lernen und Bildung als Selbstbildung besonders im Hinblick auf den sächsischen Bildungsplan um die Ecke kommen. Aber hier gehen unsere Ansichten doch weit auseinander. Wer immer nur das tut, wozu er gerade Lust und Laune verspürt, wer jeder Konfrontation mit dem inneren Schweinehund aus dem Weg geht, wird sich selten für etwas Neues begeistern. Für sportliche Ganztagsangebote sind nur wenige Sportarten nicht geeignet bzw. bedürfen besonderer Genehmigungen. Natürlich muss man schauen, welche Möglichkeiten regional vorhanden sind, aber für die meisten Kinder sollte doch etwas zu finden sein. Nicht wahr, Herr Gebhardt?

(Rico Gebhardt, DIE LINKE: Ja!)

Den Löwenanteil am Bewegungsvolumen vieler Kinder aber leisten meist die Sportlehrer an einer Schule. Oft unbemerkt von der Allgemeinheit organisieren sie mit teils hohem organisatorischen Aufwand neben dem regulären Sportunterricht viele andere Aktivitäten, begleiten die Schüler oft an Nachmittagen und mitunter auch an Wochenenden zu Wettbewerben: Jugend trainiert für Olympia, Bundesjugendspiele verschiedener Sportarten, Schulsportfeste, Deutsches Sportabzeichen, Turniere mit Schülermannschaften. Für engagierte Sportlehrer sind dies sicher keine Fremdwörter. Trägt eine Schule den Titel „Sportfreundliche Schule“, so ist das ein Gütesiegel für die Arbeit der Sportlehrer an dieser Einrichtung.

Schaut man sich allerdings die Ausfallquote im Sportunterricht an, so herrscht offensichtlich auch hier ein Lehrermangel. Von September bis November 2020 fielen beispielsweise 6,4 % Sportstunden an den allgemeinbildenden Schulen aus und 1 394 Lehrer unterrichten Sport fachfremd. 2019/2020 gab es 138 Studienplätze für das Lehramt Sport bei insgesamt 403 zugelassenen Bewerbern. Die Aufstockung dieser Studienplätze wäre also ebenfalls ein wichtiger Schritt in Richtung Kampf gegen den Bewegungsmangel.

Letztlich hoffen wir, dass eine Neuauflage des Programms „Bewegte und sichere Schule“ nicht der Steigbügelhalter für einen Personalaufwuchs in Form von sogenannten Bewegungsassistenten bzw. Animateuren in den Schulen ist. Bekämpfen Sie endlich die Ursachen der Schulmisere. Doktern Sie nicht an den Symptomen herum.

(Beifall bei der AfD)

Meine Damen und Herren! Ihr Antrag enthält viele Punkte, welche wir Ihnen bereits vorgeschlagen haben, geht uns aber andererseits nicht weit genug. Wir werden uns deshalb der Stimme enthalten.

Vielen Dank.

(Beifall bei der AfD – Sören Voigt, CDU: Keine Meinung!)

Kollege Hentschel sprach für die AfD-Fraktion. Gibt es weiteren Redebedarf seitens der Fraktionen? – Das sehe ich nicht. Dann übergebe ich jetzt das Wort an die Staatsregierung. Herr Staatsminister Piwarz, bitte schön.

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Bewegung macht Kindern und Jugendlichen nicht nur Spaß, sondern sie ist auch unverzichtbar für ihre körperliche, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung. Neben motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden Lernbereitschaft und Lernfähigkeit sowie körperliches und geistiges Wohlbefinden gefördert. Bewegung erhöht die Aufmerksamkeit und verbessert Lernleistungen. Sie sorgt für Stressausgleich und kann aggressivem Verhalten vorbeugen. Bewegung im Unterricht, in den Pausen, in Projekten oder im Alltag hat damit einen positiven Einfluss auf die Konzentrationsfähigkeit, auf die Lernfreude und auf das Sozialverhalten der Kinder und Jugendlichen. Für die Kleinsten stellt Bewegung einen ganzheitlichen Bestandteil der kindlichen Lebenswelt als Basis für Körper- und Sinneserfahrungen dar. Das Thema Bewegung ist daher in Sachsen ein wichtiger Bestandteil des Erziehungs- und Bildungsprozesses in Kita und Schule.

