Zum einen möchte ich darauf hinweisen, dass aufgrund der Corona-Pandemie auch die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten unterbrochen wurde, weil erstens viele Menschen aus Asylherkunftsländern ihre Arbeit verloren haben und weil zweitens auch Sprach- und Bildungserwerb unterbrochen oder verlangsamt worden ist. Das betrifft Frauen stärker als Männer, weil Frauen noch stärker auf diesen Sprach- und Bildungserwerb angewiesen sind.
Es gibt Forschungen, die voraussagen, dass die Geschlechterschere zukünftig noch weiter auseinandergehen wird und dass die Integration in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft für Frauen mit Migrationshintergrund ein noch größeres Problem sein wird. Das müssen wir sehr ernst nehmen und darauf muss reagiert werden. Das ist ein Beispiel, das ich aufzeigen wollte.
Dann möchte noch ein ganz anderes Beispiel aufzeigen, nämlich Frauen in der Wissenschaft. Hierzu gibt es eine Studie, die belegt, dass auch Professorinnen, das heißt, auch Frauen in der Wissenschaft, mehr Sorgearbeit übernehmen. Wir haben es schon gehört: Homeoffice und Lehre an der Uni ist sehr schwer miteinander zu vereinbaren. Es ist auch so, dass Frauen deswegen weniger Zeit haben, weil sie sich offenbar sehr viel mehr Zeit nehmen als ihre männlichen Kollegen, um die Onlinelehre zu organisieren. Das hat mich sehr überrascht, aber diese Studie hat das jedenfalls aufgezeigt.
Unterm Strich heißt das, dass die Zeit für die Forschung fehlt und die Konsequenz ist, dass Frauen in der Wissenschaft weniger publizieren. Wer sich ein bisschen in der Wissenschaft auskennt, weiß, dass die Konsequenz daraus ist, dass das berufliche Fortkommen, die Aufstiegs- und Karrierechancen dadurch total verschlechtert werden. Das ist der eine Effekt. Der andere Effekt ist natürlich, dass
durch die fehlenden Publikationen der Frauen faktisch auch die Perspektiven von Frauen in der Wissenschaft zugunsten der Publikationen von Männern in der Wissenschaft zurücktreten. Durch diesen Effekt entsteht dann etwas, was man vorher gar nicht im Blick hatte, nämlich, dass in der Wissenschaft die Perspektiven von weiblichen Personen plötzlich noch mehr unterrepräsentiert sind, als es ohnehin der Fall ist, weil wir auch dort schon ein Ungleichgewicht haben.
Ich habe diese beiden Beispiele gewählt, um noch einmal darauf hinzuweisen, dass es sehr wichtig ist, differenziert in die einzelnen Bereiche zu schauen. Wenn man das tut, so wie ich es hier exemplarisch gemacht habe, dann sieht man die Unterschiede in allen Bereichen.
Das heißt aber auch, dass es mehr braucht, als nur zu sagen: Das ist natürlich alles schwierig und darauf müssen wir reagieren. – Ich will das hier aber niemandem unterstellen. Ich will nur noch einmal appellieren, dass es am besten wäre, eine eigene Studie für die sächsische Gesellschaft zu erstellen und in dieser zu fragen: Wie betreffen die Auswirkungen der Corona-Pandemie in einzelnen Bereichen die Menschen geschlechterdifferenziert? Wo betrifft es Frauen stärker als Männer? Dann ist es wichtig, ein Handlungsprogramm aufzulegen, um mit Maßnahmen darauf zu reagieren, damit unerwünschte Effekte verlangsamt oder eingedämmt werden. Das wäre mein Appell an die Staatsregierung in meinem zweiten Redebeitrag.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der nicht nur die strukturellen Nachteile wie beim Lohn, sondern auch die mentalen und kulturellen Hürden überwunden werden, die Frauen benachteiligen. Diese Diskussion wird hier nur von Frauen geführt, aber es sind wir Männer, die es endlich aktiv ändern müssen. Es sind immer noch die männlichen Netzwerke, die verhindern, dass Frauen in Führungspositionen kommen oder generell den gleichen Respekt und die gleiche Wertschätzung in den Hochschulen, in der Wirtschaft, in der Verwaltung oder in der Politik erhalten.
Mein großer Dank und mein Respekt gilt den vielen mutigen Frauen, die für Selbstverständlichkeiten kämpfen; aber es liegt an uns Männern, es zu ändern.