Um Kindern und Jugendlichen in der Schule mehr Bewegung zu ermöglichen, wurde bereits 2006 von der Unfallkasse Sachsen gemeinsam mit der Forschungsgruppe „Bewegte Schule“ der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig sowie dem Sächsischen Staatsministerium für Kultus das Zertifikat „Bewegte und sichere

Schule“ initiiert und 2008 durch ein entsprechendes Zertifikat für Kindertageseinrichtungen ergänzt. Ziel des Projektes war es, sächsische Schulen und Kitas dabei zu unterstützen, Bewegung und Sicherheit nachhaltig in ihre pädagogischen Konzepte zu integrieren und über diesen Weg die ganzheitliche Entwicklung von Kindern zu fördern.

Im Ergebnis sollte so ein Lernumfeld geschaffen werden, das Kinder und Jugendliche in Bewegung bringt. Die Schulen und Kitas erhielten individuelle Beratung und Begleitung, Fortbildungsangebote zur Vertiefung und Erweiterung der Kenntnisse und Handlungsfähigkeiten,

didaktisch-methodische Materialien sowie Spiel- und Sportgeräte. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung hatte frühzeitig schon 2017 den Start einer neuen Präventionskampagne angekündigt. Dies war dann leider für die Unfallkasse Sachsen der Anlass, bereits 2015 die Finanzierung der Projekte „Bewegte und sichere Schule“ sowie „Bewegte und sichere Kita“ zu beenden. Das Sächsische Staatsministerium für Kultus hat in der Folgezeit Räumlichkeiten sowie finanzielle Mittel für die Auszeichnungsveranstaltung bereitgestellt und im Rahmen der

Möglichkeiten die vorhandenen Strukturen und Netzwerke gepflegt.

Es ist uns gelungen, den Grundtenor dieses wertvollen Projektes zu erhalten und fortzusetzen. Mein Haus ist mit der Forschungsgruppe „Bewegte Schule“ der Universität Leipzig auch aktuell wieder im Gespräch. Unser Ziel ist es, Projekte zur Bewegungsförderung neu aufzulegen und weiterzuentwickeln. Die Möglichkeiten hierzu sind vielgestaltig wie zum Beispiel ein weiteres Projekt in diesem Bereich, das Lernportal „Junge Sachsen in Bewegung“.

Im Übrigen ist es unter anderem auf Initiative des Freistaates Sachsen gelungen, in der Kommission Sport der Kultusministerkonferenz das Thema Bewegungsförderung in Schulen, bewegungsfördernder Unterricht in das Arbeitsprogramm aufzunehmen. Der Bedeutung der Bewegung im Zusammenspiel mit dem Lernen und der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen wird dadurch auch in diesem Rahmen mehr Geltung verschafft. Letztlich erhoffen wir uns, auf diesem Weg bundesweite Unterstützung zu generieren.

Meine Damen und Herren! Leider müssen wir feststellen, dass pandemiebedingt nicht nur Lernrückstände, sondern auch Defizite im motorischen Bereich bei Kindern und Jugendlichen entstanden sind. Das bedeutet für uns, die Kinder und Jugendlichen dort abzuholen, wo wir tagtäglich im Kontakt mit ihnen stehen und wo für viele nunmehr wieder ein wichtiger Ankerpunkt in ihrem Leben ist, in der Schule. Es ist grundsätzlich die Aufgabe der Schulen, die Bedeutung von Bewegung und Sport ins Bewusstsein zu rücken. Der entstandenen Bewegungsarmut im Kindes- und Jugendalter müssen wir wirksam begegnen und den Fokus auf Bewegung, Spiel und Sport lenken.

Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, Schule kann auch in diesem Bereich nicht alles ausgleichen. Hier ist weiterhin der familiäre Bereich gefragt.

Gemeinsam mit den Lehrkräften, den Eltern, Partnern aus dem sozialen Bereich, Vereinen und Verbänden gilt es, ein breites Angebot für sportliche Betätigung zu schaffen. Die Möglichkeiten sind vielgestaltig. Die meisten Schulen in Sachsen haben bereits auf dem Fundament des Sportunterrichts erweiternde Angebote aufgebaut. Beispielsweise bieten 95 % aller Schulen mit GTA sport- und bewegungsorientierte Angebote an. Das tun sie nicht allein. Dazu braucht man Partner, vor allem die Sportvereine vor Ort. Ich bin froh, dass wir auch dort mit dem Landessportbund einen guten und engagierten Partner haben.

Ich möchte aber darauf hinweisen, dass das Sächsische Schulgesetz als vornehmliches Ziel die Eigenverantwortung der Schulen bei der Gestaltung der Ganztagsangebote formuliert. Diese können über die Art ihrer Ganztagsangebote im Rahmen der zugewiesenen Mittel eigenverantwortlich entscheiden.

Den Kindern und Jugendlichen ist in der Pandemie leider häufig die Bewegungsroutine abhandengekommen. Es wird daher zumindest teilweise dazu kommen, dass bewegungsbezogene Entwicklungsaufgaben, zum Beispiel das Erlernen des Schwimmens, aber auch andere sportartspezifische Kompetenzen, im Vergleich zu früheren Jahrgängen verzögert erreicht werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir sind uns darin einig, dass auch im schulischen Kontext der Alltag von Kindern und Jugendlichen wieder bewegungsaktiver gestaltet werden muss. Bewegung muss dabei niederschwellig ermöglicht und gefördert werden, um gerade jene zu erreichen, die in ihrem privaten Umfeld wenig Motivation erfahren. In den Maßnahmenpaketen zum Aufholen der Lernrückstände für die Schülerinnen und Schüler wird daher auch der Sport und insbesondere das Erlernen des Schwimmens eine wesentliche Rolle spielen.

Ergänzend zu meinen Ausführungen im letzten Plenum möchte ich Ihnen zum aktuellen Stand des Schwimmunterrichtes kurz berichten. Beginnend mit der 21. Kalenderwoche konnte in den meisten Regionen der Schwimmunterricht wieder aufgenommen werden. Bis zum Schuljahresende stehen damit bis zu neun Wochen für die Durchführung des Schwimmunterrichtes zur Verfügung. Es ist geplant, den Unterricht für die jetzigen 2. Klassen voraussichtlich bis zu den Herbstferien, also auch im kommenden Schuljahr, fortzusetzen. Die Schülerinnen und Schüler der 2. Klassen des kommenden Schuljahrgangs werden dann im Anschluss mit dem Schwimmunterricht beginnen.

Wie ist es aber mit den Schülerinnen und Schülern, die den regulären Schwimmunterricht im letzten Jahr als Nichtschwimmer abgeschlossen haben? Sie erhalten ein Angebot zur Teilnahme an einem Schwimmkurs. Diese Kurse sollen in den Sommerferien 2021 beginnen, jedoch ebenso darüber hinaus in weiteren Ferienzeiten oder am Wochenende angeboten werden. Die Finanzierung soll nach Möglichkeit unter Nutzung des Aktionsprogrammes des Bundes erfolgen. Wenn ich von einem Angebot spreche,

dann ist auch klar, dass es sich um eine freiwillige Maßnahme handelt, nicht um Unterricht. Aber das wird sich sicherlich in einigen Regionen von Mittelsachsen noch herumsprechen.

Die Schülerinnen und Schüler, die im aktuellen Schuljahr nach Abschluss des schulischen Schwimmunterrichtes keine hinreichende Schwimmfähigkeit erreichen, werden ebenfalls entsprechende Angebote erhalten.

Auch über den Schwimmunterricht hinaus Sport, Spiel und Bewegung zu fördern und zu unterstützen, gilt in der aktuellen Situation mehr denn je.

Wir, die Erwachsenen, haben in den letzten Monaten den Kindern und Jugendlichen sehr viel an Solidarität für uns alle abverlangt. Es ist an uns, dies mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln nunmehr den Kindern und Jugendlichen zurückzugeben, um damit Nachteile und Defizite für ihre Zukunft so gering wie möglich zu halten. Sie können sich darauf verlassen, meine Damen und Herren, dass mein Haus daran mit Hochdruck arbeitet.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU, den BÜNDNISGRÜNEN, der SPD und der Staatsregierung)

Staatsminister Piwarz sprach für die Staatsregierung. Somit wären wir beim Schlusswort. Für das Schlusswort übergebe ich an Herrn Kollegen Rost von der CDU-Fraktion. Er spricht für die Fraktionen CDU, BÜNDNISGRÜNE und SPD.

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die Aussprache hat deutlich gemacht, dass es eine große Zustimmung zu der Thematik Sport- und Bewegungsförderung an Schulen und Kindertagesstätten hier im Hohen Hause gibt. Darüber sind wir sehr erfreut. Sie hat auch gezeigt, dass wir sehr gute Ausgangspositionen aufgrund einer sehr intensiven und engagierten Arbeit im Rahmen des Kultusministeriums haben.

Gefragt habe ich mich, Frau Penz, bei Ihrer Rechnung zu den eingesparten Sportstunden, Sie sprachen von 2 000 – –

(Romy Penz, AfD: Entschuldigung, da habe ich mich versprochen – 200!)