Meine Damen und Herren! Wird noch eine weitere Runde gewünscht? Er oder sie möge sich bitte erheben! – Ich sehe, dass Frau Jost von der AfD-Fraktion noch den Wunsch hat zu sprechen.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Frau Hammecke, ich möchte gern auf Ihren Einspruch antworten. Das habe ich mitnichten so gemeint. Ich hätte es vielleicht anders formulieren sollen. Ich kann Ihnen sagen, dass es mir leidtut. Ich wollte Sie auf gar keinen Fall und schon gar nicht Ihre Familie beleidigen, weil ich davon ausgehe, dass Sie in einem Elternhaus aufgewachsen sind,
(Valentin Lippmann, BÜNDNISGRÜNE: Schweigen Sie doch einfach! – Zuruf der Abg. Sarah Buddeberg, DIE LINKE)
in dem sich beide Eltern mit Geschwistern – ich kenne Ihre Lebensumstände nicht – die Arbeit und die Sorgearbeit – so heißt es ja heute – gleichberechtigt aufgeteilt haben. Sie hatten die Chance, Sie sind eine junge Frau, haben eine super Karriere hingelegt.
Ich möchte aber etwas – auch wenn Sie, Herr Gebhardt, meine Gestikulierung hier nachäffen – zum Selbstverständnis sagen.
(Luise Neuhaus-Wartenberg, DIE LINKE: Nein, wir haben uns nur unterhalten! – Zuruf des Abg. Rico Gebhardt, DIE LINKE)
Ich möchte etwas zum Selbstverständnis sagen. Es wundert mich – deshalb bleibe ich auch bei Ihnen. Wir haben auch Schülergespräche, wir haben Studentenbefragungen. Gerade Frauen der AfD werden oft zu Studien eingeladen, bis hin nach Frankreich und nach England. Wir haben hier Leute empfangen, die gerade bei uns über Frauen in der Politik berichten, weil wir jetzt nicht in diesem Mainstream drin sind.
Schülergespräche habe ich letzte Woche mit Herrn Peschel mit einem Bautzener Gymnasium online gemacht. Es ist immer lustig – es waren zwei junge Frauen, und die sagen dann: Frau Jost, aber Sie wollen doch gar nichts mit Frauenpolitik zu tun haben, Sie sehen das doch alles ganz anders, und Frauen an den Herd, und die Frauen werden doch so diskriminiert.
Das ist das, was ich nicht verstehen kann. Ich weiß nicht, wie dieses Bild in einer Gesellschaft entstehen kann. Meine Lebenswirklichkeit ist das nicht. Wir haben hier einen bestimmten statistischen Befund.
Ja, Frau Kliese, haben wir doch! Gewalt an Frauen leugnet doch niemand. Aber dass wir unsere deutsche Gesellschaft hinstellen – – Ich habe es leider vergessen, denn ich hatte das eigentlich für Sie, Herr Gebhardt, mitgebracht: Es gibt vom Gleichstellungsbeauftragten ein kleines Heftchen über dieses ganze Thema. Ich lege es Ihnen in Ihr Postfach.
Sie möchten nicht lesen, wie die Männer darin dargestellt werden. Das entspricht nicht der Realität.
Es entspricht einfach nicht der Realität: als furchtbar, als Chef, der dann mit irgendeiner Grimasse, die Frau ist so klein; so wie Sie das Video beschrieben haben – es entspricht nicht der Realität. Wenn wir in Betriebe gehen – –
(Heiterkeit bei der AfD – Rico Gebhardt, DIE LINKE: In welcher Welt leben Sie denn? – Zurufe von der AfD)
Und da sind Sie diskriminiert worden? Bei uns gibt es Frauen als Chefs. Stellen Sie doch unsere Männer nicht so dar. Über alle anderen Dinge – – Alles, was Sie sagen, ist doch zum Teil – –
(Rico Gebhardt, DIE LINKE: Wenn sie denn nicht so wären; man stellt sie doch nur dar, weil es so etwas gibt!)
(Rico Gebhardt, DIE LINKE: Bei der CDU gibt es auch nur Einzelfälle! – Weitere Zurufe von den LINKEN und der AfD)
Jetzt muss ich wirklich noch einmal was sagen; deswegen habe ich Frau Kliese die Frage gestellt. Das ist doch nicht strukturell.
Aber das ist doch mein Punkt. Ich möchte gern erklären, dass ich es nicht verstehe, wie es vor allem – – Jetzt bringe ich noch schnell ein Beispiel.
Wen würden Sie oder ein Mann einstellen: eine Frau, jung, hochschwanger, drei Kinder, oder einen jungen Mann, der frei von allen Bindungen ist? Wen stellt der Chef ein?